Im Wortlaut

Rede von Kulturstaatsministerin Grütters zur Aushändigung des Verdienstkreuzes 1. Klasse an Elisabeth Niggemann

Die Kulturstaatsministerin würdigte die Generaldirektorin der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) als Hüterin des "kulturellen Gedächtnisses" der Nation. "Aus der Dokumentation unserer kulturellen Herkunft lernen wir für die Zukunft", erklärte Grütters in ihrer Rede zur Bedeutung der DNB.

Montag, 20. Mai 2019 in Frankfurt am Main

Der französische Schriftsteller Honoré de Balzac, der heute auf den Tag genau vor 220 Jahren geboren wurde, sagte einmal mit Blick auf seine vielfältigen Erlebnisse und den reichen Figurenkosmos, den er mit seinen Romanen erschuf: „Ich werde eine ganze Welt in meinem Kopf getragen haben". Sie, liebe Frau Niggemann, hüten das „kulturelle Gedächtnis“ der Nation − zwar nicht in Ihrem Kopf, aber in Ihrer Verantwortung. Es umfasst die gewaltige Welt der gedruckten Dokumente und Bücher, die Welt der Tonträger und der Netzpublikationen. Es lagert (größtenteils) hier unter uns auf drei Etagen und jede Etage ist - das habe ich mir sagen lassen - so groß wie ein Fußballfeld. Mit seinen 36 Millionen Einheiten, meine Damen und Herren, beeindruckt es schon alleine durch seine schiere Größe.

Das Gedächtnis der Deutschen braucht jedoch nicht nur Platz; es muss bewahrt, archiviert und aktualisiert werden; es braucht Pflege, Verständnis und Zuwendung. Diesen Aufgaben haben Sie sich mit Verantwortungsbewusstsein, Innovationsgeist und fachlicher Expertise über 20 Jahre lang gewidmet − eine Arbeit von unschätzbarem Wert, die nicht nur Wissenschaftlern, Studenten, Verlegern, Autoren und allen, die die Medien der Deutschen Nationalbibliothek nutzen, zu Gute kommt; eine Arbeit, die vor allem auch den öffentlichen Diskurs befruchtet und die darüber hinaus die kulturelle Identität unserer Gemeinschaft stärkt. Denn so wie jedes Individuum erst durch Erfahrungen und Erinnerung eine eigene Identität entwickelt, so ist auch jede Nation darauf angewiesen, dass sie Zugang zu ihrem gespeicherten Gedächtnis und Wissen erhält. Aus der Dokumentation unserer kulturellen Herkunft lernen wir für die Zukunft.

Balzac wollte sich die Welt erschließen − mit all ihren Schattierungen, mit ihren Abgründen und Schönheiten. Und er wollte über diese Welt erzählen, sie weitergeben − an Leser, die sich über Literatur, über Sprache Erfahrungen anverwandeln. Seit Balzacs Zeiten hat sich die Welt radikal verändert. Heute sind es nicht mehr nur große Romanciers und Verleger, die unsere Meinung beeinflussen, die unser Weltbild prägen. Es sind nicht mehr nur Publizisten und Journalisten, die über Relevanz, Zusammensetzung und Einordnung von Informationen entscheiden. Heute veröffentlichen Blogger, Netzaktivisten, Unternehmen, Konzerne und private Nutzer ihre Botschaften in rasanter Taktung im Netz. Das stellt Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, ja die gesamte Gesellschaft vor enorme Herausforderungen.

Von Führungspersönlichkeiten wie Ihnen, liebe Frau Niggemann, verlangt es, die Weichen neu zu stellen, geht es doch um nichts Geringeres als um die Frage, welche Daten des gewaltigen Informationsflusses für die Gesellschaft relevant sind, welche zu unserem kulturellen Gedächtnis beitragen, wie sie auch künftig archiviert, rezipiert und genutzt werden können. Mit Mut, Weitblick und Entschlossenheit haben Sie sich diesen Aufgaben angenommen.

Sie haben frühzeitig Möglichkeiten und Chancen der Digitalisierung erkannt und sich an internationalen Debatten beteiligt, die zu einer Neudefinition des Bibliothekswesens beitrugen. Als kluge Mittlerin haben Sie stets die Interessen von Bibliotheken und Verlegern im Blick, loten internationale Kooperationen aus und setzen sich im Spannungsfeld von Open Access und Urheberrecht sowohl für die Belange der Kreativen und der Buchbranche als auch für die der Nutzer ein.

Heute ist das kulturelle Erbe mehr Bürgerinnen und Bürgern zugänglich als je zuvor. Das verdanken wir auch Ihnen, liebe Frau Niggemann. Die Demokratisierung der Kultur durch das Internet ist ein Meilenstein der nationalen und internationalen Kulturpolitik. Sie haben sie mit Ihrer Expertise in vielen Ämtern und ehrenamtlichen Tätigkeiten mitgeprägt − beispielsweise in Ihrer Funktion als Mitglied der Reflexionsgruppe „Digitalisierung 2010/2011“, in der Sie die Europäische Kommission beraten haben, wie die Online-Präsenz des kulturellen Erbes gefördert und der digitale Wandel im Kultursektor gestaltet werden kann.

Kultur findet sich überall im Netz, aber es ist ein gigantisches Projekt, ein orts- und zeitunabhängiges Fenster in die Welt der Musik, der Geografie, Geschichte, Kunst, Architektur, der Mode und des Films zu öffnen und über eine zentrale Plattform einen systematischen Zugang zu unserer reichen europäischen Kulturlandschaft zu bieten. Mit der „Europeana“ ist dies gelungen. Sie haben sie als Vorsitzende der European Libary Foundation mitaufgebaut.

Als Projektsteuerin der Deutschen Digitalen Bibliothek wirkt Ihre DNB maßgeblich daran mit, dass wir bald auf ein riesiges Wissen- und Kulturarchiv aller deutschen Bibliotheken, Archive, Museen, Denkmalschutzeinrichtungen und Mediatheken zugreifen können. Ich bin schon jetzt beindruckt, wie umfangreich die Deutsche Digitale Bibliothek mittlerweile ist und freue mich sehr, dass sie weiter wächst.

Liebe Frau Niggemann, wenn ich sehe, wo Sie sich neben diesen herausfordernden Tätigkeiten sonst noch überall engagieren oder engagiert haben −  dann frage ich mich schon, ob Sie noch Zeit für die amerikanischen und englischen Krimis, James Joyce und all die anderen Bücher finden, die sie (wie ich einem Zeitungsartikel entnommen habe) so gerne lesen.

Jedenfalls dürfen wir sicher sein, dass das Kulturgut Buch nicht aus Ihrer Bibliothek verschwindet, denn bei allem Engagement für die Digitalisierung heben Sie seinen besonderen Wert ja immer wieder hervor. Das freut mich nicht nur als Kulturstaatsministerin , sondern auch als leidenschaftliche Leserin sehr, denn was wäre eine Bibliothek ohne das gute alte, manchmal vergilbte und verstaubte Buch? Es kann angeschaut und angefasst werden, an ihm kann gerochen, in ihm kann geblättert, rumgeschiert und gelesen werden − zumindest wenn man in ihren Lesesaal geht. Auch das ist übrigens eine beinahe antiquiert anmutende, analoge Einrichtung, die hoffentlich nie verschwinden wird, weil sie ein Ort des Austauschs und der Begegnung ist  − oder wie Sie einmal in einem Interview sagten, ein Ort, an dem auch weiterhin geflirtet werden darf.

Liebe Frau Niggemann, Sie verbinden beide Welten −  die analoge und die digitale − und Sie bringen dabei besondere menschliche Fähigkeiten und Führungsqualitäten mit: als kluge und empathische Zuhörerin und wortgewandte, pragmatische Gesprächspartnerin. Für Ihre beeindruckenden Leistungen und Ihr Engagement hat Ihnen Bundespräsident Frank Walter Steinmeier das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse am 31. Januar 2019 verliehen. Er ist damit meinem Vorschlag gefolgt, und ich freue mich sehr, dass ich Ihnen heute die Medaille überreichen kann. Die Damenversion ist leider ein bisschen kleiner geraten als die für Männer - eine Tradition, die dringend abgeschafft gehört. Schließlich verdienen Frauen, die sich in einer männlich dominierten Arbeitswelt als Führungskraft ein solches Renommee erarbeiten, die wie Sie Zukunft und Gesellschaft so entscheidend mitgestalten, großen Respekt und Anerkennung. Meine Gratulation jedenfalls fällt mindestens genauso groß aus wie für einen Mann: Herzlichen Glückwunsch zu dieser ehrenvollen Auszeichnung!

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