Rede von Bundeskanzler Gerhard Schröder

Rede von Bundeskanzler Gerhard Schröder

beim Sinfoniekonzert unter Schirmherrschaft des Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland und des Vorsitzenden des Ministerrates der Republik Polen am 3. September 1999 in Warschau:

  • Bulletin 53-99
  • 10. September 1999

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, lieber Jerzy,
sehr geehrter, lieber Herr Masur,
sehr verehrte, liebe Frau Anne-Sophie Mutter,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebes Orchester,

fast auf den Tag genau ist es 60 Jahre her, dass mit dem Überfall Nazi-Deutschlands auf Polen eines der grausamsten Verbrechen der europäischen Geschichte seinen Anfang nahm. Mit dem Zweiten Weltkrieg begann das wohl schrecklichste Kapitel in der langen, uns bekannten Leidensgeschichte des polnischen Volkes. Während der mehr als fünf Jahre währenden deutschen Besatzung kamen Millionen polnischer Bürger ums Leben. Das werden wir nie vergessen. Das wird uns Anlass für Trauer und Scham bleiben.

Der Jahrestag des Kriegsausbruchs wird für die Deutschen immer ein Tag der Erinnerung bleiben. Es wird ein Tag der Erinnerung bleiben an das, was dem polnischen Volk geschehen ist. Polen – das hat vor wenigen Tagen in Danzig der polnische Staatspräsident Kwasniewski wieder einmal betont – wird diese Verbrechen auch nie vergessen – nicht vergessen können. Aber, so fuhr er fort, die Feinde von damals sind heute zu Partnern, zu Alliierten und – wir können das sagen – zu Freunden geworden.

Ich freue mich daher sehr, dass das Weltjugendorchester heute unter der Leitung von Kurt Masur aus diesem so wichtigen Anlass ein Konzert gibt.

Polen und Deutsche sind auf dem Weg der Versöhnung und der Verständigung seit Anfang der 70er Jahre und besonders seit 1988 und 1989 weit vorangekommen. Aus gegenseitigem Kennenlernen entsteht Vertrauen. Aus guter Nachbarschaft wird Partnerschaft und – das hoffe ich jedenfalls – in einem großen Umfang Freundschaft. Dies schafft nicht Politik allein; das können nur die Menschen schaffen, indem sie sich begegnen, indem sie Vorurteile abbauen und vor allen Dingen: indem sie sich besser kennenlernen.

Sich erinnern, nicht verdrängen – das ist die Basis dafür, dass man miteinander Zukunft gewinnen kann. Die Zukunft, die Polen und Deutsche miteinander gewinnen können, heißt Europa. Das ist der Grund, warum wir miteinander wollen, dass Polen nicht nur Mitglied der Nato ist – das ist schon ein Stück Geschichte –, sondern dass es auch möglichst schnell Mitglied der Europäischen Union wird. Denn wir wissen eines: Frieden, Wohlstand und Freiheit sind auf Dauer nur dann zu sichern, wenn dieser Kontinent ein Kontinent wird, wenn Europa nicht an der deutschen Ostgrenze oder der polnischen Westgrenze aufhört. Dies gemeinsam zu erreichen und sich immer wieder der Geschichte zu erinnern, die uns die Verantwortung aufgibt, es besser zu machen, auch das ist Sinn des heutigen Abends. Darüber hinaus geht es natürlich darum, Kunst zu genießen. Das verbindet Polen und Deutsche allemal auch.