Im Wortlaut

Über die Versöhnung des Ästhetischen mit dem Politischen

Der Geburtstag Friedrich Schillers wird im Deutschen Literaturarchiv jedes Jahr mit einer Rede gewürdigt. Wir sollten die Freiheit der Kultur und des Geistes verteidigen und zugleich ihre politischen Ansprüche begrenzen, erklärte Kulturstaatsministerin Grütters in ihrer Schillerrede.

Montag, 3. November 2014 in Marbach
Monika Grütters während der Schillerrede im Literaturarchiv Marbach.

Grütters: Wir sollten die Freiheit der Kultur und des Geistes verteidigen.

Foto: DLA Marbach

- Es gilt das gesprochene Wort. -

Anrede,

Schiller für sich zu reklamieren, ist zweifellos die zarteste Versuchung seines großen Vermächtnisses – und zwar nicht erst, seit es die schöne Tradition der Schillerrede gibt. Karl Kraus, nicht umsonst wegen seiner spitzen Feder gefürchtet, hat in diesem Zusammenhang von den "Schrecken der Unsterblichkeit" gesprochen und in einer wahren Tirade der Verachtung gegen die "Kostgänger des Schillerschen Ruhms" polemisiert, die mit einem schwärmerischen "Wie sagt doch Schiller…" ihre Banalitäten veredeln.

"Wenn ein Denkmal renoviert wird", schrieb Kraus im November 1909 anlässlich der Feiern zum 150. Geburtstag Schillers in der "Fackel", "kommen unfehlbar die Mauerasseln und Tausendfüßer ans Licht und sagen: Denn er war unser! Das sind die Leichenwürmer der Unsterblichkeit." Man müsse, um Schillers wahre Größe sichtbar zu machen, all die zu Phrasen erstarrten Ideen – Kraus spricht von den "baufälligen Wolkenkratzern des Pathos" – vom Schauplatz des Kultur- und Geisteslebens beseitigen, man müsse Schiller "als Ofenschmuck des deutschen Heims entfernen" - und außerdem um jeden Preis verhindern, "dass um eine Schillerbüste ein Männergesangsverein Aufstellung nimmt".

Gut, dass Karl Kraus nicht mehr erlebt hat, wie mundgerecht gestückelte Gedankenhäppchen aus den Werken deutscher Dichter und Denker heute als Kalender- und Glückskeksweisheiten konsumiert werden, als Literatur to go sozusagen. Kürzlich habe ich gelesen, dass eine Berliner Fast-Food-Kette Schillers Werk zur Benennung gegrillter und frittierter Speisen ausgeschlachtet hat. Es dürfte mittlerweile Menschen geben, die bei "Maria Stuart" an einen Mozzarella-Burger für 4,50 Euro denken, und bei "Kabale und Liebe" an eine Portion Pommes.

I. Würdigung der Schillergesellschaft

Über den Verdacht einer Banalisierung des Schiller-Gedenkens können Sie sich in Marbach zum Glück – wie sagt doch Schiller – ganz "erhaben" fühlen. Schließlich verdankt die Deutsche Schillergesellschaft ihren exzellenten Ruf als würdige Hüterin des Schillerschen Vermächtnisses und des reichen literarischen Erbes unseres Landes nicht zuletzt dem Umstand, dass Friedrich Schiller uns im Schiller-Nationalmuseum und im Deutschen Literaturarchiv in seiner wahren und ganzen Größe begegnet. Den Titel der wunderbaren, neuen Ausstellung "Der Wert des Originals", die wir eben eröffnet haben, kann man da geradezu als programmatisch verstehen.

Auch die jährliche Schillerrede als Höhepunkt der Feierlichkeiten anlässlich seines Geburtstags ist über jeden Verdacht erhaben, die von Karl Kraus so gefürchteten, kleingeistigen „Schrecken der Unsterblichkeit“ zu zelebrieren. Der bisherige intellektuelle Ertrag aus der rhetorischen Vergegenwärtigung unterschiedlicher Facetten des Schillerschen Schaffens ist beachtlich - was freilich auch den klugen Köpfen geschuldet ist, die mit dieser ehrenvollen Aufgabe betraut wurden und deren Erbe diese Rede zu einem Ereignis macht, das nicht nur den großen Dichter, sondern auch den Redner, die Rednerin ehrt.

Mit solchen Vorschusslorbeeren bekränzt will ich mich als Schillerrednerin 2014 einem Thema widmen, das mich im Amt der Kulturstaatsministerin wie auch ganz persönlich als Liebhaberin der schönen Künste gleichermaßen beschäftigt. Die Versöhnung des Politischen mit dem Ästhetischen ist mir ein echtes Herzensanliegen, das sich als Gegenstand einer Schillerrede geradezu aufdrängt, weil Schillers Projekt einer politischen Ästhetik darin anklingt. Sein leidenschaftliches Plädoyer, mit ästhetischen Mitteln Veränderungen im Bewusstsein und damit auch in der Gesellschaft zu bewirken - freilich ohne damit die Autonomie der Kunst gegenüber der Politik preiszugeben – hat bis heute nicht an Aktualität verloren. Kunst und Politik, das Ästhetische und das Politische, scheinen im Lichte seiner Reflexionen nicht als feindliche Gegensätze. Schiller betrachtet das Ästhetische vielmehr als Gegengewicht zum Politischen in einer freien und humanen Gesellschaft. So wie Schönheit und Freiheit bei ihm aufeinander bezogen sind, so sind es auch Kunst und Politik, man könnte auch sagen: Utopie und Demokratie. Grund und Ermutigung genug also, seine Hilfe als Vermittler zwischen dem Ästhetischen und dem Politischen in Anspruch zu nehmen!

II. Ästhetisches und Politisches: Eine Spurensuche in Schillers Leben und Werk

"Nicht das Große, nur das Menschliche geschehe!" Es liegt nahe, meine Damen und Herren, dem Nachdenken über Demokratie und Utopie diese Worte Max Piccolominis aus Schillers "Wallenstein" voran zu stellen. Doch Schillers Genie strahlt zu hell am Himmel der Literatur, der Philosophie, der Kunsttheorie, der Geschichtsschreibung, ja der gesamten deutschen Geistesgeschichte, als dass man ihn mal eben en passant als Kronzeugen der eigenen Überlegungen in Beschlag nehmen könnte. Schiller ist die nicht im Mindesten graue, sondern im Gegenteil: verblüffend zeitlose Eminenz für Veränderungen des Politischen durch das Ästhetische und für den politischen Anspruch des Ästhetischen. Wer auch immer ein Loblied anstimmt auf den Wert und Beitrag des Ästhetischen für eine humane Gesellschaft, macht Bekanntschaft mit einer Erfahrung aus Grimms Märchen vom Hasen und vom Igel: Wohin auch immer die Wege des Nachdenkens über den gesellschaftlichen, den politischen Beitrag des Ästhetischen führen, Friedrich Schiller, der große Wortführer der deutschen Dichter und Denker, ist immer schon da – mit kämpferischer Attitüde, intellektueller Schärfe und sprachlicher Brillanz.

Da sind zunächst einmal seine großen Dramen – Die Räuber, Don Karlos, Wallenstein, Maria Stuart, Wilhelm Tell und wie sie alle heißen -, in denen Schiller sich mit literarischen Mitteln politischen Fragen und politischen Machtspielen widmet. Er verarbeitet Zeitgeschichte – auch aus der Überzeugung heraus, dass das Theater ein Instrument der Aufklärung, eine Schule der praktischen Weisheit und des ästhetischen Sinns für das Wahre und Gute sein und damit zu einer besseren Gesellschaft beitragen kann. Diesen Anspruch hat er schon früh, nämlich 1784, in seiner enthusiastischen Rede "Die Schaubühne als moralische Anstalt" betrachtet formuliert, aus der nicht nur der Stürmer und Dränger, sondern auch der auf Erlösung aus seiner prekären finanziellen Situation hoffende Künstler spricht.

Die Suche nach Spuren des Zusammenwirkens des Ästhetischen und des Politischen in Schillers Vermächtnis lässt sich mit seiner politische Theorie des Ästhetischen fortsetzen: In den 1793 verfassten Briefen "Über die Ästhetische Erziehung des Menschen" hat er eindrucksvoll wie kaum jemand sonst beschrieben, was das Ästhetische für eine Gesellschaft zu leisten imstande ist. Er erachtete es als seine vornehmste Pflicht und Aufgabe, am "Bau einer wahren politischen Freiheit" mitzuwirken – mit den Mitteln der Kunst, des Spiels, das den Menschen erst zum Menschen macht und sein ganzes Wesen zur Entfaltung bringt. "[D]er Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt": So hat Schiller vor dem Hintergrund einer beeindruck hellsichtigen Gesellschaftsanalyse seine Überzeugung formuliert, dass wir mehr sein können und sollten als Rädchen im Getriebe einer zweckoptimierten Gesellschaftsmaschine, seine Zuversicht, dass wir uns mit Hilfe von Kunst und Kultur befreien können aus dem "stahlharten Gehäuse", das Max Weber in seiner Schrift "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" so eindringlich beschrieben hat - wohlgemerkt gut 100 Jahre nachdem Schiller Munition geliefert hatte, um es zu sprengen.

Interessant im Hinblick auf das Verhältnis des Ästhetischen und des Politischen ist auch Schillers Haltung zu den politischen Ereignissen seiner Zeit, die Anlass seines Plädoyers für eine geistige Revolution durch ästhetische Erziehung waren. Er hat mit bemerkenswerter politischer Weitsicht erkannt, dass Freiheit Freiheitsfähigkeit voraussetzt. Sein Idealismus hat ihn nicht blind gemacht für die Erkenntnis, dass die hehren Ideale, die die Französische Revolution entfacht hatten, in Willkür und Tyrannei zu Grabe getragen wurden, weil - wie er es formulierte „der freigebige Augenblick ein unempfängliches Geschlecht“ vorgefunden habe. Es waren seine humanistischen Überzeugungen, die ihn – anders als die sich im Geiste der Aufklärung wähnende Avantgarde der Freiheitskämpfer – davor bewahrten, dem Ästhetischen (der Freiheitsidee) Vorrang einzuräumen vor dem Politischen (vor der Freiheitspraxis, vor der freiheitserhaltenden Absicherung gegen Willkür und Terror im Namen der Freiheit). Seine Utopie, die der Kunst eine revolutionäre Rolle zuweist, galt nicht dem „Großen“, sondern dem „Menschlichen“, um Max Piccolominis Worte noch einmal aufzugreifen. Es galt nicht der Weltrevolution, sondern den kleinen Revolutionen im Denken, im Wahrnehmen, im Empfinden, im Bewusstsein, die jeder gesellschaftlichen Veränderung vorausgehen. Mit dieser Utopie zielte er – Jürgen Habermas hat auf diesen Aspekt der Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen hingewiesen – nicht allein auf eine "Ästhetisierung der Lebensverhältnisse", auf kulturelle Bildung, auf Entfaltung der Persönlichkeit. Schiller zielte damit auch, so hat Habermas es formuliert, auf eine "Revolutionierung der Verständigungsverhältnisse": auf die im ästhetischen Kontext mit Hilfe von Kunst und Kultur erlernbare Fähigkeit, sich auch dort zu verständigen, wo Verständigung nicht möglich scheint, insbesondere über weltanschauliche und kulturelle Grenzen hinweg.

Schillers politische Ästhetik hat sich im Übrigen auch in unserer Geschichte niedergeschlagen. Mit Neid sahen deutsche Geistesgrößen Ende des 18. Jahrhunderts auf selbstbewusste Völker wie England und Frankreich in ihrer nicht nur territorialen Geschlossenheit, während Deutschland noch in Kleinstaaten zersplittert war. Friedrich Schiller gehört zu den führenden Köpfen, die politische und gesellschaftliche Umbrüche in Deutschland vorbereiteten, indem sie die Einheit der deutschen Nation im Geiste beschworen - in der Philosophie, in der Literatur, in der Kunst, im "Luftreich des Traumes", wie Heinrich Heine 1844 in seinem Gedichtzyklus "Deutschland. Ein Wintermärchen" schrieb:

"Franzosen und Russen gehört das Land,
Das Meer gehört den Briten,
Wir aber besitzen im Luftreich des Traums
Die Herrschaft unbestritten.

Hier üben wir die Hegemonie,
Hier sind wir unzerstückelt;
Die andern Völker haben sich
Auf platter Erde entwickelt."

Deutschland war zuerst eine Kultur- und erst dann eine politische Nation. Das Ästhetische stiftete Einheit und Zusammenhalt, als die politische Einheit noch in weiter Ferne lag. Darauf gründet bis heute unser Selbstverständnis als Kulturnation.

Nicht zuletzt steht Schiller auch mit seiner Biographie für eine Versöhnung des Ästhetischen mit dem Politischen: Aus dem radikalen Stürmer und Dränger und ästhetischen Provokateur, dessen Drama "Die Räuber" als Revolte gegen das feudale System eine ganze Generation mit dem Virus der Freiheitssehnsucht infizierte, wurde ein staatsbürgerlich denkender, weltkluger Visionär, der sich in der politischen Mitverantwortung für ein funktionierendes Gemeinwesen sah – eine im Inneren vollzogene Revolution, die er mit allen Mitteln der ästhetischen Erziehung auch draußen, in der Gesellschaft, anstoßen wollte.

Wer im Leben und im Lebenswerk Friedrich Schillers nach Antworten sucht auf die politische Frage nach den Bedingungen eines guten gesellschaftlichen Zusammenlebens wird also ebenso fündig wie all jene, die ihn als geistigen Vater einer beispiellosen Aufwertung des Ästhetischen, als Apologeten des Guten, Wahren und Schönen, als Idealisten und Moralisten lesen. Das mag, neben dem zwei Jahrhunderte überstrahlenden Glanz seines Genies, ein Grund dafür sein, dass sich so viele Verehrer – gelegentlich vielleicht auch Männergesangsvereine – um Schillers Denkmal sammeln und Bruchstücke seines Vermächtnisses für sich reklamieren.

III. Die erste Lehre aus unserer Vergangenheit: Verteidigung des Ästhetischen

Ich gestehe gerne, meine Damen und Herren, dass auch ich selbst dieser Versuchung immer wieder gerne erliege – und zwar allein schon wegen der ergreifenden Schönheit seiner klaren Sprache selbst dort, wo er verschlungene Wege des Denkens einschlägt, um wortmächtig aus der Fülle und Tiefe seines Geistes zu schöpfen. "Kunst ist eine Tochter der Freiheit", was für ein Satz! Wenige Worte, in denen sich ein ganzes Meer an Gedanken zu einem luzide schillernden Tropfen verdichtet! Wenn ich mir in meinen Reden über die Freiheit der Kunst ein "Wie sagt doch Schiller" erlaube, dann deshalb, weil ich keine schöneren Worte kenne, mit denen diese Freiheit jemals in einem einzigen Satz verteidigt worden wäre.

Die Freiheit der Kunst hat heute, anders als zu Schillers Zeiten, viele stimm- und wortgewaltige Verteidiger – zum Glück. Deutschland hat lange dafür gebraucht. Das Spannungsverhältnis zwischen Kunst und Politik, zwischen Geist und Macht ist uns in unserer Geschichte seit der Zeit der Aufklärung und des Deutschen Idealismus immer wieder begegnet – vor allem in Form von Steinen auf dem Weg zur Demokratisierung. Zensur, Repression und politische Verfolgung gehörten nicht erst und nicht nur in den beiden deutschen Diktaturen zum Berufsrisiko von Intellektuellen und Künstlern. Die Flucht des Geistes vor der Staatsgewalt hat viele klangvolle Namen – eine Reihe, in der sich auch der Name Friedrich Schiller findet, der Stuttgart verlassen musste, weil Herzog Carl Eugen ihm nach dem Erfolg der "Räuber" literarisches Berufsverbot erteilt hatte.

Umgekehrt gefallen Künstler und Intellektuelle sich bis heute oft in der Rolle der Politikverächter, die ihre vielfach berechtigte Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen mit antidemokratischen Ressentiments unterlegen. Auf dem steinigen Weg Deutschland zur Demokratie haben viele kluge Köpfe – ja, man muss es so hart sagen – versagt: Man denke nur an das bittere Scheitern der Weimarer Republik. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Weimar mit der Weimarer Klassik für deutsche Vollendung im Ästhetischen und gleichzeitig mit der Weimarer Republik für deutsches Versagen im Politischen steht - dass Weimar als Stadt Schillers und Goethes beinahe Synonym geworden ist für die Kulturnation Deutschland und als Gründungsort der ihren Namen tragenden Republik Synonym für das Scheitern der ersten deutschen Demokratie. Von Weimar ist es nicht weit nach Buchenwald, als KZ-Gedenkstätte Fanal der Unmenschlichkeit der nationalsozialistischen Diktatur und des moralischen Zusammenbruchs unseres Landes.

Thomas Mann, einer der wenigen Intellektuellen, die aus den Reihen der Gegner der jungen Weimarer Republik ausscherten und sie offensiv verteidigten – schrieb später aus dem amerikanischen Exil über die Rolle der Dichter und Denker im Nationalsozialismus: "Wenn damals die deutsche Intelligenz, alles, was Namen und Weltnamen hatte, Ärzte, Musiker, Lehrer, Schriftsteller, Künstler, sich wie ein Mann gegen die Schande erhoben, den Generalstreik erklärt hätte, das Land verlassen hätte, (…) manches hätte anders kommen können als es kam."

Anerkennen aber muss man, dass viele Künstler und Intellektuelle nach dem Zweiten Weltkrieg ganz im Sinne Friedrich Schillers mit ästhetischen Mitteln am Bau unseres demokratischen Gemeinwesens mitgewirkt haben, als geistige Trümmerfrauen und –männer auf den Ruinen einer auch kulturell und moralisch zerstörten Gesellschaft im Angesicht des beispiellosen Leids, das Deutschland über Europa gebracht hat. Viele sahen es als ihre heilige Pflicht, gegen die kollektiven Verdrängungsprozesse und den restaurativen Geist der jungen Bundesrepublik anzuschreiben. Anknüpfend an Simone Weils Diktum "Das Volk braucht Poesie wie Brot" formulierte beispielsweise Ingeborg Bachmann als (erste) Dozentin der Frankfurter Poetikvorlesungen 1959/60 den selbst gesteckten Anspruch: "Poesie wie Brot? Dieses Brot müsste zwischen den Zähnen knirschen und den Hunger wieder erwecken, ehe es ihn stillt. Und diese Poesie wird scharf von Erkenntnis und bitter von Sehnsucht sein müssen, um an den Schlaf der Menschen rühren zu können."

Wir brauchen Poesie, wir brauchen Kunst wie Brot – so könnte man die Lehre beschreiben, die Deutschland aus zwei Diktaturen gezogen hat und die da lautet: Kritik und Freiheit der Kunst sind konstitutiv für eine Demokratie. Kreative und Intellektuelle sind das Korrektiv einer Gesellschaft. Wir brauchen die provozierenden Künstler, die verwegenen Denker, die unbequemen Schriftsteller, wir brauchen die Utopien, die sie entwerfen, die Fantasie, die sie antreibt, die Sehnsucht nach einer besseren Welt! Sie sind der Stachel im Fleisch unserer Gesellschaft, der verhindert, dass intellektuelle Trägheit, argumentative Phantasielosigkeit und politische Bequemlichkeit die Demokratie einschläfern. Sie sind imstande, unsere Gesellschaft vor gefährlicher Lethargie und damit auch vor neuerlichen totalitären Anwandlungen zu bewahren. Die Freiheiten dieser Milieus zu schützen, ist deshalb heute oberster Grundsatz, vornehmste Pflicht verantwortungsvoller Kulturpolitik.

In dieser Hinsicht haben wir unsere Lektion gelernt – auch aus der festen Überzeugung heraus, dass wir Werte und Wahrheiten jenseits von Politik, Geschichte und Ökonomie brauchen. Zwei Milieus sind es, die dazu Fühlung behalten, zwei Milieus, die eines gemeinsam haben, eben dass sie um Antworten auf letzte Fragen ringen: Die Kirchen und die Gläubigen, die Intellektuellen und die Künstler sind es, die Antworten suchen und zuweilen finden auf Fragen nach den Sinn stiftenden Kräften und Werten. Dies zu ermöglichen, begründet nicht nur eine Kulturpolitik, die der Freiheit der Kunst oberste Priorität einräumt, sondern verpflichtet uns alle, diese Freiheit immer wieder neu zu verteidigen. Verteidigen müssen wir sie nach innen, gegen Versuche der Zensur, gegen religiöse Fundamentalisten, die Angst schüren, um Künstler und Andersdenkende zum Verstummen zu bringen, aber auch gegen Spardiktate und rechtliche Regelungen auf Kosten künstlerischer Unabhängigkeit und kultureller Vielfalt. Verteidigen müssen wir sie aber auch nach außen in unseren politischen Beziehungen zu Ländern, in denen der Staat die Freiheit des Denkens einschränkt.

IV. Die zweite Lehre aus unserer Vergangenheit: Verteidigung des Politischen

Eine zweite Lehre aus unserer Vergangenheit, meine Damen und Herren, ist aber auch – ich habe es bereits angedeutet –, dass das intellektuelle und kulturelle Erbe schöpferischer Genies wie Goethe und Schiller, Kant und Kafka, Bach und Beethoven die Deutschen nicht davor bewahren konnte, zu "Hitlers willigen Vollstreckern" zu werden. Das verstörende Nebeneinander von menschlicher Geistesgröße und unmenschlicher Herzensverrohung in der deutschen Geschichte hat der Publizist Rüdiger Safranski, dem wir eine Reihe von fesselnd erzählten Biographien deutscher Dichter und Denker verdanken (darunter auch eine Schiller-Biographie), in seinen Büchern als zwei Ausprägungen ein und derselben Geisteshaltung beschrieben. Diese Geisteshaltung, die er "das Romantische" nennt, ist die tief in der deutschen Seele verwurzelte Sehnsucht nach dem Wahren, nach ganzheitlicher Sinnstiftung, nach der Ordnung eines geschlossenen Weltbilds. Sie führt auf die höchsten Gipfel wie auch in die tiefsten Abgründe deutscher Geistes- und Kulturgeschichte, wie Safranski in seinem Buch „Das Böse. Drama der Freiheit“, einer Tour d’horizon durch die abendländische Geistesgeschichte, zeigt.

Das Böse trägt hier nicht das Antlitz des Teufels, sondern es begegnet uns in den Irrwegen menschlicher Freiheit - auch und gerade in Ideologien und Utopien - vor allem mit dem Ziel, den Menschen zu bessern. In seinem Buch "Romantik. Eine deutsche Affäre" geht Safranski gar so weit, ein ganzes Kapitel der Beschäftigung mit einer auf den ersten Blick geradezu tollkühn scheinenden Frage zu widmen: "Wie romantisch war der Nationalsozialismus?". Hitler in einem Atemzug mit den Genies der Romantik - mit Eichendorff, Novalis, Hölderlin und wie sie alle heißen - zu nennen, das provoziert den Widerspruch geradezu reflexhaft, doch die – ich zitiere –"fatale Verbindung von Weltfremdheit und weltstürzendem Furor" als Gemeinsamkeit im Denken und Wahrnehmen lässt sich dann doch nicht bestreiten. Das Romantische, analysiert Safranski, will mit ästhetischen Mitteln eine neue, schönere Welt schaffen, ein Gegenbild zur Wirklichkeit, und bleibt doch, trotz hehrer Ideale, weltfremd, weil ihm ein auf Realismus, praktischer Klugheit und Weltläufigkeit gründender Humanismus fehle.

Das Romantische als Sehnsuchtsort, als Unbehagen an der Entzauberung der Welt lebt fort - wir erleben es heute zum Beispiel in Form elitärer Politikverachtung, in der das Ästhetische und das Politische wie unversöhnliche Gegensätze erscheinen. Sie erinnern sich vielleicht, dass es im Sommer des letzten Jahres - wir waren mitten im Bundestagswahlkampf - eine ganze Reihe von Intellektuellen gab, die sich in Feuilletons und Fernsehshows dazu bekannten, von ihrem Wahlrecht keinen Gebrauch zu machen. In der ZEIT und im SPIEGEL klagten Philosophen, Schriftsteller, Künstler, Schauspieler, Publizisten und Sozialwissenschaftler über den "kollektiven Verlust der Utopiefähigkeit" (Richard David Precht, SPIEGEL vom 9.9.13), über das Fehlen von Visionen, von Antworten auf die großen Zukunftsfragen (Harald Welzer, Sozialpsychologe, SPIEGEL vom 27.5.13), über die Belanglosigkeit und Austauschbarkeit politischer Positionen, (versch., ZEIT 37/2013), und Peter Sloterdijk ließ dazu angeblich noch ausrichten, er wisse nicht einmal, wann Wahltag sei.

Es mag nur ein kleines Grüppchen sein, das da im Habitus der gesellschaftlichen Avantgarde, im Gewand der aufrechten Intellektuellen Politikverachtung kultiviert. Doch die Demokratie nimmt Schaden, wenn ein Teil ihrer Elite die Zurückweisung eines demokratischen Grundrechts öffentlichkeitswirksam zu einer besonders subversiven Form des "J’accuse!" stilisiert. Hier zeigt sich, wie eine romantisch verklärte Sehnsucht nach kollektiven Utopien zu Frust und Ressentiment führt, wenn sie in den Niederungen des demokratischen Alltags auf die politische Realität trifft.

Demokratische Politik ist im Gemenge der Interessen dem Kompromiss verpflichtet, weil nur so ein friedliches und humanes Zusammenleben möglich ist. Sie sucht in der Vielfalt der Werte und Weltanschauungen, der Lebens- und Gesellschaftsentwürfe nach einem "übergreifenden Konsens" – um den einschlägigen Begriff des großen politischen Philosophen John Rawls zu gebrauchen, dessen "Theorie der Gerechtigkeit" zu den einflussreichsten Werken der politischen Philosophie im 20. Jahrhundert zählt. Die vermeintliche Schwäche der Demokratie - die Nüchternheit ihrer Politik, ihre Distanz zu den letzten Fragen – macht bei Licht betrachtet ihre Stärke aus: weil sie damit unser aller Freiheit sichert und uns vor weltanschaulich begründeter Willkür im Namen großer Ideen schützt. In diesem Sinne muss die Demokratie Vorrang vor der Utopie haben.

Der Preis einer freiheitlichen Demokratie ist, ich zitiere Rüdiger Safranski, "eine wahrheitspolitisch abgemagerte Politik; eine Politik ohne Sinnstiftungs-ambitionen, die es den einzelnen erlaubt, nach ihren Wahrheiten zu suchen; eine Politik ohne geschichtsphilosophisches Pathos und weltanschauliches Tremolo. Eine Politik, die vielleicht gerade wegen dieser lebensdienlichen Enthaltsamkeit ein wenig langweilt, vielleicht sogar unansehnlich ist: ebenso unansehnlich und gewöhnlich wie unsere gewöhnlichen, alltäglichen, kleinkarierten, egoistischen Interessen, um deren vernünftigen Ausgleich untereinander (…) sich die Politik zu bemühen hat."

So wie die Freiheit der Kunst konstitutiv ist für eine humane Gesellschaft ist, so ist es auch die nüchterne Rationalität demokratischer Politik. Deshalb sollten wir einerseits die Freiheit der Kultur und des Geistes mit Verve verteidigen, zugleich aber andererseits - um der Freiheit willen! - ihre politischen Ansprüche begrenzen.

V. Die Versöhnung des Ästhetischen mit dem Politischen

Wenn wir diese beiden Lektionen aus unserer Geschichte – die Freiheit der Kunst einerseits, der Vorrang der Demokratie vor der Utopie andererseits – ernst nehmen, wird klar: Die Versöhnung des Ästhetischen mit dem Politischen bedeutet nicht das Vermeiden von Streit, von Konflikten, von Konfrontationen zwischen Kunst und Politik, von Geist und Macht. Ganz im Gegenteil: Künstler und Intellektuelle sollen unbequem sein, sie sollen mögliche andere Welten beschreiben, sie sollen Widerspruch provozieren, sie sollen, wie Jürgen Habermas das einmal formuliert hat, mit einem "avantgardistische(n) Spürsinn für Relevanzen" wichtige Themen auf die Agenda der öffentlichen Debatte setzen, originelle Thesen aufstellen, den Perspektivenwechsel befördern, Argumente entwickeln, die Grau-Töne zwischen Schwarz und Weiß sichtbar machen, und schön wäre es, wenn sie damit das Niveau der öffentlichen Auseinandersetzungen steigerten, statt sich in antidemokratischen Ressentiments mit dem Stammtisch zu verbrüdern.

Was Künstler und intellektuelle Vordenker auszeichnet, ist ihr Mut zum Experiment, das immer auch das Risiko des Scheiterns einschließt, und es sagt viel über die Verfasstheit einer Gesellschaft aus, wie sie mit dieser Avantgarde umgeht. Ihr „avantgardistischer Spürsinn für Relevanzen“ gedeiht dort am besten, wo sie nicht gefallen müssen – wenn sie es doch tun, umso besser.

Bleibt die Frage: Gibt es sie, die Künstler und Intellektuellen, die ihre Träume von einer besseren Welt mit Sinn für politische Verantwortung formulieren? Ja, es gibt sie. Sie treten nur – aus gutem Grund – weder als quotensteigernde Talkshow-Protagonisten noch als auflagenstarke Autoren mit reißerischen Buchcovern in Erscheinung. Stellvertretend für viele sei der deutsch-iranische Schriftsteller Navid Kermani genannt, der in diesem Jahr zum 65. Geburtstag unseres Grundgesetzes im Deutschen Bundestag eine emotional berührende und intellektuell feinsinnige Rede gehalten hat, eine „ungeheure Rede (…) voller Liebe und Wut“, wie die Wochenzeitung DIE ZEIT es auf den Punkt brachte – eine Rede, die eine von Herzen kommende Dankbarkeit für die demokratischen Errungenschaften und die Integrationsfähigkeit unseres Landes mit schonungsloser Kritik an der deutschen Asylpolitik im Angesicht des Flüchtlingselends an den Außengrenzen der EU verknüpfte. Navid Kermani hat damit auch gezeigt, wie man als Intellektueller der demokratischen Realität und dem Ideal einer besseren Welt gleichermaßen mit Herz und Verstand verpflichtet sein kann – auch wenn es nicht jedem gefällt.

Auf der Suche nach einer besseren Welt kommen wie wir ohne das eine ebenso wenig wie ohne das andere aus. Deshalb sollten Künstler und Intellektuelle sich ebenso beherzt zum Vorrang der Demokratie vor der Utopie im Politischen bekennen wie überzeugte Demokraten die Idee der Freiheit und Unabhängigkeit der Kunst verteidigen sollten. Wir alle sollten der Versuchung widerstehen, Antworten auf letzte Fragen, individuelle Sinnstiftung, weltanschauliche Wahrheiten vergesellschaften und zum Maßstab von Politik machen zu wollen.

Vielleicht gelingt es uns sogar, das Ästhetische und das Politische nicht als faustisches "Ach!" zweier Seelen in unserer Brust zu empfinden – diese kleine Reminiszenz an Goethe ist gewiss auch einer Schillerrednerin vergönnt -, sondern darin nüchtern die zwei Herzkammern einer vitalen Demokratie zu erkennen, die beide gemeinsam zum Lebenserhalt unseres Gemeinwesens beitragen: das Ästhetische, weil im Schöpferischen, im Fantastischen, im Weltanschaulichen, in der Sehnsucht nach Sinnstiftung und in der Suche nach Antworten auf letzte Fragen des Menschseins die persönliche Entfaltung des einzelnen und die bereichernde Vielfalt unserer Kultur gedeiht; das Politische, weil in der Nüchternheit, im Pragmatismus, in der Sachlichkeit, in der Distanz zu Utopien die Freiheit des einzelnen gründet. Beides zusammen begründet die Humanität einer Gesellschaft.

Mit dieser Haltung, meine Damen und Herren, können wir guten Gewissens für uns in Anspruch nehmen, was Schiller in seinem letzten Brief an Wilhelm von Humboldt geschrieben hat: "Und am Ende sind wir ja beide Idealisten und würden uns schämen, uns nachsagen zu lassen, dass die Dinge uns formten und nicht wir die Dinge."

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