"Ich wünsche mir von Deutschland mehr Liebe zu Europa."

Italienische Perspektive auf 30 Jahre Deutsche Einheit "Ich wünsche mir von Deutschland mehr Liebe zu Europa."

Tonia Mastrobuoni ist in Italien aufgewachsen. Ihre Sommerferien verbrachte sie regelmäßig in Deutschland. Auf einer Klassenfahrt nach dem Fall der Mauer verliebte sie sich in Berlin. Die deutsch-italienische Journalistin gibt im Interview einen ganz persönlichen Blick auf die Deutsche Einheit. Und sie findet: "Die größte Stärke der Deutschen ist der Zusammenhalt."

Porträt einer Frau.

Die Italienerin mit deutschen Wurzeln,Tonia Mastrobuoni, ist seit 2014 Deutschlandkorrespondentin in Berlin.

Foto: Screenshot/Bundesregierung

Was ist das Erste, was Ihnen einfällt, wenn Sie an Deutschland denken – verbinden Sie eine persönliche Anekdote mit unserem Land?

Tonia Mastrobuoni: Das Erste, was mir da einfällt, sind meine Großeltern. Ich hatte nämlich eine deutsche Mutter und bin im Sommer und im Winter immer nach Deutschland gefahren, also nach Nordhorn an der holländischen Grenze. Damit verbinde ich sehr schöne Erinnerungen an meine Kindheit. Ich habe dort Fahrradfahren gelernt und ich habe Englisch gelernt. Es gab dort holländisches Fernsehen, das die Filme im Originalton mit Untertiteln übertragen hat.

Aber es gibt auch ein paar negative Erinnerungen. In dieser Zeit habe ich zum Beispiel auch gelernt, dass die Italiener und die Türken in der 70er-Jahren noch als Spaghetti und Kanacken beschimpft wurden. Und ich hatte einen Nachbarn, der dachte, die Italiener stinken. Einfach weil wir Italiener sind.

Aber 1990 bin ich mit der Schule zurück nach Berlin gekommen, da war die Mauer gerade gefallen. Ich stand irgendwann an der Friedrichstraße und es war ein einziger grauer Streifen. Das war irgendwie eine dominante Farbe in der DDR. In Prenzlauer Berg habe ich dann unter dieser braun-grauen, sehr oft bröckelnden Fassade eine sehr schöne Architektur entdeckt: wunderschöne Häuser aus der Gründerzeit. Da habe ich mich auch unsterblich in Berlin verliebt.

Heute ist es ja ganz anders. Berlin ist eine sehr bunte Stadt. Ich lebe hier schon seit vielen Jahren und Berlin ist das bunteste, was man in Europa erleben kann.

Wie erleben Sie das geeinte Deutschland nach 30 Jahren Wiedervereinigung?

Mastrobuoni: Bemerkenswert ist doch, wie schnell Ostdeutschland integriert wurde. Ich komme aus Italien und da haben wir es in 150 Jahren nicht geschafft, Süditalien wirklich zu integrieren.

Das Zweite, was mir einfällt, sind die Ängste, die man damals hatte. Es gab Ängste vor dem neuen großen Deutschland. Ich kann mich an Giulio Andreotti, unser Premierminister zu der Zeit, erinnern. Er sagte: "Wir lieben Deutschland so sehr, dass wir lieber zwei davon haben." Und Magret Thatcher ging noch weiter, sie sagte: "Wir haben Deutschland zweimal besiegt, wir möchten es nicht auch noch ein drittes Mal besiegen." Nach 30 Jahren wissen wir, diese Ängste waren völlig unbegründet.

Welche Wirkung hatte die Wiedervereinigung in Deutschland Ihrer Meinung nach auf Europa?

Mastrobuoni: Deutschland ist nach 30 Jahren eine der solidesten Demokratien der Welt. Es steht für viele Werte, auf die wir die westlichen Demokratien aufgebaut haben. Es steht für Freiheit, Demokratie, Liberalismus, Toleranz - auch für Solidarität in der letzten Zeit.

Zum Zweiten glaube ich, dass es wichtig ist, dass Deutschland mit der Wiedervereinigung einige Prozesse in Europa beschleunigt hat. Wir wissen, es gab damals ein Abkommen zwischen dem französischen Präsidenten Francois Mitterrand und Kohl. Mitterrand hat der Wiedervereinigung zugestimmt und hat gesagt, "gut damit beschleunigen wir auch das geeinte Europa und eine gemeinsame Währung". Und heute ist der Euro eine der erfolgreichsten Währungen der Welt. Eine sehr starke und solide Währung.

Und zum Dritten glaube ich - was ein wenig unterschätz wird -, ist die Aufarbeitung der DDR-Diktatur wichtig. Sie geschah im Herzen Europas. Im wiedervereinigten Deutschland. Diese Aufarbeitung der DDR-Diktatur in Deutschland war sehr wichtig, um zu verstehen, wie brutal diese Unrechtsstaaten jenseits des Eisernen Vorhangs waren. Dieser Prozess in Deutschland war sehr wichtig für die Aufklärung der Unrechtsstaaten.

Was ist Ihrer Meinung die größte Schwäche und die größte Stärke der Deutschen?

Mastrobuoni: Die größte Stärke der Deutschen ist der Zusammenhalt. Ich komme aus einem Land der Individualisten, Italien. Ich meine damit, dass in einigen Momenten die Politik, die Gewerkschaften, die Kirche zusammenhalten, um zum Beispiel eine sehr schwierige soziale Situation zu überwinden. Ein Beispiel ist der historische Strukturwandel in der Ruhr. Das finde ich bewundernswert an den Deutschen. Dieser Zusammenhalt kann auch sehr tückisch werden, wie man im Fall Volkswagen sieht.

Der Deutsche hat einen großen Sinn für das Öffentliche. Den hat der Italiener viel weniger. Das liebe ich an den Deutschen. Das ist eben eine Stärke, aber auch eine Schwäche der Deutschen. Die Liebe für das Öffentliche geht manchmal über zur sozialen Kontrolle. Erst seit ich in Deutschland lebe, habe ich Probleme mit den Nachbarn. Der nörgelnde Nachbar ist einfach eine Plage, das ist wirklich ein deutsches Phänomen. Und das finde ich etwas traurig.

Was bedeutet Deutschland konkret für Ihr Heimatland – kennen Sie die Wünsche an Deutschland für die Zukunft?

Mastrobuoni: Deutschland ist das einflussreichste und wichtigste Land in Europa. Es kann viel bewirken, um die notwendige Integration weiterzubringen. Dies hat man auch bei der Juli-Einigung zu dem EU-Wiederaufbaufonds und den Haushalt gesehen. Vor allem Angela Merkel und Emmanuel Macron gilt hier der Dank.

Deutschland kann auch sehr viel bewirken in Sachen Migration. In fünf Jahren seit "Wir schaffen das" ist nicht viel passiert. Wir haben keine Dublin-Reform, wir haben noch immer keinen Umverteilungsmechanismus für die Flüchtlinge. Das ist nicht nur ein soziales Problem in Italien, das ist ein politisches Problem. Denn diese Jahre haben den Rechtspopulismus und euroskeptische Parteien sehr stark gemacht. Das ist auch sehr gefährlich für die Europäisches Union. Deutschland kann da eine sehr große Rolle spielen in den nächsten Jahren, um dieses Migrationsproblem zu lösen und die Populisten endlich kleiner, schwächer zu machen.

Was wünschen Sie den Deutschen abschließend für die nächsten 30 Jahre Einheit?

Mastrobuoni: Ich wünsche mir von Deutschland mehr Liebe zu Europa und mehr Vertrauen für Europa. Was ich nicht mag – auch nicht als Journalistin – ist, dass immer mit diesem Geberkomplex argumentiert wird. Ich will daran erinnern: Deutschland ist nicht der einzige Nettozahler in Europa. Auch Italien ist Nettozahler. Bis zur Coronakrise.

Bei uns gab es nie eine Debatte über die Griechenlandrettung. Bei uns gab es nie eine Debatte, dass auch unser Geld an Ungarn oder Polen fließt, das sind Nettoempfänger. Und die waren nie solidarisch zu uns in Sachen Migration. Diese Diskussion finde ich sehr schlimm für Europa.

Was ich mir wünsche, ist einfach, dass dieses Lehrerhafte ein bisschen verschwindet in den nächsten Jahren. Ich meine, Johann Wolfgang von Goethe ist nur ein Bespiel für einen Schriftsteller von großen Kulturen, der nach Italien ging, um dort Stärken und Schwächen eines Landes kennenzulernen. Natürlich rege ich mich sehr oft über die italienische Politik auf. Sie ist grottenschlecht, aber ich muss sagen, dieses Lehrerhafte hilft so überhaupt nicht in Europa. Es hilft einfach nicht weiter. Man sollte Europa mehr vertrauen. Das sage ich auch meinen Italienern.

Tonia Mastrobuoni ist seit 2014 Deutschlandkorrespondentin in Berlin - zunächst arbeitete sie für "La Stampa", seit Februar 2016 für "La Repubblica". Zuvor war sie 15 Jahre Wirtschaftsjournalistin unter anderem für "Il Riformista" und freie Journalistin, unter anderem für den "Westdeutschen Rundfunk", "RAI" und "Reuters". Die Italienerin mit deutschen Wurzeln studierte Literaturwissenschaften in Rom.