Kulturstaatsministerin Monika Grütters zum Start des Themenportals "Europeana 1914-1918"

- Es gilt das gesprochene Wort. -

Anrede,
am Abend des 3. August 1914, unmittelbar vor der Kriegserklärung an Deutschland, sagte der britische Außenminister Edward Grey: „Jetzt verlöschen die Lichter in ganz Europa. Wir werden sie nie wieder in unserem Leben brennen sehen“. Was für eine – traurige – Vision!
Der erste industriell ausgerüstete Krieg kostete weltweit 15 Millionen Menschen das Leben. Er markiert den Beginn einer düsteren Epoche, die Europa in den Grundfesten erschütterte und seine Zukunft verdunkelte. Um mit den Worten des amerikanischen, aus Breslau stammenden Historikers Fritz Stern zu sprechen: „Der erste Weltkrieg war die erste Katastrophe des 20. Jahrhunderts, der Große Krieg, aus dem sich alle folgenden Katastrophen ergaben“.
Das Interesse an dieser Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts war bei den Deutschen – im Gegensatz zu den meisten anderen europäischen Nationen – lange Zeit nicht sonderlich groß. Es dominierten die Erinnerung an die Schrecken und Folgen des Nationalsozialismus, an den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust und das Wissen um die deutsche Verantwortung dafür. 100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs steigt die Aufmerksamkeit jedoch signifikant, wie die aktuellen Erfolge der Bücher zum Beispiel von Herfried Münkler und Christopher Clark belegen. Eine Umfrage für das Hamburger Magazin STERN erbrachte darüber hinaus, dass sich vor allem die Jüngeren zwischen 14 und 29 Jahren mit großer Mehrheit mehr Wissen über diese Epoche wünschen.
Ein Projekt wie Europeana 1914-1918 trifft genau diesen Nerv. Es bringt Licht in diese Zeit der Dunkelheit und der Zerstörung, indem es Hundertausende von Dokumenten und Objekten aus ganz Europa erschließt – vom privaten Erinnerungsfoto bis zur dokumentarischen Filmaufnahme.
Ich hatte die Gelegenheit, bereits einmal vorab ein wenig in den einzelnen Einträgen zu stöbern, und ich muss sagen, mich als gläubige Katholikin hat ganz besonders ein äußerst fragiles und anrührendes Objekt bewegt. Es handelt sich um eine stark zerstörte Bibel, die bis heute quasi ein Familienheiligtum ist. Sie rettete einem jungen deutschen Soldaten vor Verdun das Leben, der als frommer Christ diese Bibel während des Schlafes immer unter seinen Kopf gelegt hatte. Sein Sohn schildert Folgendes: „Als eine Granate einschlug und den Unterstand zertrümmerte, wurden viele seiner Kameraden schwer verwundet oder getötet. Ein etwa 4 cm großer Granatsplitter zerfetzte die Bibel unter seinem Kopf, durchschlug sie aber nicht völlig, so dass mein Vater unverletzt am Leben blieb“.
Es sind diese einzigartigen Objekte im „digitalen Gedächtnis“ der Europeana, die unseren Blick nicht nur auf den Ersten Weltkrieg, sondern auf die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts insgesamt verändern.
Unter den zahlreichen Vorhaben, die die Bundesregierung zum Gedenkjahr 2014 initiiert und finanziert – ich erinnere hier nur an die derzeit laufende Ausstellung in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik in Bonn mit dem Titel „1914 – Die Avantgarden im Kampf“ oder die anstehende große historische Ausstellung im Deutschen Historischen Museum hier in Berlin – besitzt das Europeana-Portal einen ganz besonderen Stellenwert. Denn es zeigt überaus eindrücklich, dass Gedenken und Erinnern vor allem aus der Mitte der Gesellschaft, ja aus der Mitte jeder Familie heraus mit Leben erfüllt werden – und dies nicht nur in Deutschland.
Für die Initiative zu diesem Projekt danke ich ganz besonders der Direktorin der Europeana Stiftung, Jill Cousins, die den Weg für das neue Themenportal geebnet hat. Darüber hinaus danke ich Ihnen, liebe Frau Schneider-Kempf, für das große Engagement der Staatsbibliothek zu Berlin. Sie organisiert nicht nur die Konferenz, Ausstellung und Aktionstage, sondern hat auch die Koordination der Einspeisung der Quellen aus acht Nationen übernommen.
Liebe Frau Dillmann, das Deutsche Filminstitut in Frankfurt ist eine der bedeutenden Einrichtungen, die sich um unser Filmerbe besonders verdient macht – das Filmportal „European Film Gateway“ ist bei Ihnen in besten Händen. Im Ersten Weltkrieg wurden die Macht der laufenden Bilder und deren große propagandistische Möglichkeiten erstmals erkannt und genutzt. Die 660 Stunden Filmmaterial, die Sie zusammengetragen haben, zeigen, dass sich dabei alle kriegführenden Nationen ähnlicher Mittel bedienten. Sie haben für das Europeana-Portal eine einzigartige Quelle erschlossen. Vielen Dank für diese großartige Arbeit!
Last but not least danke ich dem Historischen Institut facts & files in Berlin für die professionelle Digitalisierung und Aufbereitung zehntausender Alltagsdokumente aus ganz Europa.
Es ist eine zentrale Aufgabe jedes europäischen Landes, seine Kulturgüter zu digitalisieren. Ich weiß allerdings auch, dass es eine der teuersten kulturpolitischen Vorhaben ist. Wir können sie nur gemeinsam bewältigen. In das Europeana-Projekt zum Ersten Weltkrieg floss rund eine Viertelmillion Euro an Bundesmitteln, eine weitere halbe Million hat die Bundesregierung seit 2005 für den Aufbau der Europeana zur Verfügung gestellt. 30 Millionen digitalisierte Objekte befinden sich bislang in dieser Datenbank, die unser europäisches Kulturerbe in all‘ seinen Facetten zugänglich macht. Deutschland stellt mit 4,5 Millionen Objekten den größten Einzelanteil. Wir werden voraussichtlich noch in diesem Jahr die komplette Vernetzung unserer Deutschen Digitalen Bibliothek mit der Europeana realisieren. Dann werden Digitalisate aus rund 30.000 Einrichtungen in Deutschland durch dieses Portal erschlossen.
Das virtuelle Schatzhaus Europeana beweist ganz handfest, was wir bislang immer nur – mehr oder minder gut fundiert – behaupten konnten: Es gibt sie offenbar, eine gemeinsam europäische Identität.
Diese Ansicht wird heute jedoch leider nicht von allen geteilt. Vor kurzem erschien Michael Kelpanides Buch „Politische Union ohne europäischen Demos?“ Das Buch des griechischen Soziologen trifft mit seinen Thesen und Fragen mitten ins Herz unseres Kontinents: Sehen wir uns als Europäer – oder nicht doch zuerst als Deutsche? Und steht diese nationale Identität quer zu einer europäischen? Oder kann sie sie sogar verhindern? Verbindet uns tatsächlich eine einende Idee, oder nehmen wir uns gegenseitig als fremd und anders wahr?
Gerade in diesem Gedenkjahr 2014 und vor dem Hintergrund aktueller ökonomischer Krisen werden diese Fragen immer wichtiger. Nicht das Geld schmerzt uns, sondern das Vertrauen, das wir verloren haben. wir müssen heute wieder ganz deutlich und ernsthaft klären: Wie wollen wir in Europa zusammenleben?
Ich bin überzeugt, dass Europa zuallererst ein kulturelles Projekt ist – und nicht in erster Linie ein ökonomisches! Und ich bin auch davon überzeugt, dass Deutschland in Europa eine ganz besondere Rolle und Verantwortung hat.
Dies gerade darum, weil Deutschland an Traditionen reich und in seinen Brüchen so radikal war, mit zwei Diktaturen in einem Jahrhundert.
Wir wollen, dass die Bürger unseres Landes in diesem Jahr bewusst über unsere Geschichte nachdenken – ehrlich und ohne Beschönigung. Was wir aber nicht wollen, ist eine zentrale und behördlich gelenkte Geschichtspolitik. Dies stünde im eklatanten Widerspruch zu unserem Selbstverständnis als föderal verfasster Kulturnation. Und: Gedenken verdankt sich oft zuerst bürgerschaftlicher Initiative, dann steigt die öffentliche Hand ein. Ich denke dabei zum Beispiel an Gedenkorte wie die „Topgraphie des Terrors“, oder das „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ hier in Berlin, die auf bürgerschaftliches Engagement zurückgehen. Und so ist es gut. Wir können Gedenken und Erinnern weder allein den Bürgern überlassen, noch kann man es behördlich organisieren und staatlich verordnen.
Mit dem Gedenken an den Ausbruch des Ersten und Zweiten Weltkriegs steht 2014 die Zerrissenheit und Teilung Europas im Mittelpunkt. Mit der Erinnerung an den die Friedliche Revolution, den Mauerfall vor 25 Jahren und die Osterweiterung der EU im Jahr 2004 erinnern wir an die Wiedervereinigung Deutschlands und das Zusammenwachsen Europas. Dieser Spannungsbogen lehrt uns viel über den Sinn des europäischen Projekts.
Wir müssen insbesondere der jungen Generation verdeutlichen, dass das heutige Europa als Rechts-, Werte- und politische Gemeinschaft die Antwort ist auf Weltkrieg, Terror und Teilung des 20. Jahrhunderts.
Ortega Y Gasset schrieb einst: „Erstellten wir heute eine Bilanz unseres geistigen Besitzes, so würde sich herausstellen, dass das meiste davon nicht unserem jeweiligen Vaterland, sondern dem gemeinsamen europäischen Fundus entstammt. Vier Fünftel unserer inneren Habe sind europäisches Gemeingut.“
Als europäisch gewachsene Kulturnationen sind wir seit Jahrhunderten verbunden durch den Austausch zwischen unseren Denkern und Künstlern.
Gerade die zeitgenössische Kunst ist ein hervorragender Mittler. Das 1963 von der Ford Foundation ins Leben gerufene Berliner Künstlerprogramm – heute unter den Fittichen des DAAD – war West-Berlins Nabelschnur in die Welt, ein großartiges Geschenk der USA. 1000 Künstler aus aller Welt haben inzwischen daran teilgenommen und wesentlich den Ruf Berlins als Stadt der Künstler und Kreativen begründet.
2011 wurde von der Bundesregierung die Kulturakademie Tarabya ins Leben gerufen, um einen Beitrag zum deutsch-türkischen Kulturaustausch zu leisten. Den Stipendiatinnen und Stipendiaten soll der Aufenthalt in Istanbul – in der faszinierenden Stadt, die wie kaum eine andere Brücke zwischen Orient und Okzident ist – der Weiterentwicklung ihrer Arbeit dienen und zugleich die Kunstszenen miteinander in Kontakt bringen.
Der Kulturtransfer, dieses permanente Geben und Nehmen in unserer Geistes- und Ideengeschichte, ist die Wurzel und der wahre Kern des Projekts Europa – auch und gerade in Zeiten der Krise.
Die Europeana ist in diesem Sinne eine große Brückenbauerin. Sie stiftet auf wunderbare Art Verbindungen zwischen Kultureinrichtungen in ganz Europa und leistet dabei einen wichtigen Beitrag zur europäischen Zusammenarbeit und Verständigung über Grenzen und über die Gräben der Geschichte hinweg. Dafür spreche ich Ihnen allen meinen Dank aus und wünsche Ihnen noch eine ertragreiche Tagung und eine gute Zeit in Berlin. Ich danke Ihnen!