"Wir besiegen die Pandemie weltweit oder gar nicht"

Das Bild zeigt Minister Müller, der an einem Tisch sitzt. Hinter ihm ist eine Weltkarte zu sehen.

Gerd Müller ist seit 2013 Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Der Diplom-Wirtschaftspädagoge lebt im Allgäu. Er ist seit 1994 Mitlgied des Bundestags.

Foto: Thomas Imo/photothek.net

Wie stark sind die Länder in Afrika von der Corona-Pandemie betroffen?

Müller: Zum Glück sind die Infektionszahlen derzeit (Oktober 2020, Anm.d.Red.) nicht so hoch wie in anderen Regionen. Aber viele Gesundheitssysteme sind trotzdem am Limit: Äthiopien hatte zu Beginn der Krise nur 150 Intensivbetten für seine 100 Millionen Einwohner. Die Pandemie hat zudem eine dramatische Wirtschafts- und Hungerkrise ausgelöst: 130 Millionen Menschen wurden allein 2020 in Hunger und extreme Armut zurückgeworfen, viele davon leben in Afrika. Corona macht so Fortschritte der letzten 30 Jahre zunichte. Besonders bitter: In Afrika werden mehr Menschen an den Folgen dieser Krise sterben als am Virus selbst. Experten rechnen mit einer Million Toten.

Aus welchem Grund?

Die Menschen sterben an Malaria, Tuberkulose, HIV und anderen behandelbaren Krankheiten, weil keine Medikamente ins Land kommen und Impfkampagnen nicht stattfinden. Dazu kommt Hunger, weil Lieferketten ausgefallen sind und Arbeitsplätze über Nacht wegbrechen. Ohne Kurzarbeitergeld und Grundsicherung stehen die Menschen buchstäblich auf der Straße.

Was kann Deutschland leisten?

Deutschland hat mit einem weltweiten 3-Milliarden-Sofortprogramm gehandelt. In Südafrika haben wir Fabriken in Notkrankenhäuser umgebaut, etwa mit VW und BMW, und stellen Beatmungsgeräte. Wir verteilen auch über 1 Million Corona-Tests in Afrika. Und zusammen mit dem Welternährungsprogramm, das für seine Arbeit den Friedensnobelpreis bekommen hat, mit UNICEF und deutschen Hilfsorganisationen sichern wir zudem die Ernährung und Medikamente für Millionen Kinder. Das wird aber nicht reichen. Ich würde mir wünschen, dass auch Brüssel ein europäisches Stabilisierungs- und Wiederaufbauprogramm auflegt.

Welche Entwicklungen befürchten Sie sonst?

Viele Länder stehen kurz vor dem Staatsbankrott. Wie der Libanon, der 1,5 Millionen syrische Flüchtlinge aufgenommen hat. Das heißt: kein Geld für Ärzte, Lehrer oder Polizisten. Viele Hilfsprogramme sind nicht ausreichend finanziert, so dass Nahrungsmittel-Programme bereits gekürzt werden müssen. Terroristen nutzen diese Krise für vermehrte Anschläge aus – vor allem in der Sahelzone. Schon jetzt gibt es Unruhen und Flüchtlingsbewegungen.

Sie waren vor Corona oft in Afrika. Wie würden Sie Afrika im Jahr 2020 kurz beschreiben?

Afrika – 100 Mal so groß wie Deutschland – ist Faszination und Herausforderung, ist Licht und Schatten. Ich konnte 44 der 54 Länder Afrikas besuchen, darunter tolle Aufsteigerländer, wie Botswana, Ghana, Tunesien. Ich bin fasziniert von der Vielfalt dieses Kontinents, aber sehe natürlich auch die großen Herausforderungen.

Wo liegen denn die größten Herausforderungen?

Die Bevölkerung verdoppelt sich bis 2050. Ohne eine Chance auf Arbeit werden viele Menschen flüchten oder sich radikalisieren. Ich habe in Nordnigeria mit Boko-Haram-Aussteigern gesprochen, die mir sagten: "Ich habe mitgemacht, weil die mir einen Dollar pro Tag, Essen und ein Gewehr geboten haben. Hätte ich einen Job gehabt, hätte ich das nie getan." Deswegen müssen wir Hunger, Armut und damit Fluchtursachen verringern.

Wo setzen Sie an?

Wir haben einen "Marshallplan mit Afrika" entwickelt mit vier Säulen. Erstens kann und muss Afrika selbst mehr leisten. Deshalb unterstützen wir gezielt Länder, die messbare Fortschritte bei Rechtsstaatlichkeit, Einhaltung der Menschenrechte und der Bekämpfung von Korruption machen. Zweitens stoßen wir mit öffentlichen Geldern Zukunftslösungen an. Solche Leuchttürme sind etwa unsere "Grünen Innovationszentren" für eine moderne Landwirtschaft. Oder das modernste Solarkraftwerk der Welt in Ouarzazate (Marokko), gebaut mit deutscher Unterstützung. Damit helfen wir, Afrika zum grünen Kontinent der erneuerbaren Energien zu machen. Aber mit öffentlichen Mitteln allein lösen wir die Herausforderungen nicht.

Wir brauchen auch die Wirtschaft?

Genau. Um Investitionen gerade von Mittelständlern zu erleichtern, haben wir den Entwicklungsinvestitionsfonds aufgelegt. Der Bedarf ist enorm: In den nächsten zehn Jahren wird in Afrika so viel gebaut werden wie die letzten hundert Jahre in Europa. Und da sollten Deutsche und Europäer dabei sein.

Was ist die vierte Säule?

Fairer Handel. Nehmen Sie eine normale Jeans: Die wird in Bangladesch oder Äthiopien hergestellt. Die Näherinnen arbeiten dort 12 Stunden am Tag für 20 Cent pro Stunde. Das ist pure Ausbeutung. Und weil das kaum zum Überleben reicht, müssen hunderttausende Kinder in Textilfabriken mitarbeiten. Die europäischen Unternehmen kaufen die Jeans für fünf Euro ein. Bei uns liegt sie dann für 50 oder 100 Euro im Laden. Würde die Jeans in der Produktion nur einen Euro teurer, könnte die Näherin ihre Familie versorgen. Leider wissen viele Kunden nichts davon. Faire Lieferketten sind übrigens auch der beste Weg, Fluchtursachen zu beseitigen.

Lesen Sie hier mehr über die Zusammenarbeit mit staatlichen Institutionen und zivilen Organisationen in Afrika.

Wie können staatliche Gütesiegel wie der Grüne Knopf auf dem Weg zu fairen Lieferketten helfen?

Indem sie uns Kunden eine verlässliche Orientierung geben. 55 Unternehmen machen schon mit. Große Händler wie Tchibo, Aldi, Lidl, REWE und die Otto Group. Aber auch Mittelständler wie Trigema, hessnatur, Vaude, Jack Wolfskin oder Mey. Sie alle zeigen: Faire Lieferketten für Mensch und Natur sind – auch wirtschaftlich – möglich.

Welche Grüner-Knopf-Produkte kann man kaufen?

Mittlerweile kann man sich von Kopf bis Fuß mit Grüner- Knopf-Produkten einkleiden – es gibt T-Shirts, Caps, Sneaker. Auch Bettwäsche, Rucksäcke und sogar Zelte. Der Grüne Knopf hat sich gut am Markt etabliert.

Reicht Freiwilligkeit für faire Lieferketten aus?

Die Welt setzt seit 50 Jahren auf Freiwilligkeit, um Menschenrechte umzusetzen. Ich habe mit Kindern in Steinbrüchen und Plantagen gesprochen und kenne ihr Leid. Es kann nicht sein, dass Unternehmen ihre Produktion ohne Rücksicht auf soziale und ökologische Grundstandards durchziehen und sich so noch einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Umso mehr freue ich mich, dass immer mehr Unternehmer ein Lieferkettengesetz unterstützen, so, wie es Arbeitsminister Heil und ich vorschlagen.

Welchen neuen Impuls muss Europa bei der Zusammenarbeit mit Afrika setzen?

Afrika ist eine Jahrhundertaufgabe für Europa. Wir brauchen eine Zusammenarbeit in völlig neuer Dimension. Da geht es um faire Handelsbeziehungen und den globalen Klimaschutz. Außerdem müssen wir Migration regeln und begrenzen, gleichzeitig aber auch legale Wege der Zuwanderung aufzeigen. Und wir brauchen eine neue Sicherheitspartnerschaft, damit Afrika seine Konflikte künftig selbst lösen kann.

Mehr Geld im EU-Haushalt für die Zusammenarbeit mit Afrika wünschen Sie sich nicht?

Natürlich brauchen wir einen substanziellen Afrikafonds – und nicht sinkende Mittel wie derzeit vorgesehen. Aber es geht vor allem um eine grundlegende Veränderung der europäischen Politik. Beispiel Klimaschutz: Ob wir die Erderwärmung stoppen können, entscheidet sich ganz maßgeblich in Afrika. Dort haben 600 Millionen Menschen keinen Zugang zu Elektrizität. Wenn alle eine Steckdose auf Basis von Kohle bekommen, müssten hunderte neue Kohlekraftwerke gebaut werden. Dieses zusätzliche CO2 könnte man in Europa gar nicht einsparen. Deswegen müssen wir den EU-Green-Deal um eine Afrika-Komponente erweitern, um erneuerbare Energien in Afrika zu fördern. Die deutsche Wirtschaft könnte so einen vollkommen neuen Zukunftsmarkt erschließen. Das schafft Arbeitsplätze dort und wäre ein sehr wirksamer Beitrag zum Klimaschutz. Also: auf nach Afrika!

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