Im Wortlaut

Rede von Kulturstaatsministerin Grütters zur Eröffnung des Perthes-Forums

Das Perthes-Forum, ehemaliger Firmensitz des Verlegers Justus Perthes, ist in den vergangenen Jahren saniert worden. Mit seiner Fertigstellung ist das "Barocke Universum Gotha" vollendet. "Ein wahrer Kosmos des kulturellen Erbes", konstatierte Kulturstaatsministerin Grütters bei der Eröffnung des Forums.

Sonntag, 6. Dezember 2015 in Gotha

Wenn wir heute das Perthes-Forum feierlich einweihen, dann geben wir einem Fundament unseres Wissens über Natur, Kultur und Kunst eine eher ungewohnte Öffentlichkeit: den Archiven und Depots. Unzählige Gemälde, Schriften und Gegenstände sind dort ja meist Wissenschaftlern, Bibliothekaren und Archivaren vorbehalten, jedenfalls scheuen Sie - aus gutem Grund das nicht… Das Publikum bekommt beim Museumsbesuch immer nur einen Bruchteil dieses reichen kulturellen Erbes zu sehen - Exponate nämlich, die von Kuratoren ausnahmsweise einmal zu Ausstellungs-Highlights gekürt wurden.

Es gehören schon ein bisschen Mut und auch Fantasie dazu, ein repräsentatives Gebäude, wie den ehemaligen Firmensitz des Verlegers Justus Perthes - noch dazu im Zentrum Gothas gelegen - zu einem Kunstdepot zu machen.

In enger Zusammenarbeit - ganz im Sinne eines kooperativen Kulturföderalismus - zwischen dem Freistaat Thüringen, der Stadt Gotha und Bundesmitteln aus meinem Hause, ist hier jetzt ein Ort für die wertvollen Sammlungen der Stadt entstanden. Er legt die Bedeutung der oft in Museumsbeständen verborgenen Schätze dann doch wieder buchstäblich offen und mahnt uns, unser Kulturerbe in seiner Gesamtheit zu würdigen und für die nachfolgenden Generationen zu bewahren.

Ich freue mich deshalb sehr, heute das Perthes-Forum zu eröffnen, das sich nach den umfangreichen Sanierungsmaßnahmen selbstbewusst gegen die Klischees staubiger Archivkammern und dunkler Depoträume behaupten kann. Wie überzeugend das gelungen ist, haben wir bei unserem Besuch vorhin eindrücklich gesehen. Das Perthes-Forum wird nicht nur den Sammlungen der Stiftung Schloss Friedenstein und dem Thüringischen Staatsarchiv als Kunstdepot und Bibliothek dienen, sondern - sozusagen in einer friedlichen Koexistenz - auch die bedeutsame Sammlung seines Namensgebers beherbergen. Dass historische Aufzeichnungen durchaus für den glänzenden Auftritt geeignet sind, zeigen z.B. die hier im Thronsaal des Schlosses ausgestellten Schriften Martin Luthers. Sie sind Bestandteile der Sammlung der Stiftung Schloss Friedenstein und wurden erst vor einem Monat in das Weltdokumentenerbe der Unesco eingetragen. Eine schönere, eine bedeutsamere Auszeichnung für unser Kulturerbe gibt es kaum!

Handschriften und Buchbestände aus vergangenen Jahrhunderten im Zeitalter der Digitalisierung im Original zu erhalten, mag antiquiert scheinen. Doch gerade die Sammlung Perthes mit ihren umfangreichen Beständen zur Entwicklung der Kartographie und Geographie im 19. und 20. Jahrhundert eröffnet uns den Blick in eine vergessene Zeit, in der man andere Erdteile noch per Hand vermaß und große Entdeckungen vor Ort machte.

Mittlerweile, in der globalisierten Welt, holen wir uns die Welt virtuell zu uns nach Hause und sind in der Lage, jeden Ort auf unserem Planeten genauestens zu bestimmen. Wir besitzen detaillierte Informationen über fossile Gesteinsarten, haben schwindelerregende Höhen erklommen und die Lebensweisen ferner Völker studiert. Doch ohne den Abenteuergeist eines Christoph Kolumbus, eines Ferdinand Magellans, oder später den Expeditionen eines Alexander von Humboldt, wüssten auch wir Heutigen weitaus weniger von dem, was fast schon als immer gegeben erscheint. Diese „Globetrotter“ vergangener Jahrhunderte - und vor allem ihre Aufzeichnungen - erinnern uns daran, dass unser heutiges Wissen keinesfalls eine Selbstverständlichkeit ist. Sondern dass es, im Gegenteil, auf vielen Wegen und Irrwegen erst einmal errungen werden musste.

Dass wir heute in einer Zeit leben, in der viele irdischen Wunder entzaubert sind - ist das alles reiner Zufall? So zumindest lässt der Autor Daniel Kehlmann in seinem Roman "Die Vermessung der Welt" (2005) den großen deutschen Mathematiker und Astronom, Johann Carl Friedrich Gauß, philosophieren, ich zitiere: "Seltsam sei es und ungerecht, sagte Gauß, so recht ein Beispiel für die erbärmliche Zufälligkeit der Existenz, dass man in einer bestimmten Zeit geboren und in ihr verhaftet sei, ob man wolle oder nicht. Es verschaffe einem einen unziemlichen Vorteil vor der Vergangenheit und mache einen zum Clown der Zukunft." Diesen "unziemlichen Vorteil vor der Vergangenheit" haben wir auch Menschen wie Justus Perthes zu verdanken, der mit seiner herausragenden deutschsprachigen Landkartensammlung vielen weiteren, vor allem geografischen, Erkenntnissen den Weg ebnete, weil er die Bedeutung der Dokumentation von Erfahrungen erkannte und sie als Verleger auch noch einem breiten Publikum zugänglich machte.

Darüber, ob sich unsere Vorfahren mit Vermutungen über den gegenwärtigen Erkenntnisstand bei ihren Zeitgenossen tatsächlich zum Narren machten - "zum Clown der Zukunft", können wir nur spekulieren. Ganz sicher ist jedoch, dass die Idee der Dokumentation, Aufbewahrung und Archivierung ganz und gar nicht obsolet ist -  greifen wir doch täglich auf Texte, Fotos und Musik in digitalen Archiven zu. Diese raum- und zeitlosen Datenbanken, die sogenannten "clouds", sind die Wissensspeicher von heute, die hoffentlich auch unseren Kindern und Enkeln irgendwann einen unerhörten Vorteil verschaffen werden.

Die Sammlung Perthes, unser schriftliches Kulturerbe, ist heute jedoch nicht der einzige Grund der Feierlichkeiten. Denn mit der Fertigstellung des Perthes-Forums ist auch die Realisierung des ambitionierten Projektes „Barockes Universum Gotha“ erreicht. Insgesamt haben der Bund, der Freistaat Thüringen und die Stadt Gotha in den vergangenen sechs Jahren mehr als 30 Millionen Euro für dieses Großprojekt zur Verfügung gestellt. Allen, die sich dafür mit viel Energie und Herzblut engagiert haben, danke ich herzlich - nicht zuletzt Ihnen, lieber Herr Kollege Schipanski, der Sie sich schon seit vielen Jahren für das Perthes-Forum und des Barocke Universum Gotha einsetzen - ähnlich wie Sie, lieber Herr Kollege Schneider.

Die Bundesmittel stammen aus unseren Denkmalschutzprogrammen, die nicht nur unsere Kulturschätze erhalten, sondern so auch identitätsstiftend wirken. Denn so wertvoll das schriftliche Kulturerbe vor allem für die wissenschaftliche Arbeit und die Überlieferung von Erkenntnissen auch ist: Was Denkmäler als authentische Orte der Erinnerung vermitteln, kann kein Geschichtsbuch, kein noch so fundierter Vortrag eines Historikers ersetzen: persönliche Eindrücke vom Geist einer Epoche und den Lebensumständen prägender Persönlichkeiten, sinnliche Erfahrungen unserer eigenen Herkunft und nicht zuletzt auch das Gefühl der Ehrfurcht, das uns ergreift, wenn wir unserer Vergangenheit auf diese Weise nahe kommen.

Und hier in Gotha finden wir ja einen wahren Kosmos des kulturellen Erbes vor. Die Stars, die Sterne dieses Universums sind so verschieden wie einzigartig: Neben dem Schloss Friedenstein, dessen wunderschöner Thronsaal uns hier einen so würdigen Raum für die Feierlichkeiten gibt, dem Herzoglichen Museum und den Sammlungen der Stiftung Schloss Friedenstein, lagern in den Depots des Perthes-Forums wesentliche Bestandteile unseres kulturellen Gedächtnisses. Es sind diese "Zeitspeicher", die Leistungen, Erkenntnisse und Erfahrungen früherer Generationen versammeln und sie in Büchern, Autographen, Gemälden, Landkarten und Nachschlagewerken längst vergangener Epochen zu unserer heutigen Zeit ins Verhältnis setzen. Sie erfahrbar zu machen und für nachkommende Generationen zu erhalten, ist eine Aufgabe, zu der wir als Kulturerben verpflichtet sind.

Ihnen allen sowie den Besuchern des Perthes-Forums und dem "Barocken Universum Gotha" wünsche ich eine bereichernde Reise in die Vergangenheit. Nutzen wir unseren "unziemlichen Vorteil vor der Vergangenheit", wie es bei Daniel Kehlmann so schön heißt, um unsere Geschichte besser zu verstehen. Denn, und hier zitiere ich noch einmal den historischen Naturwissenschaftler Gauß, "es ist nicht das Wissen, sondern das Lernen (…) was den größten Genuss gewährt."

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