Im Wortlaut

Rede von Kulturstaatsministerin Grütters zum Bundesauftakt der Grand Tour der Moderne

In ihrer Rede zum Start der Grand Tour der Moderne im Jahr des Bauhausjubiläums verspricht die Kulturstaatsministerin "eindrückliche Erlebnisse, die den Blick auf die Architektur- und Gesellschaftsgeschichte weiten." Die 100 ausgewählten Reiseziel würden zeigen, dass das Bauhaus keineswegs nur in den Metropolen, sondern auch in der Peripherie, in Vororten und auf dem Land das neue Bauen beeinflusste, so Grütters.


Donnerstag, 2. Mai 2019 in Bernau

"Man muss rund um den Bau herumgehen, um seine Körperlichkeit und die Funktion seiner Glieder zu erfassen“, sagte Walter Gropius einmal über das Bauhaus Dessau. Das, meine Damen und Herren, gilt auch für die Bundesschule Bernau. Ich hoffe, Sie konnten sich bereits einen ersten Eindruck verschaffen von dieser Stilikone des gemeinschaftlichen Wohnens und Lernens, mit der Hannes Meyer und Hans Wittwer die Programmatik des Bauhauses beispielhaft umsetzten. Die behutsame Einbettung der Architektur in die Landschaft, die Wechselwirkung und Kontrastierung von Natur und „rationalem Funktionalismus“ erschließt sich erst vollständig bei einem Rundgang über das weitläufige Gelände – oder bei einer Rundfahrt mit einem Oldtimer.

Von einem Oldtimer konnten Grand-Tour-Reisende früherer Jahrhunderte natürlich nur träumen. Die jungen Männer aus adeligen (später auch bürgerlichen) Familien, die die legendäre „Grand Tour“ nach Mittel- und Südeuropa als „Krönung ihrer Erziehung“ unternahmen, reisten mit der Kutsche, dem Schiff oder zu Fuß. Sie mussten − so beschreibt es der Autor und Bildungsreisende Edward Gibbon im 18. Jahrhundert − „über eine große, unerschöpfliche Energie verfügen, die jeder Fortbewegungsart standhält und ihm (also dem Reisenden) erlaubt, alle Widrigkeiten der Straße, des Wetters und des Gasthauses mit einem Lächeln zu ertragen. Sie muss ihn außerdem zu unermüdlicher Neugier antreiben...“

Zur Neugier verführen wollen wir auch mit der Grand Tour der Moderne. Sie verlangt den Reisenden zwar weder die beschriebenen Strapazen ab, noch bleibt sie ausschließlich einer Elite vorbehalten. Vielmehr demokratisiert sie ganz im Sinne des Bauhausgedankens die historische Bildungstradition und eröffnet Bürgerinnen und Bürgern aus dem In- und Ausland den Zugang zu Kunst und Kultur − zu einer facettenreichen deutschen Architekturgeschichte, die ganz wesentlich von den Ideen des Bauhauses geprägt wurde.

Die Grand Tour verbindet 100 bedeutende Orte der Moderne, die zwischen 1900 und 2000 erbaut wurden. Dazu gehören Einzelgebäude wie das Haus am Horn, Siedlungen wie Berlin-Siemensstadt, Fabrikgebäude wie die Faguswerke und Welterbestätten wie die Bundesschule Bernau − Klassiker und Kleinode, die auf Reiserouten quer durch Deutschland entdeckt werden können. Als Schirmherrin der Grand Tour lade ich Sie herzlich ein, dieses reiche architektonische Erbe mit der Bahn, dem Rad, dem Auto oder zu Fuß zu erkunden − eine wunderbare Gelegenheit, um die Freude an Architektur und Design, Reiselust und Erkenntnisgewinn zu verbinden. Je nach Zeit und Interesse können Sie sich auch eine individuelle Route zusammenstellen. Umfangreiche Anregungen finden Sie auf dem digitalen Vermittlungsformat der Grand-Tour-Website, das wir heute freischalten werden.

Herr Professor Holler aus Weimar hat die Grand Tour für die Bauhaus-Kooperation maßgeblich betreut. Ich danke Ihnen ganz herzlich, lieber Herr Professor Holler für Ihre großartige Arbeit und auch Ihnen liebe Frau Horn für die kompetente Projektleitung. Mein Dank gilt aber auch Professor Durth, dem Ideengeber der Grand Tour der Moderne, und den sieben Juroren, die mit ihrer Expertise aus den Fachgebieten Baukultur, Denkmalpflege, Architektur, Journalismus, Kulturvermittlung und Tourismus die Orte ausgewählt haben.

Die Auswahl zeigt, dass das Bauhaus, dass die Moderne keineswegs nur in den Metropolen, sondern auch in der Peripherie, in Vororten und auf dem Land das neue Bauen beeinflusste. Es hat die architektonische Vielfalt unseres Landes bereichert und ist ein bedeutender Bestandteil unserer Kulturlandschaft. Für deren Sichtbarkeit, Förderung und Erhalt zu sorgen, ist gemeinsame Aufgabe von Bund, Ländern und Kommunen. Die Grand Tour und das Bauhausjubiläum sind gute Beispiele dafür, wie dies im Verbund gelingen kann. So fördert mein Haus die Grand Tour der Moderne mit rund einer Mio. Euro. Hinzu kommen Mittel der Länder Sachsen-Anhalt und Thüringen. Vielen Dank allen Verantwortlichen hier wie auch in anderen Bundesländern, die eigene Länderrouten entwickelt und damit die Grand Tour der Moderne bereichert haben! Durch die gemeinsame Arbeit im Bauhaus-Verbund ist es den drei Bauhaus-Institutionen in Berlin, Dessau und Weimar, elf Ländern und dem Bund (hier vertreten durch mein Haus und die Kulturstiftung des Bundes) gelungen, ein umfangreiches Jubiläumsprogramm mit weit über 1.400 Veranstaltungen auf die Beine zu stellen. Es trägt der besonderen Verantwortung der Bundesrepublik Deutschland Rechnung, das vielgestaltige Erbe des Bauhauses zu bewahren und die bahnbrechenden gestalterischen Ideen dieser Schule lebendig zu vermitteln. Bund und Länder würdigen den 100-jährigen Geburtstag als nationales Ereignis mit internationaler Strahlkraft – und ich freue mich sehr, dass wir hier einmal mehr unter Beweis stellen konnten, wie fruchtbar der „kooperative Kulturföderalismus“ sein kann.

Die Eröffnung der Grand Tour ist nach dem Eröffnungsfestival in der Berliner Akademie der Künste, der Eröffnung der Ausstellung bauhaus imaginista im Haus der Kulturen der Welt und der Einweihung des Bauhaus-Museums in Weimar ein weiterer großer Höhepunkt des einhundertjährigen Jubiläums.

Das Bauhaus leitete zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen kulturellen Aufbruch ein, der die Alltagsästhetik bis heute, der die Architektur unserer Städte, den Umgang mit Raum, Licht und Material sowie soziale Zuschreibungen der Kunst grundlegend geprägt hat. Die Fragen, die sich die Bauhäusler stellten: Wie wollen wir miteinander leben und wohnen, wie können alle von besseren Lebensbedingungen profitieren, und wie muss eine universelle Formensprache aussehen, die sich an der jeweiligen Funktion ausrichtet? − diese Fragen haben nichts an Brisanz und Aktualität verloren. Das Bauhaus-Jubiläum 2019 ist eine großartige Chance, ein breites Publikum für diese bedeutsamen Aspekte unseres Zusammenlebens und für unser kulturelles Erbe zu interessieren.

Viele Ideen des Bauhauses sind ganz offensichtlich nach wie vor aktuell und relevant für eine freie und weltoffene Gesellschaft. Die Entwicklung des Bauhauses ist aber − wie könnte es anders sein? − auch eine Geschichte mit Brüchen und Widersprüchen. Sie brachte eine Vielfalt hervor mit Licht und Schatten: eine Vielfalt, in der nicht nur kosmopolitische, sondern auch rassistische Kräfte, nicht nur liberale, sondern auch fundamentalistische Kräfte, nicht nur progressive, sondern auch reaktionäre Kräfte nicht nur idealistische, sondern auch opportunistische Kräfte am Werk waren. Man denke nur an jene Bauhäusler, die nach 1933 zu Kollaborateuren des NS-Regimes wurden.

Gerade an der Bundesschule Bernau zeigt sich, wie nah humanistische Gesellschaftsutopien und menschenverachtende Ideologien beieinanderliegen können. Gerade an diesem Ort wird deutlich, wie Architektur zweckentfremdet, entstellt und missbraucht werden kann. Die Architekten dieses Gebäudes wollten mit der Lichtdurchlässigkeit Transparenz und Offenheit schaffen. Architektur – das war das Diktum des Bauhauses − sollte das Wahrnehmen, Denken und Empfinden positiv beeinflussen. Der Bau, die Bundesschule Bernau, sollte durch das Wohnkonzept Gemeinsinn stiften.

Diese Funktion konnte der Bau aber gerade einmal drei Jahre erfüllen, dann wurde die Stilikone der Avantgarde zur Kaderschmiede der Nationalsozialisten. Hier wurden Funktionäre auf Judenhass und Herrenmenschentum eingeschworen, hier plante und probte ein Spezialkommando der SS den fingierten „polnischen Überfall“ auf deutsche Grenzübergänge, um einen Vorwand für den Einmarsch der Wehrmacht zu liefern.

Man reibt sich auch verwundert die Augen, wie unsensibel das architektonische Raum-Konzept der Schule anschließend in der DDR-Zeit verunstaltet wurde – dabei war Meyer ja selbst Sozialist. Mauern wurden hochgezogen und verdunkelten eine transparente, lichtdurchflutete Bauhausarchitektur. Kristallene Lüster, Säulenverkleidungen und Gardinen verdeckten klare Linien und Formen.

Den Glasgang nannten Studenten angeblich den „Seufzergang“, weil er so bedrückend wirkte. Heute ist das kaum mehr vorstellbar, hebt er doch die Grenze von Innen- und Außenraum wieder so gelungen auf. Nach aufwendigen Sanierungsarbeiten seit 2002 (übrigens ebenfalls mitgefördert aus meinem Etat) erstrahlt die Bundesschule Bernau wieder in ihrem alten Glanz. Es freut mich sehr, dass sie seit 2017 auch zum Unesco Welterbe gehört und damit ihre kulturelle Bedeutung angemessen gewürdigt wird.

Ästhetik und Kunst haben eine gesellschaftsverändernde Kraft, das wussten nicht nur die Bauhäusler. Künstlerische Entwicklungen vollziehen sich nicht in einem politischen Vakuum. Sie sind Ausdruck und Spiegel einer Zeit. Die Entfaltungsmöglichkeiten und Wirkungsweisen der Kunst sind abhängig von politischen Rahmenbedingungen und müssen immer wieder neu erkämpft und verteidigt werden. Dabei sind sie auch und ganz besonders auf die Resonanz einer Gesellschaft und deren Offenheit und Veränderungsbereitschaft angewiesen – auch daran erinnern das Bauhausjubiläum und die Bundesschule Bernau. Insofern bietet die Grand Tour – wie man an diesem Ort exemplarisch sehen kann – auch eine wunderbare Möglichkeit, sich mit unserer sehr widersprüchlichen Geschichte zu befassen.

„Die Welt neu denken“ ist das Motto des Bauhaus-Jubiläums, meine Damen und Herren. Es steht für die Herausforderungen, denen sich Kunst, Kultur – denen wir uns alle angesichts einer veränderten und unberechenbarer gewordenen globalen Wirklichkeit stellen müssen. „Die Welt neu denken“ konnten auch Grand-Tour-Reisende früherer Jahrhunderte, die mit einem reichen Erfahrungsschatz, mit einem erweiterten Horizont von ihrer Bildungsreise heimkehrten. Überdies brachten sie angeblich einen immensen Anekdotenschatz mit, mit dem sie wohl sämtliche Abendgesellschaften ihres restlichen Lebens unterhalten konnten. Diesen kann ich Ihnen zwar für eine Grand Tour der Moderne nicht zusichern. Aber eindrückliche Erlebnisse, die den Blick auf die Architektur- und Gesellschaftsgeschichte weiten, kann ich Ihnen versprechen. In diesem Sinne: gute Reise!

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