Rede von Bundeskanzlerin Merkel zum Deutschen Evangelischen Kirchentag am 5. Juni 2015

Lieber Herr Barner,
sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
vor allen Dingen Sie, die vielen Teilnehmer dieses Kirchentags,

es ist eine Freude, in diese Halle zu blicken und zu sehen, wie viele Menschen offensichtlich daran interessiert sind, wie wir klug werden. Denn es geht ja darum, wie wir es schaffen, dem Anspruch dieses Kirchentagsmottos gerecht zu werden. Heute geht es darum: Welche Rolle spielt dabei die Digitalisierung?

Viele von Ihnen werden sich noch an Ihr erstes Mobiltelefon erinnern – an die erste Digitalkamera: sehr sperrig; den ersten Laptop: kaum tragbar; schließlich ein erstes Navigationssystem: sehr umständlich. Und ständig schwang die Frage mit: Muss das sein? Heute haben fast alle Smartphones, die leistungsfähiger sind als der Computer, der die erste Mondlandung gesteuert hat. Wir kommunizieren, wir surfen, wir hören Musik, wir filmen, wir fotografieren, wir kaufen ein, wir lesen und arbeiten; nebenbei telefonieren wir auch noch – das alles mit einem kleinen Gerät. Wehe, wenn es einmal nicht bei uns ist.

Rund 80 Prozent der Menschen in Deutschland nutzen das Internet regelmäßig. Sie schreiben E-Mails, recherchieren und nutzen zum Großteil auch soziale Netzwerke. Ich habe manchmal Angst, dass derjenige, der sich über das Smartphone meldet, Vorrang hat vor dem, mit dem man gerade zusammensitzt und direkt spricht. Das ist eine Sache, die einen ein bisschen nervös macht. Besonders beeindruckt bin ich von Museumsbesuchern, die gar nicht mehr richtig auf das zu betrachtende Objekt schauen, sondern es nur noch aufnehmen, fotografieren und das Bild sofort versenden. Ich frage mich, ob sie als Besucher irgendwann noch einmal darauf schauen oder ob sich nur diejenigen, die das Bild gesendet bekommen haben, wenigstens das genauer anschauen.

Am Arbeitsplatz, in der Schule, an der Universität und zu Hause sind wir zunehmend vernetzt. Das heißt nichts anderes, als dass die Digitalisierung alle Lebensbereiche erfasst hat – auch die Kirchen. Fast jede Gemeinde ist mit ihren Angeboten im Internet präsent – Online-Glaubenskurse, Bibel-Blogs, Chat-Seelsorge und für die nicht so Bibelkundigen natürlich alle Bibelstellen online, gesprochen oder zu lesen in jeder Fassung, in jeder Übersetzung. Viele von Ihnen werden in diesen Tagen sicherlich die Kirchentags-App nutzen, um auf dem Laufenden zu bleiben.

Angesichts dieser rasanten Entwicklung ist die Frage zu stellen: Macht uns das auch klug? Weil wir jeden Begriff im Internet nachschlagen können? Weil uns auf dem Mobiltelefon jeder Weg durch eine fremde Stadt gezeigt wird? Weil die Netzgemeinde zu jeder Frage prompt eine Antwort liefert? Oder kann damit auch ein Verlust an Klugheit einhergehen? Weil wir uns viel zu sehr auf all die neuen Möglichkeiten verlassen? Weil wir uns nicht einmal mehr Nummern und Adressen merken müssen, weil alles eingespeichert ist und weil man alles zu jeder Zeit wieder abrufen kann?

Deshalb ist meine Überzeugung: Jede Zeit muss ihre eigene Klugheit entwickeln, zu jeder Zeit müssen wir sehen, wie wir uns im Alltag zurechtfinden. Die Digitalisierung wird natürlich dazu führen, dass wir andere, veränderte Kompetenzen brauchen. Aber was bleibt, ist eine Klugheit, die uns hilft, das Richtige zu tun – Klugheit sozusagen als Ausübung von Vernunft. Klugheit zeigt sich darin, wie wir überlegen, abwägen, schlussfolgern. Sie führt zu Einsicht, die dann zu entsprechendem Handeln führt und auch dazu, dass wir dabei – jetzt benutze ich einmal die Bedeutungsbeschreibung des Wortes „klug“ im Duden – mit scharfem Verstand, sinnvoll, weise und schlau vorgehen. Es kann sein, dass wir mit Klugheit in umfassendem Sinne gewappnet Veränderungen meistern, seien sie auch noch so komplex. Das heißt, wir müssen Chancen sehen.

Damit bin ich beim digitalen Wandel. Wir müssen die Chancen erkennen und nutzen – die Chancen für mehr Lebensqualität, bessere Bildung, wirtschaftlichen Erfolg, mehr Flexibilität, mehr Individualität. Digitalisierung kann uns helfen, große Aufgaben wie die Energiewende und den demografischen Wandel erfolgreich zu bewältigen oder auch das Gesundheitssystem zu verbessern.

Das heißt aber natürlich auch, wir müssen uns Herausforderungen stellen, die damit einhergehen. Erstens: Wie gelingt es, dass alle am digitalen Wandel teilhaben? Zweitens: Wie stärken wir die Sicherheit im Netz und damit auch das Vertrauen in das Netz? Drittens: Wie schaffen wir es, mit den neuen technologischen Möglichkeiten auch in der Wirtschaft Anschluss zu halten, um Arbeitsplätze zu sichern oder neue zu schaffen? Wir in Deutschland können eine Klugheit im Umgang mit Digitalisierung entwickeln. Aber wir sind nicht allein auf der Welt. Wir müssen uns fragen: Was bedeutet unser Verhalten im Vergleich zu dem Verhalten anderer für unseren Wohlstand und für unsere Wertschöpfung? Es kommt darauf an, zu erkennen und zu unterscheiden, wo Potenziale liegen und wo Fehlentwicklungen anfangen.

Dafür brauchen wir natürlich ein Wertesystem, eine Wertvorstellung. Dabei müssen wir uns der Frage stellen: Ist etwas nur deshalb, weil es digital ist, anders als zu der Zeit, als es analog war? Das glaube ich nicht. Ich glaube, die Werte, die Maßstäbe, die wir haben, die unsere Vorstellungen von Freiheit, von Gerechtigkeit und von Solidarität prägen, können sich nicht einfach verändern, nur weil wir jetzt miteinander digital kommunizieren. Wir brauchen Maßstäbe, die sich – davon bin zumindest ich überzeugt – sich nicht ändern sollten, wenn ich etwa nur an Artikel 1 unseres Grundgesetzes denke, an die Unantastbarkeit der Würde des einzelnen Menschen. Nur weil jetzt etwas digital stattfindet, kann sich dieser Grundgedanke unseres Zusammenlebens in der Bundesrepublik Deutschland nicht verändern. Dies muss bestehen bleiben.

Deshalb stimme ich völlig zu, wenn die Synode der EKD in einem Grundsatzpapier erklärt hat – ich zitiere –: „Eine Ethik des Digitalen hat für uns dabei das Wohl des Menschen und eine freie und gerechte Gesellschaft zum Maßstab.“

Ich finde, die Reformationsdekade bietet eine ausgezeichnete Gelegenheit, die Debatte über Digitalisierung auch historisch einzuordnen. Denn der Blick auf die Kirchengeschichte macht klar, was mediale Revolutionen bewegen können. Zu Luthers Zeiten war es der Buchdruck, der der Reformation zum Durchbruch verhalf. Ohne Buchdruck, ohne Verbreitung von Schriften, auch der Luther-Übersetzung der Bibel, wäre die Reformation längst nicht so schnell verbreitet worden, wie es in Europa der Fall war. Deshalb sollte uns die Erinnerung daran eine Anregung sein, dem gegenwärtigen Wandel offen und neugierig zu begegnen.

Natürlich brauchen wir auch eine politische Begleitung, um Möglichkeiten zur Teilhabe am digitalen Wandel zu erschließen. Die Bundesregierung hat eine Digitale Agenda für die jetzige Legislaturperiode, also von 2014 bis 2017, verabschiedet. Wir sagen: Die Teilhabe aller ist sehr wichtig. Ansonsten können wir keine gemeinsamen Maßstäbe entwickeln; sonst kommt es zu einer Spaltung der Gesellschaft. Das bedeutet ganz einfach: Wir brauchen überall vernünftige Breitbandnetze. Diese entstehen in städtischen Räumen und Ballungsgebieten durch wirtschaftliche Investitionen fast von alleine. Aber in ländlichen Regionen ist es alles andere als selbstverständlich, dass jeder gleichermaßen teilhaben kann. Wir würden aber zu einer völlig neuen Spaltung kommen, wenn wir ländliche Regionen einfach abhängen. Deshalb ist das eine der großen Aufgaben, hier im Lande für Gerechtigkeit zu sorgen.

Wir haben uns für jeden Haushalt eine Breitbandversorgung mit mindestens 50 Megabit pro Sekunde bis 2018 als Ziel gesetzt. Aber wir wissen: Das wird 2018 vielen schon längst nicht mehr reichen. Das Verbreiten von Fotos finden schon heute alle selbstverständlich. Man möchte auch Filme sehen, man möchte bewegte Bilder haben, man möchte das Netz noch intensiver nutzen. Wir werden ganz andere Bandbreiten als heute brauchen, wenn es auch um autonomes Fahren und um neue Dienstleistungen geht, um Telemedizin und vieles andere mehr, was natürlich auch in den ländlichen Bereichen wichtig ist.

Die Bundesregierung muss dafür sorgen, dass der Rahmen dafür da ist, dass unsere Unternehmen auch weiterhin wettbewerbsfähig arbeiten können. Unter dem Begriff „Industrie 4.0“ befassen wir uns damit, dass die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass Maschinen und Produkte in Betrieben miteinander kommunizieren können. Heute sind Produktionsprozesse im Grunde schon planbar, auch wenn man sie auf der Welt überhaupt noch nicht real sieht, aber weil sie digital schon simuliert werden können. Fabriken entstehen sozusagen als digitale Fabriken. In ihnen werden Automobile und Maschinenteile getestet. Dort werden Kostenvorausschauen und Fehleranalysen vorgenommen. Erst dann wird die Zukunft überhaupt im Realen entstehen. Jede Weiterentwicklung kann erst einmal simuliert werden. Natürlich erspart man sich dadurch Fehler. Aber man hat eben auch die Notwendigkeit, überhaupt über die entsprechenden digitalen Fähigkeiten zu verfügen.

Was sich in der Wirtschaft vollziehen wird, ist, dass Maschinen und Produktteile miteinander kommunizieren werden, dass sie alle relevanten Daten sammeln können und dass man mit der Sammlung dieser Daten dann zu einem Punkt kommt, an dem völlig neue Produkte und Anwendungen entstehen können, Wartungshinweise und viele andere Hinweise gegeben werden, wann was gemacht werden muss. Das heißt, die Fehleranfälligkeit wird geringer.

Aber das alleine reicht noch nicht aus, sondern die Bundesregierung muss auch im Auge haben, dass der Kunde seine Dinge sehr viel individueller bestellen kann. Deshalb wird die Schnittstelle zwischen einer Produktion und dem Käufer der entscheidende Punkt, an dem sich entscheidet, ob ein Unternehmen wirklich spannende Angebote für einen Kunden machen kann oder nicht. Es kann passieren, dass derjenige, der etwas produziert, nur noch der Zulieferer, die verlängerte Werkbank für das ist, was der Kunde wünscht, und dass derjenige, der die Schnittstelle zwischen Kunden und Unternehmen in der Hand hat, der eigentliche Hauptproduzent ist. Alle anderen wären nur noch Zulieferbetriebe. Wir wissen aber: Wer an der Verkaufsstelle sitzt, hat auch eine große Marktmacht. Das heißt, wir dürfen uns nicht nur um unsere industrielle Produktion kümmern, sondern wir müssen uns auch darum kümmern, die Kundendaten geschickt zu nutzen. Wir dürfen sie nicht nur großen amerikanischen Internetunternehmen überlassen, die anschließend vielleicht zu Produzenten werden, weil sie über die Kunden sehr viel mehr wissen.

Europa – hier spreche ich für ganz Europa, das im Augenblick weder Google, Apple, Facebook noch andere solche Unternehmen hat – darf sich nicht nur auf seine industrielle Wertschöpfung konzentrieren, sondern muss auch darauf achten, geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen, um große Datenmengen so zu verarbeiten, dass die Individualität geschützt ist. Darüber wird zurzeit in Europa diskutiert. Deshalb sollten wir nicht nur ablehnen, sondern wir sollten uns auch überlegen, wie wir im Konsumentenbereich noch mehr eigene europäische Unternehmen bekommen und Start-ups fördern können. Denn wir sind hierbei im Augenblick im weltweiten Vergleich nicht vorne dran.

Ich will jetzt all diese Dinge nicht noch mehr ausweiten; das können wir dann in der Diskussion machen. Ich will nur sagen: Die Regierungen in Bund und Ländern müssen auch dafür sorgen, dass Menschen gebildet sind und mit den neuen Technologien umgehen können. Das betrifft die ältere Bevölkerung. Und das betrifft auch die jüngere Bevölkerung, die lernen muss, mit diesen Medien so umzugehen – sich sozusagen ein digitales Grundwissen aneignet –, dass man nicht blind vertraut, sondern seine eigene Einschätzung immer wieder einbringt. Schulen und Universitäten spielen dabei eine entscheidende Rolle.

Auch die Berufsbilder werden sich ändern. Dabei liegt mir ein Punkt sehr am Herzen. Wenn man das Wort „digital“ hört, denkt man gleich an irgendwelche akademische Herausforderungen. Wir müssen aufpassen, dass eine unserer großen Stärken, nämlich die Berufsausbildung, neben der universitären Bildung nicht immer schwächer wird, weil man denkt, im digitalen Bereich kann ich nur etwas machen, wenn ich studiere. Die Berufsausbildung von Facharbeitern muss so verändert werden, dass wir moderne Berufsbilder haben, in denen auch digitale Fähigkeiten sehr gut ausgeprägt sind. Darüber haben wir auch gestern mit den Sozialpartnern gesprochen.

Zum großen Bereich Datenschutz: Wie viel Schutz wollen wir, wie viel individuelle Sicherheit wollen wir, wie sehr sind wir bereit, unsere Daten weiterzugeben? Da sehen wir auf der einen Seite eine große Offenheit vor allen Dingen von Jüngeren, auch manchmal von Älteren, ohne dass viele genau verstehen, was sie alles weitergeben und sozusagen ewig preisgeben. Auf der anderen Seite – darüber sprechen wir vielleicht auch noch – stellt sich die Frage: Wem gehört eigentlich welche Information? Natürlich ist es relativ einfach, wenn es um anonymisierte Informationen geht. Dann kann ich sehr viel für die medizinische Anwendung, für die Umweltschutzanwendung, für das Produzieren von Gütern lernen. Ich glaube, das ist weitgehend unkritisch.

Aber wie viele individuelle Informationen möchte ich weitergeben, um dann vielleicht anderen zu helfen, weil mein Schicksal in viele andere Schicksale eingereiht werden kann? Darüber müssen wir eine gesellschaftliche Debatte führen. Ich glaube, diese Debatte darf nicht so geführt werden, als ob im Internet alles ganz anders sei als im realen Leben; da wird man ja schizophren. Wenn es Freiheitsbegrenzungen im realen Leben gibt, dann kann ich nicht einfach sagen: Im Internet kann ich alles tun, alles sagen, alles machen und gegen alles hetzen; da gibt es keine Grenzen. Diese Ansicht wird aber sehr schnell als altmodisch charakterisiert. Aber davon sollte man sich nicht irremachen lassen. Freiheit ist immer auch die Freiheit des anderen. Meine eigene Freiheit ist dort beschränkt, wo ich den Lebensraum des anderen einenge. Das kann im Netz nicht anders sein als im realen Leben.

Ich möchte jetzt, um die Diskussion schnell in Gang zu bringen, mit einem Satz von Konrad Adenauer schließen, der noch kein Smartphone kannte. Er hat gesagt: „Wir werden klüger, indem wir Erfahrungen sammeln. Die Erfahrungen sind wie Samenkörner, aus denen Klugheit emporwächst.“ In diesem Sinne: Lassen Sie uns neugierig sein auf die neue Welt. Aber lassen Sie uns nicht unsere Maßstäbe vergessen, mit denen wir bis jetzt ein gutes Zusammenleben in der Bundesrepublik Deutschland möglich gemacht haben.

Herzlichen Dank.