27. Januar - Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus - Veranstaltung im Deutschen Bundestag am 19. Januar 1996 - Erklärung der Bundestagspräsidentin

Die Präsidentin des Deutschen Bundestages, Prof. Dr. Rita
Süssmuth, gab im Deutschen Bundestag in Bonn am 19. Januar 1996
folgende Erklärung ab:

Herr Bundespräsident,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

der 27. Januar, der Tag der Befreiung
von Auschwitz, wird künftig als Gedenktag den Opfern des
Nationalsozialismus gewidmet sein.

Wir wollen mit dieser Entscheidung fünfzig Jahre nach Kriegsende und
Nazidiktatur Vorsorge treffen gegen das Vergessen. Aus diesem Anlaß haben
wir uns heute versammelt, spricht unser Bundespräsident zu uns. Viele
werden fragen, ob es eines solchen Gedenktages bedarf - mehr als
fünfzig Jahre nach dem Ende des NS-Regimes.

Hat es in den zurückliegenden Jahrzehnten an Aufklärung, Erinnerung und
Gedenken gefehlt? Wenn wir an die Intensität der Aufarbeitung - vor
allem auch in dem letzten Jahrzehnt - denken, in Universitäten,
Schulen, Gedenkstätten, Medien, in kirchlichen, gewerkschaftlichen
und politischen Gruppierungen, dann könnte man zu dem Schluß
kommen, es bedürfe eines besonderen Gedenktages nicht.

Wenn wir uns dennoch für einen solchen entschieden haben, dann deshalb,
weil es in der Geschichte der Völker Ereignisse von fundamentaler
Auswirkung für deren Existenz in Gegenwart und Zukunft gibt, die
gegen das Vergessen in herausgehobener Form gesichert werden
müssen. Wir Menschen versuchen, dem zu entsprechen, indem wir
Erinnerung festhalten und sichtbar machen: in Gedenkstätten,
Mahnmalen, Gedenktafeln, Bild- und Textdokumenten, bis hin zu
Gedenktagen.

Je größer der zeitliche Abstand, je kleiner der Kreis
der Zeitzeugen, desto nachhaltiger stellt sich die Frage: Wie wird die
Erinnerung wachgehalten? Gedenktage allein sind keine Gewähr
gegen das Vergessen. Ob sie das bewirken, was wir von ihnen
erwarten, hängt davon ab, inwieweit es uns selbst ein wichtiges
Anliegen ist und dieses auch nachfolgenden Generationen
nahegebracht werden kann.

Wenn sich die Gestaltung dieses Gedenktages in Zukunft so vollziehen
sollte, daß er sich auf eine parlamentarische Feierstunde reduziert, dann
träfe er nicht das, was wir gewollt haben. Dieser Tag muß Anlaß sein, das
Gedenken im ganzen Land auf unterschiedliche Weise wachzuhalten und zu
gestalten. Dabei ist uns bewußt: Dieses Gedenken betrifft die dunkelsten
Jahre deutscher Geschichte, Auschwitz ist der Inbegriff der
totalen Entwürdigung, Erniedrigung und Entrechtung des Menschen.


Zugleich steht der Tag der Befreiung von Auschwitz für die Befreiung
von der Barbarei und die dadurch eröffnete Chance zu einem von der
Achtung der Menschenwürde geprägten politischen Neubeginn in
Deutschland und Europa. Das Gedenken an diese Befreiung muß
einhergehen mit dem inneren Versprechen des unbedingten
Einsatzes für Freiheit und Menschenwürde.

Wir sind im Gedenken an die Würde der Opfer aufgefordert, künftigen
Generationen das Gewissen für Recht und Unrecht, für Toleranz und
Unduldsamkeit, für den unschätzbaren Wert jedes einzelnen Lebens,
seine Würde und seinen Anspruch auf Freiheit zu schärfen.

Als in jüngster Vergangenheit Menschen in unserem Lande Opfer von
Brandanschlägen wurden, als in anderen Ländern, nur wenige
Kilometer von unseren Grenzen entfernt, Tausende in Todeslagern
gequält oder ermordet wurden, trat mit erschreckender Deutlichkeit
hervor, wie unvermutet rasch sich der Abgrund von Inhumanität und
Barbarei auftut.

Die Erinnerung an die Jahre der Inhumanität in
Deutschland sollte uns vor allzu großer Selbstsicherheit warnen.
Demokratie ist immer nur so weit und so lange gesichert, wie wir sie
täglich erkämpfen und verteidigen. Wenn uns die Zeit der NS-Diktatur
etwas gelehrt hat, dann vor allem, daß wir jeder Form von Barbarei,
die in allen Gemeinschaften latent vorhanden ist und ihre größten
Verbündeten in Gleichgültigkeit, Bequemlichkeit, Feigheit und
mangelnder Zivilcourage findet, unseren entschiedenen Widerstand
entgegensetzen.

Der 27. Januar möge sich in diesem Sinn als ein
Stachel in unserem Bewußtsein erweisen, der uns vor dem
Vergessen bewahrt und uns wachhält gegenüber allen Gefährdungen
der Menschlichkeit.

Herr Bundespräsident, ich darf Sie nun bitten, zu
uns zu sprechen.