Rede von Bundeskanzler Gerhard Schröder

Verehrter, lieber Herr Professor Heisig,
verehrte Familie,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
Frau Staatsministerin,
Herr Oberbürgermeister!

Anfangs möchte ich Leipzig zu diesem wunderbaren neuen Haus gratulieren. In Zeiten wie diesen ist es nicht mehr selbstverständlich, dass man Museen baut. Leipzig hat das getan. Soweit ich erfahren habe, entspricht es auch den Traditionen dieser Stadt. Das Haus steht auch für eine künstlerische Tradition, die Leipzig weit über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt gemacht hat. Mit der Eröffnung der Werkschau ehren wir heute Professor Heisig, den wohl berühmtesten und - man darf das ja auch sagen - erfolgreichsten Lehrer der ganz erstaunlichen Leipziger Schule. Die Kuratoren haben die Ausstellung bewusst als Beitrag zum Themenjahr "1945 – Zwischen Krieg und Frieden" konzipiert. Ich finde, das beweist historisches Gespür und aktuelle Sensibilität.

Heisigs berühmtes lithographisches Hauptwerk heißt "Der faschistische Albtraum". Es gibt Menschen, so habe ich mir sagen lassen, die den Anblick dieser Blätter kaum ertragen können, weil die Arbeiten so schonungslos, so direkt und eben so deutlich sind. Wie viel Emotion, Erinnerung und die Kraft, sie auszuhalten, muss es angesichts dessen also den Künstler gekostet haben, als es darum ging, diese Grafiken zu schaffen?

Die Zerstörungen des Krieges, die Schrecken und vor allen Dingen die Verbrechen der Nazi-Zeit sind das Lebensthema von Herrn Professor Heisig gewesen und sind es sicher immer noch. Als sehr junger Mann erlebten Sie als Soldat, wie Ihre Heimatstadt Breslau - von den Nazis noch zuletzt völlig sinnlos und menschenverachtend geopfert - in einem wirklichen Feuersturm unterging. Wer wie ich, wenn auch nur kurz, die Bilder betrachten konnte, kann sich eine Vorstellung davon machen, was es für Sie, was es für die Menschen bedeutet hat. Es dauerte dann - und das musste wohl sein - gut zwei Jahrzehnte, bevor Professor Heisig sich mit diesem Erlebnis wirklich auseinander setzen konnte. "Die Festung Breslau" ist in zahlreichen Fassungen bearbeitet worden. Sie begleitete im Grunde das Leben dieses bedeutenden Malers. Zerstörung und Selbstzerstörung, das Grauen, aber eben auch die Absurdität einer in Panik und Chaos versinkenden Welt ist das, was immer drastisch dargestellt wird.

Geschaffen wurden diese Werke in den 60er und 70er Jahren, während einer Phase ideologischer Auseinandersetzungen in der damaligen DDR. Es ist viel über diese Zeit geredet worden. Es ist vor allen Dingen viel darüber geredet worden, wer was in jener Zeit gemacht hat. Es ist auch kein Geheimnis und kann auch ganz offen in einer solchen Stunde gesagt werden: Obwohl SED-Mitglied der frühen Stunde und mit der Doktrin des sozialistischen Realismus durchaus einverstanden, übte Professor Heisig immer wieder Kritik an der staatlichen Kulturpolitik. Das ist kein Widerspruch. Es ist nie einer gewesen und sollte auch als solcher nicht verstanden werden.

Er hat das getan, weil er zum Beispiel nicht verstehen wollte, wieso man die DDR-Bürger für nicht gefestigt genug hielt, sich zum Beispiel Picasso zu Gemüte zu führen. Ihre - wie es hieß - "politische Unzuverlässigkeit" kostete Sie zwischenzeitlich Ihr Amt als Rektor der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst. Ihre Lehrtätigkeit gaben Sie 1968 aus Protest auf. Aber es ging nicht nur darum. Sie blieben Bürger des Staates, dem die DDR durchaus als eine Alternative erschien. Doch plädierten Sie immer wieder für Kunstqualität und wehrten sich ganz entschieden, wenn diese einer falschen Staatsräson untergeordnet werden sollte.

Es gibt Stimmen, die sagen: Heisig habe seine Kompromisse gemacht, habe den Weg in eine "offizielle" Karriere zurückgefunden. Es stimmt: Seine Kunst wurde anerkannt, mit Beginn der 80er Jahre aber eben auch im Westen. Aber mit einer gewissen, ihm eigenen Hartnäckigkeit blieb er seinem "Bildstoff" doch treu, vor allem der Auseinandersetzung mit Krieg und Faschismus. Gewiss: Für die einen war er und bleibt er bis heute der wichtigste Repräsentant der DDR-Kunst. Damit sind eben auch alle Ressentiments verbunden, die leicht mit einem solchen Etikett einher gehen. Für die anderen ist Bernhard Heisig einer der bedeutendsten deutschen Künstler des zurückliegenden Jahrhunderts.

Ich gestehe ganz offen: Ich bekenne mich zur letztgenannten Auffassung, weil ich dafür plädiere, aufrichtig und respektvoll vor allen Dingen mit Person und Werk umzugehen, denn beides ist nicht voneinander zu trennen. Bernhard Heisig hat den Großteil seines Lebens in zwei Diktaturen verbracht. Nach den harten Kriegserfahrungen als sehr junger Mensch lebte er fortan in der Überzeugung, dass unsere Gesellschaft sich seiner Geschichte stellen muss und dass es ohne Auseinandersetzung keinen wirklichen Fortschritt geben kann. Ich finde, das sind Überzeugungen, für die man sich nicht entschuldigen muss.

"Schwierigkeiten beim Suchen nach der Wahrheit" heißt eines der Gemälde - fast ein Motto des Heisig´schen Gesamtwerks. Ich werde mir nicht anmaßen, über eine solche Suche nach Wahrheit zu richten. Mir jedenfalls steht es nicht zu, so glaube ich. Wer nicht unter dem Druck und der Einschränkung eines autoritären Systems leben musste, kann auch nicht den Anspruch erheben, dass man selbst widerstanden und alles richtig gemacht hätte. Aber eines sollten wir festhalten: Den Wert, in einer freien Gesellschaft aufzuwachsen und sein Leben gestalten zu können, kann man nicht hoch genug einschätzen. Es ist ein Wert, den es stets aufs Neue zu verteidigen gilt   aktuell gegen jene, die wieder einmal Intoleranz und Ausgrenzung propagieren.

Die großartige Heisig-Werkschau wird ein ganz großer Erfolg. Ich bin dessen sicher. Sie ist ein Ereignis und ein Glücksfall für das neue Museum; gleichsam ein Heimspiel hier in Leipzig, Herr Oberbürgermeister. Die Ausstellung, wir wissen es, wird nach Düsseldorf und nach Berlin weiterwandern. Dort wird sie auf andere Perspektiven treffen und auf ihre Weise dazu beitragen, einen neuen Blick auf Heisigs Werk und das Kunstschaffen in der DDR zu öffnen.

Ihnen, sehr geehrter, lieber Herr Professor Heisig, gratuliere ich zu der Ausstellung, die mit Ihrem Werk wahrlich Maßstäbe setzt. Ohne irgendeine Reserve sage ich: Ich habe nicht nur großen Respekt vor Ihrem Lebenswerk, sondern auch vor Ihnen. Deswegen bin ich sehr gerne hierher gekommen.