„Verantwortung verjährt nicht“

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Holocaust-Gedenken im Bundestag „Verantwortung verjährt nicht“

Der Deutsche Bundestag hat der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Die Gedenkstunde widmete sich in diesem Jahr der generationenübergreifenden Aufarbeitung des Holocaust. „Verantwortung verjährt nicht“, mahnte Bundestagspräsidentin Bärbel Bas.

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Eva Szepesi spricht im Bundestag.

„Die Schoah begann nicht mit Auschwitz. Sie begann mit Worten und sie begann mit dem Schweigen und dem Wegschauen“, mahnte die Holocaust-Überlebende Eva Szepesi.

Foto: Bundesregierung/Denzel

Es ist ein eindringliches Plädoyer gegen das Vergessen: Anlässlich des Holocaust-Gedenktages hat die Shoah-Überlebende Eva Szepesi im Deutschen Bundestag ihre bewegte Lebensgeschichte geschildert. Mit zwölf Jahren wurde sie aus dem Konzentrationslager Auschwitz gerettet. Rund ein halbes Jahrhundert konnte die heute 91-Jährige nicht über das Erlebte berichten. Heute sei es zu ihrer Lebensaufgabe geworden, „für die zu sprechen, die nicht mehr sprechen können“, sagte Szepesi während der Gedenkstunde.

Jedes Jahr erinnert der Bundestag am oder um den 27. Januar an die Millionen Menschen, die dem Nationalsozialismus zum Opfer fielen. 79 Jahre nach der Befreiung des KZ Auschwitz durch die Rote Armee stand die diesjährige Gedenkstunde im Zeichen der generationenübergreifenden Aufarbeitung des Holocaust. So hielt der Sportjournalist Marcel Reif, Sohn eines Holocaust-Überlebenden, als Repräsentant der sogenannten zweiten Generation eine weitere Gedenkrede.

Als Vertreterinnen und Vertreter der Verfassungsorgane nahmen Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundesratspräsidentin Manuela Schwesig, Bundestagspräsidentin Bärbel Bas, Bundeskanzler Scholz und die Vizepräsidentin des Bundesverfassungsgerichts, Doris König, an der Gedenkstunde teil.

„Den Mut haben, nicht zu schweigen“

„Wenn Überlebende sprechen, dann bekommen auch die Toten eine Stimme“, hob Bundestagspräsidentin Bärbel Bas zu Beginn der Gedenkstunde hervor. Es erfordere Mut, nicht zu schweigen. Die heutige Gedenkstunde erinnere an sehr unterschiedliche Menschen, die Opfer des nationalsozialistischen Terrors wurden: Sechs Millionen Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, diejenigen die aus politischer Überzeugung verfolgt wurde, queere Menschen und solche, die als asozial diffamiert wurden, auch die Opfer der Euthanasie.

Es sei eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft, das Geschehene von Generation zu Generation weiterzugeben, sagte Bas. Verantwortung für den Holocaust zu übernehmen, verjähre nicht, mahnte sie. Antisemitismus sei auch ein Problem der Gegenwart. Seit dem Hamas-Angriff auf Israel sind hierzulande mehr als 2.000 antisemitische Straftaten begangen worden. „Dieser Ausbruch von Antisemitismus ist eine Schande für unser Land“, sagte Bas. „Menschlichkeit muss immer unser Maßstab sein – gegenüber jedem einzelnen Menschen, das sind die Lehren aus dem Holocaust“, bekräftigte sie. 

Die Shoah begann mit Schweigen und mit Wegschauen

Auch die Zeitzeugin Eva Szepesi zeigte sich besorgt über die derzeitigen Entwicklungen. Es erfülle sie mit Schmerz, wenn Kinder heute Angst hätten, in die Schule zu gehen und wenn ihre Urenkel Polizeischutz bräuchten, nur weil sie Juden seien. Szepesi äußerte in ihrer Gedenkrede ihr Unverständnis, warum nicht alle Menschen das Grundgesetz verteidigen würden und „die wunderbare Demokratie, in der wir leben“. Daher sei es umso wichtiger, nicht zu schweigen. „Die Schoah begann nicht mit Auschwitz. Sie begann mit Worten und sie begann mit dem Schweigen und dem Wegschauen“, mahnte Szepesi.

Die heutige Generation habe zwar nicht Schuld für das Geschehene – aber sie trage die Verantwortung für das Kommende, hob Szepesi zum Schluss ihrer Rede hervor.

Die Gastrednerin Eva Szepesi, wurde 1932 in eine jüdische Familie in Budapest geboren und Ende 1944 von den Nationalsozialisten in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Bei der Befreiung des Lagers war sie zwölf Jahre alt. Szepesi gehört damit zu den wenigen Kindern, die den Gaskammern und Todesmärschen der Nazis entkamen. Bei der Gedenkfeier zum 50. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz brach sie erstmals ihr Schweigen und schrieb ihre Erfahrungen später in einem Buch nieder. Für ihr Engagement als Zeitzeugin erhielt sie 2017 den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland.

„Das dunkelste Kapitel der Geschichte darf sich nicht wiederholen“

Bundeskanzler Olaf Scholz zeigte sich tief beeindruckt von den Worten Szepesis. Frauen, Männer und Kinder wie Eva Szepesi hätten erleben müssen, wozu Menschen fähig sind und was sie einander antun können, so der Kanzler. Das dunkelste Kapitel der Geschichte dürfe sich nicht widerholen. „Wir haben es in der Hand, unsere Demokratie und die Freiheit aller in unserem Land zu verteidigen“, schrieb der Kanzler bei Instagram.

„Sei ein Mensch“

Als Vertreter der zweiten Shoah-Generation sprach der 1949 in Polen geborene Sportjournalist Marcel Reif. Er erzälte, wie schwer es seinem Vater fiel, über die Zeit des Holocaust zu sprechen und wie es auch für ihn war, in das „Land der Täter“ zurückzukehren. Dass man heute über diese Zeit spreche, sei wichtig. Für Marcel Reif sei es ein hoffnungsvolles Ereignis gewesen, dass in den vergangenen Wochen hunderttausende Menschen unter anderem gegen Rechtsextremismus auf die Straße gingen. Als Mahnung und Rat in diesen Zeiten gab er zum Abschluss seiner Rede die Worte seines Vater mit auf den Weg: „Sei ein Mensch.“ 

Marcel Reifs Vater hat den Holocaust nur knapp überlebt, nachdem er in letzter Sekunde aus einem Deportationszug gerettet wurde. Viele andere Familienmitglieder wurden von den Nazis ermordet. 1956 emigrierte die Familie Reif von Polen nach Israel, später zog sie nach Kaiserslautern. Reifs Karriere als Sportjournalist und -moderator begann in den 1980er-Jahren. Die genauen Hintergründe der Geschichte seines Vaters erfuhr Reif erst nach dessen Tod.   

Das musikalische Programm der Gedenkstunde gestalteten Studentinnen und Studenten der Universität der Künste Berlin. Es umfasste Werke der Komponisten Ferenc Weisz, der 1944 in Auschwitz ermordet wurde, Günther Raphael (1903-1969), der in Deutschland die Entdeckung fürchten musste, und Rosy Wertheim (1888-1949), die die Verfolgung durch die Nationalsozialisten versteckt in den Niederlanden überlebte.