Zum 50. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges - Staatsakt in Berlin am 8. Mai 1995 - Ansprache des russischen Ministerpräsidenten

Der vom Bundespräsidenten aus Anlaß des 50. Jahrestages
des Endes des Zweiten Weltkrieges angeordnete Staatsakt
fand auf Einladung der Bundesregierung am 8. Mai 1995 im
Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin statt.


Der Ministerpräsident der Russischen Föderation, Viktor
Stepanowitsch Tschernomyrdin, hielt bei dem Staatsakt
folgende Ansprache:

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,
sehr geehrter Herr Bundeskanzler,
sehr geehrte Damen und Herren,

es ist ein halbes Jahrhundert her, seit auf dem historischen Boden
Berlins der Schlußpunkt unter den blutigsten aller Kriege in
Europa gesetzt worden ist. Die Länder und Völker bekamen
nun den langersehnten Frieden. Wir alle, die wir, wenngleich
als Kinder, diese Sternstunde der Menschheit erlebt haben,
empfinden eine besondere Verantwortung dafür, daß diese
ungeheuerliche Vergangenheit niemals wiederkehrt. Nicht
heute und nicht morgen.

Gestatten Sie mir, allen Anwesenden
im Namen des Präsidenten der Russischen Föderation, Boris
Nikolajewitsch Jelzin, und aller Völker Rußlands anläßlich
dieses für die ganze Welt bedeutsamen Datums - des 50.
Jahrestages der Beendigung des Zweiten Weltkrieges in
Europa - von ganzem Herzen zu gratulieren.

Heute verneigen wir uns alle, die wir uns auf Einladung des Präsidenten und der
Regierung der Bundesrepublik Deutschland in diesem Saal
versammelt haben, tief im Gedenken derer, die für diesen Tag
ihr Leben hingegeben haben. Wir ehren die kämpferische
Heldentat des sowjetischen Soldaten, dem der längste,
schwerste und blutigste Weg zum Frieden beschieden war. Wir
verneigen uns vor der Tapferkeit der Soldaten aller Nationen,
die in den Reihen der Antihitlerkoalition vertreten waren, vor
den Kämpfern des Widerstandes, die geholfen haben, den
Faschismus vernichtend zu schlagen.

Mit unvergänglichem Schmerz erinnern wir uns an die unwiederbringlichen Verluste
unter der friedlichen Bevölkerung von Oradour und Coventry,
Lidice und Dresden bis Warschau, Chatyn, Leningrad und
Kiew. Wir trauern um alle Opfer dieses schrecklichen Krieges.

Achtung zollen wir den deutschen Antifaschisten, allen
ehrlichen Menschen in Deutschland, den wahren Patrioten
ihrer Heimat, die sich mit dem Regime des Terrors und des
Hasses nicht abfanden und die bewiesen haben, daß sich nicht
alle durch die Naziideologie verblenden ließen.

Ich bin zutiefst überzeugt davon, daß der Mai 1945 für alle, für Russen und
Franzosen, Ukrainer und Tschechen, Polen und Griechen,
Weißrussen und Esten, ein Symbol der Befreiung von der
faschistischen Tyrannei ist. Dieser Tag brachte die Erlösung
für die Juden der Länder Europas, denen das gleiche Schicksal
zugedacht war wie den sechs Millionen von ihnen, die in den
Nazi-Konzentrationslagern erschossen, zu Tode gequält und in
Krematorien verbrannt worden sind. Und auch das deutsche
Volk hätte niemals die eigene Freiheit errungen.

Aus der Distanz eines halben Jahrhunderts sieht heute vieles deutlicher
und realer aus. Klarer erstehen vor uns die historischen
Lehren des Zweiten Weltkrieges. In den verhängnisvollen
dreißiger Jahren, als der Faschismus erst im Erstarken
begriffen war, vermochten es die europäischen Staaten des
Westens und des Ostens nicht, sich rechtzeitig
zusammenzuschließen. Sie vermochten es nicht, den
politischen Egoismus und den Geist der Gegnerschaft zu
überwinden und ein einheitliches Sicherheitssystem auf
unserem Kontinent zu schaffen. Im Wege standen ideologische
Scheuklappen, gegenseitige Voreingenommenheit und
Intoleranz. Man mußte erst durch den Anschluß Österreichs,
das Münchener Abkommen und die Okkupation der
Tschechoslowakei, den 1. September 1939 und den 22. Juni
1941, den Fall von Paris, die Luftangriffe gegen Großbritannien
und Pearl Harbour hindurch, ehe es gelang, die
Antihitlerkoalition zu bilden und die Einheitsfront zu
organisieren, die unsere Zivilisation vor Verfall und Vernichtung
rettete.

Das alles kostete siebenundfünfzig Millionen Gefallene
in jenem Kriege. Ein grausamer, unverhältnismäßig hoher
Preis! Eine harte Lehre und mahnende Warnung für unsere
und kommende Generationen.

Wir sind verpflichtet, uns auch
daran zu erinnern, daß dem allgemeinen Jubel der Maitage 1945
schon bald ein tiefes Mißtrauen folgte, das zur Spaltung
Europas führte. Besonders deutlich bekam dies das deutsche
Volk zu spüren. Erst vor knapp fünf Jahren konnte es
schließlich seine nationale und staatliche Einheit wiederfinden.
Der Abzug der russischen Truppen aus Deutschland hat den
Schlußstrich unter das Vergangene gezogen.

Jetzt, da wir aufgehört haben, uns in Sieger und Besiegte zu unterteilen, da
unsere Völker den Fuß fest auf den Weg der historischen
Aussöhnung gesetzt haben, eröffnen sich qualitativ neue
Perspektiven des russisch-deutschen Zusammenwirkens. Auf
die Zukunft der russisch-deutschen Beziehungen blicken wir
mit Optimismus und Hoffnung.

Für Rußland und Deutschland gibt es keine Alternative zur engen Partnerschaft, zu
gutnachbarlichen Beziehungen und einer Zusammenarbeit.
Gerade darin liegt ein wichtiges Unterpfand eines stabilen
europäischen Friedens begründet. Es zu wahren und zu
stärken, dieses Vermächtnis den kommenden Generationen
von Russen und Deutschen, den anderen Völkern Europas und
der Welt weiterzugeben, bedeutet die einzig richtigen
Schlußfolgerungen aus der Vergangenheit unserer
Beziehungen im scheidenden 20. Jahrhundert zu ziehen.

Es ist uns allen nicht leicht gefallen, uns vom "Eisernen Vorhang"
und der Berliner Mauer zu befreien, das Wettrüsten
einzustellen und gegenseitiges Vertrauen zu erwecken. Wir alle
sind noch bei den ersten Schritten auf diesem neuen Wege.
Und wir alle brauchen äußerste Umsicht und Behutsamkeit, um
das Fundament der heutigen Friedensordnung in Europa nicht
zu erschüttern.

Die Schaffung eines einheitlichen Friedensraumes in Europa - das ist das Vermächtnis der
Europäer, die ihr Leben in dem grausamen Krieg hingegeben
haben. Wer könnte die moralische Verantwortung
übernehmen, das zu ignorieren? Das Bestreben, eigene
Interessen auf Kosten der Interessen anderer wahrzunehmen,
führt letztlich zur historischen Katastrophe. Diese Lehre des
Zweiten Weltkrieges ist auch an der Schwelle des 21.
Jahrhunderts aktuell, da wir bemüht sind, der europäischen
Sicherheit ein neues Gesicht zu geben. Und ich bin überzeugt,
daß niemand von uns neue Barrieren braucht, unter welchem
Vorwand und wo immer auch man sie zu errichten versucht.

Der 50. Jahrestag der Beendigung des Zweiten Weltkrieges in
Europa muß der Beginn des Aufbaus eines echten
gesamteuropäischen Systems der Sicherheit und der Stabilität
auf blockfreier Grundlage sein. Gebraucht wird eine neue
Koalition für Frieden, Demokratie und Gedeihen auf der
Grundlage einer gemeinsam entwickelten Strategie für das 21.
Jahrhundert. Hier finden alle Länder, Bündnisse und
Organisationen ein weites Feld, ihre Kräfte einzusetzen. In
diesen Maitagen reichen Staatsmänner vieler Länder in London
und Paris, in Berlin und Moskau im Namen der Völker einander
die Hand der Freundschaft und Versöhnung.

Mit diesem Händedruck bekräftigen sie ihre Entschlossenheit zur
Festigung der Solidarität, der Partnerschaft und des
Zusammenwirkens, ihre Bereitschaft, sich endgültig frei zu
machen von der Last der Konfrontation vergangener Jahre,
ihren Wunsch, zusammen eine gemeinsame Zukunft
aufzubauen. Darin liegt das wahre Symbol der Feierlichkeiten,
die in diesen Tagen in vier europäischen Hauptstädten
begangen werden. Hinter alledem steht sowohl die bittere
historische Erfahrung als auch der begründete Optimismus
unserer Völker.

Sehr geehrte Damen und Herren,
auf welcher Seite der Frontlinie wir uns vor 50 Jahren auch befunden
haben mögen, ich glaube, daß wir alle heute Gleichgesinnte
und Partner sind beim Aufbau einer neuen Welt, die in das
dritte Jahrtausend tritt. Möge der Zweite Weltkrieg im
historischen Gedächtnis der Völker eine unvergängliche Lehre
und eine strenge Warnung bleiben. Möge sich jeder von uns
voll und ganz der Verbundenheit der Schicksale aller Völker auf
der Erde, der gemeinsamen Verantwortung für ein würdiges
Leben der heutigen und der künftigen Bürger unseres Planeten
bewußt sein.

Die Menschen erwarten von uns staatsmännische
Weisheit und Ehrlichkeit, Mut und Weitblick. Dienen wir ihnen
im Namen des Lebens unserer Völker und der ganzen
Menschheit!