Für mehr E-Mobilität auf dem Land

Ländliche Entwicklung Für mehr E-Mobilität auf dem Land

Gerade im ländlichen Raum haben Menschen ein hohes Bedürfnis nach individueller Mobilität. Deshalb haben viele Familien mehr als ein Auto zur Verfügung. In den Landkreisen Göttingen, Harzweserland und Osterode am Harz wurden in den vergangenen Jahren zukunftsfähige, umweltfreundliche Mobilitätskonzepte entwickelt. Wir stellen zwei Dörfer vor, die bei dem Projekt "Unser Dorf fährt elektrisch" mitgemacht haben.

Foto zeigt Meschen vor einem Elektroauto.

Eisdorf bei Osterode am Harz: Das Elektroauto, finanziert duch das Projekt "Unser Dorf fährt elektrisch", wird für Fahrdienste und einen Einkaufsdienst genutzt.

Foto: Mobiles Eisdorf e.V./Dietrich Kuehne

Schlarpe ist ein kleines Dorf im Harzweserland in Niedersachsen. 400 Menschen leben hier. Junge und alte Menschen, Zugezogene und Alteingesessene. In der ländlichen Idylle gibt es allerdings einen Haken: Grundschulen, Kitas und Restaurants sind hier ohne Auto oft nur schwierig zu erreichen. Der nächste Supermarkt ist zwölf Kilometern entfernt, Fachärzte in Northeim oder Göttingen bis zu 30 Kilometer. Eine gute Anbindung durch öffentliche Verkehrsmittel sucht man vergebens.

Deshalb kamen die Schlarper auf die Idee, sich an dem überregionalen LEADER-Wettbewerb "Unser Dorf fährt elektrisch" zu beteiligen und überzeugten mit ihrem Konzept zum dörflichen Teilen eines Elektroautos. Mit den Fördergeldern – 80 Prozent aus EU-Fördermitteln, 20 Prozent von den Landkreisen Göttingen und Northeim – wurde eine Ladeinfrastruktur geschaffen und ein Elektroauto finanziert. Das Projekt war aber nicht nur als Schlarpe-Projekt ausgelegt. "Wir fahren für die ganze Region", sagt Ortsbürgermeister Andreas Stänger.

Fahrdienste stärken die Dorfgemeinschaft

Seit 2019 fährt das Elektroauto nun durch Schlarpe und die sogenannte Bollertregion, in der rund 2.500 Menschen leben. Ein zentraler Bestandteil ist der Fahrdienst. Dieser wird Personen angeboten, die ohne Auto gar nicht mobil sind. Mehr als zehn ehrenamtliche Helferinnen und Helfer sind deshalb aktiv und fahren insbesondere ältere Menschen zum Einkaufen oder zu Ärzten. Über eine Buchungs-App können die Mitglieder des Vereins Gemeinschaftliches Schlarpe e.V. ihren Wunschtermin buchen.

"Am Anfang sind natürlich Vorbehalte da, gerade bei älteren Menschen. Sie kennen zum Beispiel den Fahrer nicht. Das hat Überzeugungsarbeit gekostet. Aber alle, die mit uns gefahren sind, sind begeistert", berichtet Stänger. Neben dem wöchentlichen Einkauf gelingt es so, Seniorinnen und Senioren aktiv ins Leben einzubinden und das Bedürfnis nach sozialen Kontakten zu decken. "Das kann zu einem echten Highlight werden. Denn: In vielen Fällen sind Familienangehörige weit weg."

Neben dem Fahrdienst wird das Auto von Fahrgemeinschaften genutzt. Aufgrund der aktuellen Situation ist dies zwar eingeschränkt, doch die Schlarper haben sich auf die Corona-Pandemie eingestellt. Fahrdienste finden unter Hygienemaßnahmen statt, zusätzlich wird ein Einkaufservice für ältere Menschen angeboten.

Foto zeigt ein Haus mit Solaranlage

Den Strom für das E-Auto erzeugen die Schlarper selbst - mit einer Solaranlage auf dem Dach der Dorfgemeinschaftsanlage.

Foto: Gemeinschaftliches Schlarpe e.V.

Solarstrom für das E-Auto

Mittlerweile hat das Elektroauto viele Kilometer mit nachhaltigem Strom zurückgelegt. Dabei erzeugen die Schlarper den Strom für das Auto selbst mit einer Solaranlage auf dem Dach der Dorfgemeinschaftsanlage. "Wir wollen unseren Strom selbst nutzen, um Kosten zu sparen", sagt Ortsbürgermeister Stänger. Zur Finanzierung der Anlage erhielten sie ebenfalls noch einmal 50 Prozent aus dem Europäischen LEADER-Programm.

Rund 45 Kilometer von Schlarpe entfernt liegt Eisdorf bei Osterode am Harz. Auch hier rollt ein Elektroauto, auch hier wurden Fahrzeug und Ladestation durch das Projekt "Unser Dorf fährt elektrisch" finanziert. Wie in Schlarpe wird das Auto für Fahrdienste und einen Einkaufsdienst genutzt.

Carsharing statt Zweitwagen

Geht es nach Dieter Sinram vom Verein Mobiles Eisdorf e.V. bietet das e-Carsharing nicht nur eine attraktive und zukunftsfähige Infrastruktur auf dem Land, sondern vor allem ökologische Vorteile: So soll durch das e-Carsharing die Zahl der Zweitwagen verringert und Emissionen eingespart werden. "Ich würde mir wünschen, dass die Nutzungsmöglichkeiten über die E-Mobilität noch größer werden und sich die Mobilität dahingehend verändert, dass der Zweitwagen wegfällt. Eine Dame aus unserem Dorf hat ihren Wagen bereits abgegeben, weil wir das Elektroauto haben."

Die Stärkung der Gemeinschaft, der Teilungsgedanke, auf das eigene Auto zu verzichten und dabei die Umwelt zu schonen, ist auch ganz im Sinne des Schlarper Ortsbürgermeisters Andreas Stänger. "Wir sind eine lebenswerte Region", sagt er "und die soll auch attraktiv bleiben."

Im Rahmen des LEADER-­Programms fördert die EU die Entwicklung des ländlichen Raums. LEADER ist die Abkürzung des französischen Begriffs "Liaison Entre Actions de Développement de l'Économie Rurale" und bedeutet die "Verbindung von Aktionen zur Entwicklung der ländlichen Wirtschaft". Grundlage für die Anwendung sind die nationalen und regionalen Entwicklungsprogramme für den ländlichen Raum (EPLR) der EU-Mitgliedstaaten unter Kofinanzierung aus dem Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER). Im Rahmen des ELER sollen 30 Prozent für Klima- und Umweltziele eingesetzt werden und mindestens fünf Prozent den LEADER-Vorhaben zugutekommen. Das ist der Rahmen, in dem sich alle EU-Förderregionen – in Deutschland vorrangig die Bundesländer – bewegen müssen.