Rede von Bundeskanzlerin Merkel anlässlich der Eröffnung der neuen Dauerausstellung der Gedenkstätte Berliner Mauer am 9. November 2014

in Berlin

Sonntag, 9. November 2014 in Berlin

Sehr geehrter Herr Professor Klausmeier,
sehr geehrter Herr Regierender Bürgermeister,
Herr Präsident des Abgeordnetenhauses,
Frau Staatsministerin,
meine Damen und Herren,

wie kein zweites Datum verdichtet der 9. November die deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert.

Am 9. November 1918 endete das Deutsche Kaiserreich mit der Verkündung der Abdankung von Kaiser Wilhelm II. zum Ende von vier fürchterlichen Kriegsjahren. Fünf Jahre später, am 9. November 1923, wollte Adolf Hitler mit seinem Marsch auf die Münchner Feldherrnhalle die junge Weimarer Demokratie stürzen. Weitere 15 Jahre später, am 9. November 1938, zündeten Angehörige von SA und SS Synagogen an. Sie plünderten Geschäfte jüdischer Eigentümer, zerstörten die Wohnungen jüdischer Mitbürger, misshandelten ihre Bewohner, verhafteten und töteten nicht wenige von ihnen. Das war der Auftakt zum millionenfachen Mord, zum Zivilisationsbruch der Shoah.

Der 9. November wurde ein Tag der Scham und der Schande. Wie sollte aus diesem Datum jemals der Tag des Glücks und der Freude werden können, wie wir ihn 61 Jahre später, am 9. November 1989, erleben durften? Deshalb empfinde ich heute, am 25. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer, nicht nur Freude, sondern vor allem auch die Verantwortung, die uns die deutsche Geschichte insgesamt aufgegeben hat.

Auch der Fall der Berliner Mauer kam – so überraschend er in jenem historischen Moment auch war – nicht aus dem Nichts. Der Eiserne Vorhang hatte schon längst Risse bekommen. Die Friedliche Revolution in der DDR ist ohne die Entwicklungen in anderen Staaten des damaligen Ostblocks undenkbar. Wir Deutschen werden nie vergessen, dass uns die Freiheits- und Demokratiebewegungen in mittel- und osteuropäischen Staaten den Weg zum glücklichsten Moment unserer jüngeren Geschichte geebnet haben.

Denken wir zum Beispiel an die Charta 77 in der Tschechoslowakei und an die Solidarność in Polen. Denken wir auch an den Abbau der Grenzanlagen Ungarns zu Österreich. Und denken wir natürlich auch an die Politik von Glasnost und Perestroika in der Sowjetunion. Ich freue mich sehr, dass in diesen Tagen drei Persönlichkeiten in Berlin sind, die – jede auf seine Art – entscheidend dazu beigetragen haben, dass dieser Wandel 1989 stattfinden konnte: Lech Wałęsa, Miklós Németh, der heute Morgen bei uns war, und Michail Gorbatschow.

1989 brachten mehr und mehr Ostdeutsche den Mut auf, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen. Die Proteste gegen den Wahlbetrug bei den Kommunalwahlen im Mai 1989 dürfen ebenso wenig vergessen werden wie auch die Bürgerbewegungen, die gegründet wurden, deren Ruf für mehr Recht und Freiheit immer hörbarer wurde. Ich erinnere an die im Sommer 1989 anschwellenden Flüchtlingsströme nach Prag und Ungarn. Sie setzten die SED-Machthaber zusehends unter Druck. Ich erinnere an die ersten Demonstrationen, die der Staat noch mit Gewalt und Verhaftungen einzudämmen versuchte.

Im Juni 1989 mussten wir erleben, wie sich das Politbüro der SED ausdrücklich mit dem brutalen Vorgehen der chinesischen Führung solidarisierte, als die Proteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens blutig niedergeschlagen wurden. Aber auch das konnte die Menschen in der DDR nicht mehr einschüchtern. Die Demonstrationen in Ostdeutschland bekamen immer mehr Zulauf. Es wurden Zehntausende, es wurden Hunderttausende, die gegen staatliche Bevormundung, Repression und Misswirtschaft auf die Straße gingen. Man darf nicht vergessen, dass viele damals Angst hatten, wenn sie zu den Montagsdemonstrationen gingen und ihren Kindern sagten, wo sie hingehen sollten, wenn die Eltern vielleicht nicht wiederkämen.

Sie ließen der DDR-Führung ihren letzten Versuch nicht durchgehen, mit vermeintlich neuen Gesichtern wie dem von Egon Krenz an der Spitze das Blatt wenden zu wollen. Stattdessen schrieben sie auf ihre Transparente: „Wir lassen uns nicht aus-krenz-en“ oder „Blumen statt Krenz-e.“ Wenn etwas wunderbar war in dieser Zeit, dann war es vor allem auch die Fantasie, die in so vielen Bürgern der DDR steckte, die so viele Jahre lang unterdrückt war und von der man selbst bei Nachbarn keine Ahnung hatte, dass sie so vorhanden war.

Es sollte Schluss sein mit Gängelung und Unterdrückung. Es sollte Schluss sein mit den vielen einengenden Grenzen – im wörtlichen wie im geistigen und materiellen Sinn. Es ging darum, sich Freiheit zurückzuerobern. Es ging darum, Bürger statt Untertan zu sein. Es ging um die Freiheit, die der Mensch zum Menschsein braucht. Das trieb die Menschen schon am 17. Juni 1953 an. Was damals noch mit Panzern und Gewehren blutig niedergeschlagen wurde, war 36 Jahre später aber nicht mehr aufzuhalten. Die Freiheit siegte über die Unfreiheit. Die Schlagbäume an den Grenzübergängen gingen hoch. Die Mauer wurde durchlässig; sie sollte sich nie wieder schließen.

Doch wie viele sind ihr in den 28 Jahren ihrer Existenz zum Opfer gefallen, nur weil sie ihrem menschlichen Drang nach Freiheit folgten? Wir wissen von 138 Menschen, die allein in Berlin sterben mussten – auch weil Grenzer, Befehlshaber sowie politisch Verantwortliche ihren Tod zumindest billigend in Kauf nahmen.

Ida Siekmann ist das erste bekannte Todesopfer der Berliner Mauer. Sie wohnte an der Bernauer Straße Nr. 48. Hier verlief die Grenze genau vor den Hauseingängen. Während mit dem Mauerbau am 13. August 1961 in den Hinterhöfen neue Durchgänge zum Ostteil der Stadt entstanden, wurden die Türen und Fenster gen Westen zugemauert. Stockwerk für Stockwerk wurde dicht gemacht. Am 21. August 1961 war auch Ida Siekmanns Wohnhaus an der Reihe. Einen Tag später sprang sie aus dem dritten Stock ihres Hauses, um zu fliehen. Sie verletzte sich schwer und verstarb noch auf dem Weg ins nahegelegene Krankenhaus.

Dieser erste Todesfall an der Berliner Mauer löste eine Welle der Empörung im Westteil der Stadt aus. Anwohner und viele andere Bürger erwiesen der Toten die Ehre und legten Blumen und Kränze nieder. Es sollten noch viele Todesopfer folgen. Jedes einzelne war und ist eines zu viel. Daher ist der Tag der Freude über den Fall der Berliner Mauer immer auch ein Tag des Gedenkens an ihre Opfer.

In dieses Gedenken schließe ich all jene mit ein, die in den Gefängnissen der Staatssicherheit landeten. Manche von ihnen kamen dort ums Leben – oft unter ungeklärten Umständen – oder starben später an den Folgen ihrer Haft. Besonders schlimm für ihre Familien und Freunde war, dass sie das Leid verschweigen mussten. Wer versuchte, Klarheit zu bekommen, wer offen Fragen stellte und Antworten einklagte, wurde selbst zur Zielscheibe staatlicher Repression.

Dies ist ein Grund mehr, das Andenken an die Opfer der Teilung, an die Opfer der Berliner Mauer, an die Opfer des Überwachungsstaates, an die Opfer dieses Unrechtsstaates zu wahren. Wenn ein Staat darauf gegründet ist, elementare Menschen- und Freiheitsgrundrechte zu missachten – was sollte er anderes sein als ein Unrechtsstaat? Die Berliner Mauer, dieses in Beton gegossene Symbol staatlicher Willkür brachte Millionen von Menschen an die Grenzen des Erträglichen – und allzu viele darüber hinaus. Sie zerbrachen an ihr.

Kein Wunder also, dass nach der Grenzöffnung sofort Hand an das verhasste Bauwerk gelegt und es mit Hammer und Meißel in seine Einzelteile auseinandergenommen wurde. Innerhalb eines Jahres war es mehr oder weniger aus dem Stadtbild verschwunden. Der Wunsch war groß, dieses Schandmal jahrzehntelanger Teilung zu tilgen – menschlich nur zu verständlich.

Dennoch mussten Wege zur historisch notwendigen Aufgabe gefunden werden, die Erinnerung an die Auswüchse staatlicher Diktatur auch und gerade dieses Zeugnisses der Vergangenheit lebendig zu halten. Dass das gelingen konnte, verdanken wir zum Beispiel dieser Gedenkstätte Berliner Mauer. Wir erleben ja alle, wie schnell vergessen wird; auch ich erlebe an mir, was mir alles nicht mehr einfällt. Deshalb ist es so wichtig, dass diese Stätten existieren.

Bis zum Jahr 2000 entstand ein dreiteiliges Gedenkstättenensemble – bestehend aus dem Denkmal für die Opfer des Mauerbaus und der deutschen Teilung, aus dem ersten Dokumentationszentrum, das im Gemeindehaus der Versöhnungsgemeinde Platz fand, und aus der Kapelle der Versöhnung an derselben Stelle, an der bis 1985 die Versöhnungskirche stand. Ihre Sprengung war nur ein weiterer erschütternder Beleg für die Ideologiebesessenheit des SED-Regimes.

Mit dem Berliner Mauerkonzept 2006 und mit der 2008 erfolgten Fortschreibung des Gedenkstättenkonzepts der Bundesregierung war der Weg bereitet, um ein einzigartiges zusammenhängendes Areal für das zentrale Gedenken an die Berliner Mauer und ihre Opfer zu schaffen. 2009 öffnete das neue Besucherzentrum, in dem wir uns jetzt befinden, seine Pforten. Auf dem ehemaligen Mauerstreifen entstand eine Freiluftausstellung, die die perfide perfektionierte Grenzsicherung veranschaulicht. Das sogenannte Fenster des Gedenkens schließlich gibt den Todesopfern Namen und Gesicht.

Die Anziehungskraft der Gedenkstätte ist beeindruckend. Die Stiftung Berliner Mauer konnte vor wenigen Wochen bereits die fünfmillionste Besucherin der Ausstellung begrüßen. Um dem großen Besucherinteresse noch besser gerecht werden zu können, fiel der Entschluss, das Dokumentationszentrum umzubauen und eine neue Dauerausstellung einzurichten, die wir heute eröffnen können. Ich freue mich sehr darüber und bin gespannt auf den Rundgang und die Begegnung mit Zeitzeugen, deren Geschichte in der Ausstellung zur Sprache kommt.

Ich möchte mich bei allen Beteiligten für ihr Engagement bedanken. Sie alle haben einen besucherfreundlichen, einen ebenso ansprechenden wie nachdenklich machenden Ort geschaffen, der die Geschichte der Berliner Mauer nach aktuellem Forschungsstand beleuchtet. Ich wünsche der Ausstellung viele, vor allem auch junge Besucherinnen und Besucher. Ihnen fehlen natürlich die eigenen Erinnerungen an die Zeit der deutschen Teilung und an den 9. November 1989. Für sie ist der Mauerfall – ich sage: glücklicherweise – Geschichte.

Umso wichtiger sind Orte wie die Gedenkstätte an der Bernauer Straße. Wer sie besucht, bekommt einen tiefen Eindruck von der Absurdität der DDR-Propaganda, der zufolge die Mauer dazu gedient habe, als sogenannter antifaschistischer Schutzwall Eindringlinge abzuwehren. Stattdessen begrenzte sie die Freiheitsrechte von fast 17 Millionen Menschen.

Wer die Gedenkstätte besucht, versteht, wie wichtig es ist, auch 25 Jahre nach dem Mauerfall die SED-Diktatur aufzuarbeiten und Unrecht auch weiter als Unrecht zu bezeichnen. Unrecht kann nicht ungeschehen gemacht werden. Es kann vielleicht vergessen oder verdrängt werden. Damit aber genau das nicht passiert, brauchen wir eben Orte der Erinnerung.

Wer diese Gedenkstätte besucht, dem vergegenwärtigen sich in wunderbarer Weise auch die Bilder vom 9. November 1989 – die grenzenlose Freude nach dem Öffnen der Schlagbäume, schier endlose Autokorsos gen Westen und vor allen Dingen die Menschen, die sich, auch wenn sie sich wildfremd waren, einfach in den Armen lagen. Es sind Bilder, die um die Welt gingen – die vom Ende der Teilung Berlins, Deutschlands, Europas und vom Ende des Kalten Krieges kündeten.

So vermittelt die Gedenkstätte auch, welch großes Glück und Geschenk es ist, auf unserem Kontinent friedlich vereint in einer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung leben zu können, die Freiheit und Verantwortung verbindet. Heute umfasst die Europäische Union 28 Mitgliedstaaten mit über 500 Millionen Bürgerinnen und Bürgern. Uns einen dieselben Werte – Meinungs- und Pressefreiheit, Glaubensfreiheit, Reisefreiheit, alle elementaren Grund- und Menschenrechte. Ein geeintes und auf einem gemeinsamen Wertefundament gebautes Europa bietet jedem Einzelnen alle Chancen, sein Leben frei zu gestalten. Ein geeintes Europa vermag seinen Interessen und Wertvorstellungen in der Welt mehr Gehör zu verschaffen, als es jedem unserer Länder alleine möglich wäre.

Wir haben die Kraft zu gestalten. Wir können Dinge zum Guten wenden. Das ist die Botschaft des Mauerfalls – sie richtet sich an uns in Deutschland ebenso wie an andere in Europa und der Welt, in diesen Tagen ganz besonders an die Menschen in der Ukraine, in Syrien, im Irak und in vielen, vielen anderen Regionen unserer Welt, in denen Freiheits- und Menschenrechte bedroht oder gar mit Füßen getreten werden.

Es ist eine Botschaft der Zuversicht, heute und künftig weitere Mauern einreißen zu können – Mauern der Diktatur und der Gewalt, der Ideologien und der Feindschaften. Zu schön, um wahr zu sein? Ein Tagtraum, der wie eine Seifenblase zerplatzt? Nein, der Mauerfall hat uns gezeigt: Träume können wahr werden. Nichts muss so bleiben, wie es ist – mögen die Hürden auch noch so hoch sein. Diese Erfahrung wollen wir mit unseren Partnern in der Welt teilen.

Herzlichen Dank.

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