Rede von Kulturstaatsministerin Grütters zur Eröffnung der 68. Internationalen Filmfestspiele Berlin

Wenn Berlin ausgerechnet hier am Marlene-Dietrich-Platz den roten Teppich für die Filmkunst ausrollt, ist dies alle Jahre wieder auch eine Hommage an eine Berlinerin, die 1930 in Männerkleidern Filmgeschichte geschrieben hat: an die erste Frau, die im Anzug Karriere machte - und das auch noch in Hollywood! Mit ihrem heute legendären, damals skandalösen Hosen-Auftritt im Spielfilm „Marokko“ schenkte Marlene Dietrich weiblicher Emanzipation und Unabhängigkeit ein unwiderstehlich schönes Gesicht - und ihrer Zeit ein revolutionär neues Frauenbild.

Ja, auch das kann Kino: Rollenbilder - und Weltbilder - ins Wanken bringen. Umso bitterer, dass Frauen im Filmgeschäft vielfach bis heute in eine Rolle gedrängt werden, die sie nicht spielen wollen - und dass wir deshalb seit Wochen mehr über Männer reden, die nur einen Bademantel anhaben, als über Frauen, die die Hosen anhaben. Time’s up! Die Zeit ist um! Wir rollen deshalb auch für MeToo den roten Teppich aus: für Frauen, die sich zur Wehr setzen gegen Machtmissbrauch hinter den Kulissen und für Männer, die Manns genug sind, für Gleichberechtigung einzustehen - und das heißt auch: für die Anerkennung von Künstlerinnen, ob sie nun Anzug, Jeans oder Abendkleid tragen.

Wertschätzung und Respekt lassen sich natürlich nicht per Dekret verordnen. Da braucht es einen Kulturwandel, an dem Sie alle mitwirken, meine Damen und Herren. Ad hoc einrichten lässt sich aber zumindest eine Anlaufstelle, an die Missbrauchsopfer sich vertrauensvoll wenden können. Dafür habe ich politische und vor allem auch finanzielle Unterstützung zugesichert. Macht und Angst waren viel zu lange stille Komplizen. Die Zeit des Schweigens muss vorbei sein! Regeln lässt sich auch eine ausgewogene Beteiligung von Frauen und Männern in den Fördergremien, die über die öffentliche Filmförderung entscheiden. Das war mir ein filmpolitisches Herzensanliegen, und das ist hier in Deutschland seit einem Jahr Gesetz. Ich hoffe, dass sich damit mehr von Frauen geprägte Projekte durchsetzen können, und ich freue mich, dass Frauen und Männer auch in der Jury des Berlinale-Wettbewerbs in gleicher Zahl vertreten sind.

Vor allem aber ist es die Filmkunst selbst, meine Damen und Herren, die die Wahrnehmung der Wirklichkeit zu schärfen und den Horizont des Möglichen zu erweitern vermag - und die damit das Denken und Fühlen Vieler verändert. Nicht immer reicht dafür der Auftritt einer Frau in Männerkleidern ... Aber in jedem Fall lohnt es sich, dafür die Freiheit der Kunst zu verteidigen - und ihre Fähigkeit, Debatten zu provozieren. Die Freiheit der Kunst darf nicht unter denen leiden, die im Namen der Kunst Macht missbrauchen!

Die Berlinale war und ist bis heute ein beeindruckendes Schaufenster der Kunstfreiheit. Als dezidiert politisches Festival bietet sie der künstlerischen Auseinandersetzung mit den drängenden Fragen unserer Zeit eine Bühne - und sie erreicht, sie begeistert damit ein riesiges Publikum. Dafür stehen ein roter Schal und ein schwarzer Hut: Vielen Dank, lieber Dieter Kosslick, vielen Dank Dir und Deinem ganzen Team für den Filmrausch, in den die Berlinale einmal mehr ganz Berlin versetzt!

An Marlene Dietrich erinnert dabei nicht nur der nach ihr benannte Platz, an dem die Filmpremieren stattfinden. An Marlene Dietrich erinnern auch viele großartige Filmkünstlerinnen, die auf dem roten Teppich genauso wie am Filmset zeigen, dass Frauen längst nicht mehr unbedingt Hosen tragen müssen, um die Hosen anzuhaben und ihr Ding zu machen. Diese künstlerischen Leistungen, meine Damen und Herren, verdienen ebenso viel Aufmerksamkeit wie die künstlerischen Leistungen von Männern (- und wie der Hashtag MeToo). In diesem Sinne: auf die Vielfalt in der Filmkunst, auf die Vielfalt der Berlinale!