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Rede von Kulturstaatsministerin Roth anlässlich des Gedenkens an den 1. September 1939 in Berlin

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Im Wortlaut Rede von Kulturstaatsministerin Roth anlässlich des Gedenkens an den 1. September 1939 in Berlin

Mit dem Angriff des nationalsozialistischen Deutschlands auf Polen begann in der Nacht auf den 1. September der Zweite Weltkrieg. Ein Krieg, der von der ersten Minute an kein anderes Ziel als Vernichtung gekannt habe, sagte Kulturstaatsministerin Roth bei der Gedenkveranstaltung am 84. Jahrestag des Überfalls. „Diesen Teil unserer Geschichte zu kennen, ist die Verantwortung, die uns der 1. September 1939 aufträgt. Und dafür wollen und werden wir uns einsetzen“, betonte sie.

Freitag, 1. September 2023
Kulturstaatsministerin Roth spricht bei der Gedenkenveranstaltung an den 1. September 1939 in Berlin

„Der 1. September 1939 ist ein Tag, der nicht vergangen ist“, sagte Kulturstaatsministerin Roth in Gedenken an den Überfall NS-Deutschlands auf Polen.

Foto: Stiftung Denkmal, Foto: Marko Priske

– Es gilt das gesprochene Wort – 

Was hat der Krieg, den die Ukraine erleidet, der Europa erschüttert, aus diesem Tag gemacht, aus diesem 1. September, der über vier Jahrzehnte in einem Teil Deutschlands als Weltfriedenstag (Tag des Friedens) gefeiert und im anderen als Anti-Kriegstag begangen wurde? Was sagt uns dieses Datum heute?

Haben wir verstanden, was am 1. September 1939 geschah? Unter dem Eindruck des 24. Februars 2022, frage ich mich, ob wir uns nicht ebenso an den 1. August, den 1. Juli oder den 1. März 1939 erinnern sollten? Was geschieht in der Zeit, die einem Krieg vorausgeht, die auf ihn zuführt, auf den Moment zwischen Krieg und Frieden, die furchtbare Spannung, auf diesen letzten unwiederbringlichen Moment der Stille, der Stille vor dem ersten Schuss.

Wie viel Hass und Missgunst müssen zusammenkommen, um diese Spannung zu erzeugen? Und wie viel mehr Verstand und Mut erforderte es, ihre Entladung zu verhindern? Wie lange müssen Lügen, Größenwahn und Raserei die Vernunft belagern, bis es zum Krieg kommt? Zum Krieg, der zum Schlimmsten zählt, was Menschen anderen Menschen antun können?

Der Krieg, an den wir heute erinnern, begann in der Nacht vom 1. auf den 2. September 1939, als ein deutsches Bombergeschwader die Menschen im polnischen Wielun aus dem Schlaf riss und das Schulschiff Schleswig-Holstein das Feuer auf die polnischen Befestigungen der Westerplatte vor der Freien Stadt Danzig eröffnete.

Er kannte von der ersten Minute an kein anderes Ziel als Vernichtung. Er überstieg jede Vorstellung, jedes Maß. Ihm folgten die Schrecken der deutschen Besatzung und nach seinem Ende Jahrzehnte der kommunistischen Fremdbestimmung. Als Polen sich schließlich selbst – und Europa – befreite, war ein halbes Jahrhundert vergangen.

Deshalb erinnert uns jeder 1. September auch an den 23. August 1939, an die Perfidie des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts, mit dem die herrschenden Akteure Polen und auch die baltischen Länder ein weiteres Mal teilten und seiner Freiheit beraubten.

Der 1. September 1939 ist ein Tag, der nicht vergangen ist. Er ist mehr als eine schmerzhafte Erinnerung im Gedächtnis von Polen und Deutschen. Wir haben mit ihm zu tun. Er ist gegenwärtig im Verhältnis unserer Länder. Er bestimmt es. Doch über seine Folgen, die Grausamkeit der deutschen Besatzungsherrschaft in Polen, wissen wir, wissen die Deutschen wenig, zu wenig, viel zu wenig. Doch eben diesen Teil unserer Geschichte zu kennen, ist die Verantwortung, die uns der 1. September 1939 aufträgt. Und dafür wollen und werden wir uns einsetzen.

Wir haben mit diesem Krieg und seinen Folgen zu tun, weil „mit deutscher Schuld zu tun hat“, wer als Deutscher geboren ist. Was Thomas Mann den Deutschen im Mai 1945 sagte, gilt auch heute. Nicht, weil wir schuldig sind, sondern weil sich schuldig macht, wer nicht alles versucht, Gewaltherrschaft und die Zerstörung, die sie mit sich bringt, zu verhindern. Das ist unsere Verantwortung.

Wer von deutscher Kultur spricht, sollte nicht schweigen über die polnische, über Warschau, über Krakau, über das Museum, das brennt, über das Schöne, das Kostbare, das Zerstörte.

Anna Swirszczynska, deren Gedichte wir heute hören dürfen, hat nicht geschwiegen. Und ihre Stimme ist eine starke, unverwechselbare, weibliche, ungemein moderne Stimme unter den zahlreichen Großen der polnischen Literatur des vergangenen Jahrhunderts. Kein geringerer als Czeslaw Milosz gehörte zu ihren Bewunderern. Dass wir Anna Swirszynska in Deutschland kaum kennen, ist ein Umstand, den wir sehr bald ändern sollten.

Denn wie gut wir einander kennen und was wir voneinander lernen, entscheidet nicht nur über das Verhältnis von Polen und Deutschen. Nicht nur Deutsche und Polen brauchen einander. Europa braucht uns.

Gedenken und historische Reflexion sollen unsere Beziehungen begleiten, mahnte uns der frühere polnische Außenminister Wladyslaw Bartoszewski. Sie müssen es, denn sie sind die Grundlage nicht nur für Verständigung, sondern für Verstehen. Ob und wie gut wir einander verstehen, hat längst eine europäische Dimension erlangt. Deshalb brauchen wir, hier in Berlin, einen Ort der Erinnerung, einen Ort der Begegnung, der Wissen und Verständnis füreinander fördert.

Wir, Polen und Deutsche, stehen hier an diesem Ort, 84 Jahre nach dem Überfall Deutschlands auf Polen, ein Menschenalter nach dem verheerendsten Krieg, den Europa erlebt hat, als politische und militärische Verbündete. „Es ist unsere Nachbarschaft, die darüber entscheidet, ob und wann das geteilte Europa zusammenwachsen wird“, hat uns Wladyslaw Bartoszewski aufgetragen. Wir wissen, er hat recht. Und wir wissen, es liegt in unserer Verantwortung.

Vor wenigen Wochen war ich in Warschau. Neben vielen Begegnungen war für mich das bewegendste Erlebnis das Wiedersehen mit Marian Turski. Er hat mich an die Hand genommen, hat mich durch das Polin-Museum geführt und hat mir von seinem Kampf und dem seiner Frau ums Überleben im Ghetto erzählt. Er hat mir mit diesem ich-gebe-Dir-meine-Hand die Hand zur Versöhnung ausgestreckt. Er hat mir sein Vertrauen bekundet. Dieses Vertrauen gibt uns die Verantwortung zu gedenken, die Chance, uns zu begegnen und uns zu verstehen in einem deutsch-polnischen Haus.