"Ein Beitrag, der bleibt"

Bilaterales Projekt zur Stärkung der Landwirtschaft in Äthiopien "Ein Beitrag, der bleibt"

80 Prozent der äthiopischen Bevölkerung lebt in ländlichen Gebieten, die Landwirtschaft ist der wichtigste Erwerbszweig. Neben Kaffee werden hauptsächlich Getreide, Mais, und Hirse angepflanzt. Doch die Erträge sind niedrig. Ein wesentlicher Grund dafür ist die unzureichende Versorgung mit qualitativ hochwertigem Saatgut. Hier setzt eine Initiative des Bundeslandwirtschaftsministeriums an.

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Video So verändert die Saatgut-Produktion das Leben von Äthiopiens Landwirten

Andrea Rüdiger ist 34 Jahre alt und koordiniert in der Hauptstadt Äthiopiens Addis Abeba mit ihrem fünfköpfigen Team das Projekt zur Stärkung des Saatgutsektors und Schutz genetischer Ressourcen. "Wir unterstützen die Äthiopier darin, dass die richtigen Sorten gezüchtet werden, mit dem Ziel, dass das Saatgut nicht nur verbessert, sondern auch in ausreichendem Umfang zur Verfügung steht, so dass am Ende der Bauer in einem Laden einen Sack Saatgut kaufen kann", erklärt die Dresdnerin.

Dabei geht es um die Stärkung von sogenanntem zertifiziertem Saatgut. Dieses stellt bestimmte Kriterien, wie zum Beispiel eine hohe Keimfähigkeit, sicher. Zum Vergleich: In Deutschland herrscht ein freier Markt, der Angebot und Nachfrage regelt. "Das ist hier nicht der Fall", sagt Andrea Rüdiger und ergänzt: "Es gibt keinen freien Saatgutmarkt. Bisher liefern vier große Saatgutunternehmen eine Menge, die weit unter dem liegt, was tatsächlich gebraucht wird. Nur etwa 20 Prozent der Agrarfläche werden mit verbessertem Saatgut angebaut. Um auf 50 Prozent zu kommen, reichen die Mengen des vorhandenen Saatguts nicht aus."

Andrea Rüdiger im Gespräch mit Bäuerinnen in Äthiopien.

Andrea Rüdiger im Gespräch mit Bäuerinnen einer Saatgutkooperative. Seit Projektbeginn versorgten die Saatgutkooperativen 64.000 Bauern mit qualitativ hochwertigem Weizen- und Gerstensaatgut. 

Foto: Solomon Yonas/Andrea Rüdiger

Züchtungen machen Pflanzen widerstandsfähiger

Saatgutzüchtungen können Pflanzen widerstandsfähiger machen gegenüber Schädlingen, Pflanzenkrankheiten und klimatischen Bedingungen. Andrea Rüdiger: "Wenn wir über Pflanzenkrankheiten sprechen, so sind das die gleichen, die wir in Europa kennen wie etwa der Weizenrost oder die Netzfleckenkrankheit. Das sind Samenkrankheiten mit Pilzsporen." Die Folge: Die Pflanze wächst nicht ausreichend und bringt auch nicht den maximalen Ertrag. "Manchmal gibt’s auch einen Totalausfall und die Pflanze stirbt", sagt Andrea Rüdiger weiter. "Man könnte dagegen natürlich Pflanzenschutzmittel einsetzen. Doch das ist zum einen hier sehr teuer und zum anderen im Sinne der Umwelt nicht wünschenswert."

Ernährung sichern und Armut entgegenwirken

Seit zwei Jahren ist Andrea Rüdiger nun im Land. Erste Erfolge sind sichtbar. Seit Projektbeginn versorgten die Saatgutkooperativen 64.000 Bauern mit qualitativ hochwertigem Weizen- und Gerstensaatgut. "Ich beobachte, dass die Veränderung sich langsam, aber stetig vollzieht. Neue Getreidesorten sind nun auf dem Markt, die nicht nur bessere Erträge erzielen und widerstandsfähig gegenüber Pflanzenkrankheiten sind, sondern die auch eine gute Qualität haben. Da sie nachgefragt sind, erzielen Kleinbauern bessere Einkommen." Zudem gibt es mittlerweile mehr Unternehmen und Genossenschaften, die qualitativ hochwertiges Saatgut dieser neuen Sorten in den Regionen herstellen und es damit mehr Bauern zugänglich machen als bisher.

"Eine große Herausforderung sind die Folgen des Klimawandels", sagt Andrea Rüdiger. "Gerade in den Regionen, die ohnehin schon dürreanfällig sind, spürt man deutlich Veränderungen: Regenzeiten sind unvorhersehbarer und werden kürzer. Sorten zu züchten, die diesen neuen Bedingungen angepasst sind, ist sehr wichtig für die Ernährungs- und die Einkommenssicherung der kleinbäuerlichen Betriebe."

Die Ernährung zu sichern, ist von großer Bedeutung. Denn die Bevölkerung Äthiopiens wächst nach wie vor sehr schnell. Aus diesem Grund müssen auch die Erträge wachsen. Die Erträge zu steigern, heißt aber auch, dass die Bauern ihre Ernte verkaufen und somit Einkommen generieren können. Gerade für die Betriebe der ertragreichen Regionen wie etwa im Hochland hat Andrea Rüdiger einen großen Wunsch: "Vielleicht können die Betriebe, die viele Erträge erwirtschaften, sogar so wachsen, dass sie Arbeitsplätze schaffen. Grundsätzlich ist Äthiopien ein Land mit hohem Agrarpotenzial."

Dieser Wunsch spiegelt den Ansatz der äthiopischen Regierung wider: Aus der Landwirtschaft heraus entwickelt sich eine Wirtschaftsstruktur mit Dienstleistungen und Industrie. So werden zum Beispiel die Erträge weiterverarbeitet und exportiert und möglichst effektive Beiträge zur sicheren Versorgung der Menschen geschaffen.

Faszinierendes Äthiopien

Für Andrea Rüdiger ist Äthiopien ein Land der Vielfalt: in geografischer Hinsicht – von einem der tiefsten und gleichzeitig heißesten Punkte der Erde bis zum Hochland mit Bergen von bis zu 4.500 Metern. "Was sich da an Pflanzen- und Tiervielfalt abspielt, ist einfach toll. Daneben fasziniert mich Äthiopien mit seiner immensen kulturellen Vielfalt, der ausgeprägten Musikszene und sprachlichen Vielfalt, die ich bisher nirgends so gefunden habe."

In diesem einzigartigen Land zu sein und zu arbeiten, dafür ist sie sehr dankbar. "Wenn ich Gelegenheit habe, mit den Bauern in den Regionen zu sprechen, dann bin ich immer wieder überrascht und bewegt, wie sichtbar sich ihr Leben zum Guten verändert hat durch das Einkommen, dass die Saatgutproduktion ihnen beschert. Ihre Wohn- und Lebenssituation hat sich verbessert und sie können ihren Kindern andere Perspektiven für die Zukunft bieten. Das ist natürlich ein wunderbarer Beitrag, der bleibt, auch wenn das Projekt endet."

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft hat die Zusammenarbeit mit Afrika zu einem Schwerpunkt seiner internationalen Arbeit entwickelt. Ziel ist es, zu Ernährungssicherung und zur wirtschaftlichen Entwicklung auf unserem Nachbarkontinent mit seiner rasant wachsenden Bevölkerung beizutragen. Derzeit bringen sich das BMEL und sein Geschäftsbereich in 28 afrikanischen Ländern ein. Zentrale Ziele der Zusammenarbeit sind die Sicherung einer ausreichenden und ausgewogenen Ernährung durch die Stärkung der Produktivität, Qualität und Nachhaltigkeit der Land- und Ernährungswirtschaft sowie die Förderung von Lebensmittelsicherheit, Tier- und Pflanzengesundheit als Voraussetzung für die Teilhabe Afrikas am regionalen und internationalen Handel. Ebenso sollen Potenziale der nachhaltigen Waldentwicklung und -bewirtschaftung genutzt, natürliche Lebensgrundlagen geschützt und die Widerstandsfähigkeit des afrikanischen Agrarsektors gestärkt werden.

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