Im Wortlaut
Bei der Sonderausstellung zum 70. Jahrestag der Gründung des Bundesgrenzschutzes betonte Kulturstaatsministerin Grütters, dessen Geschichte sei untrennbar mit der deutschen Teilung und dem Kalten Krieg verbunden. Heute leiste die Gedenkstätte Point Alpha einen wichtigen Beitrag dazu, „zum Engagement für die europäische Einheit in Freiheit zu motivieren“, so die Staatsministerin in Rasdorf.
Stacheldraht, Splitterminen und der Schießbefehl: Point Alpha, der ehemalige „Observation Post Alpha“, erinnert eindrücklich daran, was einst auf der DDR-Seite bitterer Alltag war an der innerdeutschen Grenze.
Joachim Gauck hat mit Blick auf das gnadenlose DDR-Grenzregime einmal geschrieben, ich zitiere: „Ich habe mich in einer bestimmten Etappe meiner DDR-Existenz daran gewöhnt, die DDR-Bürger als „DDR-Bewohner“ zu bezeichnen. Bis mir auffiel, dass auch dies ein Euphemismus ist. Denn Bewohner eines Hauses können das Gebäude auf- und zuschließen, sie können hinein- und hinausgehen. Wir konnten das alles nicht. Ich suchte umso dringlicher nach einem adäquaten Wort und kam schließlich darauf, dass wir „Insassen“ seien […].“
Ja, daran gibt es nichts zu beschönigen: Stacheldraht, Splitterminen und der Schießbefehl an der Grenze machten die DDR zu einem Gefängnis und ihre Bürgerinnen und Bürger zu „Insassen“ eines sozialistischen Staates, der individuelle Vorstellungen von einem guten Leben – darunter die Freiheit zu reisen – unterdrücken musste, um überhaupt Bestand zu haben.
An wenigen Orten wird das so eindrucksvoll deutlich wie am Point Alpha.
Hier standen sich Amerikaner und Sowjetrussen als Gegner so nah gegenüber wie nirgendwo sonst in Europa. Hier stießen Systeme und Weltanschauungen aufeinander. Hier wurde wie kaum irgendwo anders in Deutschland die gefährliche Konfrontation des Kalten Krieges deutlich. Heute befinden sich hier ein Erinnerungsort der deutschen Teilung und ein Ort der Dokumentation und Erforschung des Kalten Krieges. Ich freue mich, dass wir, das Bundeskulturressort, die Arbeit der Gedenkstätte in den vergangenen Jahren durch die Finanzierung verschiedener Umbau-, Sanierungs- und Modernisierungsmaßnahmen unterstützen konnten. Darüber hinaus fördert und betreut die BKM bundesweit eine Vielzahl an Projekten und Einrichtungen, die sich der Aufarbeitung der SED-Diktatur widmen.
Die Erinnerung an das damit verbundene Unrecht ist auch mehr als 30 Jahre nach der Friedlichen Revolution von ungebrochener Relevanz. Das Wissen darum, welches Leid Menschen erlebt haben und in welchem Maß die Freiheit und die Rechte der Bevölkerung beschnitten wurden, führt den Wert von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten gerade auch der jungen Generation deutlich vor Augen. Nicht zuletzt aus diesem Grund bleiben die Aufarbeitung, das Gedenken und das Erinnern Aufgaben für die Zukunft.
Untrennbar mit der deutschen Teilung und dem Kalten Krieg verbunden ist aber auch die Geschichte des Bundesgrenzschutzes – der heutigen Bundespolizei. Die Sicherung der innerdeutschen Grenze gehörte zu seinen zentralen Aufgaben. Angehörige des Bundesgrenzschutzes und der DDR-Grenztruppen standen sich Jahrzehnte gegenüber − dabei aber mit dem entscheidenden Unterschied, dass der Auftrag der Grenztruppen der DDR auch die Aufgabe umfasste, die eigenen Bürger notfalls mit Waffengewalt an einer Flucht aus der DDR zu hindern. Dieser Gegensatz in Auftrag und Selbstverständnis des Grenzschutzes steht geradezu symbolhaft für den Unterschied zwischen den Systemen − zwischen einem demokratischen Rechtsstaat und einem diktatorischen Unrechtsstaat.
Der Fall der Mauer und die Öffnung der innerdeutschen Grenze waren für den Bundesgrenzschutz natürlich einschneidende Ereignisse – nicht zuletzt auch für seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, für die sich Fragen zur beruflichen Zukunft stellten. Aber auch andere Erfahrungen waren prägend, wie die Ausstellung „70 Jahre im Einsatz – Vom Bundesgrenzschutz zur Bundespolizei“ zeigt. Unvergessen ist zum Beispiel die Befreiung der Geiseln aus der entführten Lufthansa-Maschine „Landshut“ im Oktober 1977 in Mogadischu durch die berühmte GSG 9.
Neben der Wiedervereinigung haben vor allem die Gründung der Bundeswehr 1955 und das Schengener Abkommen 1985 die Entwicklung entscheidend geprägt. Heute ist die Bundespolizei eine moderne Polizei mit umfangreichem Aufgabenkatalog − im Inland wie im Ausland eingesetzt. Die Frauen und Männer, die diesen oft beschwerlichen und gefährlichen Dienst für unser Land geleistet haben und leisten, verdienen dafür Dank und Anerkennung.
Ich freue mich, dass mein Haus durch die Förderung der Ausstellung dazu beitragen kann, erstmalig die geschichtspolitisch bedeutsame Rolle des Bundesgrenzschutzes in einer breitenwirksamen Ausstellung aufzuarbeiten und der Öffentlichkeit zu vermitteln. Die Konzeption als Wanderausstellung ermöglicht es, auch weit überregional ein breites Publikum zu erreichen und für das Thema zu interessieren. Von dem langfristigen Ziel, die stiftungseigene Sammlung zur Geschichte des Bundesgrenzschutzes zu erweitern, wird die Gedenkstätte sicher stark profitieren – und damit ganz maßgeblich auch unsere Erinnerungskultur.
Ihre Arbeit bleibt weiterhin unverzichtbar für die politische Bildung und für eine starke Demokratie. Dass der Kalte Krieg heute ebenso Geschichte ist wie Stacheldraht, Splitterminen und der Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze, ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Errungenschaft, die Wertschätzung verdient. Das gleiche gilt für die Tatsache, dass die „Insassen“, wie Joachim Gauck die Einwohner der DDR nannte, nicht nur zu „Bewohnern“ wurden − also zu Menschen, die ihren Staat wie ein Haus verlassen und wiederkommen dürfen.
Nein, die „Insassen“ haben sich Bürgerrechte erkämpft, die SED-Diktatur hinter sich gelassen und sind heute Bürgerinnen und Bürger eines demokratischen Deutschlands und eines geeinten Europas. Die Gedenkstätte Point Alpha leistet einen wichtigen Beitrag dazu, das Bewusstsein für diese Errungenschaften zu schärfen und zum Engagement für die europäische Einheit in Freiheit zu motivieren. Die Ausstellung zur Geschichte des Bundesgrenzschutzes und der Bundespolizei hilft nun dabei, das Bild zu vervollständigen und Zusammenhänge aufzuzeigen.
In diesem Sinne bin ich sehr gespannt auf den nachher noch anstehenden Rundgang und wünsche der Ausstellung viele interessierte Besucherinnen und Besucher – aus Ost und West, aus Deutschland und aus ganz Europa.