Besuch des Bundeskanzlers in der Volksrepublik China, der Sozialistischen Republik Vietnam und der Republik Singapur vom 12. bis 21. November 1995 - Besuch in der Republik Singapur

  • Bulletin 101-95
  • 5. Dezember 1995

Besuch in der Republik Singapur

Ansprache im Deutschen Industrie- und Handelszentrum

Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl hielt anläßlich seines Besuches im
Deutschen Zentrum für Handel und Industrie in Singapur am 20.
November 1995 folgende Ansprache:

Sehr geehrter Herr Gerritzen,
Exzellenzen, meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich danke Ihnen für die freundliche Begrüßung.
Ich verstehe unsere heutige Zusammenkunft als eine Demonstration
für die deutsche Wirtschaft und die deutsch-singaporische
Kooperation. Fünf Jahre vor dem Beginn des nächsten Jahrtausends
haben wir - Singapurer und Deutsche -, was unsere Zukunft betrifft,
so gute Karten wie niemals zuvor. Es gilt nun, sie richtig
"auszuspielen": in Werken des Friedens, der guten Nachbarschaft,
der Freundschaft und der Partnerschaft. Kaufleute und Unternehmer
wie auch Wissenschaftler und Vertreter aus dem kulturellen Bereich
spielen dabei eine hervorragende Rolle. Das, was hier im Deutschen
Zentrum für Handel und Industrie geleistet wird, ist von großer
Bedeutung. Hier wird die Präsenz unseres Landes in der Welt
eindrucksvoll demonstriert. Als leidenschaftlicher Anhänger Ludwig
Erhards, der meinen politischen Lebensweg schon geprägt hat, als
ich Schüler und Student war, weiß ich, daß eine wirklich
funktionierende Marktwirtschaft beides braucht: weltweit operierende
Konzerne und die Dynamik mittelständischer Strukturen. Ich begrüße
es daher sehr, daß dies auch ein Haus ist, in dem neben großen
internationalen Firmen und Konzernen auch kleine und mittlere
Unternehmen ihren Platz haben. Mein Lob geht auch an den
Deutschen Industrie- und Handelstag. Ich stelle hier ein
Zusammenspiel zwischen Wirtschaft und Politik fest, das beispielhaft
ist. Die hohe Nachfrage vor Ort - in Singapur und in der gesamten
Region -, die sich insgesamt sehr viel besser entwickelt hat, als
ursprünglich erwartet, unterstreicht den erfolgreichen Weg, den wir
gegangen sind, auf eindrucksvolle Weise. Der Standort Singapur hat
sich als das dynamische Wirtschaftszentrum in Südostasien
erwiesen. Nicht zuletzt dank Ihres Einsatzes, meine Damen und
Herren, hat sich Singapur zu einem bedeutenden Partner für die
deutsche Wirtschaft im asiatischen Raum entwickelt. Beim
Warenaustausch wie bei Direktinvestitionen liegt dieser Staat unter
den sechs ASEAN-Ländern an erster Stelle. Über 400 deutsche
Firmen sind hier vertreten. Dieses Haus nimmt zugleich eine wichtige
Brückenfunktion zu anderen Märkten der asiatisch-pazifischen
Wachstumsregion wahr. Auch hier sehe ich Chancen für
mittelständische Unternehmen. Das Modell des Deutschen Hauses
macht im übrigen Schule. Ähnliche Einrichtungen in anderen Ländern
- beispielsweise in Vietnam - sind geplant. Für mich ist auf dieser
Reise einmal mehr klargeworden, welche Chancen sich der
deutschen Wirtschaft in diesem Teil der Welt bieten. Wir dürfen nicht
vergessen: Der Wohlstand und damit auch die soziale Stabilität
unseres Vaterlandes kann auf Dauer nur erhalten werden, wenn wir
weltweit konkurrenzfähig sind und es bleiben. Dies zu sichern ist
nicht einfacher geworden, nicht weil die deutsche Wirtschaft, wie
manch einer glaubt, schlechter, sondern weil die Konkurrenz
weltweit größer geworden ist. Es kommt daher jetzt - in diesen
wenigen Jahren bis zur Jahrhundertwende - entscheidend darauf an,
die Weichen für die Zukunft richtig zu stellen. Dies gilt um so mehr,
weil wir in einer historisch einmaligen Phase des Umbruchs stehen,
die uns Zukunftschancen eröffnet, von denen wir noch vor wenigen
Jahren nicht zu träumen gewagt haben. Wir Deutsche haben die
Einheit unseres Vaterlandes in Frieden und Freiheit und mit der
Zustimmung all unserer Nachbarn wiedergewonnen. Dies war und ist
für uns ein großartiges Geschenk der Geschichte. Wir haben jetzt die
Chance, in den nächsten Jahren den Bau des Hauses Europa zu
verwirklichen - eines Europa, das offen sein wird für gute und
intensive Beziehungen zur Wachstumsregion Asien und besonders
auch zu Singapur. Meine Damen und Herren, ich bin sicher, daß das
Deutsche Zentrum für Handel und Industrie den
Wirtschaftsbeziehungen unseres Landes zu Singapur und zu Asien
viele gute Impulse geben wird. Ich hoffe sehr, daß dieses Modell der
Wirtschaftsförderung, was Sie hier entwickelt haben, in Asien, aber
auch in anderen Regionen der Welt Schule machen wird. Ich
wünsche Ihnen bei Ihrer wichtigen Arbeit viel Erfolg und Ihnen und
uns allen einen gesegneten Weg in die Zukunft.

Offizielles Abendessen in Singapur

Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl brachte anläßlich des Abendessens,
gegeben von dem Ministerpräsidenten der Republik Singapur, Goh
Chok Tong, am 20. November 1995 in Singapur folgenden Toast aus:

Sehr geehrter Herr Premierminister,
Exzellenzen, meine sehr verehrten Damen und Herren,

zunächst möchte ich mich bei Ihnen,
Herr Premierminister, sehr herzlich für die freundschaftliche
Begrüßung bedanken. Dies ist unsere dritte Begegnung innerhalb
kurzer Zeit: Sie waren im April 1994 bei uns in Bonn zu Gast, ein Jahr
zuvor, im Februar 1993, war ich in Singapur. Dies zeigt, welch
intensiver Dialog und reger Gedankenaustausch sich zwischen
unseren Ländern und auch zwischen uns persönlich entwickelt hat.
Wir haben in diesen Jahren eine enge Partnerschaft aufgebaut. Die
Wirtschaftsbeziehungen zwischen unseren Ländern haben sich sehr
positiv entwickelt. Singapur ist unser wichtigster Handels- und
Wirtschaftspartner in Südostasien; Deutschland ist umgekehrt
größter europäischer Handelspartner Singapurs. Unser bilateraler
Handel wächst mit zweistelligen Raten. Singapur und Deutschland
verdanken dem freien Welthandel einen großen Teil ihres
Wohlstandes. Unsere beiden Länder stehen deshalb Seite an Seite,
wenn es um die Stärkung des multilateralen Welthandelssystems
geht. Auf der Ebene der Privatwirtschaft ist inzwischen eine Vielzahl
deutsch-singapurischer Gemeinschaftsunternehmen entstanden. Seit
vielen Jahren gibt es hier in Singapur das Deutsch-Singapurische
Institut, das sich als Ausbildungszentrum einen hervorragenden Ruf
in Singapur und ganz Südostasien erworben hat. Im Juni haben Sie,
Herr Premierminister, das Deutsche Zentrum für Industrie und Handel
eröffnet. Ich war heute dort zu Gast. Für die deutsche Wirtschaft
wird dieses Zentrum Ausgangspunkt sein, wenn es darum geht, die
Zusammenarbeit mit Ihrem Land und den Ländern Südostasiens
weiter auszubauen und zu vertiefen. Unsere Kooperation erstreckt
sich zunehmend auch auf dritte Länder: Seit mehr als einem Jahr
arbeiten Singapur und Deutschland bei Entwicklungsprojekten in
anderen Ländern zusammen. Dies gilt insbesondere im Bereich der
Ausbildung von Fachkräften aus China und Vietnam. Meine Damen
und Herren, die Freundschaft zwischen unseren Völkern geht weit
über gute Wirtschaftsbeziehungen hinaus. Ich freue mich, daß unser
Wissenschafts- und Kulturaustausch in den letzten Jahren
intensiviert werden konnte. Das zunehmende Interesse in Ihren
Schulen und Hochschulen, aber auch in der Erwachsenenbildung, an
der deutschen Sprache ist ein Beleg für den guten Stand unserer
Beziehungen. Singapur und die Bundesrepublik Deutschland, Herr
Premierminister, sind stets verläßliche Partner füreinander gewesen.
Ihr Rat ist uns Deutschen immer willkommen. Wir wissen, daß Sie
hier im Zentrum der südostasiatischen Region Standortvorteile und
Erfahrungen haben, die auch für uns von allergrößtem Nutzen sind.
Zu den wichtigen persönlichen Erfahrungen meines politischen
Lebens gehört immer wieder auch das Gespräch mit Seniorminister
Lee, das ich heute fortsetzen konnte. Singapur ist zu einer
leistungsfähigen und dynamischen Volkswirtschaft geworden und hat
unter den Ländern Südostasiens eine hervorragende Position inne.
Es wird zudem - auch das konnte ich gerade bei meinen Gesprächen
in Hanoi und in Peking feststellen -immer wieder als Vermittler
anerkannt, wenn es um die Lösung schwieriger Fragen der Länder
der Region untereinander geht. Auch an der Fortentwicklung der
Beziehungen zwischen der Europäischen Union und der ASEAN
hatte Ihr Land entscheidenden Anteil. Der Erfolg des
Außenministertreffens zwischen der Europäischen Union und den
ASEAN-Staaten im Herbst letzten Jahres in Karlsruhe belegt dieses
einmal mehr. Dem Treffen der Staats- und Regierungschefs der
ASEAN und der EU Anfang März nächsten Jahres in Thailand sehe
ich mit großem Interesse entgegen. Wir sind uns einig mit Ihnen, daß
letztlich nur Kooperation, Partnerschaft und freundschaftliche
Beziehungen den Weg in eine gute Zukunft weisen. Meine Damen und
Herren, ich darf Sie bitten, mit mir das Glas zu erheben und auf Ihr
persönliches Wohl, Herr Premierminister, und auf die Freundschaft
zwischen dem singapurischen und dem deutschen Volk anzustoßen.

Empfang in Singapur

Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl hielt anläßlich eines Empfangs für
deutsche und singapurische Persönlichkeiten am 21. November 1995
in Singapur folgende Rede:

Herr Premierminister,
Exzellenzen, meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebe Landsleute, und vor allem:
liebe Schülerinnen und Schüler der Deutschen Schule,

ich freue mich
sehr, daß ich die Gelegenheit habe, mit Ihnen zusammentreffen zu
können. Ich möchte mich bei Ihnen, Herr Premierminister, sehr
herzlich auch im Namen meiner Delegation für die freundliche
Aufnahme in Ihrem Land bedanken. Ich begrüße unsere
singapurischen Freunde sehr herzlich und bitte sie um Verständnis,
daß ich mich zunächst an meine deutschen Landsleute wende: Liebe
Landsleute, ich darf Sie alle sehr herzlich begrüßen - die
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von deutschen Firmen; diejenigen,
die im Bereich der Wissenschaft und des kulturellen Lebens arbeiten;
die Vertreter der politischen Stiftungen und der Presse; und die
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer Botschaft. In meinen Gruß
möchte ich ganz besonders die Ehepartner der hier arbeitenden
Deutschen einschließen. Sie alle sind ein wichtiges Bindeglied
zwischen der Heimat und diesem Land. Sie sind gleichsam die
Visitenkarte Deutschlands hier in Singapur. Ich überbringe Ihnen
einen herzlichen Gruß aus der Heimat - aus dem wiedervereinigten
Deutschland. Wir haben vor wenigen Wochen, am 3. Oktober, den
fünften Jahrestag der deutschen Einheit begehen können. Daß dies
nach über vierzig Jahren Teilung unseres Vaterlandes möglich
wurde, war ein großes Geschenk, das uns Deutschen zuteil wurde -
in Frieden und Freiheit und mit Zustimmung aller unserer Nachbarn.
Natürlich gibt es auf dem Weg zur Vollendung der inneren Einheit
unseres Landes noch große Probleme. Aber ich gehöre zu denen, die
froh sind, daß wir diese Art Probleme - und nicht mehr die Probleme
der Teilung - haben. Gewiß, vierzig Jahre deutsche Teilung sind mehr
als der bloße Ablauf von vier Jahrzehnten. Es gab die Mauer und die
Trennung Deutschlands in zwei unterschiedliche politische Systeme.
Diese Erfahrung hat sich tief eingegraben in die Köpfe und in die
Herzen der Menschen. Trotz alledem: Wir werden diese Probleme
meistern. Vieles ist bereits vorangebracht worden, wir sind auf einem
guten Weg. Mit dieser Zuversicht bin ich übrigens nicht allein.
Seniorminister Lee hat mir in diesem Zusammenhang ein
ermutigendes Wort gesagt, für das ich ihm sehr dankbar bin. Er
meinte: Wenn die Deutschen die Einheit nicht schaffen, wer soll sie
dann schaffen? Meine Damen und Herren, wir haben in diesem Jahr
noch einen zweiten wichtigen Anlaß zur Rückbesinnung: Wir blicken
zurück auf den 50. Jahrestag der Beendigung des Zweiten
Weltkrieges und der Nazibarbarei. Wir Deutschen haben jetzt fünfzig
Jahre Frieden erlebt. Das ist für uns die längste Friedensperiode
unserer jüngeren Geschichte. Wir haben nach den bitteren
Erfahrungen dieses Jahrhunderts erkannt, daß dieser Friede und die
Freiheit unseres Landes auch im 21. Jahrhundert nur zu erhalten
sind, wenn wir uns eng zusammenschließen mit unseren Nachbarn,
Partnern und Freunden, um gemeinsam das Haus Europa zu bauen.
Natürlich bleiben wir in diesem vereinten Europa Deutsche, Italiener,
Franzosen oder Briten. Wir behalten unsere Identität. Aber wir wollen
- wie Thomas Mann es einmal formuliert hat - europäische Deutsche
und deutsche Europäer sein. Herr Premierminister, dieses Europa ist
ein offenes Europa. Den Bau einer "Festung Europa" wird es mit uns
Deutschen nicht geben. "Offen" heißt für mich, aufgeschlossen für
freien Welthandel zu sein. "Offen" heißt für mich auch, daß wir mit
den Völkern Südostasiens und nicht zuletzt mit Singapur engste
Beziehungen pflegen und weiter ausbauen. Das heißt auch, Herr
Premierminister, daß wir die bilateralen Beziehungen unserer Länder
noch weiter intensivieren und ausbauen wollen. Wir werden zugleich
gute Arbeit leisten müssen in der Europäischen Union, in der ASEAN
und in der Zusammenarbeit zwischen diesen beiden
Zusammenschlüssen. Ich freue mich sehr, daß wir gerade in diesen
Wochen mit Blick auf das Treffen der Staats- und Regierungschefs
der Europäischen Union und der ASEAN in Bangkok Anfang März
nächsten Jahres eng zusammenarbeiten und so, dessen bin ich
sicher, das Treffen zu einem Erfolg machen werden. Meine Damen
und Herren, das Asien-Konzept der Bundesregierung, das ich
mitkonzipiert habe, ist für die Zukunft unseres Landes von größter
Wichtigkeit. Das Prinzip ist ganz einfach: Wir wollen, daß unsere
japanischen und südkoreanischen Freunde unseren Unternehmen bei
uns in Deutschland Konkurrenz machen. Konkurrenz belebt das
Geschäft. Aber genauso werden wir überall in Asien präsent sein, wo
die Japaner und die Südkoreaner wirtschaftlich aktiv sind. Dieser
Platz, Singapur, ist dabei für uns aus ökonomisch-strategischen
Überlegungen von entscheidender Bedeutung. Dies gilt aber auch
wegen unserer guten Verbindungen zu den Menschen, die hier
Verantwortung tragen. Ich bedanke mich ausdrücklich bei Ihnen, Herr
Premierminister, für die freundschaftliche Gesinnung und das
Wohlwollen, die Sie unserem Land entgegenbringen. Bitte
übermitteln Sie Herrn Seniorminister Lee meine herzlichen Grüße und
meinen Dank für unser freundschaftliches Gespräch, das wir gestern
hatten. Ich hoffe, es im nächsten Jahr in meiner Heimat mit ihm
fortsetzen zu können. Mehr als 400 deutsche Unternehmen sind in
Singapur vertreten, mehr als 2000 Deutsche leben hier. Die große
Zahl unserer singapurischen Gäste, die heute hier sind, zeigt,
wieviele von ihnen sich unserem Heimatland freundschaftlich
verbunden fühlen. Viele von ihnen haben die deutsche Sprache
erlernt, an deutschen Universitäten studiert, sie pflegen vielfältige
berufliche und private Kontakte zu unserem Land und seinen
Menschen. Herr Premierminister, meine Damen und Herren, ich
denke, eines ist klar: Singapurer und Deutsche verbinden an der
Schwelle zum 21. Jahrhundert viele gemeinsame Interessen. Lassen
Sie uns das Tor zu einer guten Zukunft unserer Völker weit
aufstoßen. Ich erhebe das Glas und trinke auf Ihr Wohl, Herr
Premierminister, auf die Menschen, die hier leben, und auf die
Freundschaft zwischen unseren Ländern!

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