„Die duale Ausbildung hat sich bewährt“

Ausbildungsmarkt in der Corona-Pandemie „Die duale Ausbildung hat sich bewährt“

Das neue Ausbildungsjahr hat begonnen. Wie ist der Ausbildungsmarkt bisher durch die Corona-Pandemie gekommen? Wie steht es um die Digitalisierung der Ausbildungsberufe? Und wie können wir trotz der demografischen Entwicklung den Bedarf an Fachkräften sichern? Ein Gespräch mit dem Präsidenten des Bundesinstituts für Berufsbildung, Professor Esser. 

Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung

BIBB-Präsident Prof. Esser: „Hohes Engagement aller Beteiligten.“

Foto: BIBB/Gelowicz

Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) hat ja den Ausbildungsmarkt permanent im Blick. Wie ist der bisher durch die Corona-Pandemie gekommen?

Professor Friedrich Hubert Esser: Der Ausbildungsmarkt musste erhebliche Einbußen verkraften. Sowohl das Angebot an Ausbildungsstellen (minus 8,8 Prozent) als auch die Nachfrage (minus 8,9 Prozent) sind 2020 deutlich gesunken. Mit 467.500 neuen Ausbildungsverträgen wurden elf Prozent weniger Verträge abgeschlossen als 2019. Im Zuge der Corona-Pandemie und ihrer Einschränkungen haben Passungsprobleme weiter zugenommen. Viele Maßnahmen zur Berufsorientierung und Förderung der Zusammenführung von Angebot und Nachfrage konnten nicht oder nur eingeschränkt stattfinden.

Dennoch hat sich die duale Berufsausbildung auch in der Krise bewährt. So ist es entgegen mancher Befürchtung nicht zu einem Anstieg vorzeitig gelöster Ausbildungsverträge gekommen (2019: 26,9 Prozent, 2020: 25,1 Prozent). Mit 424.200 bewegte sich die Zahl der Abschlussprüfungen im üblichen Ausmaß. Die Erfolgsquote war stabil (2019: 92,8 Prozent, 2020: 92,3 Prozent).

Das spricht auch für das hohe Engagement aller Beteiligten und für den hohen Wert, den sie der dualen Berufsausbildung beimessen. Für die Bilanz 2021 ist abzusehen, dass der Abwärtstrend gestoppt werden konnte. Ein deutlicher Aufwuchs an neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen ist allerdings nicht zu erwarten. Deshalb bleibt die Lage angespannt.

Wie steht es um die Digitalisierung der Ausbildungsberufe? Hat Corona da gegebenenfalls manches beschleunigt?

Esser: Die Digitalisierung ist schon seit einigen Jahren ein starker Treiber in der Neuordnung von Ausbildungsberufen. So wurden in den vergangenen fünf Jahren 58 Berufe modernisiert und zwei Berufe aufgrund der Digitalisierung neu geschaffen. Derzeit befindet sich auch eine große Anzahl an Berufen in Vorbereitung auf eine Neuordnung. Bei 32 Berufen ist das Verfahren bereits gestartet, weitere sind in der Diskussion. Bei allen Berufen wird das Thema Digitalisierung berufsspezifisch diskutiert.

Eine Beschleunigung speziell durch Corona bei der Digitalisierung der Berufe ist nicht zu bemerken. Durch die Pandemie wurde eher die Diskussion über digitale Infrastruktur und digitale Medien für die Ausbildung sowie die Vermittlung medienpädagogischer Kompetenzen für das Ausbildungspersonal verstärkt. Möglichkeiten von Ausbildung auf Distanz, vor allem in kaufmännischen Berufen, werden kontrovers diskutiert.

Gibt es Trends auf dem Ausbildungsmarkt?

Esser: Neben grundsätzlichen Trends, wie beispielsweise dem zur Höherqualifizierung, zeigen sich auch Trends auf der Berufsebene. So ist zum Beispiel die Zahl der Neuabschlüsse in den dualen IT-Berufen – auch aufgrund der seit 1997 neu eingeführten IT-Berufe – bis 2019 nahezu stetig gestiegen. Zwar kam es 2020 coronabedingt auch hier zu einem Rückgang, aber der fiel unterdurchschnittlich aus. Auch bei den Elektroberufen ist die Zahl der Neuabschlüsse in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch Branchen, die bereits vor dem Einschnitt durch die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie stark rückläufige Auszubildendenzahlen verzeichneten. Als Beispiel sei an dieser Stelle das Hotel- und Gaststättengewerbe genannt.

Wie kommen junge Leute am besten zu ihrem Ausbildungsplatz?

Esser: Ein guter Weg zum Ausbildungsplatz führt nach wie vor über den persönlichen Kontakt, im Idealfall über ein Praktikum. Hier haben beide Seiten die Möglichkeit, einander kennenzulernen. Gerade für Schulabgängerinnen und Schulabgänger mit weniger guten Zeugnisnoten ergibt sich hier die Möglichkeit, sich über die Praxis zu empfehlen. Auch Ausbildungsmessen bieten die Möglichkeit, mit Betrieben direkt in Kontakt zu treten. Während der Pandemie haben einige davon auch online stattgefunden.

Das Internet ist ganz generell für junge Menschen eine wichtige Informationsquelle, auch bei der Suche nach Ausbildungsplätzen. Neben der Ausbildungsbörse der Bundesagentur für Arbeit gibt es zahlreiche weitere Quellen, bei denen Ausbildungsplätze zu finden sind. Beispielsweise bei den regionalen Kammern oder bei Berufsverbänden. Im Oktober 2021 hat das BIBB im Auftrag des Bundesbildungsministeriums mit Berufenavi.de ein Portal veröffentlicht, das Jugendlichen die Suche nach einem Ausbildungsplatz weiter erleichtern soll.

Aufgrund der demografischen Entwicklung stehen dem Ausbildungsmarkt immer weniger junge Menschen zur Verfügung. Wie lässt sich dennoch der Bedarf an Fachkräften in unserem Land sichern?

Esser: Die gute Nachricht ist, dass die Zahl der Schulabgängerinnen und -abgänger langfristig nicht weiter zurückgehen wird. Gegen Ende dieses Jahrzehnts wird sie vermutlich sogar wieder leicht ansteigen. Dennoch wird es wichtig sein, die Chancen von schwächer qualifizierten Jugendlichen auf eine betriebliche Berufsausbildung zu erhöhen. Hier hilft beispielsweise die Assistierte Ausbildung. Jugendliche mit Abitur gilt es weiter von den Perspektiven einer betrieblichen Ausbildung zu überzeugen.

Darüber hinaus wird qualifizierte Zuwanderung notwendig sein. Zudem sollten ausländische Fachkräfte, deren Fähigkeiten bei uns benötigt werden, vom Verbleib in Deutschland überzeugt werden. Denn langfristig wandert etwa jede zweite nach Deutschland zugewanderte Person wieder ab. Die Anerkennung ihrer ausländischen Berufsqualifikationen könnte hier helfen, die Bleibewahrscheinlichkeit zu erhöhen. Für die kommenden Jahre sehen wir Fachkräftebedarf im mittleren Qualifikationsbereich vor allem in den Gesundheits- und Pflegeberufen, aber auch in den Bauberufen aufgrund der notwendigen Investitionen in den Klimaschutz.

Wie wird die duale Ausbildung auch für Abiturientinnen und Abiturienten attraktiver?

Esser: Aus der Berufswahlforschung wissen wir: Fast allen Jugendlichen ist es bei ihrer Berufswahl ein wichtiges Anliegen, dass die Arbeit im Beruf interessant sein soll. Doch den meisten geht es um mehr. Sie wissen, dass die Berufe über spätere Verdienstmöglichkeiten und Karriereperspektiven sowie über das Ausmaß gesellschaftlicher Anerkennung mitentscheiden.

Das gesellschaftliche Ansehen von Akademikern und Akademikerinnen ist hoch, während berufliche Bildung oftmals deutlich weniger Anerkennung findet. Zu Unrecht: Berufliche Bildung wird in ihrer Bedeutung für den Arbeitsmarkt und den wirtschaftlichen Erfolg unterschätzt; die Aufstiegsmöglichkeiten sind zu wenig bekannt. Hier gilt es, das Image und die wahrgenommene Attraktivität der dualen Berufsausbildung weiter zu steigern. Berufsorientierung an Gymnasien ist hier ganz wichtig. Viele Abiturienten und Abiturientinnen haben nur wenig Vorstellungen von den Berufsbildern. Ein interessanter Ansatz sind zum Beispiel die Ausbildungsbotschafter. Der authentische Einblick und Austausch mit annähernd Gleichaltrigen steht hier im Vordergrund.

Für die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung sind in den vergangenen Jahren viele Maßnahmen auf den Weg gebracht worden. Wie kann dies weiter gefördert werden?

Esser: Für eine verbesserte Umsetzung der Gleichwertigkeit brauchen wir dringend die Verrechtlichung des Deutschen Qualifikationsrahmens; dieser gibt ja unter anderem die Gleichwertigkeit der akademischen Abschlüsse mit denen der höheren beruflichen Bildung vor. Die Österreicher wie auch die Schweizer als Anbieter des dualen Systems haben ihre Qualifikationsrahmen schon lange rechtlich verankert. Damit wären auch bei uns ganz andere Voraussetzungen gegeben, die gesellschaftliche Durchdringung des Gleichwertigkeitsanliegens zu ermöglichen – was die Berufsbildung mit Blick auf den zukünftigen Fachkräftemangel unbedingt braucht.

Professor Friedrich Hubert Esser ist Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB). Das Institut ist das anerkannte Kompetenzzentrum zur Erforschung und Weiterentwicklung der beruflichen Aus- und Weiterbildung in Deutschland. Das BIBB identifiziert Zukunftsaufgaben der Berufsbildung, fördert Innovationen in der nationalen wie internationalen Berufsbildung und entwickelt neue, praxisorientierte Lösungsvorschläge für die berufliche Aus- und Weiterbildung.