27. Januar – Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus - Gedenkstunde des Deutschen Bundestages am 27. Januar 2017 - Ansprache des ehemaligen polnischen Außenministers, Prof. Dr. Bronislaw Geremek:

Sehr geehrter Herr Präsident des Bundestages!
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler!
Sehr geehrter Herr Präsident des Bundesrates!
Sehr geehrte Frau Präsidentin des Bundesverfassungsgerichtes!
Meine Damen und Herren!

Jest rzecza niezwykla, ze Polak moze zabrac glos dzisiaj w Dniu Pamieci o zbodniach nazizmu w Niemieckim Bundestagu, w dawnym gmachu Reichstagu i mo-ze zabrac glos po polskiej muzyce. - Ich meine, es ist nicht gewöhnlich, dass ein Pole im Plenarsaal des Bundestages im alten Reichstagsgebäude im Anschluss an polnische Musik spricht.

Ich betrachte die Teilnahme am "Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus", zu der Sie mich eingeladen haben, als Auszeichnung und als ein Privileg. Für einen polnischen Intellektuellen und Politiker ist sie jedoch auch ein harter Prüfstein.

Seit jener Zeit, da das Dritte Reich Polen überfiel und das polnische Volk zum kollektiven Opfer des Nationalsozialismus wurde, sind mehr als 60 Jahre vergangen. In unseren beiden Ländern sind Generationen herangewachsen, für die der Zweite Weltkrieg und die beiden totalitären Systeme, diese Schande Europas, einer Geschichte angehören, die weit zurückliegt und die sie selbst nicht erlebt haben. Es könnte sich also die Frage aufdrängen, ob wir die Erinnerung an jene schlimme Zeit, die Deutsche und Polen doch nur trennen kann, nicht dem Vergessen anheim geben sollten. Wirkliche Versöhnung, die die Voraussetzung für die Vereinigung Europas ist, kann sich indes nur in der Wahrheit und ohne Ausblendung des Gedächtnisses vollziehen.

Papst Johannes Paul II. fand 1979 auf seiner ersten Pilgerfahrt nach Polen, die ihn auch nach Auschwitz-Birkenau führte, die folgenden Worte über den Ort des Verbrechens im Gewissen der Menschheit:

"Dies" - ich zitiere –"sagt der Sohn eines Volkes, dem in seiner Geschichte, der ferneren und der näheren, mannigfaches Ungemach durch andere widerfahren ist. Erlaubt jedoch, dass ich diese anderen nicht beim Namen nenne - erlaubt, dass ich sie nicht nenne ... Wir stehen an einem Ort, wo wir an ein jedes Volk und an einen jeden Menschen als an einen Bruder denken wollen. Und wenn in dem, was ich sagte, auch Bitterkeit war - meine lieben Brüder und Schwestern, ich habe es nicht gesagt, um irgendwen anzuklagen - ich habe es gesagt, um zu erinnern."

Lassen Sie mich der Intention dieser Worte folgen. Die Erinnerung an die Vergangenheit darf nie gegen ein Volk gerichtet sein, darf niemals Stoff für kollektive Schuldzuweisung oder für die Suche nach kollektiver Verantwortung sein.

In den Jahrzehnten, die seit dem Krieg vergangen sind, ist nicht nur ein Wechsel der Generationen erfolgt, es haben sich auch die Beziehungen zwischen Deutschen und Polen grundlegend gewandelt. Die Feindschaft zwischen unseren beiden Völkern war verankert in der auf Jalta folgenden Ordnung und in der Welt der Berliner Mauer. Beide Völker hatten Vertreibung erfahren, doch das Leid der aus Wilna oder Lemberg Vertriebenen und das Leid der aus Breslau oder Stettin Vertriebenen verband keineswegs, sondern wurde zum Baustein einer politischen Konstruktion, die unsere Völker trennen und die Feindschaft zwischen ihnen befestigen sollte.

Die kommunistische Herrschaft war Polen gewaltsam aufgezwungen worden, fand aber die eigene Rechtmäßigkeit darin, dass die Sowjetunion, ihr eigentlicher Machtgeber, der Garant für die deutsche Teilung war und somit auch der Verteidiger der polnischen Interessen gegen Deutschland, den Erbfeind Polens. Deshalb wurde die Botschaft der polnischen Bischöfe, wurden ihre historischen Worte "Wir vergeben und bitten um Vergebung" nicht als ein Aufruf zur Versöhnung und als ein in die Zukunft weisender Gedanke angesehen, sondern als politischer Angriff gegen die Regierung, ja - so die offizielle Propaganda - als ein Akt des Verrats an den polnischen Interessen. Aus dem gleichen Grund gefährdete auch die Forderung der Solidarnosc-Bewegung nach einer neuen internationalen, auf der Freiheit des Menschen und der Freiheit der Völker fußenden Ordnung die polnische Staatsräson. Dabei bedurfte doch einzig das kommunistische System der Teilung Deutschlands.

Nicht ohne Belang ist es, so glaube ich, dass die demokratische Opposition in Polen die historischen Vorurteile hinter sich zu lassen verstand und die Notwendigkeit einer tatsächlichen Versöhnung zwischen Deutschen und Polen erkannte und dass sie es verstand, für die Vereinigung Deutschlands einzutreten, obwohl im Osten wie im Westen Europas Stimmen laut wurden, das liege nicht im Interesse der Welt. Weite Kreise der polnischen Öffentlichkeit teilten derartige Befürchtungen. Das deutsche Parlament und die deutsche Öffentlichkeit sollten, so meine ich, um die Verdienste eines Jan Józef Lipski, eines Stanislaw Stomma oder Wladyslaw Bartoszewski wissen, die in Polen unermüdlich eine neue Sicht auf Deutschland forderten.

Das deutsche Parlament und die Deutschen sollten auch die historische Rolle sehen, die Lech Walesa und der Solidarnosc-Bewegung - vom Streik auf der Danziger Werft im August 1980 bis hin zu den Wahlen im Juni 1989 - bei der Vorbereitung des Falls der Berliner Mauer und der Wiedervereinigung Deutschlands zukommt.

Erinnernd sei noch hinzugefügt, dass im Sommer 1989 auch die polnische Bevölkerung Zehntausenden von DDR-Flüchtlingen, die in die Freiheit entkamen, bevor die Mauer fiel, Hilfe erteilte. Das war eine verständliche, eine menschlich-solidarische Haltung gegenüber jenen, die das Gleiche wollten wie wir und der Hilfe bedurften, aber es war auch Ausdruck einer veränderten Haltung gegenüber den Deutschen. Den Deutschen aus der Bundesrepublik gegenüber empfanden die Polen Dankbarkeit für ihren Beistand, das Eintreten der Gewerkschaften und gesellschaftlichen Verbände für Solidarnosc, für die Unterstützung, die Hunderttausende deutscher Familien polnischen Familien während des Kriegsrechts angedeihen ließen. Den Deutschen aus der DDR gegenüber hatten die Polen das Gefühl, gemeinsam ein schweres Schicksal zu tragen.

Ich sage dies nicht, um die polnischen Verdienste herauszustreichen, sondern um einer gewissen wichtigen Lehre willen. Ich weiß, in der Politik sollte man sich vom Prinzip des Realismus leiten lassen. Aber: Die Aktivitäten der polnischen Opposition entsprachen durchaus nicht den Geboten des politischen Realismus - sie widersprachen denen, die meinten, einziger Partner für die Ostpolitik sei die Sowjetunion, und die Ordnung nach Jalta sei, zumindest in absehbarer Zukunft, unantastbar. Die polnischen Aus- und Aufbrüche konnten als romantischer Rausch oder gar romantischer Wahn aufgefasst werden. Es zeigt sich jedoch, dass es mitunter lohnt, über die Lehren der politischen Realisten hinauszugreifen; denn der romantische Impuls schießt der Politik zu, was sie in Momenten des Umbruchs braucht - nämlich Fantasie und Mut.

Wir dachten an ein vereinigtes, demokratisches und europäisches Deutschland im Hinblick auf unsere eigene Staatsräson, auf das polnische nationale Interesse. Heute können wir mit aller Bestimmtheit feststellen, dass sich in unseren beiden Staaten ein Umbruch in unseren gegenseitigen Beziehungen vollzogen hat. Der Händedruck zwischen Tadeusz Mazowiecki und Helmut Kohl war das sinnbildliche Kürzel für diesen Wandel. Niemand in Polen, der nüchtern und realistisch auf diese Beziehungen schaut, wird bestreiten, dass Polen aus diesem Wandel Nutzen zieht. Aber ich glaube, dies trifft in nicht geringerem Maße auch auf Deutschland zu: Das neue Kräfteverhältnis in den deutsch-polnischen Beziehungen ist ein Beispiel für eine "Win-Win-Situation", eine Situation also, in der beide Seiten Erfolg erzielen.

Das neue Verhältnis wäre jedoch nicht von Dauer, wenn es auf Vergessen, auf einer verordneten kollektiven Ausklammerung des Gedächtnisses beruhte. Voraussetzung für dauerhafte politische Beziehungen ist ja die Wahrheit und sie verlangt fortwährende Erinnerung, verlangt Gedächtnisarbeit.

Eben darum weckt die Entscheidung, im vereinigten Deutschland einen "Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus" zu begehen, Respekt und Bewunderung. Sie bezeugt Mut und den Willen, die jungen Generationen in der Wahrheit über jene Zeit zu erziehen, der Wahrheit über das System von Tod und Hass, über das Zeitalter der Krematorien und Gaskammern.

Über diese Zeit sind Hunderte von Büchern geschrieben worden, von den Erinnerungen derer, die überlebten, bis hin zu Dokumentensammlungen und gelehrten Monographien und Abhandlungen. Zu einigen bin ich in den letzten Tagen zurückgekehrt. Noch immer kann ich solche Bücher nicht mit intellektuellem Abstand lesen. Nach wie vor befällt mich ein Gefühl des Grauens, denn - um die Worte der polnischen Schriftstellerin Zofia Nalkowska zu zitieren - "Menschen bereiteten Menschen dieses Los." Das stellt mich vor die Frage, vor der ich mein ganzes erwachsenes Leben lang geflüchtet bin: Warum habe ich überlebt? Eben darum kann ich diese Zeit nicht als ein abgeschlossenes Kapitel der Vergangenheit betrachten. Ich vermag es nicht. Ich vermag noch nicht zurückzudenken.

Czeslaw Milosz schrieb in einem 1945 veröffentlichten Gedicht:

"Als wir das Flammenmeer der Stadt verließen
Am ersten Feldweg unsre Blicke rückwärts kehrten
Sagte ich: Gras soll über unsern Spuren sprießen
Im Feuer verstummen sollen die zeternden Propheten
Sollen doch Tote Toten sagen, was geschah …"

Ich sagte zwar nicht "Gras soll über unsern Spuren sprießen", aber ich lebte in einer ebensolchen traumatischen Abwehr gegen das eigene Erinnern.

Ich kann heute keine politische Rede halten. Ich möchte eine persönliche Erinnerung darstellen. Dabei müssen Sie sehen, dass ein 70-jähriger Mann aus der Sicht eines ungefähr zehnjährigen Kindes spricht. Wenn ich über eine einzige Stadt, meine Stadt Warschau, und über ein einziges Leben, mein Leben, spreche, dann will ich damit über die Verbrechen eines totalitären Systems insgesamt sprechen.

Die eigene Erinnerung hat äußere Bezüge: Manchmal sind es Menschen, manchmal materielle Spuren. Die Menschen sind fort, aber die materiellen Spuren gibt es noch. Das Stadtbild von Warschau hat sie aufbewahrt.

Ich habe beinahe mein ganzes Leben in Warschau zugebracht. Die Geschichte ist mit meiner Stadt grausam umgesprungen: zuerst die Bombenangriffe im September 1939, dann im Mai 1943, nach dem Aufstand im Getto, das systematische Niederbrennen jenes reduzierten Streifchens Stadt, schließlich 1944, nach dem Warschauer Aufstand, das Niederbrennen fast der ganzen Stadt. Die Straßennamen aber sind geblieben. Sie erinnern an die Geschicke der Stadt und ihrer Bewohner, an Märtyrertum und an Heldentum, an Erniedrigung und an Kampf.

Von der Altstadt Warschaus bis zu den Schienensträngen des Danziger Bahnhofs und zu der Magistrale, die den Stadtteil Wola mit dem andern Ufer der Weichsel verbindet - auf Schritt und Tritt Erinnerungen. Hin und wieder führt mein Weg mich dort entlang. Ich finde keines von den Häusern meiner Kindheit wieder, keinen der Orte, wo ich gewohnt und wo meine Angehörigen gewohnt haben. Diese Orte gibt es nicht; es gibt keine Spur, welche bezeugt, dass diese Menschen existierten. Manchmal bleibt uns nur die trockene Zeugenaussage der Statistik. So wissen wir, dass zwischen dem 23. Juli und dem 21. September 1942 254.000 Juden aus dem Warschauer Getto in nur einem der fünf Todeslager, in Treblinka, umgekommen sind, dass am 21. September desselben Jahres der letzte Transport aus dem Warschauer Getto an die Gaskammern von Treblinka ging, dass im selben Lager 2.000 Roma ermordet wurden.

In den Registern des Lagers Auschwitz findet sich ein Eintrag über einen Transport aus Bergen-Belsen, in dem auch Warschauer Juden waren. Das ist die einzige Nachricht über den Vater, die der Sohn besitzt. Auschwitz-Birkenau ist für die Welt heute ein Sanktuarium des Gedenkens an den Mord, weil man es nicht geschafft hatte, die Lageranlagen zu vernichten, doch über diesem Lager dürfen wir Treblinka, Sobibor, Belpec, Chelmno nicht vergessen, wo man gründlicher dafür Sorge trug, die Spuren zu verwischen.

Vom Warschauer Getto sind weder die 1940 errichteten Mauern noch die Häuser geblieben. Geblieben sind uns Denkmale. Das erste unter ihnen, Ecke Stawki- und Dzikastraße, ist ein Mal des Gedenkens an den Umschlagplatz, den Vorhof des Todes, von dem aus man die Juden zu den Eisenbahnrampen brachte, um sie in die Lager zu deportieren. Hingebracht wurden die, die noch am Leben waren. Denn das Getto selbst war ja eine Fabrik des Todes, das Einsammeln der Hungertoten in den Straßen ein alltäglicher Anblick. Das von der Heimatarmee herausgegebene "Informationsbulletin" meldet am 30. April 1942, von den schrecklich beengt lebenden 578 Personen in der Milastraße 51 seien 260 an Hunger und Krankheiten gestorben, in der Pawiastraße 63, wo 794 Personen wohnten, starben 450 an Hunger und Krankheiten. Das Gespenst des Hungers trieb Menschen sogar dazu, sich freiwillig auf dem Umschlagplatz zu melden, weil sie hofften, sie bekämen ein Stück Brot.

Oder umgekehrt: Auf dem Umschlagplatz gaben Ärzte ihre eigene Portion Zyankali an Kinder ab. "Denn Zyankali ist jetzt das Kostbarste, ein unbezahlbarer Schatz. Zyankali, das ist ein stiller Tod, es rettet vor den Waggons."

So schrieb Marek Edelman. Mitunter rettete auch die Arbeitsbescheinigung der schultzschen Werkstätten einen zehnjährigen Zwangsarbeiter vor dem Umschlagplatz. Für die anderen, für fast alle, waren der Umschlagplatz und das Warschauer Getto überhaupt ein Ort verlorener Hoffnung.

Noch viel mehr Erinnerungen stellen sich beim Durchwandern dieser Straßen ein, zum Beispiel an Janusz Korczak, den trefflichen Pädagogen und Schriftsteller, der am 5. August 1942 die Zöglinge des Waisenhauses auf den Umschlagplatz begleitete. Das Leben ist ein seltsamer Traum, pflegte er zu sagen. Die Angebote zu seiner Rettung schlug er aus; er wollte bis zum letzten Augenblick bei seinen Kindern bleiben. Noch ein Jahr zuvor hatte er auf einer Zusammenkunft mit kleinen Zeitungsredakteuren gesagt, wer Schriftsteller werden wolle, müsse die Menschen kennen und lieben.

Weiter kommen wir zum Denkmal von Szmul Zygielbojm, eines der führenden Männer der jüdischen sozialistischen Partei, des "Bundes", der als Mitglied des polnischen Emigrationsparlaments vergeblich versucht hatte, die Öffentlichkeit des Westens über die Tragödie der polnischen Juden aufzuklären, und sich am 13. Mai 1943 in London das Leben nahm. In seinem letzten Brief schrieb er: "Mit meinem Tod will ich aufs Heftigste gegen die Passivität Protest einlegen, mit der die Welt bei der Vernichtung des jüdischen Volkes zusieht und sie zulässt."

Daneben könnte das Denkmal von Jan Kozielewski stehen, der den Decknamen Jan Karski trug. Im September 1942 wurde er von der polnischen Untergrundbewegung mit Dokumenten und Nachrichten über das Schicksal der polnischen Juden in den Westen entsandt. Vor seiner Abreise nach London schleuste man ihn ins Warschauer Getto ein, damit er sich mit eigenen Augen überzeuge. Seinen Augenzeugenbericht gab er zuerst in London, vor Churchill, ab, dann in den USA, wo Roosevelt ihn empfing. Er rüttelte die amerikanische Öffentlichkeit mit seinen Interviews, Berichten, seinem Buch auf, aber er überzeugte sie nicht. Einer seiner Gesprächspartner, Felix Frankfurter, Richter des Obersten Gerichts, Sohn jüdischer Emigranten aus Österreich, erwiderte ihm damals, er vertraue ihm, doch er sei außerstande, zu glauben, dass das, was er da sage, wahr sei. Die kürzlich erschienene Biografie des polnischen Patrioten Jan Karski trägt den Titel "How one man tried to stop the Holocaust". Ein Mann hatte versucht, den Holocaust anzuhalten. Erhört wurde er allerdings nicht.

Wenn wir einen nach wie vor unbebauten Platz, einst das Gelände des Restgettos, überqueren, stoßen wir auf eine neue Grünanlage, die wir vor gar nicht langer Zeit nach Willy Brandt benannt haben, zum Andenken an den großen Deutschen und seine historische Geste von 1970. Wir erinnern uns an Willy Brandt, der vor dem Denkmal des Warschauer Gettoaufstands niederkniet.

Mit dem Aufstand endet die Geschichte des Warschauer Gettos. Nach der großen Vernichtungsaktion lebten Ende 1942 dort nur noch 30.000 bis 60.000 Juden. Sie nahmen einen ungleichen Kampf auf.

"Die, die gefallen sind, erfüllten ihre Aufgabe bis zum Schluss, bis zum letzten Blutstropfen, der einsickerte ins Pflaster des Warschauer Gettos. Wir, die wir entronnen sind, hinterlassen euch dies, damit das Andenken an sie nicht erlischt."

Das schrieb 1945 Marek Edelman, einer der fünf historischen Führer des Aufstands, der heute hier mit uns im Saal sitzt.

Marek Edelman ist ein Held, der Heldentum nicht mag und jedes Pathos ablehnt. Er verlangt nur, aller Menschen zu gedenken. Nicht allein an den heroischen Korczak sollen wir uns erinnern, sondern auch an eine gewisse Pola Lifszyc, die, vom Umschlagplatz gerettet, am nächsten Tag selbst dorthin zurücklief, um die Mutter nicht im Stich zu lassen. Vor allem fordert Edelman, der Menschen zu gedenken, die sich zum Kampf entschlossen, obwohl es ein aussichtsloser Kampf war. Sie wollten ihr Schicksal selbst bestimmen. Edelman beschreibt das so:

"Das Bewusstsein, dass der Tod unausweichlich war, das nach der Aktion" - gemeint ist die Vernichtung des Gettos – "um sich griff, erleichterte uns die Entscheidung, den Kampf aufzunehmen. Ich war nicht aufgeregt - vermutlich deshalb, weil eigentlich nichts passieren konnte. Nichts Größeres als der Tod, es ging ja immer nur um ihn, niemals ums Leben."

Mit einem Häuflein Überlebender aus der Jüdischen Kampforganisation schlug sich Edelman durch die Kanäle auf die andere Seite durch und nahm 1944 am Warschauer Augustaufstand teil.

Zwei Straßen nur liegen zwischen dem Denkmal am Warschauer Getto und jenem, das an den Warschauer Aufstand gemahnt, der gut ein Jahr danach, am 1. August 1944, ausbrach. Beim Gettoaufstand waren es ein paar Hundert Kämpfer und wenige Waffen gewesen, am Aufstand im August 1944 waren die Organisationen des militärischen Untergrunds beteiligt, die über ein beachtliches Waffenarsenal verfügten. Wichtiger noch: Dies war keine Bewegung der Verzweiflung, sondern eine organisierte militärische Operation. Ganz sicher treffen Edelmans Worte auf den Augustaufstand nicht zu. Hier ging es nicht um den Tod, es ging um die Freiheit. Vielleicht passt der Augustaufstand gerade deshalb nur schwer in den Kanon europäischen Gedenkens, weil er als eine der militärischen Operationen des letzten Krieges gilt. Dabei starben im Warschauer Aufstand 158.000 Soldaten und 160.000 Zivilpersonen. Gegen jene bewaffneten Jungen und Mädchen traten deutsche Eliteeinheiten an.

Nach dem Aufstand verwüsteten die deutschen Truppen systematisch die ganze Stadt, mit Ausnahme des rechten Weichselufers, wo die sowjetische Armee auf Stalins Befehl abwarten sollte, bis der Aufstand erstickt war.

Auf Befehl Hitlers steckten die deutschen Truppen systematisch Haus für Haus in Brand. Warschau sollte aufhören zu bestehen. Im Aufstand fielen Tausende der Besten. Später hieß es: Mit Juwelen haben wir den Feind beschossen. Warschau verwandelte sich in ein Trümmerfeld, zerstört waren seine historischen Bauten, zerstört oder geraubt seine Kunstschätze, in Rauch aufgegangen Hunderttausende von Büchern und Handschriften. Fast jede Warschauer Straße trägt noch Spuren des Kampfes und der Zerstörung.

Ich erwähne dieses Unheil und diese Verbrechen, die das nationalsozialistische System belasten, ohne in die Rolle des Buchhalters zu steigen, der die Schadensbilanz aufnimmt, oder des Richters, der Urteile fällt. Es ist dies vielmehr ein unvollkommener, durch das Erfahrungsprisma einer einzigen Stadt und eines einzigen Lebens geworfener Blick auf ein Phänomen des Bösen von ungeheurem Ausmaß. Es ist dies auch eine Überlegung zum kollektiven Gedächtnis und seinem Entstehen.

Zunächst also das Böse, und zwar das absolute Böse, das alle moralischen Grundbegriffe der menschlichen Zivilisation, zu denen die Gebote vom Berge Sinai ebenso gehören wie Kants moralischer Imperativ, zu verneinen scheint. Es beginnt beim Hass, der sich gegen ein Volk, eine Klasse, eine Gruppe richten kann. 1943 sagte Himmler seinen Generälen, die Ausrottung der Juden sei ein Ruhmesblatt in der Geschichte des Nationalsozialismus, sie sei eine moralische Pflicht und ein Akt der Selbstverteidigung des deutschen Volkes gewesen. Lässt sich für solche Worte auch nur irgendeine Berechtigung, auch nur irgendeine Rechtfertigung finden?

Die zeitgenössische Geschichte hat das Kapitel des Hasses nicht abgeschlossen: Die Verbrechen Pol Pots in Kambodscha, der Hass von Milosevic, der Völkermord in Bosnien, im Kosovo oder in Ruanda, der Hass Bin Ladens gegen den Westen und die Verbrechen des 11. September 2001 in Amerika bezeugen, wie groß und wie akut die Gefahr noch immer ist. Das erfordert gemeinschaftliches, internationales Handeln, erfordert Solidarität. Die Lehre aus den Geschehnissen, über die wir heute sprechen, lautet ja: Notwendig ist das Solidaritätsgefühl, aber auch die Bereitschaft zum Kampf. Die Welt hätte nicht hilflos und machtlos dastehen dürfen, als man in Deutschland Bücher verbrannte oder in Afghanistan Kulturdenkmäler zerstörte. Als Nächstes sind immer die Menschen dran. Die Verletzung der Würde des Menschen, die Verletzung der Grundregeln unserer Zivilisation, die Verletzung der Menschenrechte macht allen Schande, die von ihr wissen und ihr nicht entgegentreten.

Karl Jaspers schrieb 1946 in seinem Buch "Die Schuldfrage", die Ehrlichkeit vor sich selbst und das Gefühl für die Würde des Menschen verlangten von den Deutschen, sich die Frage nach der eigenen Schuld zu stellen. Die Furcht vor der Verantwortung flackerte noch während des Krieges auf.

Joel Heydecker, Wehrmachtssoldat und Fotograf des Warschauer Gettos, erwähnt, er habe bei seinem letzten Aufenthalt in Warschau, im November 1944, seinen Kameraden angesichts der niedergebrannten Stadt entsetzt sagen hören: "Mensch, wenn das jetzt alles auf uns zurückkommt."

Es gab auch Ungehorsame, mit anderen Solidarische, wie den Wehrmachtsoffizier Wilm Hosenfeld, der dem polnischen Pianisten Wladyslaw Szpilman half, als er sich nach seiner Flucht in den Ruinen von Warschau versteckt hielt. Nie werden wir genug Worte des Ruhmes und des Dankes für jene Ungehorsamen, Mutigen und Solidarischen finden, wie wenig es auch gewesen sein mögen. Wir müssen ihnen danken.

Die Hilflosigkeit, ja Gleichgültigkeit der ganzen Welt der Schoah gegenüber bringt uns auch auf die schmerzliche Frage nach der schmalen Grenze zwischen der Gleichgültigkeit gegen das Böse und der aktiven Beteiligung daran. Jedes totalitäre System schlägt daraus Nutzen. Die faschistischen Pläne bezogen ja auch Anstiftung zum Mord mit ein, das Schaffen von Umständen, dass der Mord von anderen - ukrainischen, litauischen oder polnischen - Händen ausgeführt wurde und nicht von deutschen. Das System des Hasses appellierte an alle unterschwelligen Strömungen und Mechanismen des kollektiven Hasses, um das Böse zu verbreiten. Die Einzigartigkeit der Schoah beruht ja auf der Propagierung des Bösen, auf der technokratischen Struktur eines Ausrottungsplans für eine ethnische, rassische oder religiöse Gruppe und darauf, dass sie das Produkt einer modernen Gesellschaft und einer hoch entwickelten Zivilisation war.

Niemand kann jedoch behaupten, dies sei eine unwiederholbare Erscheinung. Religion wie Politik sind imstande, sich der Erzeugung von Hass, Feindschaft und Fanatismus zu bedienen. Entgegentreten können dem ein kollektiver Wille und die Erinnerung an das, was geschehen ist und wieder geschehen kann, wo immer auf Erden. Was gebraucht wird, ist also ein kollektives Gedächtnis, das geprägt ist vom Wissen um die Vergangenheit, von der kritischen Analyse dessen, was war, und von bewusster Entscheidung. Denn das kollektive Gedächtnis ist es, das dem Heute die Vergangenheit zurückgibt; das kollektive Gedächtnis ist es, das ihm Sinn verleiht.

Das Europa von heute braucht ein kollektives Gedächtnis, wie der menschliche Organismus die Luft zum Atmen braucht. Dieses Gedächtnis muss auf der Wahrheit gründen. Als die UNESCO, der Schlüsselrolle der Geschichte eingedenk, nach dem letzten Krieg beschloss, die große Geschichte der Welt unter ihre Fittiche zu nehmen, meinte ein französischer Historiker, sie müsse nun den Beweis erbringen, dass Napoleon III. nicht Recht hatte, als er sagte, alle Geschichte sei die Geschichte von Kriegen. Wenn wir postulierten, die Geschichte der Welt solle eine Geschichte des Friedens sein, begäben wir uns freilich auf den Weg der Halbwahrheit. Auch die Geschichte Europas hat man geschrieben. Man vertraute jedes Kapitel einem Historiker aus einem Mitgliedsland der Europäischen Gemeinschaft an und man trug Sorge, dass es in dieser Geschichte keine Siege gab; denn der Sieg des einen europäischen Landes oder Volkes hätte stets die Niederlage eines anderen bedeutet.

Solch eine Geschichte, verfasst ad usum Delphini, elegant, gezähmt, didaktisch, dient der Zukunft nicht. Die heutigen und die künftigen Bürger der Europäischen Union brauchen eine Geschichte, die in der Wahrheit geschrieben ist, eine Geschichte, in der Platz ist für Blut, Schweiß und Not im Verein mit Mut, Erfindungsreichtum und menschlicher Solidarität. 

Die Europäische Union gehört zu den wenigen Erfolgen des 20. Jahrhunderts, dieses traurigen Jahrhunderts mit der Kleinheit seiner großen Kriege und großen totalitären Systeme. Damit die wirtschaftlichen und politischen Erfolge der Europäischen Union von Dauer sind und den globalen Herausforderungen unserer Zeit gemäß, brauchen wir die geistige Einheit Europas, brauchen wir ein europäisches Identitätsgefühl. Dazu bedarf es der Erinnerung an das, was groß war, und an das, was nichtswürdig war in der europäischen Geschichte.

Darum ist der deutsche "Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus" so wichtig. I w takim dniu Niemcy powinny wiedziec, ze Europa jest z nimi, i w takim dniu Europa jest blisko Niemiez. Taka mysl jest przeciez nadzieja dla swiata. An diesem Tag ist Deutschland bei Europa und Europa bei Deutschland. Solch ein Gedenken ist Hoffnung für die Welt.