"Pflege ist mehr, als Menschen zu mobilisieren und zu waschen"

Bundesminister und Krankenpfleger im Doppelinterview "Pflege ist mehr, als Menschen zu mobilisieren und zu waschen"

Pflegefachkräfte werden händeringend gesucht. Der Beruf soll attraktiver werden. Aber wo genau liegen die Probleme und wie sehen Lösungen aus? Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und Krankenpfleger Alexander Jorde im Gespräch über den Alltag als Pflegefachkraft, die Maßnahmen der Bundesregierung und die Zukunft des Berufs.

Jens Spahn sitzt an einem Tisch und gestikuliert, vor ihm eine Glas Wasser. Ihm gegenüber und im Bild von seitlich hinten aufgenommen sieht man den Pfleger Alexander Jorde.

Um die Pflegefachkräfte in Deutschland zu entlasten, wirbt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn für mehr Personal - auch aus dem Ausland.

Foto: Florian Gaertner/photothek.net

Herr Jorde, Sie sind Gesundheits- und Krankenpfleger von Beruf. War das Ihr Traumjob?

Alexander Jorde: Es ist ein toller Beruf, und das versuche ich auch immer zu betonen. Als Gesundheits- und Krankenpflegerinnen und -pfleger sind wir die Schnittstelle im Krankenhaus. Wir stehen in Kontakt mit allen Berufen – den Ärzten, den Therapeuten, und wir sind auch in die Versorgung des Patienten nach dem Krankenhausaufenthalt eingebunden. Es ist ein enorm anspruchsvoller Job, aber auch einer, der Spaß macht – wenn man ausreichend Zeit für all diese Aufgaben hat. Aber die fehlt leider.

Sie haben die Kanzlerin vor zwei Jahren in der Sendung "Wahlarena" auf die gravierenden Missstände in der Pflege hingewiesen. Hat sich die Situation inzwischen verbessert?

Jorde: An der Situation in der täglichen Praxis hat sich für die meisten Pflegefachkräfte nicht spürbar etwas verändert. Die Koalition hat ein paar strukturelle Veränderungen angestoßen. Das sind erste Schritte in die richtige Richtung. Was fehlt, sind Sofortmaßnahmen.  

Jens Spahn: Das stimmt so nicht ganz. Wir haben ein Pflegesofortprogramm aufgelegt und 13.000 Stellen in Heimen und jede neue Pflegestelle in Krankenhäusern finanziert. Aber richtig ist: Das war nur der erste Schritt. Deshalb haben wir zusammen mit dem Arbeits- und dem Familienministerium die Pflege zum zentralen Thema dieser Legislaturperiode gemacht: Wir haben die Ausbildung reformiert. Wir werden die Bezahlung verbessern. Und wir ziehen alle Register, um mehr Pflegekräfte zu bekommen. Ich bin überzeugt: Damit werden wir den Arbeitsalltag in der Alten- und Krankenpflege mittelfristig spürbar verbessern. Trotzdem werden in den kommenden Jahren in Deutschland 50.000 bis 80.000 Stellen in der Alten- und Krankenpflege unbesetzt bleiben. Und die Situation wird sich in der alternden Gesellschaft verschärfen. Das sind aber Probleme, die lassen sich nicht von heute auf morgen lösen. Wenn Sie, Herr Jorde, vernünftige Vorschläge für Sofortmaßnahmen haben, nur zu.

Jorde: Erst durch den Stellenabbau im Pflegebereich haben sich die Arbeitsbedingungen so massiv verschlechtert. Da ist es kein Wunder, dass viele zu früh den Beruf verlassen oder ihn erst gar nicht ergreifen.

Spahn: Das stimmt. Aber das hängt mit der Krankenhausfinanzierung zusammen, die wir jetzt geändert haben. Früher war es so, dass sich für die Kliniken eine Operation, nicht aber die Nachsorge gelohnt hat. Denn abgerechnet wurde nur die OP, nicht die Pflege. Natürlich ist da niemand auf die Idee gekommen, einen Chirurgen einzusparen. Die Pfleger hingegen haben nur gekostet, also haben die Krankenhäuser da Personal gekürzt. Das haben wir nun verändert: Ein Krankenhaus bekommt künftig auch jede Pflegekraft eins zu eins refinanziert. Eigentlich eine Einladung, jede Menge Pflegerinnen und Pfleger einzustellen. Doch das ist einfacher gesagt als getan. Leider ist der Arbeitsmarkt leergefegt. 

Jorde: Der Alltag als Pflegefachkraft ist ohnehin anstrengend. Neben der Belastung durch die Personalsituation sind wir noch dazu mit Tod, Leid und mit dem Umgang beispielsweise mit Ausscheidungen konfrontiert. Gleichzeitig tragen wir viel Verantwortung. In Notfallsituationen müssen wir schnell reagieren und lebenswichtige Entscheidungen treffen. All das kombiniert mit den schlechten Personalschlüsseln führt zu einer enormen Belastung und dazu, dass viele sich lieber einen anderen Job suchen.

Spahn: Verständlich. Viele entscheiden sich, ihre Arbeitszeit zu reduzieren, weil der Job so anstrengend ist und Personal fehlt. Eine Abwärtsspirale, die wir stoppen müssen.

Pfleger Alexander Jorde, ein junger schlanker Mann mit kurzen dunkelblonden Haaren und Brille, und Minister Jens Spahn gehen einen Flur entlang, die Gesichter im Gespräch einander zugewendet.

Findet seinen Beruf toll, trotz aller Herausforderungen: Pfleger Alexander Jorde (l.), hier im Gespräch mit Bundesgesundheitsminister Spahn.

Foto: Florian Gaertner/photothek.net

Sie sind in den vergangenen Wochen um die Welt gereist und haben versucht, in Mexiko, im Kosovo, auf den Philippinen Pflegekräfte zu engagieren. Ist Ihnen das gelungen?

Spahn: Gelungen ist es, die Zusammenarbeit mit drei Ländern zu verbessern, die selbst jung sind und Pflegekräfte über ihren tatsächlichen Bedarf ausbilden. Länder, in denen junge Pflegekräfte in großer Zahl arbeitslos sind, die aber eine vergleichbare Ausbildung haben. Dafür brauchen wir eine unbürokratische Anerkennung der Ausbildungen, beschleunigte Visa-Verfahren und zertifizierte Agenturen, die das organisieren. Wir benötigen Partner, von denen wir wissen, dass sie die Menschen gut behandeln, gut bezahlen, ihnen aber auch keine Luftschlösser von der Situation in Deutschland malen. 

Jorde: Das kann nur ein kleiner Teil der Lösung sein. Wichtig ist vor allem, dass die Qualifikation entsprechend ist und vor allem die Sprache beherrscht wird, denn vor allem die Kommunikation ist entscheidend in der Pflege. 

Ein Beruf ist auch dann attraktiv, wenn man damit gut verdienen kann. Herr Jorde, dürfen wir fragen, was Sie verdienen?

Jorde: Ich arbeite bei einer öffentlichen Universitätsklinik, dort ist der Tarifvertrag der Länder üblich. Für den Bereich, in dem ich dort arbeite, liegt das Einstiegsgehalt bei circa 2.900 Euro brutto – deutlich über dem Mindestlohn, den Herr Spahn vorgeschlagen hat. 

Spahn: Wir wollen ja keine Grenze nach oben, sondern eine Grenze nach unten. 2.500 Euro sollte aus meiner Sicht das Mindeste sein, was jemand verdient, der Vollzeit in der Pflege arbeitet. Viele verdienen heute wesentlich weniger. Das wollen Arbeitsminister Heil und ich ändern.

Könnte die Digitalisierung das Personalproblem lösen? Würden Sie sich von einem Pflegeroboter pflegen lassen?

Spahn: Gute Pflege bedeutet menschliche Zuwendung. Ohne geht es nicht. Aber es ist auch wichtig, dass wir Digitalisierung und technischen Fortschritt nutzen, um Pflegekräfte zu entlasten. Es gibt inzwischen beispielsweise Anzüge, die den Rücken entlasten und die körperlichen Belastungen des Jobs mildern. 

Herr Jorde, haben Sie Sorge, dass Sie Ihren Job demnächst ganz verlieren, weil ein Roboter Sie ersetzen wird?

Jorde: Selbst wenn wir eine komplette Roboterarmee hätten, könnten diese niemals Pflegefachkräfte ersetzen. Pflege ist mehr, als Menschen zu mobilisieren und zu waschen. Den zwischenmenschlichen Kontakt in schwierigen Situationen, Empathie für die Situation der Menschen: Das kann kein Roboter leisten. Würden Sie sich wünschen, dass am Ende Ihres Lebens Ihr einziger Kontakt der zu einer Maschine ist? Im Bereich der Dokumentation halte ich die Digitalisierung für sehr sinnvoll. Da entlastet der Computer mich, und ich habe mehr Zeit für meine Patienten. 

Spahn: Das ist übrigens auch eine attraktive Seite des Berufs. Er hat eine Zukunft. Die Digitalisierung wird Pflegerinnen und Pfleger nicht überflüssig machen und ersetzen, wie das in anderen Branchen durchaus zu beobachten ist. 

Herr Jorde, was raten Sie jungen Menschen, die Sie fragen, ob sie in der Pflege arbeiten sollen?

Jorde: Ich rate zu. Trotz aller Widrigkeiten. Es ist ein schöner und vielseitiger Beruf. In kaum einem Beruf hat man so viele Möglichkeiten. Derzeit arbeite ich auf der Intensivstation eines Krankenhauses. Ich hätte aber auch die Möglichkeit, in der stationären Altenpflege zu arbeiten, könnte ebenso gut in der Psychiatrie oder einer Beratungsstelle arbeiten. Es stehen sehr viele Türen offen, und ganz nebenbei lernt man auch sehr viel über sich und das Leben.