Zum 50. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges - Staatsakt in Berlin am 8. Mai 1995 - Ansprache des französischen Staatspräsidenten

  • Bulletin 38-95
  • 12. Mai 1995

Der vom Bundespräsidenten aus Anlaß des 50. Jahrestages
des Endes des Zweiten Weltkrieges angeordnete Staatsakt
fand auf Einladung der Bundesregierung am 8. Mai 1995 im
Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin statt.


Der Präsident der Französischen Republik, Francois
Mitterrand, hielt bei dem Staatsakt folgende Ansprache:

Herr Präsident,
meine Damen und Herren,

ich bin heute abend
in meiner Eigenschaft als Präsident der Republik Frankreich zu
Ihnen gekommen. Da dies eine meiner letzten Handlungen in
diesem Amt ist, bin ich stolz, daß sie hier mit Ihnen stattfindet.
Das war wirklich das mindeste, was ich Deutschland schuldig
war. Dem Deutschland von heute, aber auch dem Deutschland
seit jeher, das Geschichte, Geographie und Kultur so
untrennbar mit Frankreich verbunden haben.

Ein eigenartiges, grausames, schönes und großes Abenteuer ist die Geschichte
dieser Brüdervölker, die mehr als ein Jahrtausend gebraucht
haben, um sich so anzuerkennen, wie sie sind, um sich
anzunehmen, um sich zu vereinen, um beim jeweils anderen die
Lehren der Wissenschaft, der Philosophie und der Politik zu
suchen, um gemeinsam zu ihrem Ursprung zurückzukehren.
Über dieses Thema könnten wir selbstverständlich lange
sprechen.

Es kam schon ein wenig in den vorherigen
Ansprachen zum Ausdruck. Sie kennen den Tenor, aber man
muß es immer wiederholen. Wir haben noch einmal Glück
gehabt. Europa wurde in einem halben Jahrhundert aufgebaut
oder wiederaufgebaut, auf so vielen Ruinen, Katastrophen und
Toten. Das ist nicht nur das Ergebnis des guten Willens oder
guter Absichten. Das ist auch eine Auswirkung der Tatsache,
daß die Generationen davor die Last zweier Weltkriege
getragen haben.

Ich glaube, unter Ihnen bin ich einer der
wenigen - und das ist um so besser für Sie -, die den Zweiten
Weltkrieg als Soldat erlebt haben. Am 8. Mai 1945 war ich als
Soldat in Paris. Es ist vielleicht interessant zu erfahren, wie ein
junger Mann von fünfundzwanzig darüber denken konnte.

Verlorene Schlacht zunächst, dann gewonnene Schlacht,
gegen wen und warum? All diese Fragen stellten sich. Es war
leicht, da stehen zu bleiben, wo wir waren. Leicht zu denken,
daß man alle Probleme mit Stärke, mit Gewalt, mit dem Gesetz
des Stärkeren lösen könnte.

Und genau diese Erkenntnis hat den Lauf der Geschichte geändert. Ich bin gekommen, um bei
Ihnen des 8. Mai 1945 zu gedenken, genauso wie der
Bundespräsident und der Bundeskanzler heute morgen in
Paris. Ich möchte den Gedanken über den Sinn dieses 8. Mai
vertiefen, denn ich glaube, daß unsere Söhne mit
Verwunderung diese Versammlung so vieler Völker betrachten,
die sich so bekämpft haben, diese Gedenkfeier eines
Ereignisses, in dem sich Sieg und Niederlage vermischen, wo
jeder seine Toten zählt und beweint, wo manchmal vergessen
wird, sich zu wundern und zu freuen, daß aus diesen Toten die
Erkenntnis dessen entstanden ist, was eine Zivilisation tun
kann und was sie nicht tun darf, was die Zukunft erwartet und
was sie verbietet. Kurz, diese Erkenntnis, die sich Sieg des
Lebens nennt.

Ich sagte soeben, daß ich den 8. Mai 1945 in
Paris erlebt habe. Fünfzig Jahre danach sind wir in Berlin.
Wenn ich von meiner Aufgabe spreche, meinem Amt, das zu
Ende geht, das ich aber noch wahrnehme, an der Spitze der
Geschicke der französischen Nation, so muß ich an die
außerordentlichen Anstrengungen denken und an die großen
Erfolge, die die politisch Verantwortlichen unserer
verschiedenen Länder auf allen Seiten erreicht haben.

Nichts wäre möglich gewesen ohne die ersten Aufrufe Churchills. Ich
hatte das Glück, sie selbst zu hören. Nichts wäre möglich
gewesen ohne diese paar Dutzend Europäer aus allen unseren
Ländern, man spricht natürlich von Schuman, Monnet,
Adenauer, de Gasperi und vielen anderen, die zum selben
Zeitpunkt dieselben Schlüsse aus demselben Unheil gezogen
haben, das sie erlebt hatten, und zwar über ihre Grenzen
hinweg.

Der Feind von gestern war der Freund von heute. Was
war geschehen? Ich weiß, daß in Deutschland darüber
diskutiert wird. Das kann nicht anders sein. Gedenken wir einer
Niederlage? Oder eines Sieges? Und welches Sieges? Es ist
zweifellos der Sieg der Freiheit über die Unterdrückung, ganz
zweifellos. Aber es ist in meinen Augen vor allem - und das ist
die einzige Botschaft, die ich hinterlassen möchte - ein Sieg
Europas über sich selbst. Und hier sind wir alle vereint und
versammelt.

Ich kann in den vierzehn Jahren, die ich an der
Spitze meines Landes gestanden habe, keinen Unterschied
machen zwischen dem Beitrag dieses oder jenes
Staatsmannes, dieses oder jenes Volkes zum Aufbau der
Europäischen Union, um nur von ihr zu sprechen, denn über
die Europäische Union hinaus gibt es seit November 1989 die
Öffnung auf ganz Europa, auf den Kontinent. Jeder weiß, daß
vor fünfzig Jahren aus der Notwendigkeit eine provisorische
Struktur entstanden ist, aber daß sie nur das Vorspiel zu dem
ist, was morgen gebaut werden wird und was Europa endlich
seinen Sinn geben wird.

Ich möchte noch etwas hinzufügen,
bevor ich schließe. Ich habe alle Etappen beim Aufbau der
Europäischen Union miterlebt, mit allem, was dazugehört und
was John Major vorhin so eindrücklich aufgeführt hat.

Ich habe auch den Krieg selbst miterlebt, und ich weiß, daß der Sieg auf
vielen Umwegen in mein Land zurückgekehrt ist. Einem Umweg
über den englischen Himmel, einem Umweg über afrikanische
Landstriche, einem Umweg über die riesigen russischen
Gebiete und das russische Heldentum, einem Umweg über die
Tiefen der neuen amerikanischen Welt, die ihrer ursprünglichen
Bestimmung folgte, um der Freiheit dort, wo sie verloren oder
bedroht war, zu Hilfe zu kommen.

Aber auch mein Land, das zunächst besiegt und besetzt wurde, hat den Sieg erlebt, mit
seinen Bündnispartnern, dank seiner Bündnispartner, aber
auch durch das Aufbegehren von Körper und Geist gegen die
Schrecken der Konzentrationslager, des Holocaust, die
Mißachtung aller menschlichen Werte und Tugenden.

Ich sprach vorhin vom Leben, von der Achtung vor dem Leben,
also der Hoffnung, von allem, was atmet, allem, was wächst,
allem, was neu entsteht, Jahr für Jahr, denn der Frühling ist
nicht nur für die Pflanzen und Dinge gemacht. Daher will ich
heute Zeugnis ablegen ohne zu urteilen.

Sieg? Niederlage? Sieg für wen? Niederlage für wen? Ohne zu urteilen, will ich
mich dennoch erinnern an das, was ich selbst erlebt habe in
der Zeit, in der Hitler Herr über Europa war und in der ich als
verwundeter und gefangener Soldat in Deutschland war,
einsam in einem Gefängnis in Deutschland, nachdem ich alles
verloren hatte bis hin zu meiner Identität, und das viele Monate
lang ohne jegliche Hoffnung. Der Himmel war dunkel.

War das nicht der Sieg der schrecklichen Ideologie, die gerade einen
Teil Europas erobert hatte? Wie sollte ich auf andere als mich
hoffen, die sich an anderen Orten befanden? Wie sollte ich dort
hoffen, mitten im tausendjährigen Nazi-Deutschland? Nun, ich
bekam wieder Hoffnung, weil ich Deutsche kennenlernte. Ja,
ich habe sie kennengelernt.

Manchmal waren es meine Wächter. Es waren die deutschen Soldaten, die Befehl hatten,
mich davon abzuhalten, meine Freiheit wiederzuerlangen, und
denen dies übrigens nicht gelungen ist. Es war ein Teil Ihres
Volkes, das sich in Wirklichkeit den Befehlen, den
Anweisungen, der irreführenden Begeisterung, den
Versammlungen, der Leidenschaft, der Begeisterung der
anfänglichen Siege entzog, Deutsche, die Widerstand
leisteten, vielleicht ohne es zu wissen, ganz einfach weil sie
ehrbare Menschen waren. Wann ich sie kennengelernt habe?
Während des Krieges. Und wo? In Deutschland.

Später, nach meiner Flucht, als ich nach Frankreich zurückgekehrt war, in
das besetzte Frankreich, dachte ich über diese Feindschaft
zwischen Deutschland und Frankreich nach. Mir wurde klar,
und ich habe das auch schon öfter gesagt, daß ich erst in
meinem Land gelernt habe, was alle künftigen Kriege gegen
Deutschland und einige andere nähren könnte, und daß
dasselbe für die meisten Länder Europas galt, denn wir haben
durch die Jahrhunderte hindurch nach und nach das
angehäuft, was wir dummerweise Erbfeindschaft nannten. Und
die Erbfeinde, da sind sie!

Die Erbfeindschaft hat nicht angedauert. Die Gesetze der Biologie haben nicht denen einer
anderen Notwendigkeit widerstanden, die viel weiter geht,
nämlich die einer menschlichen Erinnerung und einer
Solidarität zwischen den Völkern, die gezwungen sind, auf
einem Planeten zu leben, der täglich kleiner wird, der täglich
mehr zerstört wird, eines Planeten in Gefahr, unser
gemeinsames Gut, das es gemeinsam zu retten gilt, statt es mit
Bombenangriffen zu verletzen und mit Vernichtungswaffen, die
zweifellos die ganze Erde zerstören könnten, wenn man wollte.

Ich lege Ihnen also nicht meine Erfahrung als Staatschef dar.
Die europäische Politik wird nach mir fortgeführt, so wie sie
vor mir begonnen hat, vielleicht nicht auf dieselbe Art, aber
schließlich verpflichtet die Geschichte, die Geschichte befiehlt,
und man wird immer da sein, um die anderen daran zu
erinnern. Was wir getan haben, muß und wird fortgeführt
werden.

Ich sagte vorhin, der erste gemeinsame Sieg ist der
Sieg Europas über sich selbst. Morgen also wird man das
Erreichte vollenden müssen, das noch nicht zu Ende geführt
ist und es im übrigen nie sein wird.
Meinungsverschiedenheiten, Rivalitäten, Konkurrenzdenken,
Blutrünstigkeit, Mordlust - sehen Sie, wie sich das selbst in
Europa in manchen Ländern fortsetzt, in manchen Regionen
dieses Kontinents, wenige hundert Kilometer von uns entfernt.
Dies muß also unsere Geisteshaltung sein, begründet auf der
Erfahrung, der Erfahrung derer, die gekämpft haben. Das ist
die letzte Botschaft, die ich hinterlassen kann.

Ich wollte schon 1947, 1948 an der ersten europäischen Versammlung
teilnehmen, weil ich Soldat gewesen war und weil ich den Haß
um mich herum kennengelernt hatte, weil mir klar wurde, daß
dieser Haß weniger stark sein muß als die Notwendigkeit für
Europa und für die Europäer, zu leben. Und daß diese Brüder,
auch wenn sie Feinde waren, in erster Linie doch Brüder
waren, und daran muß man immer erinnern. Wenn ich von
Europa spreche, dann geht es natürlich nicht nur um den
Kontinent, auf dem ich lebe. Ich denke, diese Erkenntnis wird
eines Tages für alle Menschen auf der Erde gelten.

Das, Herr Präsident, meine Damen und Herren, war es, was ich Ihnen
sagen wollte.

Ich bin nicht gekommen, um den Sieg zu feiern,
über den ich mich 1945 für mein Land gefreut habe. Ich bin
nicht gekommen, um die Niederlage herauszustellen, weil ich
wußte, welche Stärken das deutsche Volk hat, welche
Tugenden, welcher Mut, und wenig bedeutet mir seine Uniform
und auch die Vorstellung in den Köpfen dieser Soldaten, die in
so großer Zahl gestorben sind. Sie waren mutig. Sie nahmen
den Verlust ihres Lebens hin. Für eine schlechte Sache, aber
ihre Taten hatten damit nichts zu tun. Sie liebten ihr Vaterland.
Das muß man sich klar machen. Europa bauen wir auf, wir
lieben unsere Vaterländer.

Bleiben wir uns selbst treu.
Verbinden wir die Vergangenheit mit der Zukunft, dann können
wir ruhigen Gewissens den Stab denen übergeben, die uns
nachfolgen werden.

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