offizieller besuch des bundeskanzlers in chile und brasilien vom 19. bis 29. oktober 1991

  • Bulletin 125-91
  • 8. November 1991

bundeskanzler dr. helmut kohl stattete der republik
chile vom 19. bis 22. oktober 1991 und der foederativen
republik brasilien vom 22. bis 29. oktober 1991 einen
offiziellen besuch ab.

besuch in der foederativen republik brasilien

rede vor dem club transatlantico in sao paulo

bundeskanzler dr. helmut kohl hielt vor dem club
transatlantico in sao paulo am 27. oktober 1991 die
nachstehende rede:

i.
herr praesident, meine sehr verehrten damen und herren!

fuer den freundlichen empfang danke ich ihnen sehr
herzlich. gerne nehme ich die gelegenheit wahr, hier in sao
paulo im club transatlantico vor ihnen zu sprechen.
dieser club steht in einer langen und guten tradition der
von deutschen einwanderern im vergangenen jahrhundert
gegruendeten vereine. nach dem krieg ist daraus der club
transatlantico hervorgegangen. er hat sich zu einer wichtigen
staette der begegnung zwischen unseren beiden laendern
entwickelt. an diese gute tradition moechte ich heute
anknuepfen.
es ist mir eine ganz besondere freude, heute als der erste
frei gewaehlte bundeskanzler des seit nunmehr gut einem
jahr wiedervereinigten deutschland bei ihnen sein zu
koennen. bereits diese tatsache macht deutlich, wie dramatisch
sich die welt seit dem ausgang der achtziger jahre veraendert
hat. gerade weil sich die zukunftsaussichten so dramatisch
veraendern, ist es heute wichtig, sich darauf zu besinnen,
woher wir kommen und auf welchem boden wir stehen.
ich bin nicht zuletzt wegen dieser traditionsreichen
beziehungen bei meiner ersten grossen auslandsreise nach meiner
wahl zum bundeskanzler des vereinten deutschland hierher
nach suedamerika gekommen - nach chile und brasilien. die
deutsch-brasilianischen beziehungen spielen eine wichtige
rolle in der geschichte unserer voelker. viele von ihnen
- die namen machen es deutlich - repraesentieren in ihrer
eigenen familiengeschichte zugleich ein stueck deutscher und
brasilianischer geschichte.
bei meinem besuch in blumenau vor ein paar tagen war es
beinahe mit haenden zu greifen, was deutsche geschichte
ausgemacht hat: kleine bauern aus meiner pfaelzischen
heimat, aus der nachbarschaft im hunsrueck, aus pommern
fanden aus der not heraus den weg ueber das meer. andere
wollten endlich freiheit und kamen deshalb in ihr land. ich
sage dies auch voller respekt fuer das grosse land brasilien,
das nicht wenigen deutschen eine neue heimat schenkte.
wir koennen ueber diese menschliche dimension hinaus auf
dem schatz unserer kulturellen beziehungen aufbauen.
gerade hier vor einer handelskammer wuerde ich mir
wuenschen, dass sie bei aller notwendigkeit der oekonomischen
diskussion auch die kulturelle dimension der beziehungen
zwischen unseren voelkern nicht vergessen.
so wuensche ich mir, dass wieder mehr junge brasilianer in
deutschland studieren, zum beispiel an meiner
heimatuniversitaet heidelberg. wir werden voraussichtlich im
naechsten jahr eine deutsch-amerikanische akademie der
wissenschaften gruenden. ihr wirken soll nicht auf nordamerika
beschraenkt bleiben. foerdern auch sie eine solche
entwicklung bei ihnen. ich selbst werde mich nicht zuletzt fuer
die pflege unserer sprache einsetzen. deutsch zu sprechen, ist
jetzt zunehmend wieder "in", ich begruesse es, wenn
moeglichst viele unsere muttersprache erlernen.
wir erleben eine zeitenwende, wie sie vor wenigen jahren
von den meisten noch fuer voellig undenkbar gehalten worden
waere. europa steht im zentrum dieser historischen
ereignisse. aber die veraenderungen - etwa das
zusammenbrechen einer der wichtigsten ideologien unserer tage -
strahlen weit ueber den alten kontinent hinaus. das ende des
ostwest-konflikts macht sich ueberall in der welt bemerkbar -
sei es in asien, im nahen osten, in schwarzafrika oder hier
in suedamerika. es liegt an uns allen, diese neuen chancen
zum vorteil der menschen zu nutzen.

wie tiefgreifend die veraenderungen sind, zeigen die
ereignisse der letzten zwei jahre:

- die teilung berlins ist aufgehoben. die teilung berlins
war immer die teilung deutschlands, und die teilung
deutschlands war immer ausdruck und symbol fuer die
teilung europas.
- die soziale marktwirtschaft findet anerkennung und
verbreitung rund um die welt. karl marx wird von
ludwig erhard abgeloest.
- vor wenigen wochen hatte ich eine unvergessliche
stunde, als wir in formeller weise mit den drei baltischen
staaten estland, lettland und litauen die diplomatischen
beziehungen wieder aufgenommen haben. einer der drei
baltischen aussenminister sagte dabei: "wir sind
heimgekehrt nach europa."
- in diesen tagen erhaelt leningrad seinen alten namen
sankt petersburg zurueck - ein ereignis von grosser
symbolkraft.
- wir diskutieren im augenblick mit der sowjetunion und
den einzelrepubliken, wie sich dieser staat gestalten wird.
wir draengen uns niemandem auf. aber wenn wir gefragt
werden, raten wir, dass es bei aller notwendigen foederalen
gliederung dieses grossen gemeinwesens auch eine
zentrale geben muss, die wichtige aufgaben fuer das gesamte
land wahrnimmt.
- die praesidenten george bush und michail gorbatschow
haben abruestungsvorschlaege vorgelegt, die vor fuenf
jahren als utopisch betrachtet worden waeren. nie bestanden
so gute chancen wie heute im jahre 1991, frieden zu
schaffen mit immer weniger waffen.

die fuelle der guten nachrichten fuehrt dazu, dass vieles
bereits als selbstverstaendlich angesehen wird, was noch
vor wenigen jahren eine weltsensation gewesen waere.
besonders wir deutschen haben allen grund, uns von
herzen zu freuen und dankbar zu sein. wir haben zusammen mit
unseren nachbarn und freunden in der welt das ziel
erreicht, "in freier selbstbestimmung die einheit und
freiheit deutschlands zu vollenden".
jetzt streben wir mit gleicher kraft danach, auch den zweiten
auftrag unseres grundgesetzes zu erfuellen, "als
gleichberechtigtes glied in einem vereinten europa dem frieden
der welt zu dienen." neun jahre vor beginn des naechsten
jahrtausends wissen wir, dass unsere zukunft nicht im
nationalstaat alter art liegt, sondern mit dem begriff
"deutschland und europa" zu umschreiben ist.
"wir sind deutsche europaeer und europaeische deutsche",
wie es einmal treffend formuliert worden ist. heute haben
wir eine realistische chance, die "vereinigten staaten von
europa" zu errichten, wie es winston churchill schon 1946
in seiner beruehmten zuercher rede forderte. dabei werden
die vereinigten staaten von europa nicht mit den vereinigten
staaten von amerika vergleichbar sein, denn wir bleiben
italiener, deutsche oder franzosen.
deutsche einheit und europaeische einigung sind zwei seiten
derselben medaille. noch in diesem jahr werden wir die
europaeische wirtschafts- und waehrungsunion und die
politische union endgueltig auf den weg bringen.
es sind nur noch 14 monate bis der grosse europaeische
binnenmarkt fuer 340 millionen buerger am 31. dezember
1992 in kraft tritt. fuer menschen, waren, dienstleistungen
und kapital wird es dann keine grenzen mehr geben.
noch vor ein paar jahren wurde dieses integrationsziel fuer
unmoeglich gehalten, es ging das schlimme wort von
"eurosklerose" um. heute ist die wirtschaftliche und politische
einigung europas eine realitaet und ich bin fest davon
ueberzeugt: bis ende der neunziger jahre werden wir eine
unabhaengige europaeische zentralbank haben, die
ausschliesslich der waehrungsstabilitaet verpflichtet ist. das
ist gerade fuer uns deutsche eine entscheidende voraussetzung
auf dem weg nach europa.
nach der juengsten einigung mit den efta-laendern wird
der europaeische wirtschaftsraum zum 31. dezember 1992
um weitere 40 millionen menschen wachsen. zunehmend
deutlich wird bereits jetzt, dass mitte des jahrzehnts
schweden und oesterreich der europaeischen gemeinschaft
beitreten werden. dann wird sich dieselbe frage fuer norwegen
und finnland stellen ebenso wie fuer unsere schweizer
freunde.
natuerlich erleben wir auch rueckschlaege. wer die bilder
heute abend aus jugoslawien sieht, weiss, dass auch jetzt
mitten in europa noch mit kriegerischer gewalt versucht
wird, das selbstbestimmungsrecht einzudaemmen.
mit panzern kann man jedoch keinen staat
zusammenhalten. vielmehr muss am ende des laufenden
verhandlungsprozesses fuer alle republiken, die dies wuenschen,
der weg zur selbstaendigkeit offenstehen.

ii.
meine damen und herren, es geht jetzt darum, den
laendern mittel-, ost- und suedosteuropas, nicht zuletzt und vor
allem in der sowjetunion, hilfe zur selbsthilfe zu geben. es
ist in unser aller interesse, wenn die reformstaaten die
demokratischen fundamente sichern sowie moeglichst rasch
und umfassend marktwirtschaftliche strukturen schaffen.
auf diesem weg muessen wir ihnen helfen.
den menschen, die sich mit so viel hoffnungen ihres alten
systems entledigt haben, muss eine klare perspektive fuer eine
bessere wirtschaftliche zukunft eroeffnet werden. deshalb
sind in den reformlaendern jetzt beharrlichkeit und
stehvermoegen, aber auch weitere hilfe durch den ganzen westen
gefordert. die bundesrepublik deutschland ist mit hilfen in
einer groessenordnung von 90 mrd. dm in den letzten jahren
an der grenze ihrer leistungsfaehigkeit angelangt. jetzt
muessen auch die anderen laender des westens, die vereinigten
staaten von amerika ebenso wie japan, ihre verantwortung
uebernehmen.
vieles von dem, was in der sowjetunion, in polen, der csfr
und ungarn unter ungleich schwierigeren bedingungen erst
noch geleistet werden muss, haben wir im oestlichen teil
deutschlands bereits geschafft. ich bin zuversichtlich, dass
wir die unvermeidliche talsohle nach dem zusammenbruch
der planwirtschaft jetzt zuegig durchschreiten und die
aufschwungkraefte allmaehlich die oberhand gewinnen.
die neuen bundeslaender werden sich in den kommenden
jahren zu hervorragenden standorten mit einer modernen
infrastruktur und erstklassigen arbeitskraeften entwickeln.
ich bin fest ueberzeugt: in drei, vier, fuenf jahren werden wir
es wirtschaftlich geschafft haben. dabei haben wir die
chance, auch jahrelang eingefahrene gleise in der alten
bundesrepublik zu verlassen, soweit es sinnvoll ist.
der wirtschaftliche aufbau in der ehemaligen ddr wird
ohne zweifel durch die gute wirtschaftliche verfassung
im westen der bundesrepublik deutschland erleichtert.
zusammen mit japan verzeichnen wir 1990/91 das kraeftigste
wirtschaftswachstum unter den grossen industrielaendern.
die wiedervereinigung hat einen nachfrageschub ausgeloest,
der sich jetzt wieder normalisiert. fuer 1991 erwarten wir
insgesamt ein wachstum von ueber 3 prozent. fuer das
naechste jahr haben die forschungsinstitute in diesen tagen ein
gesamtdeutsches wachstum von plus 2 1/2 prozent
prognostiziert.
die gute wirtschaftliche verfassung im westen deutschlands
hat es uns erleichtert, in erheblichem umfang ressourcen
fuer den wiederaufbau unserer oestlichen bundeslaender zu
mobilisieren. in den 18 monaten von mitte 1990 bis ende
1991 stellen wir hierfuer insgesamt ueber 100 mrd. dm bereit.
auch im haushalt 1992 dient jede vierte mark investitionen
in den aufbau der neuen bundeslaender. aber ich fuege
hinzu: wir halten konsequent an unserer stabilitaetspolitik
fest. eine stabile d-mark ist und bleibt entscheidend fuer eine
gute entwicklung in der zukunft.

iii.
meine damen und herren, ich habe ihre einladung auch
deshalb gerne angenommen, weil sie mir gelegenheit gibt,
ihnen meine anerkennung fuer die anstrengung auszusprechen,
mit der sie hier in brasilien die grossen aufgaben der
neunziger jahre angehen.
ich weiss, dass sie angesichts der hohen inflation und
wirtschaftlichen stagnation eine sehr schwierige zeit
durchmachen. sie ist fuer niemanden leicht - weder fuer die
menschen, noch fuer unternehmer, die um ihre existenz und um
maerkte von morgen kaempfen muessen. natuerlich sehe ich
auch: ihre regierung hat schon einiges getan, um der
schwierigen lage herr zu werden. notwendige
wirtschaftliche reformen sind eingeleitet. wenn wir mit unseren
erfahrungen helfen koennen, wie etwa bei der privatisierung
staatlicher unternehmen, so tun wir dies gern.
ich glaube, dass ludwig erhards konzeption der sozialen
marktwirtschaft ebenso fuer ihr land ausserordentlich
erfolgreich sein wird. doch nach dem zweiten weltkrieg
war die einfuehrung der sozialen marktwirtschaft bei uns
durchaus nicht unumstritten. mit seiner mutigen
wirtschaftsreform und mit seiner vertrauenschaffenden
stabilitaetspolitik stellte erhard die weichen fuer den heute
erreichten wohlstand.
ich sage dies auch deshalb, weil es angesichts der
zunehmenden globalisierung der maerkte und internationalisierung
der produktion in unserem gemeinsamen interesse liegen muss,
so wichtige laender wie brasilien voll in die weltwirtschaft zu
integrieren.
nur so - und dies ist unsere erfahrung - ist soziale
marktwirtschaft moeglich. und nur mit einem lebendigen
mittelstand koennen steigende einkommen und beschaeftigung
sowie soziale sicherung fuer breite bevoelkerungsschichten
erreicht werden.
ich moechte sie ermutigen, den eingeschlagenen weg
konsequent fortzusetzen.
bei dem problem der aussenschuld muss es darum gehen,
eine einvernehmliche loesung mit den banken und
glaeubigerlaendern zu finden. ich freue mich, dass die
gespraeche mit den banken konstruktiv verlaufen.
zu der weiteren raschen wirtschaftlichen entwicklung
brasiliens und ganz lateinamerikas koennen regionale
zusammenschluesse viel beitragen. wir haben in ueber 30 jahren
europaeischer integration selbst erfahren, welche vorteile es
fuer die menschen mit sich bringt, grenzen abzubauen und
maerkte zu oeffnen.
brasilien hat sich zusammen mit seinen nachbarn
argentinien, paraguay und uruguay auf den weg zu einem
gemeinsamen markt mit 190 millionen einwohnern im
suedlichen teil lateinamerikas gemacht - dem mercosul. ich
wuerde es sehr begruessen, wenn solche zusammenschluesse zu
einer engen assoziierung mit dem zusammenwachsenden
europa fuehren wuerden. es ist im europaeischen und im
deutschen interesse, wenn die klassischen beziehungen
zwischen lateinamerika und europa noch weiter verstaerkt
werden.

iv.
mitentscheidend fuer den erfolg ihrer wirtschaftspolitischen
anstrengungen ist ein guenstiges weltwirtschaftliches
umfeld: das wachstum von welthandel und weltwirtschaft,
sowie die offenheit der maerkte bei ihren handelspartnern
sind hier die zentralen stichworte. die bundesrepublik
deutschland als eine wichtige exportnation ist sich ihrer
besonderen weltwirtschaftlichen verantwortung bewusst und
wird ihr auch gerecht.
wir leisten einen erheblichen beitrag, die weltkonjunktur
zu stabilisieren. nicht zuletzt wegen der stark gestiegenen
nachfrage in ostdeutschland haben unsere einfuhren in den
ersten sieben monaten dieses jahres um plus17 prozent
zugenommen. damit stuetzen wir die konjunktur unserer
handelspartner ganz beachtlich.
unsere einfuhren aus brasilien sind in diesem zeitraum um
plus8 prozent gestiegen. brasilien ist damit unser wichtigster
handelspartner in lateinamerika. im bilateralen handel
unserer laender erzielt brasilien traditionell einen
ausfuhrueberschuss. dies unterstreicht die guten marktchancen
brasilianischer produkte in deutschland. die dabei
erwirtschafteten devisenueberschuesse koennen in die weitere
entwicklung brasiliens investiert werden.
zugleich ist deutschland nach den usa der bedeutendste
auslaendische investor hier im land. mit einem bestand von
ueber 9,5 mrd. dm ist brasilien das mit abstand wichtigste
anlageland deutscher investoren in lateinamerika, asien
und afrika. die bundesrepublik deutschland legt deshalb
grossen wert darauf, dass bald auch mit brasilien ein
investitionsfoerderungs- und -schutzvertrag abgeschlossen
werden kann. dies koennte das engagement der deutschen
wirtschaft in brasilien gewiss weiter verstaerken.
wie eng unsere wirtschaftlichen beziehungen sind, zeigt sich
auch in der wissenschaftlich-technologischen
zusammenarbeit.
sie ist eine der intensivsten und aeltesten partnerschaften und
hat modellcharakter fuer die internationale kooperation in
forschung und technologie mit vielen laendern erlangt. in
diesem rahmen findet auch ein erheblicher
technologietransfer zwischen den beteiligten unternehmen statt.
mit der oeffnung osteuropas ist die konkurrenz der
verschiedenen investitionsstandorte haerter geworden. weltweit
herrscht ein mangel an sparkapital. der wettbewerb um
investoren ist entsprechend ausgepraegt. in dieser situation
kommt es um so mehr darauf an, ein besonders guenstiges
investitionsklima fuer einheimische wie auslaendische
kapitalgeber zu schaffen.
wir alle sind auf offene weltmaerkte angewiesen. ich trete
deshalb mit nachdruck dafuer ein, die laufende
uruguayrunde des gatt jetzt alsbald erfolgreich abzuschliessen.
ich habe dies immer wieder in der oeffentlichkeit auch mit
dem hinweis verbunden, dass wir den weniger entwickelten
laendern eine faire chance bieten muessen, staerker als bisher
am freien welthandel teilzuhaben.
wie sonst sollen sie in den besitz von devisen kommen, die
sie fuer aufgaben in ihren eigenen laendern so dringend
benoetigen? wer kredite erhaelt, um in den industrielaendern
einzukaufen, muss zugleich auch die chance erhalten, dort
seine produkte zu verkaufen. sonst werden sich die
schuldenprobleme vieler laender niemals loesen lassen.
wir haben alle gewusst: diese gatt-runde muss auch ein
signal setzen fuer ein verbessertes handelspolitisches
zusammenwirken von industrielaendern mit den schwellen- und
entwicklungslaendern. darum steht der name
uruguayrunde zugleich fuer die bereitschaft beider seiten,
bestehende handelshemmnisse abzubauen. diese
zusammenarbeit muss im interesse aller zum erfolg fuehren.
die industrielaender stehen hier in besonderer verantwortung.
gerade auch laender, die wie brasilien an der schwelle
zum industrieland stehen, haben auf die gatt-verhandlungen
grosse hoffnungen gesetzt. wir duerfen und werden
diese nicht enttaeuschen.
die bundesregierung wirkt deshalb innerhalb der
europaeischen gemeinschaft darauf hin, gerade im wichtigen
agrarbereich zu einer flexibleren eg-verhandlungsposition
zu kommen. damit wollen wir dazu beitragen, die
uruguay-runde bis ende des jahres erfolgreich
abzuschliessen.
ein fairer gesamtkompromiss beim gatt setzt ein
entgegenkommen aller verhandlungspartner voraus - nicht nur
bei der schwierigen frage des agrarhandels, sondern auch
beim schaffen multilateraler regeln fuer den internationalen
dienstleistungshandel. hierbei kommt brasilien eine
wichtige rolle zu.

v.
lassen sie mich abschliessend auf eine der zentralen
herausforderungen fuer die naechsten jahre und jahrzehnte
eingehen. ich meine die internationale zusammenarbeit im
bereich des umweltschutzes. es geht um ein thema mit
historischer dimension - um dssischen regenwaelder und das
ozonloch ueber der antarktis betreffen die menschen hier in
sao paulo ebenso wie in bonn oder meiner heimatstadt
ludwigshafen. die gefahr weltweiter klimaveraenderungen
ruehrt ohne unterschied an den lebensnerv aller voelker. wir
brauchen deshalb eine weltumspannende
umweltpartnerschaft.
ich habe mich in den vergangenen jahren bei den
weltwirtschaftsgipfeln - zuerst in toronto 1988 - intensiv fuer
weltweite gemeinsame anstrengungen eingesetzt. dies gilt in
besonderem masse fuer den schutz des tropischen
regenwaldes, der fuer das klima auf unserem planeten eine so
unersetzliche rolle spielt.
meine damen und herren, viel zu lange haben wir die
bedeutung des themas umweltschutz unterschaetzt. aus
unserer erfahrung in deutschland weiss ich, dass wir spaeter
ungleich mehr mittel zur sanierung und reinhaltung unserer
umwelt aufwenden muessen, als dies bei rechtzeitigem
handeln notwendig waere.
wir sollten heute diueesen fehlern lernen. brasilien und
deutschland kommt dabei eine besondere rolle zu:

- der naechste wirtschaftsgipfel der industrielaender findet
im juli 1992 in muenchen statt. unter meinem vorsitz
werden wir insbesondere die globalen umwelt- und
entwicklungsthemen besprechen.
- die un-konferenz fuer umwelt und entwicklung, die im
juni naechsten jahres in rio de janeiro stattfindet, wird im
zeichen dieser grossen menschheitsaufgaben stehen.

wir alle - industrie- und entwicklungslaender - haben
groesstes interesse daran, dass diese konferenzen ein erfolg
werden.
wir wollen dabei unseren beitrag leisten. umwelt und
entwicklung stehen in einem unaufloeslichen zusammenhang.
es geht nicht um bevormundung oder einmischung - wie
ich auch dem gouverneur des staates amazonien in diesen
tagen sagte. es geht vielmehr um die bewahrung der
schoepfung - zum wohl der jetzt lebenden und kuenftiger
generationen auf unserer erde. dies muss unser gemeinsames ziel
sein, wenn es darum geht, die tropischen regenwaelder im
amazonasgebiet zu schuetzen und zu erhalten.
ich habe staatspraesident collor deshalb eine enge
zusammenarbeit bei der vorbereitung der konferenz in rio
angeboten. wir deutschen sind bereit, fuer ein gemeinsames
deutsch-brasilianisches pilotprojekt zur erhaltung der
tropischen regenwaelder im amazonasgebiet mit 250 mill. dm
beizutragen. wie ich mich gestern ueberzeugen konnte,
leisten die wissenschaftler des max-planck-institutes bereits
jetzt unter schwierigen bedingungen beachtliches.
mir ist dabei sehr wohl bewusst: wo sich viele menschen um
ihre taegliche existenz sorgen, muss die einsicht noch
wachsen und gefoerdert werden, dass wir heute handeln muessen,
um das morgen zu sichern. denn eine kurzsichtige und
kurzfristige ausbeutung und zerstoerung natuerlicher
lebensgrundlagen entzieht einer kuenftigen
wirtschaftsentwicklung den boden.
der schutz der umwelt und ein schonender umgang mit den
natuerlichen ressourcen einerseits und eine gesunde
wirtschaftliche entwicklung andererseits gehoeren unaufloeslich
zusammen. ich spreche hier auch aus leidvoller deutscher
erfahrung: weil kommunistische diktatur und zentrale
planwirtschaft in ostdeutschland diesen zusammenhang
jahrzehntelang missachtet haben, muessen wir heute hohe
milliardenbetraege fuer die umwelt-sanierung unseres landes
aufwenden.

vi.
meine damen und herren, wir stehen vor grossen
herausforderungen, wir in europa und sie hier auf dem
amerikanischen kontinent. aber ich betone: es geht um unsere
gemeinsame zukunft. viele aufgaben, die sich ihnen und
uns stellen, koennen wir nur gemeinsam loesen.
das ende des weltweiten ruestungswettlaufs eroeffnet uns
erstmals die chance, alle kraefte auf die loesung unserer
globalen aufgaben im umweltschutz, in der entwicklungshilfe
und fuer die sicherung eines friedlichen wirtschaftlichen
wettbewerbs zum vorteil aller zu konzentrieren.
mir ist sehr an einer guten und fairen zusammenarbeit
gelegen. wir koennen auf die ausgezeichneten beziehungen
zwischen brasilien und deutschland und den guten willen
beider seiten aufbauen.
machen wir uns gemeinsam an die arbeit. es geht um
unsere laender, es geht um unsere zukunft und die zukunft
unserer kinder und enkel in der welt von morgen.


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