Deutsche Einheit

Interview

Eppelmann: Auf einmal war die Grenze offen

Es sei der schönste und emotionalste Abend seines bisherigen Lebens gewesen, erzählt der Pfarrer und Bürgerrechtler Rainer Eppelmann. Mit vielen anderen DDR-Bürgern stand er am 9. November 1989 auf der Brücke in der Bornholmer Straße als sich der Grenzübergang öffnete.

Rainer Eppelmann

Rainer Eppelmann

Foto: Bundesregierung

Herr Eppelmann, Sie waren am 9. November 1989 an der Bornholmer Straße dabei. Wie kam das?

Eppelmann: Ich war am frühen Abend mit meinem Freund Ehrhart Neubert in der Französischen Friedrichstadtkirche am Gendarmenmarkt. Die neu entstehenden und entstandenen Parteien, Vereinigungen und Bewegungen hatten dort ihre Programme vorgestellt – für DDR-Verhältnisse eine exotische Veranstaltung. Ich bin beschwingt nach Hause, weil ich merkte: Wir sind ein gewaltiges Stück weitergekommen, die Stasi hat uns nicht verhaftet und gar nichts.

Vor dem Gemeindehaus unserer Samaritergemeinde kam mir Wolfram Hülsemann entgegen, damals Stadtjugendpfarrer in Ost-Berlin. "Hast du schon gehört, die Mauer soll auf sein!", fragte er. Hatte ich noch nicht. Wir sagten sofort: "Mensch, das müssen wir uns anschauen!" Wir waren nicht die einzigen, die auf den Gedanken gekommen waren, zum Grenzübergang an der Bornholmer Straße zu gehen. Dort standen auch schon andere – ohne Koffer, ohne Taschen, also offensichtlich ohne gültige Reisedokumente. Es gab kein Gebrüll, kein Gezerre, keine Grenzer, die einen auf einen LKW schmissen, keine Trillerpfeifen oder laute Befehle – bis zu diesem Augenblick alles gar nicht denkbar. Da ging man nur hin, wenn man eine Reiseerlaubnis hatte, ansonsten hatte da keiner etwas zu suchen.

Was haben Sie gemacht, als Sie an dem Grenzübergang ankamen?

Wir gingen noch dichter heran und drängelten uns sanft durch, bis wir in der ersten Reihe standen, direkt am Schlagbaum. Neben mir rief einer zu den Grenzern, die uns gegenüberstanden: "Na, nu' macht doch mal uff! Der Schabowski hat doch jesagt, wir dürfen rüber." Die rührten sich zwar nicht, aber sie standen anders da als sonst – nicht mehr so wahnsinnig überlegen, als wenn sie den ganzen Globus auf ihren Schultern tragen könnten. An dem Abend standen sie da wie bestellt und nicht abgeholt. Und unbewaffnet.

Inzwischen weiß ich, dass der Oberkommandierende da an dem Grenzübergang, ein Herr Jäger, seinen Untergebenen befohlen hat, ihre Waffen in den Waffenschrank zu stellen, nachdem er merkte, dass immer mehr Menschen kamen.

Immer mal wieder rief jemand: "Nu' mach doch mal uff!" Und so ging die Zeit ins Land, bis wir begriffen: Die dürfen nicht. Wenn die Grenze hier heute aufgeht, dann nur, wenn wir es selber machen. Und dann haben wir es selber gemacht.

Wie bitte?

Eppelmann: Wir haben den Schlagbaum aufgemacht. Und sind dann stehengeblieben. Die Leute liefen rüber. Andere umarmten sich. Hülsemann und ich sind nicht rüber, sondern wir sind bloß so zehn, 15, 20 Meter in diesen Grenzbereich reingegangen und haben uns dann umgedreht und beobachtet, zugeschaut.

Wir sind also nicht nach West-Berlin rüber an diesem Abend. Wir haben uns dadurch vielleicht die freudige Begegnung mit den West-Berlinern entgehen lassen, aber ich habe dafür die Chance gehabt, den schönsten und emotionalsten Abend meines bisherigen Lebens zu erleben.

Ich sah, wie sich wildfremde Menschen umarmten, Leute, die jubelten, die kreischten, die fröhlich waren, aber gleichzeitig auch Menschen, die wie erstarrt dastanden, die überhaupt nicht begriffen, was passierte.

Eigentlich war es auch nicht zu begreifen. Wir alle waren seit fast 30 Jahren eingesperrt und jetzt auf einmal... Da hat es Tausende, Millionen gegeben, die sich quälend über Jahre überlegt haben: Haust du ab oder stellst du einen Ausreiseantrag? Und jetzt auf einmal war die Grenze offen.

Pfarrer Rainer Eppelmann, studierte nach seinem Dienst als Bausoldat Theologie und war bis 1989 Pfarrer in der Berliner Samaritergemeinde. Eppelmann war Mitbegründer der Partei "Demokratischer Aufbruch" und in der frei gewählten Regierung de Maizière Minister für Abrüstung und Verteidigung. Eppelmann ist heute Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.