„Europa ist handlungsfähig“ 

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Pressekonferenz mit Bundeskanzler Merz nach Europäischem Rat 
„Europa ist handlungsfähig“ 

Bundeskanzler Merz hat nach Abschluss des Europäischen Rates die getroffenen Entscheidungen in den Bereichen Wettbewerb und Wirtschaft gelobt. Gleichzeitig forderte er gemeinsame Lösungen beim kommenden EU-Haushalt. 

  • Mitschrift Pressekonferenz
  • Freitag, 16. Oktober 2026
Bundeskanzler Merz am Rednerpult

Bundeskanzler Merz zur Abschlusspressekonferenz in Brüssel

Foto: Bundesregierung/Jesco Denzel

Zum Abschluss des Europäischen Rates in Brüssel zu Bundeskanzler Friedrich Merz eine positive Bilanz. Die Europäische Union komme in wichtigen Fragen voran, insbesondere bei der Wettbewerbsfähigkeit. Nur ein „wirtschaftlich starkes und souveränes Europa“ könne sich in der Welt behaupten, betonte Merz. Unterstützung erhielt ein deutsch-französischer Vorstoß zur europäischen Handelspolitik, womit die EU künftig schneller auf globale Wettbewerbsverzerrungen reagieren könne. Mit Blick auf die Verhandlungen über den EU-Haushalt ab 2028 forderte Merz mehr finanzielle Zurückhaltung. Angesichts notwendiger Konsolidierungen in den Mitgliedstaaten sei ein Anstieg des europäischen Haushalts um rund 50 Prozent nicht angemessen.

Als weiteren Erfolg wertete der Bundeskanzler die Verständigung mit Frankreich über die Zukunft der europäischen Automobilindustrie . Die Einigung verbinde das Festhalten an den Klimazielen mit mehr Technologieneutralität und einer stärkeren Berücksichtigung alternativer Kraftstoffe. Die Vorgaben für 2035 sollen dabei eingehalten werden, zugleich aber unterschiedliche Wege zur Kohlenstoffdioxid-Freiheit offen bleiben. 

Das Wichtigste in Kürze 

  • Wettbewerb und Binnenmarkt: Bundeskanzler Merz stellte die wirtschaftliche Stärke Europas in den Mittelpunkt des Gipfels, denn: „Nur ein wirtschaftlich starkes und ein souveränes Europa kann in dieser Welt bestehen“. Zugleich räumte er ein, dass die bisherigen Ziele noch nicht vollständig erreicht seien. Deshalb werden die Staats- und Regierungschefs Anfang kommenden Jahres erneut über Fortschritte bei Wettbewerbsfähigkeit und Binnenmarkt beraten.
  • EU-Haushalt: Breiten Raum nahm die Debatte über den künftigen Mehrjährigen Finanzrahmen (MFR) der EU ein. Bundeskanzler Friedrich Merz machte deutlich, dass Deutschland zu den Staaten gehört, die eine deutliche Begrenzung der Ausgaben fordern. Angesichts notwendiger Sparanstrengungen in den Mitgliedstaaten könne es aus seiner Sicht nicht sein, „dass in derselben Zeit der europäische Haushalt um die 50 Prozent steigt“. Gleichzeitig verwies er auf die erheblichen Meinungsunterschiede zwischen den Mitgliedstaaten und ließ offen, ob bis Jahresende eine Einigung erzielt werden kann.
  • Handel und Wettbewerb: Als wichtigen Fortschritt bezeichnete der Bundeskanzler die breite Unterstützung für einen deutsch-französischen Vorstoß zur europäischen Handelspolitik. Die EU-Kommission solle künftig schneller auf globale Ungleichgewichte und Wettbewerbsverzerrungen reagieren können. Er zeigte sich erfreut über die „wirklich einhellige, ausnahmslose Unterstützung“ für die Vorschläge Deutschlands und Frankreichs. Nun müsse die Kommission die notwendigen gesetzlichen Grundlagen erarbeiten.
  • Automobilindustrie: Besonders hervor hob Bundeskanzler Merz die Einigung mit Frankreich zur Zukunft der europäischen Automobilindustrie. Die Verständigung verbindet das Festhalten an den Klimazielen mit einer größeren Offenheit gegenüber verschiedenen Antriebstechnologien und alternativen Kraftstoffen. Europa dürfe sich nicht auf eine einzige Technologie festlegen, vielmehr müsse das Ziel sein, „CO2-frei auch mit anderen Technologien zu erreichen“. Die Einbeziehung von Biokraftstoffen bezeichnete er als „gute Entscheidung“, die breite Unterstützung finde.

Weitere Informationen zum deutsch-französischen Übereinkommen zur Zukunft der europäischen Automobilindustrie finden Sie in der gemeinsamen Pressemitteilung .

Lesen Sie hier die Mitschrift der Pressekonferenz.

Bundeskanzler Friedrich Merz:

Meine Damen und Herren, herzlichen Dank für Ihr Kommen! Wir haben die zweitägigen Beratungen des Europäischen Rates im Oktober noch nicht ganz, aber fast abgeschlossen.

Die letzten beiden Tage haben gezeigt, dass wir in der Europäischen Union in einigen ganz wesentlichen Fragen gut vorankommen. Wir haben uns sehr ausführlich über das Thema Wettbewerbsfähigkeit in der Europäischen Union verständigt. Wir haben dieses Thema in den Schlussfolgerungen auf meine Bitte hin an den Anfang gestellt, was das zweite Thema – das der Ukraine – in keiner Weise mindert. Aber mir war wichtig, dass wir das Thema der Wettbewerbsfähigkeit der Europäischen Union sichtbar auf die Nummer eins heben. Das ist in den Schlussfolgerungen auch hinreichend zum Ausdruck gekommen. Wir sind uns einig: Nur ein wirtschaftlich starkes und souveränes Europa kann in dieser Welt bestehen und die Unternehmen in ganz Europa entlasten.

Gleichwohl ist es richtig, dass wir den Zeitplan, den wir uns am 12. Februar in Alden Biesen gesetzt haben, noch nicht wirklich erfüllt haben, auch für die Jahre 2026 und 2027 noch nicht. Deswegen bin ich sehr dankbar dafür, dass António Costa den Vorschlag gemacht hat, uns am 4. Februar nächsten Jahres – das ist in Deutschland zufällig wieder Weiberfastnacht – erneut mit den 27 Staats- und Regierungschefs in Alden Biesen zu treffen, um noch einmal zu besprechen, wo wir bei dem Thema der Wettbewerbsfähigkeit und des Binnenmarkts stehen.

Ich habe parallel dazu mit Emmanuel Macron eine ganze Reihe von Themen besprochen. Wir haben auch gemeinsame Vorschläge gemacht. Ich habe mit Belgien und Italien Vorschläge gemacht, die alle sehr positiv aufgenommen worden sind.

Ich bin besonders dankbar dafür, dass das zweite große Thema gestern Abend beim Abendessen mit einer für mich überraschend großen Übereinstimmung besprochen wurde. Es gab eine wirklich einhellige, ausnahmslose Unterstützung für den Vorschlag von Emmanuel Macron und mir, die globalen Ungleichgewichte in der europäischen Handelspolitik in Zukunft anders zu beantworten, als wir dies bisher getan haben. Die Kommission hat den Auftrag bekommen und auch mitgenommen, jetzt sehr schnell einige legislative Vorschläge zu machen. Denn wenn wir so vorgehen wollen, wie wir es vorgeschlagen haben, dass die Kommission ein Instrument in die Hand bekommt, mit dem sie schnell reagieren kann, und der Europäische Rat nicht zustimmen muss, sondern es nur zurückholen kann, dann muss das auf eine neue gesetzliche Grundlage gestellt werden, die die Kommission dafür braucht. Das wird noch einige Zeit dauern. Aber wir hoffen, dass das jetzt sehr schnell von der Kommission vorgeschlagen und dann auch vom Rat und vom Europäischen Parlament akzeptiert wird.

Das dritte Thema – es findet in der Öffentlichkeit zurzeit vielleicht am meisten Aufmerksamkeit – ist das Thema des europäischen Haushalts. Sie wissen, dass wir ab dem Jahr 2028 für die nächsten sieben Jahre einen neuen europäischen Haushalt brauchen. Wir haben sehr unterschiedliche Positionen zwischen den einzelnen Mitgliedstaaten. Es gibt eine kleinere Gruppe, zu der Deutschland gehört, die der Meinung ist, dass wir das europäische Budget gegenüber den Vorschlägen der Europäischen Kommission deutlich reduzieren müssen. Es gibt eine größere Gruppe, die der Meinung ist, dass man das Budget sogar noch ausweiten muss. Ich will aus meiner Sicht noch einmal sagen: Die Zahlen müssen gegenüber den Vorschlägen der Kommission weiter sinken. Wir alle haben zu Hause erhebliche Maßnahmen zur Haushaltskonsolidierung vorzunehmen. Es kann nicht sein, dass der europäische Haushalt in derselben Zeit um 50 Prozent steigt. Das geht finanziell nicht. Das kann sich niemand erlauben, auch von den nationalen Beiträgen nicht. Aber wir werden darüber noch sehr umfassend sprechen müssen.

Es wird im November voraussichtlich einen zusätzlichen und im Dezember einen mehrtägigen Europäischen Rat geben. Ich hoffe unverändert, dass es uns bis zum Ende des Jahres gelingt, den europäischen Haushalt für die Jahre ab 2028 mit einem einstimmigen Ratsbeschluss auf den Weg zu bringen. Ob es gelingt, kann ich heute überhaupt nicht sagen. Dafür gibt es noch zu viele unterschiedliche Auffassungen.

Abschließend: Wir haben am Rande des Ratstreffens hier in Brüssel eine Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich über die zukünftige Politik gegenüber der Automobilindustrie erzielt. Das betrifft insbesondere die Antriebstechnologien und die Klimaziele. Ich will es einmal ganz einfach sagen: Das Verbrenneraus ist damit Geschichte. Dafür bekommen wir viel Zustimmung. Auch das braucht noch die legislative Umsetzung. Alles, was wir auch aus anderen Delegationen hören, ist, dass es dafür Zustimmung gibt, zumal wir auch noch einige Vorschläge zur zukünftigen Nutzung alternativer Kraftstoffe oder „biofuels“ – wie immer man sie gerne nennen möchte ‑ gemacht haben. Ich bin sehr dankbar dafür, dass uns das gelungen ist. Das sind sehr intensive Gespräche in den letzten Wochen gewesen.

Ich bedanke mich auch beim Koalitionspartner in Berlin, dass er dem Weg, den wir jetzt gemeinsam vorschlagen, aus Deutschland und Frankreich, folgt, dass wir die Klimaziele bis zum Jahr 2035 einhalten, 90 Prozent CO2-frei ab 2035, und dass die zehn Prozent, die übrig bleiben, nicht kompensiert werden müssen, dass wir aber eben auch Biokraftstoffe, CO2-Neutralität sozusagen mit ermöglichen. Das ist eine gute Entscheidung.

Wir haben ja immer, wie Sie es wissen, auch die Technologieneutralität verlangt, nicht die einseitige Festlegung auf eine bestimmte Technologie, sondern, das Ziel „CO2-frei“ auch mit anderen Technologien zu erreichen. Das haben wir heute noch einmal einen weiteren Schritt vorangebracht.

Noch einmal: Es ist eine Einigung, die wir jetzt zwischen Deutschland und Frankreich als zwei von mehreren großen Automobilnationen in Europa erzielt haben. So wie ich es aus der italienischen Delegation höre, sind auch unsere italienischen Freunde damit weitgehend einverstanden. Wie gesagt, muss es jetzt alles noch in den Prozess eingebracht werden. Aber ich glaube, wir werden es jetzt relativ schnell auch genauso auf der europäischen Ebene entscheiden können. Wenn das Europäische Parlament diesen Weg mitgeht, dann haben wir dieses große Problem gemeinsam gelöst. Dazu haben Deutschland und Frankreich einen großen Beitrag geleistet.

Ich will Emmanuel Macron sehr herzlich danken, auch für die persönlichen Gespräche, die wir in den vergangenen Tagen, auch heute Morgen noch einmal, geführt haben, damit wir diesen Weg gemeinsam gehen konnten.

Ich fahre zurück nach Deutschland mit dem guten Gefühl, dass Europa handlungsfähig ist, außenpolitisch und wirtschaftspolitisch. Wir gehen den richtigen Weg. Wir haben noch viel zu tun. Aber wir befinden uns in einem Arbeitsmodus, der mich zuversichtlich sein lässt, dass wir die Hausaufgaben, die uns gestellt sind, auch gemeinsam bewältigen.