Im Wortlaut
Das Bauhaus war nicht nur Avantgarde und Provokation der frühen deutschen Moderne, sondern ist bis heute "Weltkulturerbe", erklärte die Staatsministerin für Kultur und Medien. Gleichwohl gab Grütters zu bedenken: "Der Auseinandersetzung mit den Ambivalenzen und Widersprüchen innerhalb der Bauhaus-Vielfalt Raum zu geben, ist im Jubiläumsjahr nicht weniger wichtig als die Vergegenwärtigung und Vermittlung seiner revolutionären gestalterischen Ideen und seiner gesellschaftlichen Utopien."
Es ist natürlich Zufall, dass die Eröffnung der Ausstellung bauhaus imaginista ausgerechnet auf den heutigen 140. Geburtstag Albert Einsteins fällt. Passend zum 100. Bauhausjubiläum, passend zum Jubiläumsmotto „Die Welt neu denken“ ist es allemal – zumal Einsteins Relativitätstheorie ja nicht nur unsere Vorstellung von Raum und Zeit revolutionierte, sondern auch das Bauhaus und seine Meister inspirierte. Paul Klee und Wassily Kandinsky beispielsweise beschäftigten sich intensiv mit der Vorstellung eines raumzeitlichen Kontinuums, und Architekten wie Mies van der Rohe entwickelte, angeregt durch Einsteins bahnbrechende Erkenntnisse, jene fließende Architektur, das Konzept des „fließenden Raumes“, das heute zum Bauhaus-Vermächtnis und zum Kanon der Architekturgeschichte gehört.
Der Einfluss der Relativitätstheorie auf die Kunst der Avantgarde, die Brücke vom heutigen 140. Geburtstag Albert Einsteins zum Bauhaus-Jubiläum, steht exemplarisch für die Arbeitsweise, die aus einer Reformschule eine „Werkstatt der Moderne“ werden ließ: für Neugier und Offenheit, für Dialog und Austausch, für das Zusammenbringen und das Zusammenwirken unterschiedlicher Perspektiven auf die Welt. Das gilt nicht nur für so unterschiedliche Disziplinen wie Physik und Architektur; das gilt auch – die Ausstellung, die wir heute eröffnen, dokumentiert es eindrucksvoll - für unterschiedliche Kulturen. Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt kamen zum Studium ans Bauhaus und brachten Traditionen ihrer Herkunftsländer mit, und umgekehrt reisten Bauhäusler aus Deutschland in ferne Länder, holten sich dort Impulse und Ideen aus teils ähnlich revolutionären Schulen und sorgten für die Weiterentwicklung wie auch für die weltweite Verbreitung der Bauhaus-Ideen, letzteres insbesondere auch nach der zwangsweisen Emigration zahlreicher Bauhauslehrer und -schüler vor und während des Zweiten Weltkriegs.
Den verschlungenen Pfaden wechselseitiger Inspiration zu folgen, ist nicht nur für Kunsthistoriker aufschlussreich. Gerade in einer Zeit, in der Populisten vielerorts – auch in Deutschland – gegen Multikulturalismus hetzen und eine kulturpolitische Rückbesinnung auf das Nationale fordern, gerade in diesen Zeiten ist es wichtig und notwendig, Spuren des Anderen im Eigenen sichtbar zu machen und zu zeigen, wieviel internationaler Einfluss, wieviel interkulturelles Erbe im nationalen Kulturerbe steckt. Diesen hehren Anspruch löst die Schau bauhaus imaginista mit einer enormen Bandbreite an Exponaten zur internationalen Wirkungs- und Rezeptions-geschichte des Bauhauses ein. Für die aufwändige Recherche-Arbeit und die internationale Koordinierung der Vorbereitungen bin ich den Verantwortlichen im Haus der Kulturen der Welt und allen beteiligten Partnern - insbesondere der Bauhaus-Kooperation und dem Goethe-Institut – sehr dankbar. Sie vermitteln mit dieser facettenreichen Schau, dass es Ideen und Impulse aus unterschiedlichen Welten braucht, um die Welt (getreu dem Jubiläumsmotto) neu zu denken und zu verändern – eine Erkenntnis, die im Übrigen nicht nur zum besseren Verständnis des Bauhauses, sondern auch zum besseren Verständnis des gesellschaftlichen Fortschritts beiträgt.
Das Bauhausjubiläum 2019 ist eine großartige Chance, einem breiten Publikum das vielgestaltige Erbe des Bauhauses und seine Rolle in einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs und Aufbruchs nach dem Zusammenbruch infolge eines grauenvollen Krieges zu vermitteln. Deshalb fördert der Bund das Jubiläumsprogramm mit seinen rund 700 Veranstaltungen deutschlandweit, und ich freue mich, dafür rund 21 Millionen Euro aus meinem Kulturetat zur Verfügung stellen zu können (davon mehr als 1,3 Millionen Euro für das Projekt imaginista). Im Mittelpunkt steht die Vielfalt teils widersprüchlicher künstlerischer und gesellschaftlicher Konzepte und Experimente, mit denen die Bauhäusler sowohl die Welt der Formen neu denken als auch eine geistig und moralisch bis ins Mark erschütterte Welt neu gestalten wollten. Es ist eine Vielfalt mit Licht und Schatten: eine Vielfalt, in der nicht nur kosmopolitische, sondern auch rassistische Kräfte, nicht nur liberale, sondern auch fundamentalistische Kräfte, nicht nur progressive, sondern auch reaktionäre Kräfte, nicht nur idealistische, sondern auch opportunistische Kräfte am Werk waren. Man denke nur an die Bauhaus-Meister, die Frauen als „Webmädchen“ verspotteten und dafür sorgten, dass ihnen viele Bauhaus-Türen verschlossen blieben oder an jene Bauhäusler, die nach 1933 zu Kollaborateuren des NS-Regimes wurden.
Der Auseinandersetzung mit den Ambivalenzen und Widersprüchen innerhalb der Bauhaus-Vielfalt Raum zu geben, ist deshalb im Jubiläumsjahr nicht weniger wichtig als die Vergegenwärtigung und Vermittlung seiner revolutionären gestalterischen Ideen und seiner gesellschaftlichen Utopien, die ihre Strahlkraft einer - angesichts der herrschenden Verhältnisse nach dem Ersten Weltkrieg - geradezu verwegenen Zuversicht der Künstlerinnen und Künstler verdankten, das Leben vieler Menschen zum Besseren verändern zu können. Mit diesem politischen Anspruch, der mit der schöpferischen Kraft der Kunst eingelöst werden sollte, stieß das Bauhaus von Anfang an auch auf Angst und Ablehnung, und die Attacken der Bauhausgegner, die es als bolschewistisch-spartakistisches Zentrum diffamierten und auch wegen seiner Internationalität anfeindeten,- diese Attacken hatten, befeuert durch den politischen Klimawandel in der Weimarer Republik, zunehmend Erfolg. So ist es vielleicht kein Zufall, zumindest aber eine bittere Ironie der Geschichte, dass das 100. Bauhausjubiläum uns auch mit der Frage konfrontiert, wie weit es denn eigentlich heute her ist mit der Bereitschaft, die Freiheit und Autonomie der Kunst zu respektieren. Die Musik und die Texte der Band Feine Sahne Fischfilet mögen nicht jedem gefallen - übrigens auch mir nicht. Aber es wäre ein fatales Zeichen, wenn allein der Druck der rechten Szene ausreichte, um kulturelle Angebote zu unterbinden.
Deutschland hat die Freiheit der Kunst aus gutem Grund in den Verfassungs-rang erhoben. Doch die Freiheit, kritisch und unbequem sein zu dürfen, erfordert die Bereitschaft einer Gesellschaft, die damit gelegentlich auch verbundenen Zumutungen auszuhalten. Natürlich müssen Künstlerinnen und Künstler sich Kritik gefallen lassen; natürlich darf und muss es kontroverse Debatten geben. Doch eine Kunst, die sich festlegen ließe auf die Grenzen des politisch Wünschenswerten, eine Kunst, die den Absolutheitsanspruch einer Religion oder Weltanschauung respektierte, die gar einer bestimmten Moral oder Politik diente - eine solchermaßen begrenzte oder domestizierte Kunst würde sich nicht nur ihrer Möglichkeiten, sondern auch ihres Wertes berauben. Die Bauhäusler haben mit Mut zum Experiment provoziert und polarisiert, sie haben der Lethargie der Einfallslosen den Enthusiasmus der Fantasie entgegen gesetzt, sie haben - um eine prägnante Formulierung von Jürgen Habermas aufzugreifen - mit „avantgardistische[m] Spürsinn für Relevanzen“ die Welt neu gedacht. Kurz: Sie haben gezeigt, was Kunst zu leisten imstande ist. Nicht zuletzt deshalb feiern wir 100 Jahre Bauhaus unter dem Motto „Die Welt neu denken“, und ich hoffe, dass die Ausstellung bauhaus imaginista in diesem Sinne zum Mit-Denken verführt.