Im Wortlaut
Monika Grütters unterstrich in ihrer Eröffnungsrede die besondere Bedeutung des Festivals „ganz im Zeichen der verbindenden Kraft der Musik – und ganz im Zeichen der „Sehnsuchtsmusik“ dieses Corona-Jahres: der Livemusik.“
Als „Sehnsuchtsmusik“ hat der norwegische Singer-Songwriter Erlend Øye Musik aus seiner Heimatstadt Bergen einmal bezeichnet. Er meinte, darin die Sehnsucht nach Sonne anklingen zu hören. Denn dort, hoch im Norden, kann es bekanntlich vorkommen, dass über Wochen so gut wie nie die Sonne scheint…
Dass Musik – wie auch die anderen Künste – in entbehrungsreichen Zeiten Sehnsüchte stillen kann, haben wir alle in den vergangenen Monaten erlebt. Viele Künstlerinnen und Künstler und zahlreiche Kultureinrichtungen haben uns die häusliche Isolation im Lockdown erträglicher gemacht. Wohl nie zuvor bot das Internet Kulturgenuss in dieser Bandbreite und Qualität – vom Livestreamkonzert über Lesungen aus dem heimischen Wohnzimmer bis hin zum virtuellen Theaterabend. Über das analoge Stammpublikum hinaus dürfte dabei auch so mancher Online-Zufallsbesucher auf den Geschmack gekommen sein. Musik erwies sich dabei für viele Menschen einmal mehr als unverzichtbare Seelennahrung. Dabei haben viele aber auch erlebt, dass Kultur als Bildschirmerlebnis das Gemeinschaftserlebnis nicht ersetzen kann. Denn mag die heimische Couch auch noch so bequem sein: Beglückender ist es, Emotionen mit anderen zu teilen.
Dass gemeinsamer Kulturgenuss auch unter den geltenden Beschränkungen möglich ist, zeigt das Usedomer Musikfestival und sendet damit ein wichtiges Signal der Hoffnung insbesondere an Künstlerinnen und Künstler, die auf Auftritte live und vor Publikum angewiesen sind. Als eines der ersten Festivals in Deutschland startet es wieder mit einem vollen Programm. Viele Konzerte sind längst ausverkauft – dank zahlreicher treuer Freunde und Fans, die sich von der einzigartigen Verbindung von Kultur und Natur zwischen Ostsee und Bodden in den Bann ziehen lassen. Ebenso anziehend ist die beinahe familiäre Atmosphäre: Es ist schön zu erleben, wie das Festival getragen wird von einem engagierten Kreis lokaler Unternehmer und vieler ehrenamtlicher Kräfte, die Kaffee und Kuchen vor den malerischen Veranstaltungsorten zum Verkauf anbieten, Programmhefte verkaufen oder die von weiter her kommenden Musikfreunde auf der Insel transportieren. Diese Verbundenheit der Menschen vor Ort mit ihrem Festival ist etwas ganz Besonderes – ein Ausdruck der Wertschätzung für Künstlerinnen und Künstler und die Botschaft ans Publikum: Ihr seid uns hier willkommen, Ihr seid uns wichtig.
Maßgeblich verantwortlich für den Erfolg des Festivals sind natürlich auch Sie und Ihr Team, lieber Herr Hummel, die Sie das Programm des Festivals nun schon seit dessen Entstehung im Jahr 1994 gestalten.
Damit zählen Sie wohl zu den am längsten im Amt stehenden Intendanten in Deutschland – was ja auch ein wunderbarer Beleg des Erfolgs Ihrer Arbeit ist. Ich danke Ihnen herzlich, dass Sie mit großem Einsatz das diesjährige Festival möglich gemacht haben – und für die Beharrlichkeit und Nervenstärke, die es dafür in Zeiten von Corona braucht! Dass das Usedomer Musikfestival live stattfinden kann, ist ein Hoffnungsschimmer nicht nur für alle Musikliebhaber mit Entzugserscheinungen, sondern auch und vor allem für die vielen Künstlerinnen und Künstler, deren Existenzgrundlage Auftritte vor Publikum sind.
Für die Wiederaufnahme des kulturellen Lebens insgesamt habe ich das Programm NEUSTART KULTUR auf den Weg gebracht. Insgesamt eine Milliarde Euro zusätzlich stehen in meinem Haushalt bereit, um die kulturelle Infrastruktur unseres Landes nach der pandemiebedingten Auszeit wieder zu beleben – und das bedeutet: Betriebsstätten, Arbeitsmöglichkeit und Einkommen für Künstlerinnen und Künstler wie auch für vieler andere im Kulturbereich Tätige zu sichern. Das größte Konjunkturprogramm für die Kultur in der Geschichte der Bundesrepublik offenbart den hohen Stellenwert, den die Bundesregierung der Kultur beimisst. Es soll Not lindern, kann aber natürlich nicht alle Probleme lösen. Umso wichtiger ist es, sehr differenziert darüber nachzudenken, wie man mit pragmatischen Konzepten das kulturelle Leben und insbesondere das Bühnengeschehen wieder ins Laufen bekommen kann. Das ist das Mindeste, was wir den Künstlerinnen und Künstler schuldig sind! Dazu muss man sich die Mühe individueller Einzelfallbetrachtungen machen: Jede Veranstaltung, jeder Raum muss speziell auf seine Möglichkeiten geprüft werden, Infektionsschutz und Kulturgenuss miteinander zu vereinbaren.
Pauschal sehr restriktiv vorzugehen und sich vor dieser aufwändigen Arbeit zu drücken, wird weder dem Kulturbetrieb in seiner Vielfalt noch den existentiellen Nöten der Kultureinrichtungen und der Künstlerinnen und Künstler gerecht. Die Wiederbelebung des kulturellen Lebens verdient dieselben Anstrengungen, die auch anderen Branchen zuteilwerden! Denn Kunst ist keine Delikatesse für Feinschmecker, sondern Brot für alle. Das weiß jeder, der schon einmal „Sehnsuchtsmusik“ gehört hat – um den eingangs erwähnten Begriff noch einmal aufzugreifen.
„10 Länder, 1 Meer – 27 Jahre, 1 Festival“ lautet das diesjährige Festivalmotto und kündet damit auch von der Grenzen-überwindenden, verbindenden Kraft der Musik, die bei diesem Festival seit jeher kultiviert und zelebriert wird. Von Beginn an war es dem kulturellen Reichtum der Ostsee-Anrainer gewidmet. Dabei entstanden enge Kulturbeziehungen insbesondere zum polnischen Teil der Insel, wo auch Veranstaltungen stattfinden – ein Zeichen guter Nachbarschaft und enger Zusammenarbeit, die auch für die wirtschaftliche Entwicklung der Region wichtig ist. Zur Kulturfreundschaft mit anderen Ländern trägt auch die Entscheidung des Festivalteams bei, jeweils ein Gastland in den Mittelpunkt des Programms zu stellen. In diesem Jahr ist es Norwegen. Norwegische Musikerinnen und Musiker haben einen exzellenten Ruf und sind nicht nur im Bereich Jazz auf den Bühnen weltweit gern gesehen und gefeiert. Einen exzellenten, ja legendären Ruf hat auch der norwegische Saxophonist Jan Garbarek, der eigentlich das heutige Eröffnungskonzert geben sollte – hätte es nicht kurzfristige Probleme bei der Einreise seiner Musiker gegeben. Das ist sehr schade, aber gehört leider zur momentanen Lebensrealität vieler international tätiger Künstlerinnen und Künstler.
Ich freue mich sehr, dass wir dafür das Baltic Sea Philharmonic unter der Leitung des estnischen Dirigenten Kristjan Järvi erleben dürfen, und wir dabei immerhin in den Genuss einzelner Kompositionen Jan Garbareks kommen. Das weltweit renommierte Orchester, das mit dem Usedomer Musikfestival eng verbunden ist – denn es wurde von Ihnen, lieber Herr Hummel, im Jahr 2008 gegründet – vereint Musikerinnen und Musiker aus Dänemark, Estland, Finnland, Deutschland, Lettland, Litauen, Norwegen, Polen, Russland und Schweden. So steht auch dieser Abend ganz im Zeichen der verbindenden Kraft der Musik – und ganz im Zeichen der „Sehnsuchtsmusik“ dieses Corona-Jahres: der Livemusik. Freuen wir uns also auf ein Konzert, wie wir es lange vermisst haben! Ich wünsche Ihnen allen einen genussvollen Abend und ein beglückendes Festival!