Grußwort von Kulturstaatsministerin Monika Grütters beim Festakt zur Verleihung des Europäischen Kulturerbesiegels an Münster und Osnabrück als Stätten des Westfälischen Friedens

"Das europäische Kulturerbesiegel, ursprünglich entwickelt auf Initiative Frankreichs, von der Bundesregierung sogleich unterstützt, wird seit 2011 verliehen. Es soll für das gemeinsame Kulturerbe sensibilisieren, das europäische Zusammengehörigkeitsgefühl stärken und insbesondere den jungen Menschen neue Zugänge zum Verständnis ihrer europäischen Kultur eröffnen." erklärte Monika Grütters.

Freitag, 15. Mai 2015 in Münster

- Es gilt das gesprochene Wort. -

Anrede,

In seinem berühmten Sonett „Tränen des Vaterlands“ klagte Andreas Gryphius 1636:
„Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret,

Die Türme stehn in Glut, die Kirch ist umgekehret,
Das Rathaus liegt im Graus, die Starken sind zerhaun“.

Der 30-jährige Krieg, der unermessliches Leid über Zentraleuropa gebracht hat, liegt lange zurück. Doch noch heute sind Klagen über die Zerstörung, die den Verhandlungen vorausgegangen war, im deutschen Kulturerbe lebendig. Neben Gemälden und großen Dichtungen werden Lieder aus jenen Jahren bis heute in den Kirchen beider großer Konfessionen gesungen. Umso mehr freue ich mich, dabei sein zu dürfen, wenn heute das Rathaus meiner Heimatstadt und das Rathaus Osnabrück das Europäische Kulturerbesiegel als Stätte des Westfälischen Friedens erhalten.

Man übertreibt nicht, wenn man im Westfälischen Frieden die Grundlage sieht für Frieden und religiöse Toleranz in Europa, wie wir sie heute erleben. Fünf Jahre lang wurde er - die Kampfhandlungen dauerten an - in Osnabrück und Münster verhandelt, bis er im Mai 1648 beschworen und ausgerufen werden konnte. In Osnabrück wurden die Gespräche direkt, also ohne erklärten Vermittler, zwischen den kaiserlichen, den reichsständischen und den schwedischen Gesandten geführt. Dass gegen den ursprünglichen Willen des Kaisers auch die Reichsstände Vertreter am Verhandlungstisch hatten - das war nur eine der Neuerungen, die in diesen Friedensgesprächen das Licht der Welt erblickten.

Schon dass es überhaupt zu diesen Gesprächen kam, - wenn nicht an einem Ort, dann eben an zwei, wenn nicht in einem Jahr, dann eben in fünf -, war freilich so etwas wie ein Wunder. Der Westfälische Friede blieb für viele weitere Friedensschlüsse in den kommenden Jahrhunderten vorbildlich, die hier vereinbarte Ordnung für das Heilige Römische Reich deutscher Nation über 150 Jahre weitgehend stabil. Die damit verbundene große Kulturleistung liegt in einer Einsicht, die uns heute normal erscheint: Die Konfessionen und mit ihnen die lokalen Traditionen würden verschieden bleiben. Man tolerierte ein echtes Nebeneinander - endlich!

Heute erleben wir, wie in der Nachbarschaft Europas neue Religionskriege, die mit ihren „vom Blut fetten Schwertern“, um im Bild des Andreas Gryphius zu bleiben, ganze Völkerschaften in die Flucht schlagen. Die Heftigkeit dieser heutigen Kriege, das Ausmaß der Zerstörungen auch unserer Kulturgüter -dies alles erinnert uns daran, wie schwer auch bei uns immer wieder um Toleranz gerungen wird. Es ist gut, wenn wir gerade heute die Mühsal und Ausdauer derjenigen ehren, die dem großen Morden damals ein Ende setzten. Sie haben in Osnabrück und in Münster das Fundament einer europäischen Friedensordnung gelegt, das da heißt: Verträglichkeit Verschiedener - nicht mehr Einheit um den Preis der Existenz der je anderen.

Die Einigung, das Miteinander der Verschiedenen, sind die Basis unseres europäischen Projekts. Und das gilt vor allem für die kulturelle Grundierung. Es ist meine feste Überzeugung, dass die europäische Einigung nicht in erster Linie ein ökonomisches Vorhaben ist. Sie ist in ihren historischen Tiefendimensionen in erster Linie ein kulturelles Projekt. Kultur steht für die Vielfalt der Lebensäußerungen. Sie zeigt sie - und ist damit zugleich das Bindeglied zwischen unterschiedlichen Völkern. Gerade in diesen Tagen, in denen wir des Endes des Zweiten Weltkriegs vor 70 Jahren gedenken, sehen wir: Jedes Volk beklagt seine Verluste und feiert seine Erfolge auf je eigene Weise. In einem kultivierten Austausch laden wir einander dazu ein. So haben wir in diesem Frühjahr einmal mehr die Bedeutung symbolischer Gesten an den Stätten des Schreckens vergangener Kriege erlebt. An die Kriege erinnern wir - im Frieden, in den Friedensschlüssen finden wir zueinander. Deswegen, meine Damen und Herren, kommt dem Einsatz für die friedliche Balance, für das hartnäckige Verhandeln und für die Verteidigung des kulturellen Erbes aller eine unendlich große Bedeutung zu. Kultur stiftet nationale Identität - und in der Welt auch unsere europäische.

Das europäische Kulturerbesiegel, ursprünglich entwickelt auf Initiative Frankreichs, von der Bundesregierung sogleich unterstützt, wird seit 2011 verliehen. Es soll für das gemeinsame Kulturerbe sensibilisieren, das europäische Zusammengehörigkeitsgefühl stärken und insbesondere den jungen Menschen neue Zugänge zum Verständnis ihrer europäischen Kultur eröffnen. Künftig wird es einen Grund mehr geben, nach dem zu fragen, was der Beitrag dieser Stadt zum europäischen Zusammenhalt war. Eine Antwort wird sein: In Münster wurden die ersten Ergebnisse der zähen Verhandlungen ausgerufen. Das Rathaus wird darum als eine der Stätten ausgezeichnet, die dem Kontinent das Siegel der Toleranz und Kompromissfähigkeit aufprägten.

Liebe Münsteraner, ich darf Sie aufrufen: Fassen Sie diese Auszeichnung als einen Appell auf, Ihr Erbe nicht leichtfertig preiszugeben. Als Sinnbild für die großartige Dialogleistung des Westfälischen Friedens haben wir -ich bin ja Münsteranerin! - hier im Rathausinnenhof ein herausragendes Kunstwerk, die Bänke von Eduardo Chillida mit dem Titel „Toleranz und Dialog“ - eine Skulptur, die aus offensichtlichen Gründen untrennbar mit seinem Ausstellungsort verbunden ist. Was sie allerdings nicht davor bewahrt hat, (im Zuge der Abwicklung der WestLB) auf einer Liste derjenigen Kunstwerke zu landen, deren Verkauf zur Sanierung des Landeshaushalts beitragen sollte.

Über diesen kulturpolitischen Offenbarungseid in Düsseldorf ist längst alles gesagt. Und trotzdem ist das letzte Wort dazu noch nicht gesprochen, denn hier geht es mehr als um einzelne Kunstwerke. Hier geht es um einen Konsens, auf den wir Kulturpolitiker uns bisher immer verlassen konnten: der Konsens nämlich, dass Kunst ein Wert an sich ist, den zu schützen und zu verteidigen zu unseren vornehmsten Pflichten zählt. Das Kulturerbesiegel vermittelt denen, die den Wert der Chillida-Skulptur bisher nur nach dem beim Verkauf erzielbaren Preis bemessen haben, vielleicht eine leise Ahnung, dass Wert und Preis nicht identisch sind - das ist jedenfalls meine ganz persönliche Hoffnung.

Meine Damen und Herren, das Kulturerbesiegel der Europäischen Kommission ergänzt Ihre Arbeit und die bereits lebendigen Erinnerungen an den Westfälischen Frieden. Es kann sie nicht ersetzen. Auch die Bundesregierung will es nicht bei der Verleihung des Siegels bewenden lassen. Sie hat sich in ihrem Koalitionsvertrag weitere Ziele gesetzt. Das Jahr 2018 - in dem sich der Beginn des 30-jährigen Krieges zum 400sten Mal und das Ende des Ersten Weltkrieges zum hundertsten Mal jähren -soll ein Europäisches Jahr des kulturellen Erbes werden. In meinem Haus arbeiten wir in Abstimmung mit europäischen Kolleginnen und Kollegen sowie der EU-Kommission an der konzeptionellen Vorbereitung. Dabei wollen wir die Stätten, die mit dem Kulturerbesiegel ausgezeichnet wurden, in unsere Programme einbeziehen.

Als Bürger von Münster müssen Sie nicht bis 2018 warten. Schon heute kann die Auszeichnung Anlass sein, um die Bedeutung einer Kultur von Offenheit und Toleranz deutlich zu machen. Sie können sich für die Bewahrung des materiellen kulturellen Erbes einsetzen - und an der Weiterentwicklung einer dialogischen Kultur mitwirken.

Seit dem Westfälischen Frieden sind Offenheit und Toleranz Wesensmerkmale der europäischen Kultur. Sie gehören zum Kern unserer Kultur und finden ihren Ausdruck in Literatur, Texten und Bildern, in Baudenkmälern, Skulpturen und den unterschiedlichen Musiktraditionen. Wir können uns ihrer dankbar vergewissern. Das ist ein großes Glück, um das wir Europäer weltweit beneidet werden. Wir müssen freilich daran arbeiten, dieses Glück zu erhalten. Wir sollten uns seiner würdig erweisen und die Schätze unserer gemeinsamen Kultur pflegen.

Wenn uns die wesentlichen Elemente europäischer Kultur gleichgültig werden, kann auch bei uns allzu leicht wieder geschehen, was Gryphius in seiner Klage ganz zum Schluss hervorhebt:
„Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod,
Was grimmer denn die Pest, und Glut und Hungersnot,
Dass auch der Seelen Schatz so vielen abgezwungen.“

Kultur ist die Seele einer Gesellschaft. Noch in den schlimmsten Zeiten fanden Dichter Worte und Maler Bilder für die Schrecken, aber auch für die Sehnsucht der Seelen. Den friedlichen Zeiten dient die kultivierte Klage über die furchtbaren Zeiten als ein Ansporn, den Dialog der Verschiedenen nie abbrechen zu lassen. Gerade im Angesicht naher Kriege und religiöse Konflikte brauchen wir eine positive Selbstvergewisserung in unserem kulturellen Fundament. In diesem Sinne will das Kulturerbesiegel die Friedensleistung, die in Münster und Osnabrück erbracht worden ist, erinnern und auszeichnen.

Machen Sie etwas daraus! Zeigen Sie es allen und wuchern Sie mit Ihrem Pfund!

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