Staatsbesuch des Präsidenten des Staates Israel vom 14. bis 17. Januar 1996 - Besuch im Deutschen Bundestag - Rede des Präsidenten des Staates Israel

Der israelische Staatspräsident Ezer Weizman hielt am
16. Januar 1996 im Rahmen seines nachgeholten Staatsbesuches in
der Bundesrepublik Deutschland - 50 Jahre nach Kriegsende und 30
Jahre nach Aufnahme der diplomatischen Beziehungen mit dem Staat
Israel - eine Rede vor den versammelten Mitgliedern des Deutschen
Bundestages und des Bundesrates im Plenarsaal des Deutschen
Bundestages in Bonn.

Rede des Präsidenten des Staates Israel

Der Präsident des Staates Israel, Ezer Weizman, hielt vor den Mitgliedern
des Bundestages und des Bundesrates am 16. Januar 1996 folgende Rede:

Herr Bundespräsident,
Frau Bundestagspräsidentin,
Herr Bundesratspräsident,
Herr Bundeskanzler,
meine Damen und Herren Abgeordnete des Bundestages und Bundesrates,
Exzellenzen des Diplomatischen Korps,
verehrte Gäste,
meine Damen und Herren,

das Schicksal hat es gewollt, daß ich und die Angehörigen meiner
Generation in einer Zeit geboren wurden, in der Juden in ihr Land
zurückkehrten und es neu aufbauen konnten. Ich bin nun nicht mehr
ein Jude, der in der Welt umherwandert, der von Staat zu Staat
ziehende Emigrant, der von Exil zu Exil getriebene Flüchtling. Doch
jeder einzelne Jude in jeder Generation muß sich selbst so verstehen,
als ob er dort gewesen wäre - dort bei den Generationen, den Stätten
und den Ereignissen, die lange vor seiner Zeit liegen. Daher bin ich
immer auf der Wanderschaft, aber nicht mehr auf den abgelegenen
Wegen der Welt. Jetzt wandere ich durch die Weite der Zeiten, ziehe
von Generation zu Generation, laufe auf den Pfaden der Erinnerungen.
Die Erinnerung verkürzt die Distanzen.
200 Generationen sind seit den historischen Anfängen meines Volkes
vergangen, und sie erscheinen mir wie wenige Tage. Erst 200
Generationen sind vergangen, seit ein Mensch namens Abraham
aufstand, um sein Land und seine Heimat zu verlassen und in ein
Land zu ziehen, das heute mein Land ist. Erst 200 Generationen sind
seit dem Zeitpunkt vergangen, als Abraham die Machpelah-Höhle in
der Stadt Hebron kaufte, bis zu den schweren Konflikten, die sich
dort in meiner Generation abspielen. Erst 150 Generationen sind seit
der Feuersäule des Auszugs aus Ägypten bis zu den Rauchsäulen
der Shoah vergangen. Und ich, geboren aus den Nachkommen
Abrahams im Lande Abrahams, war überall mit dabei. Ich war ein
Sklave in Ägypten und empfing die Thora am Berg Sinai, und
zusammen mit Josua und Elijah überschritt ich den Jordan. Mit König
David zog ich in Jerusalem ein, und mit Zedekiah wurde ich von dort
ins Exil geführt. Ich habe Jerusalem an den Wassern zu Babel nicht
vergessen, und als der Herr Zion heimführte, war ich unter den
Träumenden, die Jerusalems Mauern errichteten. Ich habe gegen die
Römer gekämpft und bin aus Spanien vertrieben worden. Ich wurde
auf den Scheiterhaufen in Magenza, in Mainz, geschleppt, und habe
die Thora im Jemen studiert. Ich habe meine Familie in Kischinev
verloren und bin in Treblinka verbrannt worden. Ich habe im
Warschauer Aufstand gekämpft und bin nach Eretz Israel gegangen,
in mein Land, aus dem ich ins Exil geführt wurde, in dem ich geboren
wurde, aus dem ich komme und in das ich zurückkehren werde.
Unstet und flüchtig bin ich, wenn ich den Spuren meiner Väter folge.
Wie ich sie dort und in jenen Tagen begleite, so begleiten mich meine
Väter und stehen hier und heute neben mir. Die Scharfsichtigen unter
Ihnen werden sie erkannt haben: eine Gefolgschaft von Propheten
und Bauern, Königen und Rabbinern, Wissenschaftlern und Soldaten,
Handwerkern und Schülern. Manche starben wohl lebenssatt in ihrem
Bett, manche wurden vom Feuer verzehrt, und manche fielen dem
Schwert zum Opfer. Wie von uns verlangt wird, kraft der Erinnerung
an jedem Tag und jedem Ereignis unserer Vergangenheit teilzunehmen,
so wird auch von uns verlangt,
uns kraft der Hoffnung auf jeden einzelnen Tag unserer Zukunft
vorzubereiten. Doch erst im letzten Jahrhundert schwankten wir
zwischen Tod und Leben, zwischen Verzweiflung und Hoffnung,
zwischen Entwurzelung und Einpflanzung. Dies ist das furchtbare
Jahrhundert des Todes, in dem die Nazis und ihre Gehilfen einen
großen Teil von uns während des Holocausts ermordeten, aber es ist
auch das schwindelerregende Jahrhundert der Rückkehr zum Leben,
zur Wiedergeburt, zur Unabhängigkeit und schließlich zu den
Chancen zum Frieden. Zum erstenmal spricht ein Präsident des
Staates Israel in diesem Hohen Haus. Ich danke Ihnen für die Ehre,
die Sie uns erwiesen haben, und ich freue mich, hier bekannte und
befreundete Gesichter zu sehen. Herr Bundespräsident, Frau
Bundestagspräsidentin, Herr Bundesratspräsident, Herr
Bundeskanzler, Israel erinnert sich bewegt an Ihre Besuche bei uns
und an die Haltung, die Sie den Schrecken der Vergangenheit, aber
auch den Hoffnungen der Zukunft gegenüber an den Tag gelegt
haben. Sie waren auch in der schweren Stunde bei uns, als wir
unseren Ministerpräsidenten Yitzhak Rabin, seligen Angedenkens,
zur letzten Ruhe begleiteten, der auf seinem Friedensweg ermordet
worden war, Yitzhak Rabin, der führend war auf dem Weg zum
Frieden. Ich danke Ihnen herzlich für die Freundschaft und die
Zusammenarbeit, die heute zwischen Israel und Deutschland
bestehen und die in wirtschaftlichen, sicherheitspolitischen,
kulturellen und vielen anderen Bereichen zum Ausdruck kommen.
Hier möchte ich einen Bereich aufgreifen, der mir ganz besonders am
Herzen liegt, den Bereich der wissenschaftlichen Forschung.
Deutsche und israelische Wissenschaftler teilen Wissen und
Begabung, und die deutsche Förderung der wissenschaftlichen
Forschung bei uns gehört zu den Dingen, die von den israelischen
Bürgern besonders geschätzt werden. Dennoch, meine Damen und
Herren, ist dies kein leichter Besuch. Erst fünfzig Jahre, ein
Augenblick in der langen Geschichte meines Volkes, sind vom Ende
des schrecklichen Krieges bis zum heutigen Tag vergangen. Nicht
leicht fiel es mir, das Konzentrationslager Sachsenhausen zu
besuchen. Nicht leicht ist es für mich, in diesem Land zu sein, die
Erinnerungen und die Stimmen zu hören, die von der Erde zu mir
schreien. Nicht leicht ist es, hier zu stehen und zu Ihnen zu
sprechen, meine Freunde in diesem Haus. Tausend Jahre und länger
lebten Juden in Deutschland. Bis zur Zerstörung durch die
Nationalsozialisten war dies die größte und älteste jüdische
Gemeinde in Europa, von den ersten Kaufleuten, die im Gefolge der
Römer hierher kamen, bis zu den Wissenschaftlern des 20.
Jahrhunderts, von Kalonymus bis Mendelssohn, von der Fuldaer
Ritualmordbeschuldigung bis zu den Schrecken der
Reichspogromnacht, vom Schandmal bis zum Gelben Fleck, von den
antisemitischen Schriften Martin Luthers bis zu den Nürnberger
Gesetzen, von der Schriftauslegung Raschis bis zur Lyrik Heinrich
Heines. Rabbenu Gershom, die Leuchte des Exils, Walter Rathenau,
Martin Buber, Franz Rosenzweig, Albert Einstein - dies sind nur
einige Namen, die dieses Land gekannt hat. Unter den Millionen
Kindern meines Volkes, die die Nazis in den Tod geführt haben,
waren weitere Namen, an die wir heute mit dem gleichen Maß an
Ehrfurcht und Hochachtung erinnern könnten. Doch wir kennen
diese Namen nicht. Wie viele Bücher, die niemals geschrieben
wurden, sind mit ihnen gestorben? Wie viele Symphonien, die
niemals komponiert wurden, sind in ihren Kehlen erstickt? Wie viele
wissenschaftliche Entdeckungen konnten nicht in ihren Köpfen
heranreifen? Jeder und jede einzelne von ihnen ist zweimal getötet
worden: einmal als Kind, das die Nazis in die Lager geschleppt
haben, und einmal als Erwachsener, der er oder sie nicht sein
konnte. Denn der Nationalsozialismus hat sie nicht nur ihren Familien
und den Angehörigen ihres Volkes entrissen, sondern der gesamten
Menschheit. Als Präsident des Staates Israel kann ich über sie
trauern und ihrer gedenken, aber ich kann nicht in ihrem Namen
vergeben. Ich kann nur fordern, meine Damen und Herren
Abgeordnete des Bundestages und des Bundesrates, daß Sie in
Ihrem Wissen um die Vergangenheit Ihre Sinne auch auf die Zukunft
richten, daß Sie jede Regung des Rassismus wahrnehmen und jede
Regung des Neo-Nazismus zerschlagen, daß Sie diese Elemente
mutig zu erkennen wissen und von der Wurzel her ausreißen, auf
daß sie nicht wachsen und Zweige und Wipfel bekommen. Ich
vermute, daß auch für Sie, meine Damen und Herren, der Besuch des
israelischen Staatspräsidenten einige nicht leichte Momente mit sich
bringt. Doch wir treffen uns hier nicht als Privatpersonen, sondern
als Abgesandte souveräner Staaten, und wir müssen das
Gemeinsame finden, um die von uns gesteckten Ziele anzusteuern
und zu erreichen. Unstet und flüchtig bin ich. Mit dem Rucksack der
Erinnerungen auf meinen Schultern und dem Stab meiner Hoffnung in
den Händen trete ich auf die große Kreuzung der Zeitläufte am Ende
des 20. Jahrhunderts. Wohl weiß ich, woher ich komme, und voller
Hoffnung und Besorgnis möchte ich wissen, wohin ich gehe. Der
Staat Israel befindet sich gegenwärtig auf dem Höhepunkt einer
ermutigenden und bewegenden Entwicklung, die doch zugleich auch
besorgniserregend und beängstigend ist. Schon hat sie das Leben
führender Friedenspolitiker als Opfer verlangt: das Leben des
israelischen Ministerpräsidenten Yitzhak Rabin, der kaltblütig von
einem Feind des Friedens ermordet wurde, und zuvor das Leben des
ägyptischen Staatspräsidenten Anwar Sadat. Doch der
Friedensprozeß ist der wichtigste Prozeß seit der Gründung des
Judenstaates, und wir befinden uns im Augenblick auf seinem
Höhepunkt. Herr Bundespräsident, meine Damen und Herren, länger
als hundert Jahre der Verwirklichung des Zionismus haben wir auf
diesen Frieden gehofft und uns bemüht, ihn zu erreichen. Nicht auf
Schlachtschiffen sind wir in unsere Heimat zurückgekehrt, nicht mit
erhobenen Lanzen nach Hause marschiert. In Karawanen träumender
Menschen kamen wir zurück und in Booten ausgemergelter
Flüchtlinge. Wir kehrten zurück, und wie unsere Vorväter - wie König
David den Tempelberg, wie unser Vater Abraham die Höhle in
Machpela kaufte -, so kauften wir Boden, besäten Felder, bepflanzten
Weinberge, errichteten Häuser, und noch bevor wir einen Staat
gegründet hatten, mußten wir zur Waffe greifen, um unser Leben zu
schützen. Immer wieder haben wir die Hand zum Frieden
ausgestreckt, immer wieder wurden wir zurückgewiesen. Immer
wieder mußten wir in Kriege ziehen, immer wieder töten und getötet
werden. Immer wieder mußten wir Haus und Büro, Universität und
Plantage verlassen und auf das Schlachtfeld ziehen. Und immer
wieder mußten wir entdecken, daß sich auch jenseits der größten
Siege nur Krise und Verluste verstecken. Wir sehnen uns nach
diesem Frieden, wir träumen von ihm und beten um ihn; denn dieser
Frieden begegnet uns in jedem einzelnen Abschnitt des jüdischen
Denkens: in der Thora und in den Psalmengesängen, im Talmud und
in den Schriftauslegungen, in den Gebeten und in den Midraschim.
Doch gerade wegen dieser unendlichen Sehnsucht nach Frieden,
gerade weil wir uns gut an die früheren Seiten unserer Geschichte
erinnern, insbesondere an die Seiten, die schrecklicher als alles
andere sind, die Seiten, die in diesem Lande geschrieben wurden,
müssen wir vorsichtig und pragmatisch sein. Wir pflegen diesen
zerbrechlichen, empfindlichen Friedens-prozeß, weil wir voller
Hoffnung sind, und ich bin mir sicher, auch mit Rationalität und
praktischer Umsicht. Die Terrororganisationen und extremen
islamischen Staaten trachten ebenso wie radikale Elemente in
unserer Mitte danach, den Friedensprozeß zu sabotieren. Die
Situation ist geladen, und sie ist nicht leicht: nicht nur wegen der
mörderischen Radikalität, die es sich zum Ziel gesetzt hat, diesen
Frieden zunichte zu machen, sondern auch, weil sich selbst in den
Herzen der Friedensstifter Befürchtungen eingenistet haben und die
Wunden auf beiden Seiten noch offen, die Erinnerungen noch frisch
sind. Noch schreit das Blut zu uns von der Erde. Viele
Friedensverträge wurden in der Geschichte unterzeichnet. Man
sprach dort von wirtschaftlichen Beziehungen und
Sicherheitsregelungen, über Entschädigungen und Grenzen. Als
Verteidigungsminister der israelischen Regierung habe ich an den
Friedensverhandlungen zwischen Israel und Ägypten teilgenommen,
und ich kann Ihnen sagen, daß auch in den Friedensverträgen im
Nahen Osten auf diese Aspekte genau geachtet wird, aber nicht nur
auf sie. Bei uns spricht man auch über heiligen Boden, über heilige
Gräber, über heilige Kriege, und Erinnerungen aus den Zeiten Josua
Ben-Nuns, der Tempelritter, aus den Tagen eines Pontius Pilatus und
eines Saladins schweben um den Verhandlungstisch. In das letzte
Abkommen mit den Palästinensern wurde auch ein Abschnitt
eingefügt, der von der Erziehung beider Völker zu einem Miteinander
im Frieden spricht. Im Nahen Osten, wo jahrtausendealte antike
Elemente der Rache und Abrechnung im wirrem Durcheinander
bestehen, ist doppelte Vorsicht geboten. Der Kopf möchte praktisch
und pragmatisch handeln und die Zukunft bauen. Doch die Füße
treten in den Senken jener uralten Generationen auf der Stelle, und
die Hände sind doch dieselben Hände, die einst zur Zeit der Rückkehr
nach Zion die Mauern Jerusalems errichteten - nur die eine Hand
verrichtet die Arbeit, denn die andere hält die Waffe. Nehmen Sie die
Sache bitte nicht leicht! Wir versuchen, einen Frieden zu schaffen,
der uns ins 21. Jahrhundert führt. Aber alte Kreuzfahrerkarten
hängen an der Wand, und alte biblische Erinnerungen liegen in der
Luft. Frühe Prophezeiungen wollen sich selbst verwirklicht sehen.
Und zusammen mit uns am Verhandlungstisch sitzen die Gäste aus
der Tiefe der Zeiten, Repräsentanten anderer Epochen: Josua
Ben-Nun und David Ben-Isai, der Prophet Mohammed und Jesus von
Nazareth, und sie beobachten uns genau. Manchmal ist diese Last
zum Tragen zu schwer, aber trotz Schwierigkeiten und Schmerz soll
sie doch auch die Quelle unserer Kraft und der Ursprung unserer
Hoffnung sein. Lassen Sie uns daran denken, daß es im Heiligen Land
nicht nur heilige Stätten gibt, sondern auch Häuser und Felder,
Fabriken, Lehrstätten und Werkstätten, nicht nur Gräber und
Totengebeine, sondern auch lebende Menschen, für deren Schicksal
wir verantwortlich sind. 1977 trafen sich der ägyptische Präsident
Anwar Sadat und der inzwischen verstorbene israelische
Ministerpräsident Menachem Begin in Jerusalem. Der Friedensvertrag
mit Ägypten wurde unterzeichnet, ein Vertrag, den ich persönlich gut
kenne. Seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens mit
Jordanien haben wir nun die Oslo-Abkommen mit den Palästinensern
unterzeichnet, Bande des Dialogs und der Wirtschaft mit weiteren
arabischen Ländern geknüpft und erste, nicht einfache
Friedenskontakte zu Syrien gehabt. Hoffnung liegt in der Luft, aber
wir dürfen uns nicht durch Illusionen irreführen lassen. Noch immer
besteht das Gefühl der Fremdheit zwischen beiden Völkern.
Allmählich entsteht eine Brücke gegenseitigen Verständnisses, doch
noch müssen wir viel in den Bau dieser Brücke investieren und
sicher sein, daß ihre tragenden Schichten stabil sind. Wir
respektieren unsere Nachbarstaaten und die uns umgebenden
Kulturen. Wir möchten unseren Platz in ihrer Mitte einnehmen, aber
auf unsere Art und Weise und in Treue zu unseren Werten und
unserer Kultur. Sie, meine Damen und Herren, die Sie einen
entscheidenden Beitrag zur Stärke des Staates Israel und zum
Friedensprozeß geleistet haben, wissen, daß beide Elemente
miteinander verknüpft sind. Denn nur dank der Stärke des Staates
Israel konnten wir den Friedensprozeß auf uns nehmen. Ich spreche
nicht nur von militärischer Stärke und nicht nur von materiellem
Besitz. Während der letzten hundert Jahre, seit unserer Rückkehr
nach Eretz Israel, haben wir dort nicht nur Dörfer und Städte
gegründet, nicht nur Fabriken, Viehställe, Geschäftsräume und
Militärbasen errichtet, sondern auch ein demokratisches System
aufgebaut und ein umfangreiches kulturelles und pädagogisches Netz
geknüpft: Kindergärten und Schulen, Forschungsinstitute,
Bibliotheken, Museen, Konservatorien und Universitäten. Doch über
alle diese Dinge hinaus, die in jedem zivilisierten Staat existieren,
haben wir ein besonderes Kulturwunder vollbracht: Wir haben
unsere Sprache, die hebräische Sprache, zu neuem Leben erweckt.
Es ist die Sprache, in der ich jetzt zu Ihnen spreche, die mehr als
alles andere Symbol und Zeugnis für unsere Wiedergeburt ist.
Wir und unsere Sprache leben. Wir, die wir uns aus der Asche
erhoben haben, und unsere Sprache, die in den Leichentüchern der
Thorarollen und zwischen den Seiten der Gebetsbücher gewartet
hat, leben. Die Sprache, die nur im Gebet geflüstert, nur in
Synagogen gelesen und nur in religiösen Texten gesungen wurde,
die Sprache, die in den Gaskammern, im Gebet "Shema Yisrael"
geschrieen wurde, sie ist zu neuem Leben erwacht. Ich weiß, daß die
deutsche Sprache auf vielen Feldern reicher ist als die hebräische.
Doch mir fehlen keine Begriffe, um hier und jetzt meine Gefühle zum
Ausdruck zu bringen, und gewiß fehlten uns niemals Wörter für
Glauben, Liebe, Träume, Sehnsucht und Hoffnung. Wir haben einen
Wortschatz entwickelt, der unseren besonderen Bedürfnissen
entspricht. Wir warten, wir hoffen. Wir sehnen, wir erwarten.
Verlangen ergreift uns, Erwartung erfüllt uns, Hoffen und Harren sind
unsere Begleiter. Wir sind voller Sehnsucht, wir bitten und beten .
Ich muß hier wohl einhalten und die Dolmetscher um Verzeihung
bitten, falls es ihnen schwerfallen sollte, die jeweils adäquaten
Übertragungen zu finden. Diese beiden Toten, die nach so vielen
Jahren wieder zum Leben erwacht sind, der jüdische Staat und die
hebräische Sprache, sind die Hauptelemente unseres Wesens in
diesem Jahrhundert. Gerade in diesem Jahrhundert, das uns als
Vernichtete und Tote gesehen hat, sind wir zu neuem Leben
auferstanden. Diese Sprache, die wir im Exil nur mit Gott sprachen,
sprechen wir heute in unserem Land miteinander. Wir beten noch
immer in Hebräisch, aber wir sprechen diese Sprache jetzt auch im
Alltag, wir schreiben Hebräisch und arbeiten in Hebräisch, wir
studieren in Hebräisch und streiten in Hebräisch, wir werben
umeinander in Hebräisch und singen in Hebräisch. Kann es ein
größeres Wunder geben? Denn wären der Prophet Jesaja, König
Salomo und Jesus von Nazareth hier unter uns, dann verstünden sie
meine Worte, ebenso wie ich, meine Tochter und mein Enkel ihre
uralten Worte verstehen, die vor Jahrtausenden gesprochen,
geschrieben und über die Zeitläufte hinweg aufbewahrt worden sind.
Herr Bundespräsident, Frau Bundestagspräsidentin, Herr
Bundesratspräsident, verehrte Herrschaften, ich darf Ihnen nochmals
für Ihre Gastfreundschaft danken, die Sie meiner Frau und mir und
unseren Begleitern erweisen. Mit Ihrer Erlaubnis möchte ich mit
einem Bild der Hoffnung und des Friedens schließen. Meine Väter
haben den Frieden mit einem hebräischen Sprichwort beschrieben,
das jeder Landwirt und Feldarbeiter im Nahen Osten an seinem
eigenen Leib erfahren hat: "Ein jeder wird unter seinem Weinstock
und Feigenbaum wohnen." Es ist nicht genug, im Schatten des
Weinstocks und unter den Zweigen des Feigenbaumes zu sitzen.
Frieden muß anspornen und darf nicht einschläfern. Er muß uns in
das fünfte Jahrtausend unserer Geschichte bringen, in das 21.
Jahrhundert, in dem uns kulturelle, pädagogische, technologische,
wissenschaftliche und landwirtschaftliche Herausforderungen
erwarten. Die Zukunft liegt vor uns. Das heutige Israel, mit der
umfangreichen Einwanderung, mit dem wirtschaftlichen Aufschwung
und den Friedensabkommen, muß und kann wieder das große
kulturelle Zentrum des jüdischen Volkes werden. Zu lange haben wir
unsere Mittel und Ressourcen, unsere psychische Kraft und
physische Stärke auf dem Schlachtfeld zum Einsatz gebracht. Jetzt
haben wir eine Aufgabe in den Schulen und Forschungsinstituten, in
der Werkstatt und im Labor. Dort, nicht auf dem Schlachtfeld, liegen
unsere wahren Ambitionen. Unser Wesen ist ganz und gar verankert
in Bildung, Studium und Ausbildung. Das jüdische Ethos hat stets
Pädagogen, Gelehrte und Forscher den Angehörigen der Armee
vorgezogen. Und Sie dürfen mir glauben, daß es mir als ehemaligem
Armeeangehörigen nicht leichtfällt, dies zu sagen. Meine Damen und
Herren, wir sind ein Volk der Erinnerung und des Gebets. Wir sind
ein Volk der Worte und der Hoffnung. Wir haben keine Reiche
geschaffen, keine Schlösser und Paläste gebaut. Nur Worte haben
wir aneinandergefügt. Wir haben Schichten von Ideen
aufeinandergelegt, Häuser der Erinnerungen errichtet und Türme der
Sehnsucht geträumt. Möge Jerusalem wieder erbaut werden, möge
Frieden schnell zu unseren Zeiten gestiftet und bereitet werden!
Amen.