Im Interview: Andreas Eichhorst, Vorstand der Verbraucherzentrale Sachsen
Ob Unsicherheiten im Energie- und Finanzbereich, unfaire Verträge oder manipulative KI – im Interview erklärt Verbraucherschützer Andreas Eichhorst, was Verbraucher aktuell bewegt und wie Vertrauen geschaffen werden kann.
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Andreas Eichhorst: „Mit dem Beratungsbus erreichen wir auch die Menschen auf dem Lande.“
Foto: Verbraucherzentrale Sachsen
Herr Eichhorst, wir leben in turbulenten Zeiten. Nahezu täglich erreichen uns neue verunsichernde Botschaften. Welche Probleme werden in Ihrer alltäglichen Praxis am häufigsten angesprochen?
Andreas Eichhorst: Die drängendsten Alltagsprobleme, die an uns herangetragen werden, betreffen derzeit die Bereiche Energie und Finanzen, Belastungen durch Inflation sowie unsichere Vertragsverhältnisse, etwa im Telekommunikationsbereich oder dem Onlinehandel.
Wir spüren in unserer Beratung ganz klar, dass sich etwa durch Inflation, die Energiekrise oder geopolitische Spannungen die Sorgen der Menschen bis weit hinein in die Mittelschicht verschärfen. Adressat dieser Unzufriedenheit ist oftmals die Politik. Wir verstehen uns als Brückenbauer zwischen Politik und Gesellschaft und stehen als Sensor und Experte zur Verfügung.
Sie treffen auf Menschen mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen. Wie gelingt es, sowohl die Bedürfnisse digitalaffiner als auch technikfernerer Generationen, städtischer als auch ländlicher Bevölkerung unter einen Hut zu bringen?
Eichhorst: Unsere Stärke liegt darin, Menschen dort abzuholen, wo sie stehen – sowohl digital als auch analog. Während Jüngere unsere Online-Tools oder unsere Videochat-Beratung nutzen oder sich zu Klimacoaches in unseren Klimaprojekten ausbilden lassen, bieten wir für ältere oder technisch weniger versierte Menschen die persönliche Beratung an – telefonisch, vor Ort oder über unseren Beratungsbus, der besonders in ländlichen Regionen sehr gut angenommen wird.
Kommen Menschen mit Sprachbarrieren zu uns, helfen uns mehrsprachige Materialien und Kooperationen mit lokalen Migrantenorganisationen.
Mit großem Interesse haben wir die Tools „Fakeshop-Finder“ und „Inkasso-Check“ auf der Seite des Bundesverbandes registriert. Wird die Nachfrage nach genau diesen praktischen Alltagshelfern in Zukunft noch stärker werden?
Eichhorst: Diese Tools sind echte Erfolge. Der Fakeshop-Finder wird täglich tausendfach genutzt – ein starkes Signal für die Relevanz digitaler Alltagshelfer. Auch der Inkasso-Check schützt viele Menschen vor überzogenen Forderungen.
Wir planen, unser Angebot sukzessive anzupassen, zum Beispiel im Bereich KI-basierter Vertragsprüfung oder verbraucherfreundlicher Vergleichsrechner. Der Bedarf an niedrigschwelliger digitaler Unterstützung wächst – und wir wollen Schritt halten.
Gerade wurde der Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung beschlossen. Können Sie eine kurze Einschätzung geben: Welche Inhalte sehen Sie positiv, was hätten Sie sich konkreter erhofft?
Eichhorst: Positiv sehen wir, dass Verbraucherschutz wieder stärker auf die politische Agenda gerückt und in vielen Kapiteln enthalten ist – etwa beim Thema digitale Verbraucherrechte, Reform der privaten Altersvorsorge, besseren Schutz vor untergeschobenen Verträgen oder Senkung der Strompreise für private Haushalte.
Sehr begrüßen wir das Vorhaben einer verpflichtenden Elementarschadenabsicherung für neu geschlossene Wohngebäudeversicherungen und die Erweiterung bestehender Versicherungen zu einem bestimmten Stichtag (Prüfung Opt-out-Lösung). Dafür hat sich die Verbraucherzentrale Sachsen seit vielen Jahren aktiv in Bund und Land eingesetzt.
Konkretere Aussagen hätten wir uns im Bereich Gesundheit, Ernährung und Klimaschutz/Energie gewünscht. Hier besteht weiter Handlungsbedarf.
Thema Künstliche Intelligenz: Mit welchen Fragen und Ängsten kommen die Menschen zu Ihnen? Können Sie kurz und knapp Tipps für Verbraucherinnen und Verbraucher für den Umgang mit KI geben?
Eichhorst: Bei KI stehen viele Verbraucherinnen und Verbraucher zwischen Faszination und Verunsicherung. Fragen drehen sich oft um Datenschutz, Transparenz bei automatisierten Entscheidungen oder Fake-Inhalten. Unser Rat: Quellen kritisch prüfen, persönliche Daten sparsam verwenden und KI-generierte Inhalte nicht unreflektiert übernehmen. Bei Unklarheiten und Problemen helfen wir, die unabhängige Beratung der Verbraucherzentralen, gerne weiter.
Zugleich sehen wir in der Digitalisierung und im technischen Fortschritt aber auch enormes Potenzial, zum Beispiel im Gesundheitsbereich und in der Digitalen Verwaltung. Effiziente elektronische Verfahren können einiges an Erleichterungen bringen.
Dreh- und Angelpunkt ist aus unserer Sicht eine enge Einbindung und Beteiligung der Verbraucherinnen und Verbraucher für eine hohe Akzeptanz und Nutzungsbereitschaft. Wir als Verbraucherzentrale Sachsen sehen Digitalisierung und KI als Chance.
Donald Trump hält die Welt mit dem Thema Zölle in Atem: Können Sie schon Auswirkungen für die deutschen Verbraucher im Hinblick auf die Zölle antizipieren? Was können Verbraucher jetzt tun?
Eichhorst: Wenn globale Entscheidungen wie neue Zölle Verbraucherinnen und Verbraucher betreffen, informieren wir schnell und verständlich über unsere Kanäle. Momentan rechnen wir mit Preissteigerungen bei Importwaren, insbesondere bei Elektronik, Textilien oder Rohstoffen.
Die Verbraucherinnen und Verbraucher spüren die Auswirkungen der Zollpolitik auch über die teilweise heftigen Kursschwankungen an den Börsen, die wiederum Auswirkungen auf die Anlageportfolios haben.
Letztlich ist jedoch vieles ungewiss. Eventuelle Folgen für die Verbraucherpreise in Deutschland sind auch abhängig von den Gegenmaßnahmen der EU. Europa muss hier als geeintes Gegengewicht selbstbewusst agieren.
Unsere Empfehlung: Preise vergleichen, langfristiger planen, nicht vorschnell handeln und unabhängigen Rat einholen – beispielsweise bei den Verbraucherzentralen.
Gerade das Thema Zölle zeigt, dass Finanzwissen immer wichtiger wird. Was tun Sie als Verbraucherzentrale und welche Maßnahmen seitens der Politik sehen Sie als notwendig an, um dieses Wissen zu stärken?
Eichhorst: Die Finanzbildung in Deutschland ist ausbaufähig. Wir bieten Schulprojekte, Workshops und Onlineangebote an, um Grundlagenwissen zu stärken. Da sich immer mehr Angebote in die digitale Welt verlagern, sehen wir die Förderung von Medienkompetenz als Basis für alle verbraucherbildenden Maßnahmen: Nur wer versteht, dass ein Klick in der Neo-Broker-App zu einem schlechten Aktienkauf führen kann, ist in der Lage informierte Entscheidungen zu treffen – von der Kreditaufnahme bis zur Geldanlage.
Strukturen, Märkte, Angebote und Technik entwickeln sich zunehmend schneller. Und so muss sich Verbraucherbildung auch als lebenslanges Lehren und Lernen in immer schnelleren Takten verstehen.
Wichtig ist auch, ordnungspolitisch zu agieren und schneller auf Marktentwicklungen zu reagieren. Es braucht verlässliche Rahmenbedingungen für den Finanzverkehr im Internet, zum Beispiel bei Kleinstkrediten oder bei Regelungen für Influencer.