Zwiegespräch in Zeiten von Corona

Europe Talks Zwiegespräch in Zeiten von Corona

Tausende politisch Interessierte aus ganz Europa nahmen an den „Europe Talks“ teil. Ein Projekt, das zwei Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern und mit unterschiedlichen politischen Ansichten in Kontakt bringt. Gabi Kremeskötter aus Deutschland und Viktor Bonev aus Bulgarien bildeten eines der Tandempaare.

Zu sehen sind Poträtbilder von Viktor Bonev und Gabi Kremeskötter.

Sprachen über Solidarität in der Corona-Pandemie: Viktor Bonev aus Bulgarien und Gabi Kremeskötter aus Deutschland.

Foto: Bonev (l.) / Carlotta Ostmann (r.)

Gabi Kremeskötter und Viktor Bonev könnten unterschiedlicher nicht sein: Die Deutsche, 54, zweifache Mutter, arbeitet als technische Angestellte im Bereich für Edelstahltanks zur Weinbereitung. Sie lebt in Traben-Trarbach, einer Kleinstadt in der Nähe von Trier. Nebenberuflich ist Kremeskötter Autorin, Lektorin und Dozentin für Kreatives Schreiben. Viktor Bonev, 27, kommt aus Sofia. Er arbeitet als Software-Entwickler, ist viel in der Natur und knüpft gerne Kontakte zu anderen Menschen. 

Verabredung zum virtuellen Streitgespräch

Die beiden sind zwei von Tausenden Europäern, die sich am 13. Dezember zu den „Europe Talks“, einem virtuellen Streitgespräch, verabredet hatten. Aufgerufen zu den „Europe Talks“ hatte ZEIT ONLINE gemeinsam mit Medienpartnern aus 15 europäischen Ländern. Unterstützt wird das Projekt unter anderem vom Auswärtigen Amt. 

Im Zentrum stand das Thema, das alle Menschen in Europa am meisten umtreibt: Die Corona-Pandemie. Den Interessierten wurden vorab die sieben gleichen Fragen gestellt, auf die sie mit „Ja“ oder „Nein“ antworten sollten. Zum Beispiel: Sollte in Europa eine Maskenpflicht an allen öffentlichen Orten gelten? Sollten Schulen während der Pandemie immer offenbleiben? Sollte der Schutz der Menschen vor dem Coronavirus immer an erster Stelle stehen, selbst wenn die Wirtschaft darunter leidet? Aber auch zur Migration und zum Klimaschutz gab es jeweils eine Frage.

Algorithmus führt Paare zusammen

Ein Algorithmus brachte anschließend zwei Menschen zusammen, die besonders gegensätzlich geantwortet hatten. So wie Gabi Kremeskötter und Viktor Bonev. „Ich war neugierig und gespannt auf das Gespräch“, sagt die 54-Jährige. „Dass mir jemand aus Bulgarien zugeordnet wurde, fand ich besonders interessant, denn mit meinem Arbeitgeber habe ich täglich auch geschäftliche Kontakte nach Bulgarien.“ Viktor Bonev hingegen hatte keine besonderen Erwartungen. „Zu der Zeit als ich mich angemeldet habe, waren meine sozialen Kontakte wegen der Isolationsregelungen geschrumpft. Ich war froh um jedes sinnvolle Gespräch, das ich führen konnte“.

Solidarisch handeln in der Krise

Die Kontaktbeschränkungen in der Pandemie waren dann auch das dominierende Gesprächsthema der beiden. Besonders diskutierten sie die Frage: Sind strenge Kontaktbeschränkungen wirklich notwendig? Gabi Kremeskötter belasten die Einschränkungen weniger als ihren Gesprächspartner. Sie lebe auch ohne Corona eher abgeschieden, da sie generell im Homeoffice arbeite, erzählt sie. Für ihren jungen Gesprächspartner seien die Einschränkungen weniger einfach gewesen, so ihr Eindruck.

Obwohl die Deutsche eher zu einem harten Lockdown tendierte, hätten sich beide Standpunkte während des Gesprächs angenähert, erzählt Viktor Bonev. „Am Ende waren wir beide der Meinung, dass die Politik von Anfang an ganz anders hätte handeln sollen“, sagt er. Die Älteren und Kranken hätten nicht allein gelassen werden dürfen und mehr Unterstützung vom Staat gebraucht. Seiner Meinung nach habe sich die Hilfe zu sehr auf die Wirtschaft konzentriert und nicht auf die Menschen. „Die erste Unterstützung, unabhängig vom Land, sollte nicht an Unternehmen, insbesondere an Großkonzerne, gerichtet sein.“

Gabi Kremeskötter sagt, sie seien sich beide schnell einig gewesen, dass man sich auf jeden Fall solidarisch verhalten sollte, um gefährdete Personen zu schützen. „Auch wenn das persönlich eine deutliche Einschränkung darstellt.“

Positives Fazit

Gabi Kremeskötter und Viktor Bonev diskutierten 30 Minuten miteinander über Skype. Beide ziehen ein positives Fazit – es war ein gutes Streitgespräch. „Ich finde es wichtig, sich auszutauschen. Gerade, wenn unterschiedliche Sichtweisen aufeinandertreffen, ist es sehr interessant, die Herkunft und den Lebensweg des jeweils anderen zu betrachten“, sagt Gabi Kremeskötter. Das fördere Verständnis und Toleranz für den anderen.

Und was wünschen sie sich für Europa? Viktor Bonev hätte sich ein geeinteres Europa in der Krise gewünscht. Früher hätten die Mitgliedstaaten viel geschlossener in Krisen gehandelt. Die Länder wurden mit ihren Problemen in der Pandemie allein gelassen. Für die Zukunft wünscht er sich deshalb ein geeinteres, transparenteres und finanziell verantwortungsvolleres Europa. „Ein Europa, das sich um seine zukünftigen Kinder und Familien kümmert.“ Gabi Kremeskötter findet die kulturelle Vielfalt unserer Gesellschaften in Europa „großartig.“ Um gegenseitigen Respekt und das Verständnis für die Unterschiede könne nie genug geworben werden.

Die Europe Talks“ fanden nach 2019 zum zweiten Mal statt. Mehr als 12.000 Teilnehmer aus 34 europäischen Ländern trafen sich am 13. Dezember 2020 zu einem Gespräch zu zweit. Coronabedingt diskutierten sie online über Themen, die für alle Europäer von Bedeutung sind. Das Format wurde von ZEIT ONLINE initiiert und wird unter anderem vom Auswärtigen Amt gefördert. In diesem Jahr finden die „Europe Talks“ am 5. Dezember statt. Mehr Informationen finden Sie hier

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