Verbindliche Ziele für den Naturschutz 

Weltnaturgipfel in Montreal  Verbindliche Ziele für den Naturschutz 

Trotz vielfacher nationaler und internationaler Gegenmaßnahmen gehen weltweit die Bestände vieler Tier- und Pflanzenarten dramatisch zurück. Deutschlands Hauptziel für die seit Dienstag in Montreal tagende Weltnaturkonferenz: Eine globale Vereinbarung mit konkreten Zielen und effektiven, überprüfbaren Mechanismen für den globalen Naturschutz.

Vorbereitung für die 15. UN-Biodiversitätskonferenz in Montreal.

Die 15. UN-Biodiversitätskonferenz findet vom 7. bis 19. Dezember im kanadischen Montreal statt.

Foto: IMAGO/ZUMA Press/Paul Chiasson

In den kommenden zwei Wochen verhandeln Regierungsvertreterinnen und -vertreter aus 196 Staaten, welche Ziele die Weltgemeinschaft bis 2030 und langfristig bis 2050 erreichen muss, um eine Trendwende vom Artenaussterben und der Zerstörung hin zur Wiederherstellung der Natur zu erreichen. 

Das Artensterben und der Verlust der Biodiversität sind zusammen mit der Klimakrise die große Bedrohung für die Stabilität unserer Ökosysteme. Die eine Krise ist untrennbar mit der anderen verbunden, beide müssen gelöst werden. Die Bundesregierung setzt sich mit aller Kraft dafür ein, den Schutz der biologischen Vielfalt national, in der EU und weltweit entscheidend voranzubringen und das UN-Übereinkommen über die biologische Vielfalt umzusetzen.

Worum geht es bei der Weltnaturkonferenz?

Als Hauptziel wird auf der 15. Vertragsparteienkonferenz der UN-Biodiversitätskonvention (Convention on Biodiversity, kurz CBD) ein „Weltnaturvertrag“ angestrebt – die Staaten der Welt wollen eine neue globale Vereinbarung für biologische Vielfalt bis 2050 verabschieden, das „Global Biodiversity Framework“. Diese soll alle Hauptursachen des Artensterbens und Gegenmaßnahmen benennen.

Weltweit sind eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht, warnt der Weltbiodiversitätsrat. So ist zum Beispiel die Zahl der Brutvögel in den deutschen Agrarlandschaften um ein Drittel zurückgegangen. Der Verlust bei den Insekten fällt sogar noch viel höher aus. Bundesumweltministerin Lemke: „Wir verlieren biologische Vielfalt in einem atemberaubenden Tempo, bis zu 100-mal schneller als im Schnitt der letzten zehn Millionen Jahre. Das bedeutet: Viel zu schnell, damit sich Ökosysteme – und damit auch wir Menschen – an diese Veränderungsprozesse anpassen können.“

Welches sind die konkreten deutschen Ziele?

Bundesumweltministerin Steffi Lemke betonte im Vorfeld der Konferenz: „Dieser Gipfel wird ein Erfolg sein, wenn wir es schaffen als internationale Staatengemeinschaft, verbindliche Ziele für den globalen Naturschutz festzulegen. Das macht sich fest an einer Zahl, 30 mal 30. Das heißt, unser Ziel ist es, eine Vereinbarung zu treffen, die bedeutet, 30 Prozent der Fläche an Land und 30 Prozent der Fläche auf den Weltmeeren unter Schutz zu stellen bis 2030. Das ist eine der symbolhaften Marken, die wir in Montreal erreichen wollen.“ Dies sei nicht machbar ohne die Mobilisierung ausreichender Finanzmittel, Biodiversität sei nicht zum „Nulltarif“ zu haben, so Lemke.

Die Europäische Union und Deutschland werden in Montreal vor allem darauf verhandeln, dass es dafür verbindliche Rahmenbedingungen gibt, klare Schritte, wie diese Ziele erreicht werden sollen. Bundesministerin Lemke unterstrich: „Die globale Vereinbarung muss dafür drei wesentliche Elemente enthalten: Erstens ehrgeizige Ziele, die messbar und verbindlich sein müssen. Zweitens wirksame Umsetzungs- und Kontrollmechanismen und drittens die notwendigen finanziellen Mittel.“ Dazu gehörten die Unterlegung mit Qualitätskriterien, nationale Umsetzungspläne, die staatliche Akteure und Private einbeziehen, ebenso eine wirksame Beteiligung der Bevölkerung vor Ort. 

Es gehe in Montreal zudem nicht nur darum Ökosysteme unter Schutz zu stellen, sondern auch um deren Wiederherstellung, denn es seien bereits viele von ihnen beschädigt oder zerstört. Ein konkretes Beispiel seien die abgeholzten Waldflächen, führte Lemke aus. „Wir brauchen zudem konkrete Ziele in der globalen Vereinbarung für weniger Verschmutzung, besseren Ressourcenschutz und Kreislaufwirtschaft,“ so Lemke weiter. Und einen Mechanismus, der nachschärfe, wenn die Weltgemeinschaft nicht auf dem richtigen Weg sei. Als weiteren Punkt für Montreal nannte Lemke den weltweiten Abbau biodiversitätsschädlicher Subventionen.

Was sind die größten Treiber des Verlusts an Ökosystemen und der Artenvielfalt?

Wissenschaftler benennen fünf unterschiedlich wirksame Treiber als Ursache für die Verluste:

  • Umnutzung von Land und Meeren
  • Übernutzung von Ökosystemen und Arten etwa durch Rodungen oder Schmuggel mit bedrohten Tieren
  • Klimaerwärmung
  • Umweltverschmutzung, insbesondere durch den Eintrag von Plastik in Flüsse und Meere
  • Verdrängung einheimischer Pflanzen und Tieren durch eingeschleppte, invasive Arten.

Warum ist es ein Problem, wenn Tierarten verschwinden?

Es kommt auf das Gesamtzusammenspiel der Arten an, das in einer komplexen Wechselbeziehung zu dem jeweiligen Lebensraum für ein Gleichgewicht sorgt. Beispiel: Gibt es weniger Lerchen und andere Feldvögel, werden weniger für den Ackerbau schädliche Insekten gefressen. Fallen zudem nützliche Insekten aus, die wiederum schädliche Insekten in Schach halten, dann müssen eventuell mehr chemische Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden. Chemikalien wiederum können in die Gewässer gelangen und dort Pflanzen oder Tiere schädigen. Ähnlich wie bei der Klimaerwärmung warnen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eindringlich vor Kipppunkten. Wenn unsere Ökosysteme ausfallen, die uns Essen, Trinkwasser und saubere Luft bereitstellen, dann bekommen wir ein Problem, und zwar ein großes. 

Was tut Deutschland bereits national und international?

Die Bundesregierung hat mit dem „Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz“, das mit vier Milliarden Euro über die nächsten vier Jahre ausgestattet ist, einen großen Schritt nach vorne getan. Auch hier geht es jetzt darum, das Programm in die Praxis umzusetzen, um beispielsweise Flusslandschaften zu renaturieren oder Moore wieder zu vernässen. Gleichzeitig hat sie ein Artenhilfsprogramm aufgelegt, das Vogelarten, die potenziell bedroht sein können, besonders schützt.

Bundeskanzler Olaf Scholz hat auf der diesjährigen Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York angekündigt, dass Deutschland ab 2025 jährlich 1,5 Milliarden Euro für den internationalen Biodiversitätsschutz bereitstellt. Die Steigerung erfolgt im Rahmen der deutschen Verpflichtung zu einem internationalen Klimafinanzierungsbudget von 6 Milliarden Euro jährlich bis spätestens 2025. Das ist eine Verdopplung gegenüber den rund 750 Millionen Euro, die von 2017-2021 im Durchschnitt in die biologische Vielfalt investiert wurden. Bereits jetzt unterstützt die Bundesregierung Projekte für die biologische Vielfalt, für den Naturschutz in sehr vielen Ländern der Erde. 

Die 15. UN-Biodiversitätskonferenz findet vom 7. bis 19. Dezember im kanadischen Montreal statt. Die Beratungen sind formal der zweite Teil der UN-Konferenz, die 2021 im chinesischen Kunming – wegen der Corona-Pandemie rein virtuell – begonnen hatte. Ursprünglich war die Konferenz für 2020 geplant gewesen, durch die Pandemie gab es mehrfach Verzögerungen.