besuch des bundeskanzlers in den vereinigten staaten von amerika vom 11. bis 16. september 1991

  • Bulletin 102-91
  • 20. September 1991

bundeskanzler dr. helmut kohl stattete den vereinigten
staaten von amerika von 11. bis 16. september 1991
einen besuch ab.

ansprache zur eroeffnung des center
for german and european studies in san francisco

bundeskanzler dr. helmut kohl hielt anlaesslich der
offiziellen eroeffnung des center for german and european
studies in san francisco am 12. september 1991 folgende
ansprache:

lieber praesident gardner,
herr kanzler tien!

zunaechst danke ich ihnen sehr herzlich fuer ihr so
freundliches und freundschaftliches wort des willkommens.
ich freue mich, bei meinem ersten aufenthalt hier an der
universitaet von kalifornien das zentrum fuer deutschland-
und europastudien besuchen und gemeinsam mit ihnen offiziell
eroeffnen zu koennen.
es ist mein, es ist unser aller wunsch, dass dieses zentrum
sich zu einem weiteren bindeglied in den beziehungen
zwischen unseren voelkern, in den beziehungen zwischen den
vereinigten staaten von amerika und deutschland
entwickelt. die beziehungen zwischen unseren beiden laendern
- und jene zwischen den usa und europa - sind von
existentieller bedeutung fuer die zukunft.
die deutsch-amerikanische freundschaft ist und bleibt ein
eckpfeiler deutscher politik. deshalb wollen und muessen wir
sie pflegen und ausbauen. wir koennen und muessen hier noch
mehr tun als bisher. schon heute muessen wir die baeume
pflanzen, deren fruechte die nachfolgenden generationen
ernten sollen.
wir deutschen hatten nach dem zweiten weltkrieg die
chance, dass nicht wenige von denen, die - aus deutschland
kommend - in amerika eine neue heimat gefunden hatten,
uns bei der intensivierung der deutsch-amerikanischen
beziehungen zur seite standen. von diesen auswanderern
hatten viele unter der nationalsozialistischen
gewaltherrschaft bittere erfahrungen machen muessen - und dennoch
halfen sie uns. nicht wenige von ihnen leben nicht mehr oder
sind jetzt im ruhestand. deshalb brauchen wir moeglichst
viele neue aktivitaeten, um unsere beziehungen
weiterzuentwickeln.
angesichts der dramatischen veraenderungen in der welt ist
dies besonders wichtig. jahrzehntelang haben wir, wenn wir
von der "atlantischen bruecke" sprachen, vor allem an
sicherheitspolitische und oekonomische fragen gedacht. auch in
zukunft brauchen wir diese bruecke, aber sie muss gleichsam
um neue fahrbahnen erweitert werden. zur
sicherheitspolitischen und zur wirtschaftlichen zusammenarbeit
muss vor allem auch ein verstaerkter wissenschaftlicher und
kultureller austausch hinzutreten.
es gibt viele gute gruende dafuer, dass wir uns heute auf
oekonomische fragen konzentrieren, aber wir sollten
darueber nicht die beziehungen auf geistig-kulturellem gebiet
vergessen. die deutsch-amerikanische freundschaft muss
auch kuenftig fest in den herzen der menschen verankert
sein.
mit diesem ziel vor augen habe ich seit einigen jahren
verschiedene ueberlegungen angestellt und seit juli 1988
auch schon eine ganze reihe von vorhaben auf den weg
gebracht, die dem deutsch-amerikanischen
wissenschaftsaustausch neue impulse geben sollen. hierzu gehoert
jetzt auch die foerderung des heute offiziell eroeffneten
zentrums an der universitaet von kalifornien in berkeley.
herr praesident und herr kanzler, ich bin zutiefst davon
ueberzeugt, dass gerade ihre universitaet fuer diese aufgabe
praedestiniert ist. hier in berkeley werden auf dem felde
der deutschland- und europastudien grosse leistungen
erbracht. ich habe mir sagen lassen, dass es zu solchen
themen in den vergangenen jahren eine grosse zahl - eine
fuer deutsche verhaeltnisse ungewoehnlich grosse zahl - von
doktorarbeiten gegeben hat. viele wissenschaftler aus
deutschland haben hier in berkeley eine neue heimat und
wirkungsstaette gefunden - manche fuer kuerzere zeit, manche
auf dauer.
wichtig fuer uns als deutsche und als europaeer ist die
tatsache, dass sich in der arbeit ihrer universitaet auch die
zunehmende pazifische interessenausrichtung der
vereinigten staaten widerspiegelt. fuer uns sehe ich darin eine
zusaetzliche chance: auch von hier, von der pazifischen kueste
amerikas aus, koennen deutschland und europa im
ostasiatischen raum ein staerkeres interesse am alten kontinent
wecken.
mit diesem zentrum - davon bin ich ueberzeugt - legen wir
einen soliden grundstein, um die wissenschaftskooperation
zwischen unseren laendern und voelkern, zwischen amerika
und europa im blick auf die zukunft, weit ueber die
aktualitaeten des tages hinaus zu foerdern. es ist mein wunsch
und meine hoffnung, dass das, was hier an wissen und
erkenntnissen erarbeitet und gewonnen wird, nicht im akademischen
raum verbleibt, sondern weit darueber hinaus einem breiten
publikum in den vereinigten staaten zugaenglich gemacht
wird. dies wuerde das verstaendnis fuereinander und damit die
deutsch-amerikanische freundschaft nachhaltig staerken.
ich sagte zu beginn meiner kurzen ausfuehrungen: wir leben
in einer zeit dramatischer veraenderungen. die ereignisse
ueberschlagen sich, manche meldungen uebersteigen auch die
kuehnsten erwartungen. leningrad heisst wieder st.
petersburg. die kommunistische partei der sowjetunion wird in
moskau verboten. die berliner mauer ist gefallen,
deutschland ist wiedervereinigt. und in weniger als eineinhalb
jahren werden wir den grossen europaeischen binnenmarkt,
einen raum ohne grenzen fuer menschen, dienstleistungen
und waren in europa, vollendet haben.
an manchen tagen kommt mir das alles vor wie ein traum.
dass wir deutschen das alles erleben konnten und koennen
- vor allem auch die wiedervereinigung unseres vaterlandes
in freiheit - verdanken wir nicht zuletzt unseren
amerikanischen freunden. wir haben in jahrzehnten einen weiten
weg zurueckgelegt: angefangen bei harry s. truman und
dem marshall-plan bis hin zu jener unvergesslichen stunde
im jahre 1987, als praesident ronald reagan und ich vor
dem brandenburger tor standen und er rief: "herr
gorbatschow, oeffnen sie dieses tor!"
gorbatschow hat diesen ruf gehoert, der den wunsch und
die sehnsucht der allermeisten deutschen zum ausdruck
brachte. das brandenburger tor ist offen. damit hat er
zugleich ein neues kapitel in den beziehungen zwischen den
deutschen und den voelkern der sich erneuernden
sowjetunion aufgeschlagen.
wenn wir am ende dieses jahrzehnts auf das 20. jahrhundert
zurueckblicken, auf die millionen und abermillionen von
toten in zwei weltkriegen und vielen anderen bewaffneten
konflikten ueberall in der welt, auf das leid und auf die
traenen von so vielen menschen, dann empfinde ich es als
eine gnade, dass wir jetzt die chance haben, an der schwelle
zum 21. jahrhundert die weichen richtig zu stellen.
aber diese chance faellt nicht einfach vom himmel, wir
muessen auch dafuer arbeiten. und das ist mein wunsch auch
fuer dieses zentrum. dafuer wuensche ich ihm und allen, die
dort arbeiten, viel glueck und segen.

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