„Frauen zu stärken, ist unsere Aufgabe“

5. Mai | Internationaler Hebammentag „Frauen zu stärken, ist unsere Aufgabe“

Wer Hebamme werden will, muss seit 2020 studieren. Das geht zum Beispiel an der Charité in Berlin. Die leitende Professorin Dr. Julia Leinweber und ihre Studentinnen hoffen, dass der Beruf durch den neuen Studiengang sichtbarer wird.

Katja Refai (wissenschaftliche Mitarbeiterin, MSc.) und Professorin Dr. Julia Leinweber (hinten) lehren im Studiengang für Angewandte Hebammenwissenschaft an der Charité. Alina Filipp und Marlene Diekmann (vorne) gehören zu ihren ersten Studentinnen.

Katja Refai (wissenschaftliche Mitarbeiterin, MSc.) und Professorin Dr. Julia Leinweber (hinten) lehren im Studiengang für Angewandte Hebammenwissenschaft an der Charité. Alina Filipp und Marlene Diekmann (vorn) gehören zu ihren ersten Studentinnen.

Foto: Sophia Just

Hebammen sind für eine gute Gesundheitsversorgung von Frauen während der Schwangerschaft, bei der Geburt und in ihrer ersten Zeit als Mutter unverzichtbar. Niemand weiß das besser als Professorin Dr. Julia Leinweber. Sie ist die erste Professorin für Hebammenwissenschaft an der Universitätsklinik Charité in Berlin. „Die Zeit um die Geburt herum ist eine Zeit, in der sich für Frauen viel verändert. Sie dabei zu begleiten und zu stärken, das sehe ich als Aufgabe der Hebammen“, betont sie.

Um Hebammen bestmöglich auf diesen anspruchsvollen Job vorzubereiten, hat die Bundesregierung 2019 das Hebammenreformgesetz beschlossen und damit die Ausbildung akademisiert. Das heißt: Wer Hebamme werden will, muss seit 2020 ein Bachelor-Studium absolvieren. In allen Bundesländern gibt es mittlerweile solche Studiengänge, die Nachfrage ist groß. An der Charité ist der duale Studiengang im letzten Wintersemester gestartet.

Lernen, üben, machen: vom Hörsaal in den Kreißsaal

Im dualen Studium wechseln sich Studien- und Praxisphasen ab. Was die Studentinnen in der Theorie lernen, üben sie gemeinsam mit einer Dozentin zunächst in kleinen Gruppen. Dazu gehören zum Beispiel wichtige Handgriffe, aber auch das Gespräch mit Schwangeren. „In den Praxisphasen sind die Studentinnen dann bei den zwei großen Praxispartnern, der Charité und der Vivantes-Gruppe“, erklärt Julia Leinweber. „Sie werden dort vorrangig im Kreißsaal eingesetzt, aber natürlich auch auf der Schwangeren- und Wochenbettstation. Dort dürfen sie die Aufgaben, die sie gelernt haben, dann auch umsetzen.“  

So lernen die Studentinnen zunächst den Ablauf von Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett kennen, zusammen mit den Prinzipien des wissenschaftlichen Arbeitens. Eine große Rolle spielt aber auch, Risiken und Herausforderungen bei Müttern und Babys zu identifizieren und in kritischen Situationen sicher zu handeln. Die Beratung und Begleitung von Frauen stehen dabei immer im Fokus.

In Skills-Trainings lernen die Studentinnen zum Beispiel bestimmte Handgriffe kennen, üben aber auch die Kommunikation mit werdenden Müttern.

In Skills-Trainings lernen die Studentinnen zum Beispiel bestimmte Handgriffe kennen, üben aber auch die Kommunikation mit werdenden Müttern.

Foto: Sophia Just

Die Ansprüche an Hebammen wachsen

Lange war Hebamme ein Ausbildungsberuf. Dass die Ausbildung jetzt akademisiert wurde, hat Vorteile für Hebammen und die werdenden Mütter, die sie betreuen. „Um zu wissen, wie ich die besten Ergebnisse für Mutter und Kind erreiche, muss ich mir selber Wissen erschließen können“, erklärt Prof. Dr. Leinweber. Im Studium lernen Hebammen, sich mit der ständig wachsenden Fachliteratur auseinanderzusetzen und zum Beispiel auch widersprüchliche Forschungsergebnisse oder Praktiken einzuordnen.  Gleichzeitig fordern die Frauen dieses Wissen von Hebammen auch vermehrt ein: „Der Anspruch der Frauen ist mehr geworden, wirklich informiert zu sein.“

Für Hebammen eröffnen sich mit der Akademisierung Perspektiven, sich weiterzuentwickeln, etwa in einem Masterstudium oder einer Doktorarbeit. Außerdem entspricht die Akademisierung der Hebammenausbildung europäischen Standards und setzt die Berufsanerkennungsrichtlinie der Europäischen Union um. Das ermöglicht auch künftigen Hebammen, überall in der Europäischen Union in ihrem Beruf arbeiten zu können.

Prof. Leinweber wünscht sich aber auch gesellschaftlich mehr Wertschätzung für den Beruf und für die Bedeutung, die eine gute Geburtshilfe im Leben von Frauen hat: „Wie Frauen aus der Zeit der Schwangerschaft und Geburt herausgehen, beeinflusst sie über Jahre oder sogar das ganze Leben. Und wir sind an einem Punkt, wo wir sie wirklich stärken können.“ 

Prof. Dr. Julia Leinweber hat als Hebamme in Deutschland und Australien praktiziert. 2016 promovierte sie an der Griffith University in Brisbane zum Thema Posttraumatischer Stress bei Hebammen. Ihre Forschungsschwerpunkte sind das positive und negative Geburtserleben von Frauen sowie Gewalt in der Geburtshilfe. Seit September 2021 leitet sie an der Charité das Institut für Hebammenwissenschaft.

„Eine unfassbare Ehre“

Dass der Beruf sichtbarer werden muss, meinen auch Marlene Diekmann und Alina Filipp. Sie studieren mittlerweile im zweiten Semester Angewandte Hebammenwissenschaft an der Charité. „Viele denken, es geht nur um die Geburt, und wissen gar nicht, wie breit das Spektrum der Aufgaben ist“, berichtet Alina. Marlene stimmt zu: „Wenn ich in Bekanntenkreisen von meinem Studium erzähle, kommt viel Bewunderung, aber auch ganz viel Unwissen.“ Trotzdem seien die Reaktionen eigentlich immer positiv: „Alle sind total begeistert davon, was man macht.“

Warum sie Hebammen werden möchten? „Weil es total vielfältig ist“, erklärt Studentin Marlene Diekmann. Dass man so vieles in einem Beruf vereinen könne, habe sie begeistert, genau wie der zwischenmenschliche Kontakt zu den werdenden Müttern. „Ich finde es auch eine unfassbare Ehre, in so einem schönen Moment dabei zu sein“, ergänzt Alina Filipp. Schließlich sei die Zeit um die Geburt herum prägend für die ganze Familie.

Hebammen betreuen Frauen auch nach Geburt, im Wochenbett bzw. in der Stillphase. Auch darauf bereiten sich die Studentinnen vor.

Hebammen betreuen Frauen auch nach Geburt, im Wochenbett bzw. in der Stillphase. Auch darauf bereiten sich die Studentinnen vor.

Foto: Sophia Just

Ein Beruf mit vielen Möglichkeiten

Am Studium gefällt den beiden außerdem die Abwechslung. Gerade in der Praxisphase sei jeder Tag unterschiedlich, erzählt Alina. Aber auch nach dem Studium würden sie gerne noch verschiedene Bereiche kennenlernen, etwa in Beratungsstellen oder Geburtsvorbereitungskursen. Auch Marlene kann sich vorstellen, zunächst im Kreißsaal Erfahrung zu sammeln, dann aber auch mal freiberuflich zu arbeiten.

Und was sollte man mitbringen, um Hebamme zu werden? Man sollte bereit sein, Neues zu lernen und sich ständig weiterzuentwickeln, sagt Alina. Belastbarkeit, meint Marlene, und Empathie, damit man sich auf jede Frau individuell einlassen kann. Und außerdem: „Sich rantrauen an das Thema. Sich damit auseinandersetzen, ein Praktikum machen. Damit man versteht, was da eigentlich abgeht – und was Hebammen alles können!“

Wichtige Arbeit der Hebammen unterstützen

In Deutschland gibt es aktuell zu wenige Hebammen. Deswegen hat die letzte Bundesregierung ein dreijähriges Förderprogramm für Hebammenstellen in Höhe von insgesamt 300 Millionen Euro beschlossen. Von 2021 bis 2023 sollen damit rund 600 Hebammenstellen sowie bis zu 1.750 Stellen für unterstützendes Fachpersonal geschaffen werden.

In ihrem Koalitionsvertrag hat die aktuelle Bundesregierung sich dem Nationalen Gesundheitsziel „Gesundheit rund um die Geburt“ verschrieben. Der dazugehörige Aktionsplan sieht unter anderem vor, eine Eins-zu-Eins-Betreuung durch Hebammen während wesentlicher Phasen der Geburt einzuführen und den Ausbau hebammengeleiteter Kreißsäle zu fördern.

Am 5. Mai ist Internationaler Hebammentag. Der Aktionstag würdigt das Wissen und Können von Hebammen und macht auf die Herausforderungen des Berufsstands aufmerksam. Zum 100-jährigen Bestehen des Internationalen Hebammenverbands (ICM) steht der Tag dieses Jahr unter dem Motto „100 years of progress“ – hundert Jahre Fortschritt.