61.deutsch-franzoesische konsultationen am 1. und 2. juni 1993 in beaune

bundeskanzler dr. helmut kohl und der praesident
der franzoesischen republik, francois mitterrand,
veroeffentlichten zum abschluss der 61. deutsch-franzoesischen
konsultationen am 2. juni 1993 in beaune folgende
erklaerungen:

deutsch-franzoesische erklaerung
zum krieg in bosnien-herzegowina

1.
frankreich und deutschland bekraeftigen ihre unterstuetzung
des vance-owen-planes fuer eine friedensloesung in
bosnien-herzegowina, durch die die territoriale
integritaet und souveraenitaet von bosnien-herzegowina
gewaehrleistet wird. sie bedauern die fortsetzung
der kaempfe und appellieren dringend, den waffenstillstand
einzuhalten. sie verurteilen die bombardierung der
moslemischen bevoelkerung sowie die gewaltanwendung
und die einschuechterungspraktiken, wie sie sich
zur zeit in gorazde und mostar abspielen, unabhaengig
von wem auch immer sie durchgefuehrt werden.

2.
beide laender bekraeftigen ihre weigerung, durch gewalt
herbeigefuehrte tatsachen zu akzeptieren. in diesem
zusammenhang unterstreichen sie ihre entschlossenheit,
keiner aufhebung der in sr-resolution 820 festgelegten
sanktionen gegen serbien und montenegro zuzustimmen, bevor
nicht die in allen einschlaegigen sicherheitsratsresolutionen
aufgefuehrten bedingungen erfuellt sind, insbesondere
was den vollstaendigen abzug der truppen der bosnischen
serben aus den von ihnen mit gewalt besetzten gebieten
angeht.

3.
frankreich und deutschland erneuern ihre unterstuetzung
fuer die anstrengungen der ko-praesidenten der konferenz
ueber ex-jugoslawien. sie betrachten die schaffung
von sicherheitszonen als notwendig fuer den schutz
der bosnischen zivilbevoelkerung und als einen ersten
schritt zur umsetzung des vance-owen-planes in vollem
umfang. sie unterstuetzen die franzoesische initiative, die
das ziel hat, schnellstmoeglich eine sicherheitsratsresolution
zu verabschieden, durch die das mandat von unprofor
erweitert wird, um die zivilbevoelkerung wirksam
zu schuetzen.

4.
deutschland und frankreich erinnern an ihr eintreten
fuer alle weiteren massnahmen, die die "zwoelf" in
der vergangenheit entwickelt haben und die mit dem
ziel in das gemeinsame
aktionsprogramm von washington aufgenommen wurden,
den vance-owen-plan schrittweise umzusetzen, sie
sehen unter anderem die schaffung eines internationalen
gerichtshofes, die ueberwachung der schliessung der
grenzen von bosnien-herzegowina sowie das mandat
fuer die vn-truppen in kroatien vor.

5.
die zwei laender unterstreichen erneut die notwendigkeit,
dass die internationale gemeinschaft ihre anstrengungen
verstaerkt, um jede ausweitung des konfliktes auf
sensible zonen wie kosovo, sandjak, die woivodina
und die ehemalige jugoslawische republik mazedonien
zu verhindern.

presseerklaerung des deutsch-franzoesischen
verteidigungs- und sicherheitsrates zum eurokorps

der deutsch-franzoesische verteidigungs- und sicherheitsrat
hat auf seiner sitzung am 2. juni 1993 das gemeinsame
ziel deutschlands und frankreichs bekraeftigt, die
europaeische verteidigungs- und sicherheitsidentitaet
im rahmen der
europaeischen union und als beitrag zur verstaerkung
des europaeischen pfeilers der atlantischen allianz
weiterzuentwickeln.
die beiden laender unterstreichen die rolle des europaeischen
korps als kern dieses vorhabens.
der rat begruesst die guten fortschritte bei der aufstellung
des eurokorps: seine beziehungen zur atlantischen
allianz konnten mit dem abkommen vom 21. januar
1993 geregelt werden. seine zuordnung zur weu wurde
anlaesslich des weu-ministertreffens am 19. mai 1993
in rom bestaetigt. die sich zwischen dem eurokorps
und der weu aufbauenden beziehungen koennten zu der
erstellung eines konzeptes fuer die der weu zuzuordnenden
streitkraefte beitragen.
der rat nimmt mit befriedigung die entscheidung
der belgischen regierung vom 7. april 1993 zur kenntnis,
konsultationen ueber den zuegigen beitritt zum eurokorps
aufzunehmen und begruesst den brief der beiden verteidigungsminister
an ihren belgischen kollegen, mit dem sie die volle
beteiligung belgiens beim aufbau und der fuehrung
des europaeischen korps zusichern. er ist zuversichtlich,
dass die laufenden gespraeche bald erfolgreich abgeschlossen
werden.
die diskussionen zeigten ein hohes mass an uebereinstimmung
zwischen deutschland und frankreich in den zentralen
fragen der verteidigungs- und sicherheitspolitik. beide
laender betonten die notwendigkeit der fortsetzung der engen
abstimmung ueber den ausbau und die staerkung europaeischer
sicherheitsstrukturen.

gemeinsame erklaerung zum bildungsbereich

der franzoesische minister fuer erziehung und der
bevollmaechtigte der bundesrepublik deutschland fuer
kulturelle angelegenheiten im rahmen des vertrages
ueber die deutsch-franzoesische zusammenarbeit begruessen
den bemerkenswerten aufschwung der auf dem gebiet
der austauschmassnahmen und der gemeinsamen projekte
auf allen ebenen des bildungswesens waehrend der
letzten 30 jahre zu verzeichnen ist. sie sind der
auffassung, dass man aufbauend auf dem erreichten
sich nunmehr bemuehen sollte, buerger heranzubilden,
die in der lage sind, im jeweils anderen land zu
leben und zu arbeiten. dieses ziel ist von entscheidender
bedeutung nicht nur fuer franzosen und deutsche,
sondern auch durch seinen beispielcharakter fuer
das europaeische einigungswerk.
die deutsch-franzoesische zusammenarbeit erstreckt
sich gegenwaertig auf alle ebenen des bildungssystems,
hat sie doch zur entwicklung des austausches von
schuelern, von jugendlichen in beruflicher erstausbildung,
von studenten und lehrkraeften gefuehrt. der anteil
der beruflichen bildung an diesen austauschmassnahmen
ist dank der taetigkeit des deutsch-franzoesischen
sekretariats saarbruecken hervorzuheben.
besondere anstrengungen wurden unternommen, um die
neuen laender voll in die deutsch-franzoesische zusammenarbeit
einzubeziehen.
mit diesen massnahmen konnte das ziel erreicht werden,
aufgeschlossenheit fuer die kultur des partnerlandes zu
wecken, sie muessen fortgesetzt und ausgeweitet werden.
neue gebiete der zusammenarbeit zielen auf eine
vertiefte kenntnis der sprache und kultur des partnerlandes
ab. so entstanden neuartige beispielhafte programme,
ganz besonders waehrend der letzten jahre.
dadurch konnte schrittweise ein echter bilingualer
bildungsgang von der schule bis zur universitaet
entwickelt werden. sie machten intensivere partnerschaften
zwischen schul- und hochschuleinrichtungen und -institutionen
erforderlich.
in diesem zusammenhang sind von besonderer bedeutung:
- der ausbau des sprachen-fruehunterrichts in der
grundschule,
- der schulversuch zum gleichzeitigen erwerb des
baccalaureat und der allgemeinen hochschulreife,
der an drei franzoesischen und drei deutschen schulen
durchgefuehrt wird und eine sehr positive bilanz
aufzuweisen hat,
- im sekundarschulbereich, die einrichtung europaeischer
sektionen in frankreich und den ausbau weiterer
bilingualer zweige in deutschland, darunter einige
in den neuen laendern, die einen verstaerkten unterricht
in der partnersprache anbieten,
- die einrichtung von integrierten studiengaengen
zwischen hochschulen beider laender im rahmen des
deutsch-franzoesischen hochschulkollegs.
die besonders enge zusammenarbeit in den grenzgebieten
hat diesen faecher von vorhaben angeregt. sie dient
stets als orientierung fuer die allmaehliche einfuehrung
eines bikulturellen bildungsganges.
der franzoesische minister fuer erziehung und der
bevollmaechtigte der bundesrepublik deutschland begruessen
diese entwicklung und wuenschen, dass sie noch mehr
menschen im gesamten hoheitsgebiet beider laender
zugute kommt.
sie kommen ueberein, die programme auszubauen, die
zum ziel haben, in beiden laendern schueler, studenten,
lehrkraefte und fachleute auszubilden, die perfekte
sprachliche und landeskundliche kenntnisse ueber
das partnerland haben. im hinblick darauf bitten
sie die zustaendigen stellen fuer den naechsten gipfel
mehrere vorhaben zur erreichung dieses zieles vorzubereiten.
- der minister fuer erziehung und der bevollmaechtigte
wuenschen, anlaesslich des gipfels im herbst eine gemeinsame
erklaerung anzunehmen, in der ein gemeinsamer orientierungsrahmen
zur foerderung des erwerbs von kenntnissen in der
partnersprache und ueber das partnerland im sekundar-schulwesen
festgelegt wird,
- der minister fuer erziehung und der bevollmaechtigte
bitten die zustaendigen stellen, ein regierungsabkommen
vorzubereiten, nach dem der gemeinsame erwerb des
baccalaureat und der allgemeinen hochschulreife
in ein regelangebot ueberfuehrt wird und die verfahren
vereinfacht werden, um seine ausweitung zu ermoeglichen,
- im sekundarschulbereich erfordert der ausbau der
deutschsprachigen europaeischen zuege in frankreich
und der bilingualen franzoesischsprachigen zuege in
deutschland, deren konzept dem franzoesischen vorgehen
zugrunde liegt, die ausbildung von lehrkraeften,
die in der lage sind, ihre schueler in einem nichtsprachlichen
fach zu unterrichten, die zustaendigen stellen werden
gebeten, eine neue zusammenarbeit auf diesem gebiet
zu entwickeln, die insbesondere den austausch zwischen
den einrichtungen der lehrerausbildung in frankreich
und in den laendern der bundesrepublik deutschland
anregen sollen,
- die zustaendigen stellen werden gebeten, vorschlaege
zu unterbreiten, wie der vom franzoesischen hochschulkolleg
unterstuetzte bereich der integrierten studiengaenge
auf geisteswissenschaften ausgeweitet werden koennte,
damit die zahl der bilingualen lehrkraefte vergroessert
wird.
der franzoesische minister fuer erziehung und der
bevollmaechtigte unterstreichen die rolle der verschiedenen
einrichtungen, die an der deutsch-franzoesischen
zusammenarbeit mitwirken und wuenschen namentlich,
dass das deutsch-franzoesische jugendwerk die im hinblick
auf den ausbau des bilingualen unterrichts angenommenen
leitlinien durch seine eigenen vorhaben flankiert.