"Wanderlust": Zu Fuß zur Natur

Nationalgalerie Berlin "Wanderlust": Zu Fuß zur Natur

Im 19. Jahrhundert sahen die Menschen in der Natur den Gegenpol einer beschleunigten Welt. Hier suchten sie zunehmend Erholung und Inspiration, selbstbestimmt und zu Fuß. Dieses Lebensgefühl zeigte sich auch in der Kunst: Die Nationalgalerie zeichnet die Geschichte des "Wanderns" als Motiv nach.

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Auguste Renoir Ansteigender Weg durch hohes Gras, 1876/77Öl auf Leinwand, 60 x 74 cmMusée d’Orsay, Paris

Verschmolzen mit der Natur: "Ansteigender Weg durch hohes Gras" von Auguste Renoir.

Foto: Musée d‘Orsay, Dist. RMN-Grand Palais/Patrice Schmidt

Hinaus aus den Ateliers, hinein in die Natur! Dieser Gedanke kann einem in den Sinn kommen bei einem Gang durch die Sonderausstellung "Wanderlust" in der Alten Nationalgalerie in Berlin. Die Werke von Meistern wie Caspar David Friedrich, Gustave Coubert, Ferdinand Hodler oder Auguste Renoir spiegeln das Zeit- und Lebensgefühl der Menschen im 19. Jahrhundert wider: Die rasanten gesellschaftlichen Umbrüche und die industrielle Revolution hatten die Frage nach Selbstfindung und Welterkenntnis in den Fokus gerückt.

Entschleunigt die Welt und sich selbst erkennen

Antworten suchten die Künstler in der Natur. Das Wandern wurde zum Sujet in der Malerei, wandernde Menschen in der Landschaft zentrales Motiv. Denn auch das Naturverständnis hatte sich gewandelt, vom Ort wilder Gefahr zur neuen, unbekannten Zufluchtsstätte auch vor Zivilisationszwängen. Als ganz neue Erfahrung seiner selbst hatte schon Jean-Jaques Rousseau (Zurück zur Natur!) das Wandern in der Natur beschrieben, es verschaffe einem ein ganz anderes Weltgefühl, so der französische Philosoph. "Da ich lediglich von mir abhängig bin, so genieße ich alle Freiheit, die irgendein Mensch nur genießen kann", schrieb Rousseau über das langsame Reisen zu Fuß.

Caspar David Friedrich Wanderer über dem Nebelmeer, um 1817Öl auf Leinwand, 94,8 x 74,8 cmHamburger Kunsthalle

Das Wandermotiv in der Malerei: "Wanderer über dem Nebelmeer" von Caspar David Friedrich.

Foto: SHK/Hamburger Kunsthalle/bpk/Elke Walford Jens Ferdinand Willumsen

Wanderung als Symbol für den eigenen Weg

Unter diesen Prämissen - das Wandern als Sinnbild für Entwicklung und Selbstfindung, die Wanderung als Symbol für den Lebensweg - blickt der Besucher mit Caspar David Friedrichs Wanderer im Gehrock über das Nebelmeer. Das weltbekannte Gemälde, eine herausragende Leihgabe der Hamburger Kunsthalle und erstmals in Berlin zu sehen, ist der Mittelpunkt der Schau.

Jens Ferdinand Willumsen Bergsteigerin, 1912Öl auf Leinwand, 210 x 170,5 cmStatens Museum for Kunst, Kopenhagen

"Bergsteigerin": Eine Leihgabe der Dänischen Nationalgalerie.

Foto: Statens Museum for Kunst, Copenhagen/VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Mehr als 120 Werke, nach Themen gegliedert, führen die Besucher durch das Denken der Zeit: Die Kapitel heißen "Entdeckung der Natur", "Lebensreise", "Sehnsuchtsland Italien" oder "Wanderlandschaften nördlich der Alpen". Namhafte europäische und amerikanische Museen unterstützen die Schau mit ihren Leihgaben. Das allein zeigt, wie fruchtbar das Motiv des Wanderns für die Kunst des gesamten 19. Jahrhunderts war, von Frankreich und Großbritannien, über Skandinavien bis nach Russland. So findet sich die "Wanderlust" auch im englischen Wortschatz.

Wandern, Spazieren, Promenieren

Oft sind die Künstler selbst das Motiv. Das Kapitel "Künstlerwanderung" gibt dem Raum. Frauen werden weniger wandernd dargestellt, sondern anmutig oder spazierend im Einklang mit der Natur. "Damen in der Landschaft", so ist denn auch ein Bild der Ausstellung betitelt.

Die Ausstellung "Wanderlust. Von Caspar David Friedrich bis Auguste Renoir" in der Alten Nationalgalerie läuft bis zum 16. September. In einem Rahmenprogramm stellen Expertinnen und Experten die Ausstellung sowie weitere Aspekte des Wanderns vertiefend vor.