„Betriebe müssen zunehmend um Auszubildende werben“

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Interview zum Ausbildungsmarkt „Betriebe müssen zunehmend um Auszubildende werben“

Unternehmen suchen händeringend Auszubildende, gleichzeitig sollen junge Menschen bei der Berufswahl flexibel sein. Wie können Unternehmen Auszubildende gewinnen? Und was können Jugendliche tun, die einen Ausbildungsplatz suchen? Antworten gibt der Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung, Friedrich Hubert Esser. 

5 Min. Lesedauer

Portrait von Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser

Kurz vor dem Start des neuen Ausbildungsjahres sagt BIBB-Präsident Esser: „Der Ausbildungsmarkt entwickelt sich immer stärker zu einem Bewerbermarkt.“

Foto: BIBB/Gelowicz

Wie ist die Situation auf dem Ausbildungsmarkt kurz vor Beginn des neuen Ausbildungsjahres?

Friedrich Hubert Esser: Zum jetzigen Zeitpunkt können noch keine endgültigen Aussagen getroffen werden, da der Ausbildungsmarkt sich insbesondere in den Monaten Mai bis September noch sehr dynamisch darstellt. Allerdings zeichnet es sich jetzt bereits ab, dass sich der Trend einer weiterhin sinkenden Nachfrage seitens der Jugendlichen und eines steigenden Angebots an Ausbildungsplätzen weiter fortsetzt. Sollte sich dies letztendlich bestätigen, wird sich die Ausbildungsmarktlage aus Sicht der Betriebe weiter verschlechtern.

Was empfehlen Sie jungen Leuten, die auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz sind?

Esser: Für die Jugendlichen ist es hilfreich, sich frühzeitig mit der Ausbildungsstellensuche zu beschäftigen, sich umfassend zu informieren, zu orientieren und auszuloten, welche Berufe mit den eigenen Interessen und Vorstellungen übereinstimmen. In der Folge ist der persönliche Kontakt zu möglichen Arbeitgebern ein wichtiger Schritt. Praktika bieten hier eine gute Gelegenheit, erste berufliche Erfahrungen zu sammeln und sowohl den Beruf als auch den Betrieb kennenzulernen.

Darüber hinaus empfiehlt es sich, die Bundesagentur für Arbeit bei der Ausbildungssuche einzuschalten. Dabei gilt auch: Nicht nur am Wohnort suchen! Es ist sinnvoll, berufliches Pendeln in Kauf zu nehmen, wenn damit ein Ausbildungsplatz im Wunschberuf gesichert werden kann. Dadurch könnten bestehende Probleme auf regionalen Arbeitsmärkten – zumindest teilweise – gelöst werden.

Die Zahl der unbesetzten Ausbildungsstellen war 2022 im Vergleich zum Vorjahr um etwa neun Prozent höher. Wie können die Unternehmen ihren Fachkräftebedarf sichern?

Esser: Wir haben die anhaltende Tendenz, dass der Ausbildungsmarkt sich immer stärker zu einem Bewerbermarkt entwickelt. Dementsprechend müssen Betriebe, um ihre Ausbildungsstellen besetzen zu können, zunehmend um Auszubildende werben. Die meisten Jugendlichen wünschen sich praxisnahe Informationen, eine enge Zusammenarbeit von Betrieben mit Schulen, die Ermöglichung von Praktika, die Teilnahme an Ausbildungsmessen und einen guten Internet- und Social-Media-Auftritt der Betriebe. Sichtbarkeit bringt in diesem Fall Wettbewerbsvorteile.

In Zukunft wird es wichtiger, Jugendliche mit unterschiedlichen Voraussetzungen für eine duale Berufsausbildung zu gewinnen. Hier gilt es zum einen, die Chancen schwächer qualifizierter Jugendlicher zu erhöhen, und zum anderen, verstärkt das Interesse von Jugendlichen mit Studienberechtigung an einer Ausbildung zu wecken – auch an Ausbildungsberufen, die ihnen bisher weniger bekannt sind, zum Beispiel im Handwerk.

Dabei kann es für Betriebe zudem hilfreich sein, attraktive Arbeitsbedingungen, wie zum Beispiel flexible Gestaltungen von Arbeitszeit und -ort, und „Benefits“, wie zum Beispiel Arbeitgeberzuschüsse zum „Deutschland-Ticket“ oder zu günstigem Wohnraum, anzubieten. Nicht zuletzt wird in Zukunft auch eine qualifizierte Zuwanderung von ausbildungswilligen Jugendlichen aus dem Ausland notwendig sein, um den Fachkräftebedarf decken zu können. 

Was erwarten Sie von der Ausbildungsgarantie?

Esser: Ziel muss es sein, die im Jahr 2022 gestiegene Zahl der 20- bis 34-Jährigen ohne Berufsabschluss und formale Bildung wieder zu senken. Dieser erneute Anstieg ist bedenklich, und wir müssen den Trend im Interesse der jungen Menschen und vor dem Hintergrund des Fachkräftebedarfs dringend umkehren. Dies muss einhergehen mit einer Stärkung der Berufsorientierung, so wie es ja auch eine mögliche Ausbildungsgarantie vorsieht. Wir müssen Berufsorientierung an allen Schulformen erfahrbar machen und dabei Formate wählen, die die Jugendlichen ansprechen und die ihnen mögliche Karrierepfade aufzeigen.

Aber auch die Erhöhung des Angebots an außerbetrieblichen Ausbildungsplätzen, besonders in Regionen mit einem ungünstigen Verhältnis von angebotenen Stellen zu nachfragenden Jugendlichen, kann mehr junge Menschen zu einem regulären Ausbildungsabschluss führen. Hierzu müssen außerbetriebliche Ausbildungskonzepte – inklusive der Verwendung von Bausteinen – weiterentwickelt werden. 

Ziel der Ausbildungsgarantie  ist es, allen Jugendlichen den Zugang zu einer vollqualifizierten, möglichst betrieblichen Berufsausbildung zu ermöglichen. Knapp 18 Prozent der jungen Menschen zwischen 20 und 34 Jahren haben aktuell keinen formalen Berufsabschluss.

Der „Sommer der Berufsausbildung“ informiert über die Chancen und die Vielfalt der beruflichen Ausbildung. Ist eine duale Ausbildung für junge Leute noch attraktiv?

Esser: Aus Studien des BIBB wissen wir, dass Jugendliche Berufe bevorzugen, von denen sie vermuten, dass deren Tätigkeiten und Verdienstmöglichkeiten ihren Vorstellungen entsprechen, die ihnen vertraut erscheinen und von denen sie sich soziale Anerkennung versprechen. Das Ausüben einer Fachkrafttätigkeit mit abgeschlossener Berufsausbildung erhöht in Deutschland grundsätzlich die Chancen auf höhere Einkommen und Ansehen, insbesondere dann, wenn sich eine berufliche Aufstiegsfortbildung anschließt. Viele berufliche Tätigkeiten, die einen Fort- oder Weiterbildungsabschluss voraussetzen, können es hinsichtlich Einkommen und Ansehen mit manchen Akademikerberufen aufnehmen.

Nichtsdestotrotz müssen wir aber das gesamtgesellschaftliche Verständnis zur Gleichwertigkeit beruflicher und akademischer Bildung weiter fördern. Dafür muss dem Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR) ein rechtlicher Rahmen gegeben werden, damit wir eine nachvollziehbare öffentliche Verbindlichkeit in der Gesellschaft schaffen. Und ich begrüße es sehr, dass über dieses Thema aktuell zum Beispiel im Landtag von Nordrhein-Westfalen diskutiert wird.

Laut Statistischem Bundesamt haben weibliche Auszubildende einen etwas höheren Verdienst in der Ausbildung als die männlichen Kollegen. Woran könnte das liegen?

Esser: Die Verdienstunterschiede zwischen männlichen und weiblichen Auszubildenden sind nicht auf ungleiche Vergütungen in den Tarifverträgen zurückzuführen, die grundsätzlich nicht nach Geschlecht differenzieren. Sie lassen sich vielmehr durch die gewählten Berufe erklären: Frauen sind häufiger in den Gesundheits- und Pflegeberufen vertreten, in denen die Ausbildungsvergütungen in den letzten Jahren stark gestiegen sind, so dass sie inzwischen zu den am besten bezahlten Ausbildungsberufen gehören.

Betrachtet man allerdings nur die dualen Ausbildungsberufe, die nach Berufsbildungsgesetz oder Handwerksordnung geregelt sind, so zeigt sich bei den durchschnittlichen tariflichen Vergütungen ein leichter Vorteil für die männlichen Auszubildenden. Junge Männer sind hier häufiger in Berufen mit höheren Vergütungen vertreten, zum Beispiel im Baugewerbe, während junge Frauen häufiger Berufe mit vergleichsweise niedrigeren Vergütungen erlernen, zum Beispiel Friseurin.

Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser ist Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) . Das Institut ist das anerkannte Kompetenzzentrum zur Erforschung und Weiterentwicklung der beruflichen Aus- und Weiterbildung in Deutschland. Das BIBB identifiziert Zukunftsaufgaben der Berufsbildung, fördert Innovationen in der nationalen wie internationalen Berufsbildung und entwickelt neue, praxisorientierte Lösungsvorschläge für die berufliche Aus- und Weiterbildung.