erklaerung des bundeskanzlers vor dem europaeischen parlament ueber die ereignisse in mittel- und osteuropa

undeskanzler dr. helmut kohl gab in einer
sondersitzung des europaeischen parlaments in strassburg am
22. november 1989 im rahmen der aussprache "ueber
die ereignisse in mittel- und osteuropa sowie ueber deren
auswirkungen auf die entwicklung der europaeischen
gemeinschaft" folgende erklaerung ab:

i.
herr praesident des europaeischen parlaments,
herr praesident der republik,
meine sehr verehrten damen und herren!

jeder von uns spuert in diesen tagen: was sich zur zeit in
europa - vor allem in mittel-, ost- und suedosteuropa -
ereignet, ist von geschichtlicher tragweite.
ich danke ihnen, herr praesident, und dem hohen hause
herzlich fuer die gelegenheit, ihnen dazu die haltung der
regierung der bundesrepublik deutschland zu erlaeutern.
staatspraesident mitterrand hat ihnen soeben die ergebnisse
des sondergipfels der staats- und regierungschefs der
europaeischen gemeinschaft vom vergangenen samstag in
paris dargelegt.
auch ich moechte praesident mitterrand von dieser stelle aus
nochmals sehr fuer seine initiative danken, angesichts der
aktuellen ereignisse - und vor dem gipfeltreffen zwischen
den praesidenten der usa und der sowjetunion - einen
eingehenden meinungsaustausch ueber diese uns
gemeinsam bewegenden fragen noch vor dem regulaeren
europaeischen rat am 8./9. dezember 1989 in strassburg zu
fuehren und jetzt notwendige entscheidungen einzuleiten.
wir sind alle zeugen eines grossen umbruchs in europa. im
westen europas bereiten sich die mitgliedstaaten der
europaeischen gemeinschaft aktiv auf die herausforderungen
des 21. jahrhunderts vor. durch den grossen europaeischen
binnenmarkt, den wir gemeinsam bis 31. dezember 1992
vollenden wollen, wird westeuropa mit ueber 320 millionen
menschen zum groessten wirtschaftsraum der welt.
darueber hinaus sind wir jetzt schon dabei, die weiterentwicklung
der europaeischen gemeinschaft ueber dieses datum
hinaus mit dem ziel der politischen union vorzubereiten. fuer
die bundesregierung ist die vollendung des binnenmarktes
eine wichtige etappe, aber sie ist nur eine zwischenstation.
die ausfuellung der sozialen dimension des binnenmarktes
und die wirtschafts- und waehrungsunion sind weitere
wichtige marksteine auf diesem wege. wir wollen die politische
einigung europas. mit einem wort: die entwicklung der
europaeischen gemeinschaft muss weitergehen.
zugleich vollziehen sich im osten unseres kontinents in
immer mehr staaten mit atemberaubender geschwindigkeit
grundlegende veraenderungen des politischen,
wirtschaftlichen und gesellschaftlichen systems.
zu den ausloesern dieser entwicklung gehoert vor allem auch
die von generalsekretaer gorbatschow eingeleitete politik
der umgestaltung. er verdient dafuer unsere anerkennung.
ich bin mit ihm darin einig, dass fuer die gesamtentwicklung in
europa der erfolg der reformen in der sowjetunion von
wesentlicher bedeutung ist.
gleiches gilt im uebrigen - und das sollten wir in dieser
diskussion nicht vergessen - fuer die notwendigkeit weiterer
fortschritte bei der abruestung und ruestungskontrolle.
entscheidend kommt es hier darauf an, die wiener
verhandlungen zum erfolg zu fuehren.
in ungarn und polen, jetzt auch in der ddr, waren es die
menschen selbst, die den weg zu tiefgreifenden reformen
geoeffnet haben. gleiches gilt, wie wir alle hoffen, auch fuer
bulgarien, auch hoffentlich bald fuer rumaenien und fuer
jedermann erkennbar in diesen tagen fuer die cssr. die bilder
aus prag sind bilder, die wir mit herzlicher sympathie und
hoffnung fuer die menschen in der cssr aufnehmen.
erstmals seit dem ende des zweiten weltkrieges besteht
die begruendete hoffnung auf die ueberwindung des
westost-konflikts und auf dauerhafte stabilitaet in gemeinsamer
freiheit fuer ganz europa.
ich weiss, wir stehen natuerlich erst am anfang einer solchen
entwicklung, und niemand von uns darf die risiken eines
scheiterns und der sich daraus ergebenden gefahren
uebersehen oder unterschaetzen. in dieser stunde der hoffnung
moechte ich auch davor warnen, die realitaeten zu uebersehen
und visionen oder illusionen an die stelle der realitaet zu
setzen.
aber es gibt jetzt eine perspektive fuer einen wirklichen
wandel in ganz europa, eine wirkliche chance fuer eine
europaeische friedensordnung, fuer ein europa der freiheit,
der menschenrechte und der selbstbestimmung.
es war die neugewonnene dynamik des europaeischen
einigungsprozesses in den letzten jahren, die die
reformprozesse in den laendern mittel-, ost- und suedosteuropas
nachdruecklich gefoerdert hat. deshalb waere es ein schwerer
fehler und eine voellige verkennung der situation, wenn wir
diesem prozess der europaeischen einigung ausgerechnet
jetzt den schwung nehmen wuerden.
die ausstrahlungs- und anziehungskraft der europaeischen
gemeinschaft schlaegt die menschen in ganz europa in ihren
bann.
es liegt daher in unserer gemeinsamen europaeischen
verantwortung, in unserem gemeinsamen interesse, dass diese
reformprozesse vorankommen und erfolg haben.
die europaeische gemeinschaft - und alle ihre
mitgliedstaaten - muessen hierzu mit klugheit und mit augenmass,
mit einfallsreichtum und flexibilitaet, aber auch durch die
bereitschaft zu einem weitsichtigen programm der
zusammenarbeit ihren beitrag leisten.
helfen wir gemeinsam in dem bewusstsein: es geht um
europa - um unser europa.
und europa ist eben mehr als das europa der zwoelf der
europaeischen gemeinschaft. zu europa gehoeren nicht nur
london, rom, den haag, dublin und paris. zu europa
gehoeren eben auch warschau und budapest, prag und
sofia - und natuerlich auch berlin, leipzig und dresden.
gerade die ereignisse in mittel-, ost- und suedosteuropa
machen uns mehr als deutlich, wie richtungweisend die
einheitliche europaeische akte ist: sie gibt uns vor, eine
gemeinsame aussenpolitik zu erarbeiten und zu verwirklichen.
mit unserem solidarischen handeln gegenueber diesen
laendern sind wir auf dem richtigen weg. andererseits wuerde es
auch in diesen laendern kaum jemand verstehen, wenn wir
in unserer europaeischen gemeinschaft mit der
wirtschaftlichen und politischen integration nicht entschieden
weitergingen.
allen zweiflern an der haltung der bundesrepublik
deutschland sei klar ins stammbuch geschrieben: die deutsche
bundesregierung steht voll zur einheitlichen akte und zu
den darin enthaltenen zielsetzungen. sie steht zur
verwirklichung der europaeischen union. zur fortsetzung und
staerkung des europaeischen einigungsprozesses gibt es fuer uns
keine alternative. unsere haltung ist klar und eindeutig.

ii.
die historischen ereignisse der vergangenen wochen und
monate in polen, ungarn, zuletzt auch in der ddr und
insbesondere in berlin, haben das gesicht europas, das
gesicht deutschlands veraendert.
das war auch waehrend meines besuches in der
volksrepublik polen vom 9. bis 14. november in besonderem masse
spuerbar. beides - unser verhaeltnis zu polen und die
entwicklung in der ddr - haengen aufs engste zusammen.
waeren polen und ungarn - zusammen mit der sowjetunion -
nicht mit tiefgreifenden reformen in politik, wirtschaft und
gesellschaft vorangegangen, haetten auch die jetzigen
entwicklungen in der ddr nicht heranreifen koennen.
ebenso gilt: ohne den erfolg der reformen in polen und
ungarn wuerden auch die umgestaltungsmoeglichkeiten
anderswo, nicht zuletzt in der ddr, gefaehrdet werden.
diese reformvorhaben duerfen nicht scheitern. ihr erfolg
liegt im interesse von ganz europa. wer sich jetzt
verweigert, der verraet europa und der verraet die sache der
gemeinsamen freiheit aller europaeer.
gerade deshalb habe ich fuer alle polen die zentrale
botschaft mitgenommen: "sie gehen diesen schwierigen weg, der
ihnen anstrengungen und opfer abverlangen wird, nicht allein.
sie koennen sich auf ihre freunde im westen verlassenue"
jetzt ist die stunde europaeischer solidaritaet. wir alle
schulden solidaritaet unseren europaeischen nachbarn in all
jenen laendern, in denen jahrzehnte der misswirtschaft die
menschen um die fruechte ihrer arbeit betrogen haben.
ich habe mich persoenlich fuer weitreichende wirtschaftliche
und finanzielle hilfsmassnahmen und ein angebot
umfassender zusammenarbeit mit polen eingesetzt. diese sind
von der bundesregierung sorgfaeltig erwogen worden.
wir haben unsere entscheidungen in dem bewusstsein
nationaler und europaeischer verantwortung getroffen. im
sinne einer lastenteilung innerhalb des westens leisten wir
damit zugleich einen substantiellen beitrag zu den
europaeischen zukunftsaufgaben.
bei meinem besuch in warschau habe ich gemeinsam mit
ministerpraesident mazowiecki das vor kurzem
unterzeichnete handels- und kooperationsabkommen zwischen
der eg und polen als wichtige grundlage fuer eine breite
entwicklung der zusammenarbeit gewuerdigt.
die dadurch geschaffenen moeglichkeiten muessen
umfassend genutzt, der zugang fuer polnische waren zum
europaeischen markt weiter verbessert werden.
aber wir duerfen uns mit diesen ersten erfolgen nicht
begnuegen: jetzt kommt es darauf an, dass die europaeische
gemeinschaft mit offenheit auf alle staaten mittel-, ost- und
suedosteuropas zugeht, die mit einer tiefgreifenden
umgestaltung in politik, wirtschaft und gesellschaft
tatsaechlich begonnen haben.
wir wollen diese reformen mit einem breitgefaecherten
programm der zusammenarbeit unterstuetzen, auch im rahmen
der damit befassten internationalen gremien wie dem
internationalen waehrungsfonds und dem pariser club.
wir wollen die handels- und kooperationsabkommen
ausfuellen und, aufbauend auf dieser zusammenarbeit, mittel-
und langfristig zu einem noch engeren, besseren
miteinander kommen.
das gilt namentlich fuer ungarn. in der oft leidvollen
geschichte unseres kontinents haben kaum zwei voelker
so lange in frieden und eintracht zusammengelebt wie
deutsche und ungarn. aus dieser langen gemeinsamen
geschichte ist feste freundschaft erwachsen, die sich
gerade auch in diesen tagen bewaehrt hat.
ich erinnere an die vorbildliche minderheitenpolitik der
ungarischen regierung, die es den ungarn-deutschen
ermoeglicht, ihre sprache, kultur und tradition in der
angestammten heimat zu pflegen und nicht in auswanderung ihr
heil zu suchen.
ich erinnere an den mutigen schritt ungarns, den eisernen
vorhang zu beseitigen und seine grenzen zu oeffnen, und
zwar nicht nur fuer die eigenen staatsbuerger, sondern auch
fuer die deutschen.
die bilder dieses sommers sind uns allen in dauerhafter
erinnerung. sie haben die menschen in deutschland, ja in
ganz europa bewegt. wir werden sie nicht vergessen.
beim prozess der politischen und gesellschaftlichen
reformen schreitet ungarn - zusammen mit polen - so weit in die
richtung einer freiheitlichen staats- und gesellschaftsordnung
wie kein anderes land des warschauer pakts voran.
tiefgreifende wirtschaftliche reformen in richtung markt-
und privatinitiative sind eingeleitet. wir koennen dies nur
begruessen. aber diese reformen erfordern schmerzhafte
anpassungsprozesse, und diese brauchen zeit. fuer diese
schwierige zeit des uebergangs ist westliche hilfe
unerlaesslich. dies bedeutet auch fuer ungarn

- ausbau der zusammenarbeit mit der europaeischen
gemeinschaft,

- zuegiger abschluss der verhandlungen mit dem
internationalen waehrungsfonds und anderen westlichen gremien

- und nicht zuletzt bilaterale hilfen der westlichen
partnerlaender.

die bundesrepublik deutschland ist auch gegenueber
ungarn mit substantiellen hilfen vorangegangen: seit
herbst 1987 hat sie insgesamt 2 milliarden dm zur
verfuegung gestellt.
ich wuerde es begruessen, wenn auch die anderen laender der
gemeinschaft in diesem sinne ungarn substantielle hilfe
zukommen lassen wuerden.
am vergangenen sonntag hat mir der ungarische
ministerpraesident nemeth mit grosser eindringlichkeit
dargestellt, dass es gerade in den naechsten monaten darum gehen
wird, fuer sein land - und ich vermute, das gleiche gilt auch
fuer andere laender des rgw - engpaessen in der versorgung
mit energie vorzubeugen und die zahlungsfaehigkeit
ungarns aufrechtzuerhalten.
er hat insbesondere unterstrichen, dass die hilfe des
westens in engstem zusammenhang gesehen werden muss
mit dem ungestoerten fortgang der politischen
reformentwicklung seines landes.
im fruehjahr 1990 sollen in ungarn die ersten wirklich freien
parlamentswahlen seit 1945 stattfinden. gerade im vorfeld
dieser wahlen gilt es, das engagement aller buerger fuer den
weg der ungarischen reformen aufrechtzuerhalten und zu
verstaerken.
in der vergangenen woche hat ungarn die aufnahme als
vollmitglied in den europarat beantragt. dieser antrag
verdient unser aller volle unterstuetzung.
ich wiederhole, was ich zu polen gesagt habe: der erfolg
dieses reformprozesses liegt in unserem, liegt im
gesamteuropaeischen interesse.
ich moechte daher von dieser stelle den appell wiederholen,
den ich am vergangenen samstag in paris im kreis der
staats- und regierungschefs bekraeftigt habe:
helfen wir gemeinsam polen und ungarn, helfen wir
gemeinsam den laendern mittel-, ost- und suedosteuropas,
die wirkliche politische und wirtschaftliche reformen
eingeleitet haben.
unterstuetzen wir gemeinsam ihren weg zur demokratie auf
nationaler ebene, auf europaeischer ebene und in den
internationalen gremien. den guten worten so vieler muessen
taten aller folgen.
und eines sei an dieser stelle auch klar gesagt: der
weltwirtschaftsgipfel im vergangenen sommer hat der
eg-kommission die koordinierung der hilfsmassnahmen fuer polen
und ungarn uebertragen. helfen wir der kommission und
ihrem praesidenten jacques delors bei der erfuellung dieser
wichtigen aufgabeue nationaler egoismus ist gerade in der
jetzigen lage voellig fehl am platz.
in diesem sinne moechte ich an sie, herr praesident, meine
damen und herren, appellieren: geben sie diesen
politischen entwicklungen auch weiterhin gemeinsam mit allen
kolleginnen und kollegen in den nationalen parlamenten
die notwendige unterstuetzung!

iii.
nicht nur in deutschland, in ganz europa und weltweit
haben die menschen in den vergangenen tagen gebannt
die dramatischen ereignisse in der ddr verfolgt.
seit der nacht vom 9. auf den 10. november 1989 hat sich
die lage in deutschland - und damit im herzen europas -
grundlegend veraendert. der freiheitswille der deutschen in
ost-berlin und in der ddr hat mauer und stacheldraht
friedlich ueberwunden. nach fast drei jahrzehnten der
trennung feierten die menschen in deutschland ein fest des
wiedersehens, der zusammengehoerigkeit und der einheit.
wir konnten ueber alle fernsehschirme bewegende augenf
blicke menschlicher freude und froehlichkeit, bruederlichkeit
und taetiger naechstenhilfe miterleben. diese bilder haben
deutlich gemacht: die deutschen, die jetzt im geist der
freiheit wieder zusammenfinden, werden niemals eine
bedrohung sein, dafuer aber um so mehr ein gewinn fuer die
einheit europas.
auch um diese einheit geht es jetzt bei den ereignissen in
der ddr. die teilung deutschlands war seit jeher sichtbarer
und besonders schmerzlicher ausdruck der teilung
europas. umgekehrt wird sich auch die einheit deutschlands nur
vollenden koennen, wenn die einigung unseres alten
kontinents voranschreitet. deutschlandpolitik und europapolitik
lassen sich in keiner weise voneinander trennen: sie sind
wie zwei seiten derselben medaille.
berlin, diese wahrhaft europaeische metropole in
deutschland, ist wie keine andere stadt zum symbol der teilung
deutschlands wie europas geworden. die mauer stand
weltweit fuer jene unmenschliche grenze, die das europa der
freiheit vom europa der diktatur trennte - und damit auch
menschen, die zusammengehoeren.
heute blicken wir mit hoffnung nach berlin. wir empfinden
freude und genugtuung darueber, dass die friedliche kraft
der freiheit grenzen zu ueberwinden und das
zusammenkommen von familien, freunden und landsleuten zu
ermoeglichen vermag.
dies ist zugleich ein zeichen in die zukunft: denn auf
dieselbe kraft setzen wir auch, wenn es um unsere vision
einer europaeischen friedensordnung geht. ueberall dort, wo
grenzen ungehindert ueberschritten, wo ideen und
meinungen frei ausgetauscht werden, wo menschen zueinander
kommen koennen, haben misstrauen und feindschaft auf
dauer keine chance mehr.
die beste garantie fuer einen dauerhaften und sicheren
frieden in europa ist und bleibt die freiheit der menschen.
das ist eine erfahrung, von der sich nicht zuletzt die
grossen begruender des europaeischen einigungswerks - wie
robert schuman, jean monnet, paul henri spaak, alcide
de gasperi und konrad adenauer - leiten liessen. sie
wussten, was heute viel zu oft in vergessenheit geraet: der
aufbau des vereinten europas ist vor allem anderen ein werk
des friedens. und dies muessen wir gemeinsam schaffen!
fuer die menschen im freien teil unseres kontinents - und
insbesondere fuer die junge generation - ist es heute
selbstverstaendlich, in freiheit die grenzen zu ueberqueren
und freundschaften zu schliessen. wir wollen, dass dies bald
ueberall in europa selbstverstaendlich wird. berlin wird in
diesem sinne erneut zum symbol - zum symbol der
hoffnung auf eine zukunft, die alle europaeer und alle
deutschen in frieden und freiheit vereint.
der europarat hat in seiner "konvention zum schutze der
menschenrechte und grundfreiheiten" vom 4. november
1950 das fundament einer solchen gemeinsamen zukunft
beschrieben - oder auch die unverzichtbare hausordnung
fuer ein "gemeinsames europaeisches haus", um dieses bild
zu verwenden: die konvention spricht in ihrer praeambel
vom gemeinsamen "erbe an geistigen guetern, politischen
ueberlieferungen, achtung der freiheit und vorherrschaft
des gesetzes".
darum vor allem geht es jetzt auch fuer die deutschen in der
ddr. bei aller freude ueber die neugewonnene
bewegungsfreiheit der menschen in der ddr duerfen wir nicht
vergessen: wir stehen erst am anfang der entwicklung. das ziel
ist noch laengst nicht erreicht. die menschen in der ddr wollen
jetzt die freiheit - in allen bereichen ihres lebens.
sie wollen meinungs- und informationsfreiheit, eine freie
presse, die allein nach den regeln journalistischer
verantwortung informiert und kommentiert - und nicht nach den
weisungen einer parteizentrale.
sie wollen wirklich freie gewerkschaften, die die interessen
der arbeitnehmer vertreten und nicht die interessen des
staates oder einer partei.
sie wollen das recht, unabhaengige, freie parteien zu
gruenden, und sie wollen insbesondere freie, gleiche und
geheime wahlen als ausdruck echter volkssouveraenitaet.
die regierungserklaerung des neuen regierungschefs der
ddr, hans modrow, enthaelt eine reihe von ansaetzen, die in
die richtige richtung weisen.
es kommt jetzt entscheidend darauf an, wie die
ankuendigungen umgesetzt werden. die reformen muessen weiter
vorangetrieben und unumkehrbar gemacht werden - etwas
anderes werden die menschen in der ddr nicht mehr
hinnehmen.
das heisst auch, dass die sed ihren ausschliesslichen
fuehrungsanspruch aufgeben muss und dass ihr machtmonopol
aus der verfassung der ddr gestrichen wird.
das recht aller deutschen auf selbstbestimmung ist noch
nicht verwirklicht. dieses recht steht den deutschen in der
ddr ebenso selbstverstaendlich zu wie den deutschen in
der bundesrepublik.
freiheit war, ist und bleibt der kern der deutschen frage.
das heisst vor allem: die menschen in der ddr muessen
selbst entscheiden koennen, welchen weg in die zukunft sie
gehen wollen.
sie haben dabei keine belehrungen noetig - von welcher
seite auch immer. sie wissen selbst am besten, was sie
wollen. das gilt auch fuer die deutsche einheit, die frage
der wiedervereinigung. jeder - in europa und in der
bundesrepublik deutschland - wird die entscheidung
respektieren muessen, die die menschen in der ddr in freier
selbstbestimmung treffen.
dies entbindet uns nicht von der pflicht, klar zu sagen, was
wir in der bundesrepublik deutschland wollen. die
bundesregierung haelt fest an dem ziel, wie es konrad adenauer
einmal formuliert hat: in einem freien und geeinten europa
ein freies und geeintes deutschland.
das grundgesetz der bundesrepublik deutschland
verpflichtet zu beidem: es fordert das deutsche volk auf, "in
freier selbstbestimmung die einheit und freiheit
deutschlands zu vollenden", und es bekundet den willen des
deutschen volkes, "in einem vereinten europa dem frieden der
welt zu dienen". beides gehoert zusammen, dies ist kein
gegensatz, es ist als gemeinsamer auftrag fuer die zukunft
der deutschen zu verstehen.
freiheit, menschenrechte und selbstbestimmung fuer die
deutschen bleiben entscheidende bauelemente einer
architektur einer gesamteuropaeischen friedensordnung.
gefragt sind jetzt besonders augenmass, vernunft und
politische phantasie. die menschen in der ddr sind auf unsere
hilfe angewiesen, sie brauchen - ebenso wie die polen und
ungarn - unsere unterstuetzung beim aufbau einer
freiheitlichen ordnung.
entscheidend ist und bleibt ein grundlegender wandel in
staat, wirtschaft und gesellschaft in der ddr. ich habe vor
dem deutschen bundestag fuer die bundesregierung erklaert:
wenn ein solcher wandel jetzt verbindlich und unumkehrbar
in gang gesetzt wird, dann ist die bundesregierung auch zu
einer voellig neuen dimension der hilfe und der
zusammenarbeit bereit - zu einer hilfe, die den menschen
unmittelbar zugute kommt.
ich habe darueber telefonisch mit dem staatsratsvorsitzenden
der ddr gesprochen. bundesminister seiters hat in
den beiden letzten tagen in meinem auftrag in ost-berlin
erste gespraeche gefuehrt. ich beabsichtige, bald auch
persoenlich in die ddr zu reisen und mich dort mit den
verantwortlichen zu treffen.
bei der unterstuetzung des wandels in der ddr geht es nicht
nur um eine verantwortung der deutschen. es geht
gleichzeitig um eine aufgabe von gesamteuropaeischer dimension.
dieser wandel beruehrt die gesamtentwicklung europas -
um beim bild der architektur zu bleiben: die statik europas.
wir sind uns unserer besonderen verantwortung als partner
unserer europaeischen freunde und nachbarn bewusst. alle
europaeer sind hier gefordert, und das gilt natuerlich auch
fuer die europaeische gemeinschaft.
ich empfinde es als wichtigen schritt, dass der eg-kommission
in kuerze ein mandat fuer verhandlungen ueber ein
handelsabkommen zwischen der eg und der ddr erteilt
werden soll und kommissar andriessen anfang dezember
erste gespraeche hierzu aufnehmen wird.
die staats- und regierungschefs der gemeinschaft haben
am vergangenen samstag ihre freude ueber die juengste
entwicklung in deutschland geaeussert. sie haben ihre
bewunderung fuer die besonnenheit und friedfertigkeit zum
ausdruck gebracht, mit der die menschen in der ddr ihre
freiheit durchsetzen. sie haben gleichzeitig ihre
unterstuetzung fuer das freiheitsstreben der deutschen in der
ddr ausgedrueckt.
ich bin unseren partnern in der europaeischen gemeinschaft
fuer diese haltung sehr dankbar. wir wissen, wir allein
koennen unsere probleme nicht loesen. die deutschen probleme
sind nur loesbar unter einem europaeischen dach.
um die freiheit der deutschen in der ddr geht es ebenso
wie um die freiheit der polen und ungarn oder um die
zukunft der menschen in der sowjetunion - und
selbstverstaendlich auch der tschechen und slowaken, der
bulgaren und rumaenen. es geht um die freiheit des einen europas,
um eine zukunft in gemeinsamer freiheit fuer alle deutschen
und alle europaeer.
lassen sie uns in diesem geiste gemeinsam fuer eine
gerechte und dauerhafte friedensordnung fuer ganz europa
arbeiten. die bundesrepublik deutschland ist bereit, ihren
beitrag zu diesem grossen werk zu leisten.