„Leichte Sprache ermöglicht Selbstbestimmung und Teilhabe“

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Tag der Leichten Sprache am 28. Mai „Leichte Sprache ermöglicht Selbstbestimmung und Teilhabe“

Schwierige Texte so zu übersetzen, dass auch Menschen mit Lernschwierigkeiten oder einer Behinderung sie verstehen, das ist der Job von Anne Leichtfuß. Im Interview erzählt sie, warum Leichte Sprache so wichtig ist, wie der Übersetzungsprozess abläuft – und wie sie zu Deutschlands erster Simultandolmetscherin für Leichte Sprache wurde.

7 Min. Lesedauer

Anne Leichtfuß mit Mikrophon in der Hand

Der Bedarf ist groß: Anne Leichtfuß übersetzt Texte in Leichte Sprache.

Foto: Kolja Matzke

Frau Leichtfuß, was war zuletzt ein sehr komplizierter Text, den Sie in Leichte Sprache übersetzt haben?

Anne Leichtfuß: Eine aufregende Erfahrung war es, Anfang des Jahres „Antigone“ des antiken griechischen Dichters Sophokles in Leichte Sprache zu übersetzen – für eine Inszenierung an den Münchner Kammerspielen. Die meisten Texte in Leichter Sprache sind reine Gebrauchstexte: Wie fülle ich einen Wahlzettel aus? Wie kann ich ein Buch in der Bücherei ausleihen? Einen mehr als zweitausend Jahre alten Text zu übersetzen und dann zu erleben, wie er auf einer Theaterbühne lebendig und dreidimensional wird – das war toll! 

Was ist denn genau Leichte Sprache? 

Leichtfuß: Leichte Sprache richtet sich vor allem an Menschen mit Lernschwierigkeiten. Sie waren die Ersten, die einen Bedarf für eine vereinfachte Form der deutschen Sprache formuliert haben. Leichte Sprache hat ein festes Regelwerk und entspricht etwa dem Sprachniveau A2. [Anmerkung: Menschen mit diesem Sprachniveau verstehen Sätze und häufig gebrauchte Wörter und können sich in einfachen, alltäglichen Situationen verständigen.] Übersetzte Texte werden immer von mindestens zwei Personen aus der Zielgruppe auf Verständlichkeit überprüft.

Und was ist das Wichtigste, das Sie beim Übersetzen beachten müssen?

Leichtfuß: Wichtig ist: Ich mache kurze Sätze. In der Regel enthält jeder Satz nur eine Information. Ich erkläre Fremdwörter und Fachbegriffe und ergänze, wenn nötig, Illustrationen oder Fotos.

Hier können Sie dieses Interview auch in Leichter Sprache lesen. 

Und was ist der Unterschied zu Einfacher Sprache? 

Leichtfuß: Einfache Sprache richtet sich vor allem an Menschen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist oder die Schwierigkeiten mit dem Lesen haben. Das Sprachniveau entspricht etwa B2. [Anmerkung: Menschen mit diesem Sprachniveau können die wichtigsten Inhalte von komplexen Texten zu konkreten und abstrakten Themen verstehen. Und sie können sich spontan und fließend mündlich verständigen.] Ein festes Regelwerk oder eine Prüfung durch die Zielgruppe gibt es bei Einfacher Sprache nicht.

Warum sind Informationen, Bildungs- oder Unterhaltungsangebote in Leichter Sprache so wichtig?

Leichtfuß: Weil der Bedarf so groß ist. Studien gehen davon aus, dass etwa zehn Millionen Menschen in Deutschland Leichte oder Einfache Sprache brauchen. Mit den geflüchteten Menschen, die in den vergangenen Jahren nach Deutschland gekommen sind, sind es noch mal deutlich mehr geworden, wahrscheinlich etwa 14 Millionen. 

Diese Menschen haben aktuell keinen Zugang zu tagesaktuellen Nachrichten und erst recht nicht zu Texten, die sie zum Vergnügen lesen können, zu Themen, die sie individuell interessieren. Dafür ist das Angebot bisher noch viel zu klein und auch das Themenspektrum ist sehr eingeschränkt. Das führt aktuell dazu, dass eine große Personengruppe in Deutschland nicht alle Informationen bekommt, um in einer Demokratie selbstbestimmt mitzuentscheiden. 

Und ich finde einfach: Das können wir uns nicht leisten! Krieg in der Ukraine, Klimawandel, Pandemien – um etwas zu einer dringend nötigen Veränderung, zum Besseren beitragen zu können, muss ich verstehen, was um mich herum passiert. Und für viele Menschen geht das nur in Leichter Sprache. Andere Länder sind da weiter und haben zum Beispiel Tageszeitungen oder Fernsehnachrichten in Leichter Sprache – oder eigene Regale mit Literatur in Leichter Sprache in den Buchhandlungen.

Manche Menschen behaupten, Leichte Sprache würde komplexe Sachverhalte vereinfachen und letztlich verfälschen. Andere kritisieren, Erwachsene würden wie Kinder behandelt. Was sagen Sie dazu?

Leichtfuß: Ja, diese Vorwürfe werden immer wieder mal laut. Ich finde aber, viele der Gedanken, die hinter dieser harschen Kritik stecken, sind nicht zu Ende gedacht. Zum einen: Leichte Sprache verändert, wenn sie gut gemacht ist, nicht den Inhalt, sondern nur die Form. Ein komplexer Inhalt bleibt komplex und vielschichtig. Ich bringe ihn nur in eine Form, die mehr Menschen ermöglicht, an einem Diskurs dazu teilzuhaben. 

Und zum anderen: Ich finde, Leichte Sprache ermöglicht erwachsenen Menschen mit anderen Lernmöglichkeiten Selbstbestimmung und Teilhabe, weil sie über Dinge selbst entscheiden können, weil sie sie verstehen. Ich sehe hier also eher den gegenteiligen Effekt. Dazu kommt: Jede Person hat ja zu jedem Zeitpunkt die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, einen Text in Leichter oder in komplexer Sprache lesen zu wollen. Es ist ja immer nur ein zusätzliches Angebot. Wenn ich tiefer einsteigen möchte, dann habe ich auch die Möglichkeit dazu. 

Wie sieht Ihr Berufsalltag als Übersetzerin und Dolmetscherin aus?

Leichtfuß: Mein Berufsalltag ist sehr abwechslungsreich. Ich bin viel unterwegs, um bei Veranstaltungen zu dolmetschen: Fachtage, Konferenzen, Theaterfestivals, Mitgliederversammlungen. Dazu mache ich schriftliche Übersetzungen zu den verschiedensten Themen: Wandtexte für Museen, Nachrichten oder politische Informationen. 

Ich arbeite mit einem Team aus Prüferinnen und Prüfern zusammen, die die Verständlichkeit meiner Arbeit überprüfen. Wir treffen uns regelmäßig bei Zoom und gehen Texte, Abbildungen, Audio-Guides und anderes Material zusammen durch. Denn Leichte Sprache ist immer Teamarbeit. Sie kann nur gemeinsam mit Personen aus der Zielgruppe entstehen. 

Welche Schritte durchläuft ein standardsprachlicher Text, der in Leichte Sprache übersetzt wird? Und gibt es einen verbindlichen Richtlinienkatalog?

Leichtfuß: Ja, seit 2009 gibt es ein verbindliches Regelwerk für Leichte Sprache. Ich gehe den Text durch und identifiziere die zentralen Informationen. Außerdem gucke ich: Welche Fremdwörter müssen erklärt werden? Setzt der Text Vorwissen voraus, das bei meiner Zielgruppe eventuell nicht gegeben ist? Dann übersetze ich den Text und wähle passende Fotos oder Illustrationen dazu aus. Im nächsten Schritt überprüfen die Auftraggeberinnen und Auftraggeber, ob alle Inhalte korrekt wiedergegeben wurden. Dann kommen die Prüferinnen und Prüfer. Wir gehen den Text absatzweise durch und sie sagen mir: „Das Wort kenne ich nicht, das musst du erklären.“ Oder: „Der Satz ist zu lang, ich habe den Faden verloren.“ Daraufhin ändere ich den Text noch einmal. Erst dann ist er fertig. Das Siegel Leichte Sprache gibt es nur, wenn beides zusammenkommt: Übersetzung und Prüfung durch die Zielgruppe.

Was sind die besonderen Herausforderungen, wenn Sie einen Text in Leichte Sprache übersetzen?

Leichtfuß: Ich finde es immer wieder spannend und herausfordernd, eine gute Balance zu finden zwischen der Komplexität des Inhalts und der Vereinfachung der Form: Wie kann ich etwa in Leichter Sprache über DNA-Untersuchungen oder Raketenstarts sprechen oder schreiben, sodass möglichst viele Menschen es verstehen, ohne dass die Vielschichtigkeit verloren geht?

Sie sind nicht nur Übersetzerin, sondern auch Deutschlands erste Simultandolmetscherin für Leichter Sprache. Wie kam es dazu? 

Leichtfuß: Der erste Impuls kam von zwei Festivalmachern aus Berlin. Sie wollten zu einem Symposium einladen, bei dem alle mitreden können, weil alle alles verstehen. Also haben sie Dolmetscherinnen und Dolmetscher für Englisch und Französisch gebucht – und jemanden für die Leichte Sprache gesucht, fanden dafür aber niemanden. Wir kannten uns und haben dann zusammen ein Experiment gewagt. Das war im Jahr 2013. Zunächst hatte ich gar nicht die Idee, damit auch beruflich etwas Neues zu machen. Aber die Nachfrage war da, und so habe ich begeistert weitergemacht. Und zum Glück bin ich inzwischen nicht mehr die einzige Simultandolmetscherin in Deutschland. Ich schätze, inzwischen sind wir immerhin acht Personen.

Wie wird man Übersetzer oder Dolmetscherin für Leichte Sprache? Gibt es einen bestimmten Ausbildungsweg?

Leichtfuß: Das ist ein Problem. Fürs schriftliche Übersetzen kann man verschiedene Ausbildungen bei verschiedenen Anbietern machen. Wichtig finde ich dabei immer, darauf zu achten, dass die Ausbildung von Anfang an gemeinsam mit der Zielgruppe passiert, dass also auch Prüferinnen und Prüfer aktiv bei der Ausbildung dabei sind und Feedback geben. Aber das gibt es bisher nur für Leichte Sprache in Schriftform. Fürs Dolmetschen gibt es bisher keinen bestimmten Ausbildungsweg. 

Wir sind alle Quereinsteigerinnen: Buchhändlerinnen, Logopädinnen, Journalistinnen. Wir bilden uns regelmäßig fort und sind in einem engen fachlichen Austausch miteinander und mit der Zielgruppe. Trotzdem sind eine Professionalisierung und eine Schaffung von Ausbildungsgängen dringend nötig. Denn dass acht Personen den bundesweiten Bedarf auf keinen Fall decken können, ist, denke ich, klar. 

Anne Leichtfuß, Jahrgang 1978, wurde für ihre Arbeit mehrfach für den Grimme Online Award in verschiedenen Kategorien nominiert. 2018 erhielt sie eine zweifache Auszeichnung mit dem Deutschen PR-Preis in den Kategorien „Verantwortungs- und Nachhaltigkeits-Kommunikation“ sowie „Digitale Public Affairs“ für die Kampagne „Menschen mit Down-Syndrom sprechen für sich selbst". Die studierte Online-Redakteurin arbeitet bei der Zeitschrift Ohrenkuss mit und war Mitbegründerin des partizipativen Forschungsinstituts Touchdown 21. Leichtfuß lebt und arbeitet in Bonn.