Im Wortlaut

Rede von Kulturstaatsministerin Grütters bei der Tagung "Kunst, Provenienz und Recht - Herausforderungen und Erwartungen" in Bonn

Bei einer Fachtagung hat Kulturstaatsministerin Grütters bekräftigt, sich weiter für bessere Rahmenbedingungen für Provenienzforschung und Restitution stark zu machen und diese in Forschung, Lehre sowie Aus- und Weiterbildung zu verankern. Den menschlichen Schicksalen hinter den Kunstrauben "wollen wir nicht nur rechtlich, sondern auch moralisch gerecht werden", so Grütters. Sie verwies auf das neu gegründete Deutsche Zentrum Kulturgutverluste und auf die bereits deutlich erhöhten Mittel.

Montag, 13. Juni 2016 in Bonn

Was für ein schöner, kleiner Zufall, dass Sie sich für Ihre Tagung zu "Kunst, Provenienz und Recht" ausgerechnet den Namenstag des Heiligen Antonius ausgesucht haben! Das ist mir natürlich sofort aufgefallen, und hier im katholischen Rheinland bin ich damit sicher nicht allein. Schließlich ist Antonius einer der bekanntesten und beliebtesten Heiligen, auf dessen Fürsprache man vertraut, wenn etwas verloren gegangen ist - oder ganz allgemein, wenn man auf ein Wunder hofft.

Um sehr große, um schwerwiegende Verluste geht es auch in der Provenienzforschung, nämlich um Kulturgutverluste; und lange - viel zu lange! - mussten Eigentümer und rechtmäßige Erben tatsächlich fast auf ein Wunder hoffen, um Werke wieder zu bekommen, die sich einst in Familienbesitz befanden und die von den Nationalsozialisten geraubt wurden.

Wir wissen seit langem, dass zahlreiche Sammler von Kunst- und Kulturgütern, vor allem jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger, während der national-sozialistischen Gewaltherrschaft ihr Eigentum verloren haben: Sie wurden von den Nationalsozialisten verfolgt, sie wurden beraubt, sie wurden enteignet. Andere mussten ihren Besitz unter Wert veräußern oder bei Flucht und Emigration zurücklassen. Doch viele Jahre fragte niemand nach der Herkunft von Kunstwerken - auch beim Erwerb für öffentliche Sammlungen nicht. Das hat sich erst mit der Washingtoner Erklärung aus dem Jahr 1998 geändert, deren Grundsätze durch die "Gemeinsame Erklärung" von Bund, Ländern und kommunalen Spitzenverbänden aus dem Jahr 1999 für Deutschland umgesetzt worden sind - ein leider sehr spätes Bekenntnis zur rückhaltlosen Aufarbeitung des nationalsozialistischen Kunstraubs. Und es sollte noch weitere Jahre dauern, bis sich allmählich ein breiteres Bewusstsein für die moralische Verpflichtung Deutschlands zu Provenienzforschung und Restitution entwickelte.

"Kunst, Provenienz und Recht" - das Thema Ihrer Tagung - ist deshalb bis heute ein Spannungsfeld, auf dem die Herausforderungen ebenso überwältigend groß sind wie die Erwartungen. Es abzustecken und zu vermessen, ist die Voraussetzung für verantwortliches politisches Handeln, und deshalb freue ich mich, dass die Provenienzforschung an der Uni Bonn so viel Aufmerksamkeit erfährt - zumal ich selbst unter anderem Kunstgeschichte an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität studiert habe und allein schon deshalb immer wieder gerne hierher komme. Ich nutze heute gerne die Gelegenheit, Ihnen zu erläutern, wie wir politisch mit den Herausforderungen und Erwartungen im Spannungsfeld "Kunst, Provenienz und Recht" umgehen.

Unser Land - und damit meine ich Staat und Verwaltung genauso wie Wissenschaft, Organisationen, Einrichtungen und Privatpersonen - darf keinen Zweifel daran lassen, welche immense Bedeutung für uns alle die rückhaltlose Aufarbeitung des nationalsozialistischen Kunstraubs hat. Hinter einem entzogenen, geraubten Kunstwerk steht immer auch das individuelle Schicksal eines Menschen. Diesen menschlichen Schicksalen wollten wir nicht nur rechtlich, sondern auch moralisch gerecht werden. Es geht um die Anerkennung der Opferbiografien, um die Anerkennung des Leids und des Unrechts, dem Verfolgte des NS-Regimes, insbesondere Menschen jüdischen Glaubens, unter der nationalsozialistischen Terrorherrschaft ausgesetzt waren.

Dazu ist es zunächst einmal notwendig, staatliche Mittel für die Provenienzforschung bereit zu stellen. Die Mittel des Bundes für die dezentrale Suche nach NS-Raubkunst wurden deshalb immer wieder erhöht. Ich habe das zur Verfügung stehende Budget verdreifacht gegenüber dem Haushaltsansatz bei meinem Amtsantritt.

Wichtig ist außerdem, die Rahmenbedingungen für Provenienzforschung und Restitution zu verbessern. Spätestens mit dem Schwabinger Kunstfund vor zweieinhalb Jahren war klar: Wir brauchen für die rückhaltlose Aufarbeitung des nationalsozialistischen Kunstraubs einen zentralen Ansprechpartner - eine Institution, die die Aktivitäten zur Suche nach NS-Raubkunst bündelt und koordiniert. Im Februar 2014 habe ich deshalb die Gründung eines Deutschen Zentrums Kulturgutverluste vorgeschlagen, das wir - Bund, Länder und kommunale Spitzenverbände - in Rekordzeit von weniger als einem Jahr im engen kulturföderalistischen Schulterschluss aufgebaut haben.

Die Suche nach NS-Raubkunst in Museen, Bibliotheken und Archiven und die Aufarbeitung des in seiner Systematik, in seinen Zielen und Auswirkungen einzigartigen NS-Kunstraubs zu unterstützen - das sind die Kernaufgaben des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste. Den wissenschaftlichen Hochschulen kommt dabei eine Schlüsselrolle zu, und deshalb war die Verankerung der Provenienzforschung in Forschung und Ausbildung an wissenschaftlichen Hochschulen von Anfang an ein wesentlicher Gesichtspunkt, der Niederschlag in der Satzung des DZK gefunden hat. Denn ohne Ihre Expertise, meine Damen und Herren, ohne wissenschaftliches Know-how ist es nahezu unmöglich, die Herkunft eines Kunstwerks über Jahrzehnte zurück zu verfolgen und zweifelsfrei zu klären. Gerade weil es um so viel geht - um Menschenleben und Menschenwürde - bedarf es der Standards der Wissenschaft. Provenienzrecherche ist eben oft mehr als Handwerk.

Wissenschaftliches Know-how brauchen wir aber nicht nur an den Universitäten, sondern auch in der Praxis: in Museen, Archiven, Bibliotheken, im Umgang mit privaten und öffentlichen Sammlungen und auch im Kunsthandel. Deshalb müssen das erforderliche Wissen und die Sensibilität für die Aufgabe schon im Rahmen der wissenschaftlichen Ausbildung vermittelt werden. Nur so stärken wir die Provenienzforschung nachhaltig.

Wie kann das gehen? Die Universität Bonn macht es vor - mit der Einrichtung der bundesweit ersten Stiftungslehrstühle auf den Gebieten "Provenienzforschung" und "Kulturgutschutz".

Es war die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, die vor gut einem Jahr mit der Idee auf mich zukam, Stiftungsprofessuren für dieses wichtige Thema einzurichten; und natürlich freut es mich sehr (und macht mich als ehemalige Studentin dieser Universität auch ein klein wenig stolz), dass meine Alma Mater, die Universität Bonn, sich mit der bereits zugesagten dauerhaften Weiterführung der Lehrstühle, ihrer erfolgsversprechenden interdisziplinären Ausrichtung und einer zusätzlichen Junior-Professur für Provenienzforschung nicht nur als ideale Kooperationspartnerin, sondern auch als Vorreiterin für ein Thema erweist, das mir so sehr am Herzen liegt.

Dabei ist völlig klar, dass Hochschulen auf Drittmittelfinanzierung und bürgerschaftliches Engagement angewiesen sind, wenn sie sich der Provenienzforschung und den damit verbundenen Herausforderungen widmen wollen. Hier kann und soll das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste als Kooperationspartner für Stiftungslehrstühle und die akademische Welt insgesamt vermittelnd unterstützen - so wie bei der geplanten Einrichtung einer Juniorprofessur „Provenienzforschung“ am Hamburger Kunsthistorischen Seminar, finanziell gefördert von einer Hamburger Stiftung. Weitere Schritte in dieser Richtung sind geplant.

Darüber hinaus gehört das Thema Provenienzforschung endlich auch in die Weiterbildung. Deshalb unterstützt das Zentrum sowohl finanziell als auch konzeptionell die Entwicklung eines praxisorientierten „Weiterbildungsmoduls Provenienzforschung“ an der FU Berlin als Angebot beispielsweise für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Museen und Kunsthandel oder für Kunstsammlerinnen und Kunstsammler.

Nicht zuletzt, meine Damen und Herren, erhoffe ich mir von der Arbeit des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste eine stärkere Vernetzung des Wissens. Davon profitieren vor allem die kleinen Museen, weil es oft deren einzige Chance ist, Forschung zu etablieren und ihrer Mitverantwortung für die Aufarbeitung des nationalsozialistischen Kunstraubs wie auch den Erwartungen einer zunehmend kritischen Öffentlichkeit gerecht zu werden. Spätestens seit dem Fall „Gurlitt“ werden die deutschen Museen eben nicht mehr nur an ihrer Ankaufs- und Ausstellungspolitik gemessen, sondern auch und nicht zuletzt daran, wie sie mit ihrer Geschichte und der ihrer Sammlungen umgehen - und das ist auch gut so. Während so manches große Museum (etwa das Frankfurter Städel Museum oder - unter Uwe Schneede - schon sehr früh die Hamburger Kunsthalle) eigens eine Stelle für die Provenienzforschung eingerichtet hat, sind kleine Häuser dazu bisher häufig personell nicht in der Lage. Derartige Schwierigkeiten lassen sich nur lösen, wenn wir es schaffen, Projekte zu vernetzen und die Zusammenarbeit zwischen großen und kleinen Häusern - etwa in Forschungsverbünden - zu verbessern. 

Deshalb haben wir uns darauf verständigt, am DZK eine Forschungsdatenbank einzurichten und zu finanzieren. Mir ist wichtig, dass das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste sich perspektivisch zu einer Austauschplattform für alle relevanten Daten der Provenienzforschung entwickelt. Insbesondere die Bereitstellung von Forschungsdaten, die im Rahmen der vom Zentrum geförderten Projekte erhoben werden, kann dazu einen Beitrag leisten. Sie soll über die Forschungsdatenbank erfolgen, an deren Konzeption gerade intensiv gearbeitet wird. Die Datenbank wird Forschern mehr Möglichkeiten zum Austausch bieten, die Effektivität der Forschung erhöhen und dabei helfen, überflüssige Doppelrecherchen zu vermeiden. All das stärkt die Provenienzforschung und die Aufarbeitung unserer Geschichte nachhaltig. Deshalb unterstütze ich ausdrücklich - auch finanziell - das Vorhaben des Zentrums, diese Forschungsdatenbank jetzt aufzubauen.

Ich bin überzeugt, meine Damen und Herren: Mit diesen Maßnahmen und einem insgesamt stimmigen Konzept zur Verbesserung der Rahmenbedingungen für die Provenienzforschung in Deutschland wird das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste die Aufarbeitung des NS-Kunstraubs in den nächsten Jahren ein gutes Stück voran bringen. Als Kunsthistorikerin weiß ich natürlich nur zu gut, wie mühsam, langwierig und ungeheuer schwierig es oft ist, die Herkunft eines Kulturguts über Jahrzehnte zurück zu verfolgen und zweifelsfrei zu klären. Als Politikerin kann ich die Ungeduld der vielfach schon hochbetagten Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung und ihrer Nachkommen verstehen, die die Rückgabe unrechtmäßig entzogener Kunstwerke noch selbst erleben wollen.

Dieser Zielkonflikt zwischen wissenschaftlich gebotener Gründlichkeit einerseits und der im Interesse der Opfer und ihrer Erben gebotenen Schnelligkeit andererseits lässt sich nicht auflösen. Doch jedes einzelne Werk, dessen Provenienz zweifelsfrei geklärt und das vielleicht sogar restituiert werden kann, ist ein Mosaikstein der historischen Wahrheit, zu deren Aufarbeitung Deutschland moralisch verpflichtet ist. Das sind und bleiben wir den ihres Eigentums und ihrer Rechte beraubten, von den Nationalsozialisten verfolgten und vielfach ermordeten Menschen schuldig. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine erkenntnisreiche Konferenz und danke Ihnen herzlich für Ihr herausragendes Engagement auf dem Gebiet der Provenienzforschung!

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