In Europa lernen – in Deutschland gründen

Interview zu Erasmus für Jungunternehmer In Europa lernen – in Deutschland gründen

Der Regensburger Georg Lipp möchte eine Musikbar eröffnen. Dafür arbeitet und lernt er mit Hilfe des EU-Programms „Erasmus“ einige Monate in Bordeaux in einer solchen Bar. Vom Geschäftsführer über den Tontechniker bis zum Barkeeper hat er dort alle Positionen durchlaufen. Im Interview berichtet er von seinen Erfahrungen.

Stipendiat Georg Lipp am Ausschank einer Bar in Bordeaux.

Georg Lipp (r.) hat in Frankreich viel über seinen Traumberuf „Musikbarbesitzer“ gelernt.

Foto: Yann Bouyten

Sie haben in Regensburg Mathematik studiert. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine Musikbar zu eröffnen?

Georg Lipp: Nach meinem Studium habe ich in einer Softwarefirma gearbeitet. Die ganze Zeit vorm Computer zu sitzen war aber nichts für mich und ich konnte mich in diesem Beruf nicht verwirklichen. Daraufhin überlegte ich, was ich anders machen kann. Da ich ein musikbegeisterter Mensch bin, gerne organisiere und Leute um mich habe, kam mir die Idee, eine Musikbar zu eröffnen. Ich habe meinen Job in der Softwarefirma gekündigt und bin dann nach Bordeaux gegangen, um das Erasmus-Programm für Jungunternehmer als Vorbereitung für die Gründung zu absolvieren.

Wie sind Sie auf das Programm aufmerksam geworden?

Lipp: Eine Freundin hatte das Austauschprogramm einmal erwähnt und danach bin ich zufällig im Internet noch einmal drüber gestolpert.

Welche Erfahrungen haben Sie bisher in der französischen Musikbar „Quartier Libre“ gemacht und wie sieht ihr Alltag aus?

Lipp: Von einem routinierten Arbeitsalltag kann ich nicht berichten. Ich möchte ja möglichst viel über mein zukünftiges Arbeitsfeld lernen, weshalb ich alle Posten einmal ausprobiere. Dadurch ändert sich mein Alltag natürlich ständig. 

Derzeit fange ich immer um 18 Uhr an und höre um 2 Uhr morgens auf zu arbeiten. Je nach Bedarf arbeite ich dann entweder in der Küche, an der Bar, unterstütze als Kellner oder als Tontechniker. Tagsüber treffe ich mich ab und zu mit dem Besitzer. Er zeigt mir dann, was unternehmerisch wichtig ist, beispielsweise seine Bilanzen oder Gewinn- und Verlustrechnungen. Dabei spricht er auch über manche Bürokratieangelegenheiten, die man bei der Unternehmensgründung erwarten muss, wie zum Beispiel die Genehmigung einer Terrasse. Ich durchlaufe hier gewissermaßen eine Mischung aus einem betriebswirtschaftlichen Crashkurs und einer Schnellausbildung in Bar und Küche. 

Das Mobilitätsprogramm Erasmus für Jungunternehmerist eine Initiative der Europäischen Union. Sie soll jungen Menschen dabei helfen, dass die Gründung eines eigenen Unternehmens ein Erfolg wird. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer können dabei tiefe Einblicke in die Strukturen in einem für sie relevanten Unternehmen im europäischen Ausland werfen. Es dürfen Personen über 18 Jahre teilnehmen, die kürzlich ein Unternehmen gegründet haben oder fest vorhaben dies zu tun.

Sie haben jetzt Berufserfahrungen in Deutschland und Frankreich. Sind Ihnen dabei Unterschiede in der Unternehmenskultur zwischen den beiden Ländern aufgefallen?

Lipp: Ich würde sagen, dass die französische Unternehmenskultur der deutschen sehr ähnlich ist. Die Franzosen gehen allerdings spaßeshalber etwas ruppiger miteinander um. Das heitert den Alltag etwas auf. Insgesamt ist es jedoch eine angenehme und freundliche Atmosphäre.

Hat die Erfahrung mit dem Auslandsaufenthalt Ihre Sicht auf die EU verändert?

Lipp: Es ist schon sehr überraschend, wie wenig man manchmal über andere europäische Kulturen weiß. Ich habe viel über die französische Kultur gelernt und konnte andersherum auch die deutsche den Franzosen etwas näherbringen. Nun weiß ich, dass die Schuhe an der Wohnungstür nicht ausgezogen werden– ich vermute wegen des generell besseren Wetters. Auch trinken die Franzosen spezielle Bier-Sirup-Mischungen und zelebrieren die Fête de la Musique. Das ist ein Feiertag am Tag der Sonnenwende, der mit Straßenmusik und Konzerten gefeiert wird. Andersrum habe ich den Franzosen erklärt, was eine Kantine ist, wie das deutsche Schulsystem funktioniert und dass nicht alle deutschen Männer Hans heißen.

Würden Sie das Programm anderen Unternehmern oder Unternehmerinnen empfehlen, die im Moment ebenfalls mit dem Gründergedanken spielen?

Lipp: Da ich noch vor der Gründung stehe, kann ich nur aus dieser Perspektive erzählen. Ich kann dieses Programm aber auch jungen Menschen empfehlen, die bereits gegründet haben. Man profitiert dann auf einer anderen Ebene. 

In meinem Fall war es eine super Erfahrung und ich bin während meiner Zeit hier ein noch größerer Fan des Programms geworden. Ich habe nicht nur eine für mich komplett neue Sprache erlernt, sondern auch alle Abläufe und Strukturen in einer Musikbar kennengelernt. Vom Geschäftsführer über den Tontechniker bis zum Barkeeper habe ich alle Positionen durchlaufen. Auf diesen Erfahrungen kann ich nun bei meiner Unternehmensgründung aufbauen.

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