Regionalkonferenz in Bremen
Der Workshop hat sich unter anderem mit den Mensch-Ozean-Beziehungen, der Meeresverschmutzung durch Kunststoffmüll und mit Meeresschutzgebieten beschäftigt.
6 Min. Lesedauer
1. Prägnante Zitate, Aussagen, Meinungen
- „Deutschland ist auch ein Ozeanisches Land und verantwortlich!“ Dr. Nike Fuchs (MARUM Bremen)
- „Berauben wir das Meer der Möglichkeit, Teil der Lösung zu sein?“ Dr. Nike Fuchs (MARUM Bremen)
- „Wo ist Raum für das Lernen von Expert*innen, also Menschen, die in Küstenregionen leben?“ (TN)
- „3/4 des Mülls im Meer ist Kunststoff.“ Dr. Lars Gutow (Alfred-Wegener Institut)
- „Es gibt keine Rechtfertigung für Müll im Meer.“ Dr. Lars Gutow (Alfred-Wegener Institut)
- „Wir müssen das Management von Kunsstoff um 99% verbessern.“ Dr. Lars Gutow (Alfred-Wegener Institut)
- „Der Meeresraum ist voll verplant.“ Dr. Wolfgang Probst (Thüneninstitut für Seefischerei)
2. Welche Dimensionen des Themas wurden besonders häufig genannt oder besonders intensiv diskutiert?
- Die Mensch-Ozean-Verbindung wurde häufig genannt.
- Jede und jeder Einzelne von uns muss sich seiner Fähigkeit der Einflussnahme bewusst sein.
- Art der Kommunikation bei diesem Thema wichtig: Fokus: Jede*r kann etwas entscheiden und verändern.
- Filmtipp: „The north drift“
- Parallelen in der öffentlichen Wahrnehmung zum Thema Klimaschutz: Weg von der Überforderung und Resignation hin zum Handeln.
- Forderung nach Einführung des Verursacher-Prinzips beim Thema Plastik.
3. Wo gab es überwiegenden Konsens? Umgekehrt: Was war besonders strittig?
Konsens:
- Es gibt keine Rechtfertigung für Müll im Meer.
- Als Verbraucherin und Verbraucher ist es schwer, Verpackungen zu vermeiden.
- Das Verursacherprinzip beim Design von Kunststoffprodukten ist die einzig richtige Lösung: Ab dem Produktdesign muss das eingepreist werden, obwohl die Bepreisung beim Verbraucher landen wird und das Widerwille auslöst.
- Warum nützen existierende Regularien hinsichtlich Kunststoff nichts?
Strittig:
- Die Forderung nach der Bergung von Munitionsresten aus dem Meer ist umstritten, da die Bergung auch mit der Zerstörung von Meeresboden einhergehen kann und sehr teuer ist.
- Die bereits jetzt existierende Idee, Raketen von Schiffen aus starten zu lassen, war ebenfalls strittig.
- Plastik ist nicht gleich Plastik. Das Entfernen aus dem Meer kann mehr Schaden anrichten, als der Nutzen groß ist.
4. Besondere Hinweise zu den Zielen oder den Indikatoren?
- SDG14: Ozeane, Meere und Meeresressourcen im Sinne nachhaltiger Entwicklung erhalten und nachhaltig Nutzen: 1. Zielvorgabe: Bis 2025 alle Arten der Meeresverschmutzung, insbesondere durch vom Lande ausgehende Tätigkeiten und namentlich Meeresmüll und Nährstoffbelastung, verhüten und erheblich verringern.
- DNS 2021: Bei den zentralen Maßnahmen im Transformationsbereich Schadstofffreie Umwelt ist die Verminderung der Meeresvermüllung eine von drei Maßnahmen insgesamt.
- Das Thema Schutz der Meere wird in der DNS 2024 kein eigenständiges Thema darstellen. In den Transformationsbereichen 1, 3, 5 und 6 gibt es jedoch thematische Überschneidungen mit dem Thema: TT 1 u.a. Gesundheitsaspekte; TT3 u.a. Meeresmüll/Plastik; TT5 nachhaltige Fischerei; TT6 u.a. Chemikalieneinträge im Meer, Meeresmüll; TT7 u.a. UN-Abkommen für den Meeresnaturschutz, International Plastic Treaty, OSPAR, HELCOM, Global Framework on Chemicals etc.
- Es gibt auf vielen Ebenen weitere Richtlinien und Politiken, die Meeresschutz tangieren. Alle sollen ineinander greifen.
- Die Meeresstrategierahmenrichtlinie (EU 2008) (MSRL) wird vom Bund-Länder Ausschuss Nordsee/Ostsee (BLANO) erfüllt und defininiert konkrete Ziele und Indikatoren.
- Im Quality Status Report (QSR) wird regelmäßig zu Indikatoren des MSRL berichtet. Aktuell verfehlen wir die Erreichung ALLER Ziele.
- Die MSRL verfolgt einen holistischen Ansatz und wird alle 6 Jahre weiterentwickelt. Die Indikatoren sind ähnlich wie in der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie (DNS).
- Es ist schwierig, Indikatoren zu formulieren, weil schwer zu sagen ist, was gut oder schlecht für die Umwelt ist. Als Beispiel: Entfernung von Plastikmüll vom Meeresgrund führt auch zu Zerstörung im maritimen System.
5. Besondere Hinweise der anwesenden Moderatoren / Impulsgeber
Dr. Nike Fuchs (MARUM Bremen)
„Die Mensch-Ozean-Beziehung“:
- 71% der Erdoberfläche ist Wasser.
- „Terrestrial bias“ = Kognitive Verzerrung: Die klassische LANDkarte wurde zur Orientierung AN LAND entwickelt und stellt nicht die realen Größen der Kontinente und Meere dar: Mercator-Projektion vs. reale Größe vs. Spilhaus-Karte: diese Karte ist Ozean-zentristisch.
- Auch Politik weist terrestrischen Bias auf: Ozeane weisen nur geringe Bedeutung auf in DNS, im Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz, in der Zukunftsstrategie etc.
- Ozeane sind ein Querschnittsthema und (auch) ein soziales Konstrukt.
- Idee des „Marine Citizenship“ in der Bildungsarbeit: Wir sind Meeresbürger*innen, es werden Pässe ausgestellt.
- Narrative der Mensch-Natur-Beziehung können wir (neu) gestalten. Sie sollte weder ausschließlich ökozentristisch („Wir gehören da nicht rein“) noch anthropozentrisch („Wir müssen das managen“) sein.
- Wir müssen ein Bewusstsein darüber ausbilden, dass Deutschland ein ozeanisches Land ist.
- Nötig ist systemisches Denken, Bewusstseinsbildung, Bildung für Nachhaltigkeit
Dr. Lars Gutow (Alfred-Wegener Institut)
„Meeresverschmutzung durch Kunststoffmüll“:
- Hinweis auf das online-Portal „Litterbase“, das das AWI entwickelt hat: LITTERBASE: Online Portal for Marine Litter (awi.de)
- Am Meeresmüll macht Kunststoff einen enormen Anteil aus.
- Die Untersuchung von Sedimentkernen weist auf eine Korrelation zwischen dem Umfang der Verschmutzung der Ozeane durch Kunststoffmüll & dem Umfang der globalen Kunststoffproduktion hin.
- Um das Ziel, den Eintrag von Kunststoff in die aquatische Umwelt von auf 8 Mio. Tonnen jährlich in 2030 zu reduzieren, müsste die Müllproduktion um -25-40% reduziert werden, das Müllmanagement um 99% verbessert werdn und 40% des Eintrags entfernt werden. Mit „business as usual“ landen wir bei über 60 Mio Tonnen jährlich.
- Kompostierbarer Kunststoff verhält sich im Meer wie normales Plastik.
- Die negativen Auswirkungen auf Meeresbewohner sind fatal.
- Problematisch sind auch die Schadstoffe in Kunststoffen, wie Flammschutzmittel, Weichmacher und UV-Stabilisatoren. Die jährlichen Treibhausgasemissionen im gesamten Lebenszirkus von Kunststoff entsprechen kumuliert 10-15% des verbleibenden CO2-Budgets zur Einhaltung des 1.5 °C Klimaziels.
- Es ist ein Paradigmenwechsel zu beobachten: Ehemals war das Bestreben: Weniger Müll ins Meer; heute steht die Kreislaufwirtschaft im Vordergrund der Debatte, wie auch in der EU-Kunststoffstrategie von 2018. Gerade in Verhandlung: UN Plastic Treaty.
Dr. Wolfgang Probst (Thüneninstitut für Seefischerei)
„Meeres(natur)schutz in Deutschland“:
- Hinweis auf die Maritime Raumordnung, Raumordnungspläne, die Meeresschutzstrategie und internationale Verträge (OSPAR etc).
- In Deutschland sind schon 30% des Meeres Schutzfläche.
- Im Mai 2023 in Kraft getreten: Fischereiausschlussgebiete im Küstenmeer
- Meeresstrategierahmenrichtlinie (MSRL):
- Holistischer Ansatz zum Meeresschutz (Ökosystemanstatz)
- 11 thematische Beschreibungen eines Guten Umweltzustands (GES)
- MSRL 2008 eingeführt, Mitgliedsstaaten sollten GES bis 2020 erreichen.
- Fortlaufende Bewertung des Zustands der Meeresumwelt (alle 6 Jahre)
- Darstellung der Monitoringprogramme
- Entwickeln und Zusammenfassen von Maßnahmen
- MSRL soll andere Meerespolitiken zusammen bringen.
- Wird in DE über den Bund-Länder-Ausschuss Nord/Ostsee erfüllt (BLANO).
- Andere wichtige Richtlinien, Verordnungen, Gesetze für den Meeresschutz
- International:
- UNCLOS (Seerechtsübereinkommen)
- Biodiversitätskonvention (CBD)
- ASCOBANS (Schweinswal)
- MARPOL (Schadstoffe in Schifffahrt)
- Balastwasser-Übereinkommen (IMO)
- RAMSAR (Feuchtgebiete)
- Bonner Konvention (Wandernde Arten)
- EU:
- Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (seit 1992)
- Vogelrichtlinie (seit 1979)
- VR und FFH bilden Natura2000-Netzwerk
- Wasserrahmenrichtlinie
- Verordnung 1143/2014 zu invasiven Arten
- Gemeinsame Fischereipolitik
- EU Biodiversitätsstrategie 203
- Richtlinie zur Marinen Raumordnung
- National:
- Bund: Bundesnaturschutzgesetz, Wasserhaushaltsgesetz,
- Länder: Nationalparkgesetze, Landesfischereiverordnungen, etc.
6. Besondere Empfehlungen/Forderungen an die Bundesregierung
- Aus der Podiumsdiskussion: Kein Verzicht mehr bei der Steuer in der Produktion von Rohöl zu Kunststoff!
- Mehr Steuer auf Plastikprodukte; [höhere?] Steuersätze für To Go-Verpackungen
- Empfehlung für „Nationalpark Ostsee“
- Plastikmüll: Verursacherprinzip rechtlich verankern. Müllvermeidung muss oberste Priorität werden --> Verursacherprinzip = Hersteller- + Händlerverantwortung; keine freiwilligen Industrievereinbarungen, sondern verpflichtend
- Meeresschutz als nationales Interesse ressortübergreifend besser verankern
- Meeresschutzpartnerschaften weltweit aufbauen
- Globale Perspektive muss Eingang in die dt. Nachhaltigkeitsziele finden: Deutschland ist Mitverursacher der Meeresverschmutzung und –übernutzung; betrachtet aber nur Küstengewässer + Ausschließliche Wirtschaftszone (AWZ)
- Umwelt/Nachhatligkeitsthema im Unterricht stärken an Berufsschulen und Schulen
- Nachhaltige Fischerei
- mehr Meeresschutzgebiete
- Stopp von Eintrag von Plastikmüll
- Transparenz durch Öffentlichkeitsarbeit / Bildung
- Daten über den Umweltzustand leicht verständlich und zugänglich machen
- Integrierte Betrachtungen fördern --> terrestrische & marine Systeme zusammen denken
- Diskurs kritisch hinterfragen, z.B. zur „blue economy“
- Munitionsreste entfernenGlobale Strategie für Meeresenergie: Offshore-Wind & schwimmende Windräder & Wellenkraft
- Politische Forderungen:
- mehr Bewusstseinsbildung zu Zusammenhängen zwischen eigenem Konsumverhalten, Politik, Wirtschaft und Nachhaltigkeit herstellen --> Systemzusammenhänge und Notwendigkeit durch Bildungsarbeit und Informationsarbeit schärfen
- Eurofond für Entwicklung von strukturschwachen Küstenregionen und Wohngebieten
- Meeresschutz als XXX
- Forschungsschiff Polarstern II: Klimaneutral neu bauen
- Umwelt-, Nachhaltigkeitsthemen im Unterricht stärken (Schulen, Berufsschulen)
- Systemisches Denken
- Wachstumsparadigma hinterfragen, Donut-Ökonomie