Im Wortlaut

Rede der Kulturstaatsministerin Grütters bei der Verleihung des Deutschen Drehbuchpreises

Mit dem Drehbuchpreis würdigt Kulturstaatsministerin Monika Grütters die "großartige künstlerische Arbeit " deutscher Drehbuchautoren. Ohne selbst im Rampenlicht oder auf dem Roten Teppich zu stehen, "eröffnen sie uns mit ihrer grenzenlosen Vorstellungkraft Welten." Dass 2016 die Mittel für die Drehbuchförderung nahezu verdoppelt wurden, ist für Grütters Anerkennung für "kreatives Engagement, einen intellektuellen Kraftakt, der Beharrlichkeit und eine hohe Frustrationstoleranz erfordert".

Freitag, 10. Februar 2017 in Berlin

"Kann man zu viel von der Welt sehen?" - mit dieser beinahe philosophischen Frage wirbt zurzeit eine deutsche Fluggesellschaft für ihr Angebot. "Nein", werden darauf Städte-Hopper und Weltenbummler antworten und - so zumindest die Intention der Werbebotschaft - gleich die nächste Reise buchen. "Nein", würden aber vermutlich auch Film-Fans und Serien-Süchtige sagen: "man kann nie zu viel sehen von der Welt" - oder besser: von den Welten, die sich immer wieder neu auf Kinoleinwänden und Fernsehbildschirmen entfalten. Diese Welten eröffnen uns Drehbuchautorinnen und Drehbuchautoren in ihrer grenzenlosen Vorstellungskraft; wie Pioniere ein unbekanntes Territorium durchforsten sie ihre Phantasie nach Geschichten, die (so) noch niemand erzählt hat. Wenn dann Regisseure, Kameraleute, Produzenten und Darsteller dieses "geistige Gebiet" übernehmen, verwischen die Spuren der Autorinnen und Autoren leider viel zu schnell. Als diejenigen, die überhaupt erst die Grundlage für einen Film geschaffen haben, stehen sie selten im Rampenlicht oder auf dem Roten Teppich. Dieser Platz ist Filmemacherinnen und Filmemacher, Schauspielerinnen und Schauspieler vorbehalten. Weil aber unsere Welt ohne Sie, liebe Drehbuchautorinnen und Drehbuchautoren, um viele Welten ärmer wäre, und weil gerade Sie Anerkennung und Applaus für Ihre großartige künstlerische Arbeit verdienen, verleihen wir heute Abend, wie jedes Jahr, den Deutschen Drehbuchpreis!

Der Deutsche Drehbuchpreis ist der wichtigste und höchstdotierte nationale Preis für Drehbuchautorinnen und -autoren. Er würdigt ihre Arbeit, wenn - um im Bild zu bleiben - die Gedanken-Expedition erfolgreich abgeschlossen und die Drehbücher fertig sind. Dabei ist der Weg in eine neue Film-Welt weit und das Drehbuchschreiben ein intellektueller Kraftakt, der Beharrlichkeit und eine hohe Frustrationstoleranz erfordert. Jahre des Schreibens für Minuten des Sehens: Drehbuchschreiben ist ein schöpferischer Langstreckenflug und er dauert ein Vielfaches länger als der Dreh selbst. Hinzu kommt, dass - wie bei jeder kreativen Arbeit - manchmal auch die Triebwerke stottern, dass es nur schleppend voran geht. Der Druck aber steigt, weil Produzenten auf Ergebnisse warten oder finanzielle Reserven aufgebraucht sind.

Damit Sie, liebe Drehbuchautorinnen und -autoren, in Ruhe arbeiten können, auch mal eine Durststrecke überstehen und kreative Kraft tanken können, verschaffen wir Ihnen mit der Drehbuchförderung eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit und damit mehr Zeit: Bereits im vergangenen Jahr haben wir die Drehbuchförderung aus meinem Etat für die kulturelle Filmförderung nahezu verdoppelt, das heißt, es stehen nun jährlich 600.000 Euro für die Entwicklung vielversprechender Drehbücher zur Verfügung - und statt bisher zwölf können nun 20 Drehbücher im Jahr gefördert werden.

Darüber hinaus wurde die Drehbuchförderung im neuen Filmförderungsgesetz erheblich ausgebaut: Die Novelle des FFG ist - wie viele von Ihnen wissen werden - am 1. Januar dieses Jahres in Kraft getreten und sieht neben einer erheblichen Aufstockung der Fördersummen für die Drehbuchförderung auch eine neue Spitzenförderung vor. Ziel dieser Drehbuchfortentwicklungs-Förderung ist, Autorinnen und Autoren dabei zu unterstützen, ihre Drehbücher bis zu der für einen erfolgreichen Kinofilm erforderlichen Spitzenqualität zu entwickeln. Eine entsprechende Einrichtung meines Hauses zur Drehbuchförderung hat sich bereits seit vielen Jahren bewährt: Das "Drama Department" unterstützt Drehbuchautorinnen und -autoren sowohl bei der Entwicklung ihrer Stoffe als auch bei der Suche nach Fördermaßnahmen zur Verbesserung des Buches oder der Vermittlung an Produzenten.

Dass es sich lohnt, die Entwicklung eines Drehbuchs in verschiedenen Stadien zu unterstützen, zeigen nicht zuletzt immer wieder die wunderbaren Filme, die aus geförderten oder prämierten Drehbüchern entstehen: Im vergangenen Jahr wurden gleich zwei für den Drehbuchpreis nominierte Werke mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet: "Vier Könige" - geschrieben von Esther Bernstorff - bekam die bronzene und "Herbert" - geschrieben von Clemens Meyer und Thomas Stuber - die silberne Lola in der Kategorie "Bester Spielfilm". Beide Filme stehen stellvertretend für die hohe Qualität der beim Drehbuchpreis eingereichten Stoffe, die uns einmal mehr darin bestätigt, mit der Drehbuchförderung meines Hauses den richtigen Weg zu gehen; und weil wir davon so überzeugt sind, werde ich mich auch über 2017 hinaus für die Verstetigung der zusätzlichen 15 Millionen Euro für die kulturelle Filmförderung einsetzen, um künstlerisch herausragende Filme nachhaltig und langfristig stärken zu können.

"Im Zögern unterscheidet sich das Denken von der Arbeit", hat der unvergessene Publizist Roger Willemsen in seiner letzten Rede gesagt; und weiter - ich zitiere: "In der Unschlüssigkeit, der verweilenden, unabgeschlossenen Geste, in der Trägheit sogar tun sich Zustände der Sammlung auf." Roger Willemsen war ein leidenschaftlicher Geistesarbeiter - so wie auch Sie leidenschaftliche Geistesarbeiter sind, liebe Drehbuchautorinnen und Drehbuchautoren: Sie brauchen Zeit und Gedankenfreiheit, um Eindrücke aufzunehmen und sie zu Geschichten zu verdichten, um sich Buchstabe für Buchstabe, Satz für Satz, Dialog für Dialog die Lebens- und Gedankenwelten Ihrer Figuren anzueignen. Wir wollen, dass Sie sich diese Zeit nehmen, dass Sie zögern und verweilen, dass Sie mal träge und unschlüssig sein können - weil wir wissen, dass sich darin "Zustände der Sammlung" auftun, und aus eben diesen Zuständen neue Film-Ideen erwachsen und schließlich Drehbücher entstehen, die uns auf berührende, mitreißende Weise daran erinnern, dass man "nie zu viel von der Welt sehen kann". Weil wir nie genug bekommen von den Welten, die Sie uns eröffnen, unterstützen wir Sie dauerhaft mit der Drehbuchförderung meines Hauses und feiern Sie heute, liebe Drehbuchautorinnen und -autoren, liebe Nominierte und Preisträger, mit der Verleihung des Deutschen Drehbuchpreises 2017!

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