Im Wortlaut: Müller
Entwicklungspolitik bedeutet auch Friedenspolitik, sagt Bundesminister Müller im Interview. Hunger und Not machten Menschen anfällig für radikale Strömungen. Mit Joint Ventures könnten Deutschland und Israel arme Länder bei der Nutzung von Ressourcen unterstützen und den Nahen Osten stabilisieren.
- Interview mit Gerd Müller
- Jewish Voice from Germany
Wasser ist ein Schlüssel zur Ernährungssicherung in Afrika.
Foto: Plan
Das Interview im Wortlaut:
Jewish Voice from GermanyJVG)Was treibt Sie an in der Politik?
Gerd Müller: Die Schaffung einer gerechteren Welt, auf der wir, die reichen Industrieländer, die wir auf der Sonnenseite leben, ein Stück neu teilen lernen, um die Länder auf der Schattenseite, wo noch Hunger, Armut und Not herrschen, zu entwickeln. Wir haben heute die große Chance, mit unserem Wissen, unserem Können und unserer Innovationsfähigkeit enorme Entwicklungssprünge auszulösen. Und diese Chance müssen wir nutzen. Mein Ziel ist: Eine Welt ohne Hunger. Und das können wir erreichen. Mahatma Gandhi sagte, Hunger ist Mord. Wir können dieses Problem heute lösen - warum tun wir es nicht?
Israel ist ein Hochtechnologieland, vertraut mit schwierigen klimatischen Bedingungen und Wassermangel. Stichwort Tropfbewässerung: Hier ist ein israelisches Kibbuz -Unternehmen bei Be'er Scheva ein Weltmarktführer. Seine Technologie kann bis zu einer Verdoppelung von Ernteerträgen führen - zum Stillen des Hungers... Sind Joint Ventures in diesem Bereich möglich?
Müller: Es ist mein Wunsch, die Zusammenarbeit mit Israel zu erweitern und wesentlich zu verstärken. Wir haben eine gute Basis und über Jahre bewährte Kooperationen. Und wir haben die "Afrika-Initiative" ins Leben gerufen, in der wir trilaterale Projekte gemeinsam umsetzen, so in Äthiopien, Kenia, Ghana, Kamerun und Burkina Faso. Ohne Zweifel hat Israel die Technologieherrschaft im Bereich Urbarmachung der Wüste. Und die Israelis sind Weltmeister in der Frage der Ressourcennutzung Wasser. Damit haben sie den Schlüssel zur Ernährungssicherung, gerade in Subsahara-Afrika. So ist Israel ein spannender Partner für uns in diesen Bereichen. Ich habe die Produktionsanlagen der Tropfbewässerungstechnologie besichtigt und bin begeistert, denn das ist die Technologie, die wir weltweit benötigen. Wasser ist die wertvollste Ressource für Leben. Ohne Wasser keine Pflanze, ohne Pflanze kein Leben. Nur drei Prozent des Wassers auf dem Planeten Erde ist Süßwasser. Wir können heute schon vorhersagen: Die Kriege von morgen werden Kriege um Wasserressourcen sein. Durch den Klimawandel rückt dieses Thema in den Fokus. Es gilt, die wertvolle Ressource Wasser nicht zu verschwenden durch die alten Methoden der Bewässerung wie Besprühung, wo 90 Prozent des Wassers nicht an die Pflanze gelangt. Und es gilt, Israels moderne Formen der Landwirtschaft auch für Afrika und Südamerika zugänglich zu machen.
Die Israelis haben auch Tools entwickelt, die Flüchtlingen wie in Jordanien oder der Ost -Türkei vor Ort ermöglichen, mit geringem Aufwand Nahrungsmittel anzubauen...
Müller: Wassertechnologie und Bodenkunde gehören eng zusammen. Welche Pflanzen zeichnen sich durch Trockenresistenz aus? In diesen Forschungen ist Israel Weltspitze. Und auch das ist ein Schlüssel zur Lösung des Welternährungsproblems: Wasser und dürre -resistente Pflanzen, die wir insbesondere auf dem afrikanischen Kontinent benötigen. Deshalb würde ich mir eine Ausweitung der Zusammenarbeit wünschen. In den vergangenen zwei Jahren habe ich 13 grüne Zentren in Afrika und in Indien auf den Weg gebracht, wo wir genau zu diesen Themen nicht nur forschen, sondern junge Menschen vor Ort auch schulen. Neue Pflanzen, Dürre-Resilienzforschung, Wasser, Bewässerungstechniken - da gibt es keinen besseren Partner als Israel.
Abgelehnte Asylbewerber werden in ihre Heimatländer zurückkehren. Können Kooperationen in der Landwirtschaft zur Reintegration dieser Menschen beitragen?
Müller: Auf alle Fälle. Es ist ein Skandal, dass von den 800 Millionen Unterernährten und Hungernden in der Welt drei Viertel Landbevölkerung sind. Menschen, deren Hungerproblem wir mit unserem heutigen Wissen und mit der Innovation in den Bewirtschaftungsmethoden lösen könnten. Wir haben in den vergangenen 5o Jahren in unseren Ländern die Produktivität pro Hektar verdoppelt bis verdreifacht. Stichwort: Neue Sorten, durch die in den Entwicklungsländern Ertragssteigerungen erzielt werden können. Ein Beispiel: Vor einigen Wochen habe ich in Benin ein Innovationszentrum auf den Weg gebracht, wo wir gemeinsam mit dem Africa Rice Center mit neuen Reissorten aus Asien arbeiten, die zum Boden und zum Klima vor Ort passen. So ist es uns möglich, den Hektarertrag von 1,5 Tonnen auf drei bis fünf Tonnen zu steigern. Ein Beitrag zur Lösung des Welthungerproblems. Und dies wiederum ist eine Voraussetzung, dass wir nicht weitere Flüchtlingsbewegungen in Richtung Europa bekommen. Schon heute gibt es auf dem afrikanischen Kontinent 10 bis 15 Millionen Menschen, die ihre Heimat verlassen, weil ihnen der Klimawandel ihre Lebensgrundlage geraubt hat und sie alles verloren haben.
Sind Joint Ventures zwischen Deutschland, Israel und Ländern in Armut nicht auch ein Mittel zur Stabilisierung des Nahen Ostens?
Müller: Ganz sicher. Ich komme noch einmal auf unsere Afrika -Initiative zurück, wo wir gemeinsame Partnerländer "ausgewählt" haben. Wir haben eine klare Absichtserklärung und wir haben bereits mit der Arbeit begonnen. In Äthiopien arbeiten wir mit israelischen Wissenschaftlern und Agrarexperten an der Verbesserung des Wassermanagements. In Ghana wiederum geht es um den Aufbau von Zitrus-Wertschöpfungsketten. Es ist eine ganz wichtige Aufgabe, dass wir in afrikanischen Ländern nicht nur produzieren, sondern auch verarbeiten. Auch das macht Israel vor. Nicht nur Tomaten produzieren und drei Tage nach der Ernte wegwerfen, sondern verarbeiten. Wertschöpfung vor Ort. Wenn wir zurückverfolgen, was die Ursache von Kriegen ist, dann steckt häufig Ungerechtigkeit dahinter, mangelnde Lebensgrundlagen, Hunger, Elend und Not. Diese führen oft zu Radikalisierung und kriegerischen Auseinandersetzungen. So wird in Syrien die Tatsache unterschätzt, dass das Land zwischen 2006 und 2011 unter einer der größten und längsten Dürreperioden litt, die diese Region erlebt hat. Infolgedessen sind 80 Prozent der Herden verendet. Die Menschen standen vor dem Nichts. Das machte sie anfällig für radikale Strömungen. Entwicklungspolitik, die Schaffung von Lebensgrundlagen und Lebensperspektiven für die Menschen, ist damit auch Friedenspolitik.
Kann man wirtschaftliche Hilfe und Zusammenarbeit trennen vom politischen Geschehen, das sich auch im Nahen und Mittleren Osten zunehmend radikalisiert?
Müller: Wir müssen das Thema Prävention und Verhinderung von Konflikten in einer neuen Qualität diskutieren. Wo und wie bauen sich Konfliktpotenziale auf, wann und wie sind sie erkennbar und wie kann ich zur Konfliktbereinigung beitragen, bevor es zur Explosion kommt? Sei es in Libyen, in Mali, in Somalia... Ich glaube, dieser Aspekt wird heute in der internationalen Politik stark unterschätzt. Das zeigt sich auch daran, dass wir weltweit ein totales Missverhältnis haben in der Frage Rüstung und Investitionen in Entwicklung. Heute haben wir öffentliche Entwicklungsausgaben in der Welt von 150 Milliarden, aber wir investieren 1500 Milliarden in Rüstung. Das Zehnfache! Ich sage: Panzer schaffen keinen Frieden und kaum je Zukunft. Sie sind die Ultima Ratio, wenn kein anderer Weg mehr möglich ist, um Kämpfe zu befrieden. Aber es gibt ein Davor, es bauen sich Kriege auf, und es gibt ein Danach, und auch das vernachlässigen wir - nach dem Waffenstillstand geht es um die Frage Versöhnung, Zusammenführung, Wiederaufbau. Das ist im Augenblick das Thema in Irak, in und um Syrien, wo wir unseren Schwerpunkt haben.
1970 verkündete die UNOdas Ziel, 0,7 Prozent des BIPeines Landes in Entwicklungsarbeit zu investieren. Deutschland, eines der großen Geberländer, investiert heute 0,4 Prozent... Brauchen wir hier einen Bewusstseinswandel?
Müller: Wenn wir die Bedeutung der Entwicklungszusammenarbeit nicht in einer anderen, in einer ganz neuen Dimension definieren, werden wir einen hohen Preis bezahlen. Leider wird dies noch nicht überall erkannt. Wir leben heute in einem globalen Dorf, das heißt die Probleme kommen vom Bildschirm direkt bei uns an - heute in Form von Hunderttausenden von Flüchtlingen. Sie fliehen vor Ungerechtigkeit, Krieg, Elend und Not. Auf der anderen Seite ist Wissen weltweit verfügbar. Ich habe im Südsudan ein Flüchtlingscamp besucht, in dem fürchterliche Zustände herrschen. 500 Meter daneben hing in einer einfachen Herberge ein Flachbildschirm, auf dem wir ein Spiel von Bayern München gegen Hertha BSC verfolgten und auch die Werbepausen mit all dem Glitzer unserer Konsumwelt. Ich will damit sagen, in jedem afrikanischen Dorf, in jedem indischen Marktflecken ist das Wissen über die Welt, über das Leben in der Welt und die Möglichkeiten vorhanden. Dies schafft enorme Chancen der Entwicklung. Durch einen Mausklick können wir unser Wissen, die Technologien, die Innovationen in Gesundheit, Ausbildung und vieles mehr vermitteln. Deshalb können diese Länder viel schneller Sprünge in der Entwicklung machen, wenn wir sie dabei unterstützen. So schaffen wir Perspektiven für die Menschen vor Ort. Wir in Europa dürfen nicht glauben, dass wir unseren Wohlstand mit einer Mauer, mit einem Zaum versehen können. Ich sage, die Probleme sind lösbar. Eine Welt ohne Hunger ist möglich. Wir sind heute in der Lage, die großen Epidemien erfolgreich zu bekämpfen. Pocken, Polio sind nahezu verschwunden. Wir haben große Erfolge bei Aids und Malaria durch moderne Forschung und Entwicklung, und dadurch, dass wir unser Wissen teilen.
Alva und Gunnar Myrdal, die schwedischen Pioniere der Entwicklungspolitik, verzweifelten an der Korruption in den Nehmerländern...
Müller: Wir sagen: Kein Dollar und kein Euro in korrupte Kanäle! Deshalb arbeiten wir fast ausschließlich in diesen Ländern mit unseren eigenen Partnerorganisationen zusammen. Direkt, nah am Menschen. Deutschland hat die Besonderheit, dass wir mit der GIZ ein eigenes Bundesunternehmen haben mit mehr als 15.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern weltweit. Und ich habe fantastische Partner überall in der Welt, sei es Unicef, das Welternährungsprogramm, die SOS-Kinderdörfer, Brot für die Welt, Misereor - sie alle sind direkt am Menschen. Unsere Hilfszusagen sind an Konditionen gebunden. Ich stelle auch fest, dass in den Entwicklungsländern, in denen der Korruptionsindex niedrig ist - Null gibt es nicht, auch nicht in Deutschland - dies mit dem Wohlstands- und Wachstumsfaktor korreliert. Mit Blick auf Afrika: Wir haben dort nicht nur Krisen, Kriege und Konflikte, wir haben zwischenzeitlich auch Aufsteigerländer, fünf der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften - Länder wie Mosambik, Tansania oder Äthiopien... Im nordafrikanischen Raum ist besonders Tunesien auf einem sehr guten Weg. 250 deutsche Firmen investieren dort. Good Governance ist die Voraussetzung für die Schaffung von Wachstum und Entwicklung.
Kanzlerin Merkel sagte 2008 vor der Knesset, Israels Sicherheit ist Teil der deutschen Staatsraison...
Müller: Das unterstreichen wir alle. Die Sicherheit Israels ist die Basis und sie gehört selbstverständlich zur deutschen Staatsraison. Auch eingebunden in die Entwicklungszusammenarbeit. Ich wünsche mir, dass wir auch in Richtung der Entwicklung der palästinensischen Gebiete zu einer noch offeneren Zusammenarbeit zwischen Israel, der palästinensischen Seite und dem deutschen Entwicklungsministerium kommen. Wir haben enorm viele Projekte, in denen wir noch besser als bislang kooperieren können.
InterviewElisabeth Neu und Rafael Seligmann