Interview

Was tun, wenn Kinder einen Elternteil verlieren?

Besonders für Kinder bricht eine Welt zusammen, wenn ein Elternteil stirbt. Der Verein "Wolfsträne" hilft Kindern und Jugendlichen dabei, den Tod nahestehender Verwandter zu verarbeiten. Dafür haben sie von Kanzlerin Angela Merkel den Sonderpreis beim Startsocial-Wettbewerb für ehrenamtliche Initiativen überreicht bekommen. Die stellvertretende Vorsitzende Julia Enoch im Interview.

Der Hinterkopf eine dunkelhaarigen Mädchens, das in ein Album malt. Neben vielen grauen Herzchen stehen die Worte "Mein Papi ist tot".

Hier können Kinder Trauer und andere Emotionen kreativ ausdrücken und verarbeiten.

Foto: Wolfsträne e.V.

Julia Enoch vom Verein "Wolfsträne" erzählt, welche Bedeutung die Toten-Gedenktage im November für sie haben, was die Besonderheiten bei trauernden Kindern sind und was sich für sie durch den Sonderpreis der Kanzlerin beim Startsocial-Wettbewerb im Juni verändert hat.

Wie entstand die Idee für Ihren Verein?

Julia Enoch: Unsere Gründerin Katrin Gärtner hat Anfang 2017 ein kleines Mädchen getroffen, das mit dem Verlust eines Elternteils konfrontiert war. Sie spürte sofort, dass das Mädchen Unterstützung bei der Verarbeitung ihrer Trauer benötigt und hat in Leipzig einen Verein gesucht, der sich darum kümmert – leider erfolglos.

Katrin selbst weiß aus persönlicher Erfahrung sehr genau, was es für das spätere Leben bedeuten kann, wenn man die Trauer in der Kindheit nicht zulässt und nicht verarbeitet. Also beschloss sie, selbst einen solchen Verein für trauernde Kinder und Jugendliche zu gründen. So entstand im März 2017 der Verein Wolfsträne.

Was hat es mit dem Namen "Wolfsträne" auf sich?

Julia Enoch: Der Name ist eine Kombination: Der "Wolf" steht für ein starkes Tier, das im Rudel lebt und unverwundbar wirkt – außer, wenn das Wolfsrudel mit einem Verlust eines Tieres konfrontiert ist. Das zweite Element ist die "Träne" als Symbol für Trauer und Traurigkeit.

Die Familie, das Rudel unserer begleiteten Kinder, wurde auch durch einen schweren Schicksalsschlag in ihren Grundpfeilern erschüttert, muss sich nun neu finden und zu neuer Stärke gelangen – genau dabei möchte "Wolfsträne" Kinder und Jugendliche unterstützen.

"startsocial – Hilfe für Helfer" ist ein bundesweiter Wettbewerb zur Förderung des ehrenamtlichen sozialen Engagements und steht unter der Schirmherrschaft der Bundeskanzlerin. Die Idee dahinter: Soziale Projekte entstehen oft aus einer tollen Idee und viel gutem Willen. Dieses Potenzial soll durch fachliche Beratung aus der Wirtschaft erfolgreicher werden.

Wie kann man sich die Trauerarbeit mit Kindern vorstellen?

Julia Enoch: Wir begleiten Kinder und Jugendliche von 0 bis 21 Jahren. Dieser große Altersunterschied macht auch eine Unterscheidung in der Trauerarbeit notwendig. Kinder im Alter bis zu fünf Jahren begleiten wir individuell, das bedeutet, dass eine qualifizierte Trauerbegleiterin oder ein qualifizierter Trauerbegleiter in das häusliche Umfeld der Kinder kommt und sich im gewohnten Zuhause spielerisch den Themen und Emotionen des Kindes nähert.

Ab einem Alter von sechs Jahren besuchen die Kinder vierzehntägig eine unserer Trauergruppen, die von jeweils zwei qualifizierten Trauerbegleiterinnen oder Trauerbegleitern durchgeführt werden. In einer Runde von maximal acht Kindern tauschen sie sich über ihre Gefühle und Erfahrungen aus, verarbeiten kreativ ihre Trauer und können sich austauschen.

So merken sie, dass sie mit ihren Erlebnissen, ihrer Trauer und ihrer Traurigkeit nicht alleine auf der Welt sind, sondern es andere Kinder gibt, die ebenfalls so früh mit dem Tod konfrontiert wurden.

Worauf legen Sie besonderen Wert?

Julia Enoch: Einen hohen Stellenwert hat bei unserer Arbeit der Ausdruck ihrer Gefühle. Jede Runde beginnt daher mit dem Anzünden einer Kerze für die Verstorbene oder den Verstorbenen und dem Auswählen einer "Gefühlsmonster-Karte", durch die die Kinder ausdrücken, wie sie sich aktuell fühlen.

Das lässt die Trauerbegleiter zum einen individueller auf jedes einzelne Kind eingehen, zum anderen aber auch die Entwicklung nachvollziehen. Wenn sich gegen die anfängliche Wut sich mehr und mehr auch wieder positive Emotionen durchsetzen, sind wir auf einem guten Weg.

Welche Ratschläge haben Sie für die Trauerarbeit?

Julia Enoch: Kinder und Jugendliche trauern anders als Erwachsene. Es gibt viele Facetten, wie Kinder mit dem Verlust eines nahen Angehörigen umgehen – manchen merkt man es überhaupt nicht an, da sie "einfach weiter funktionieren". Dies geschieht zum einen aufgrund der eigenen Angst vor der Traurigkeit, der Hilflosigkeit und der Ohnmacht, wie man mit dem Schmerz umgehen soll.

Zum anderen wollen sie den Familienangehörigen "nicht noch mehr Sorgen machen". Und auch wenn Kinder "normal" trauern, unterscheidet sich das deutlich von trauernden Erwachsenen. Man sagt, sie "springen durch Pfützen". Das soll bedeuten, dass sich Traurigkeit und Fröhlichkeit sehr schnell und häufig abwechseln können – in der einen Minute sind sie fröhlich und lachen, in der nächsten Minute sind sie traurig und in sich gekehrt oder weinen.

Es erfordert viel Feingefühl, um emotionale Stimmungen wie Wut, Lethargie und übertriebenes Fröhlichsein mit der Trauer in Verbindung zu bringen. Wichtig ist aber, den Kindern zu verdeutlichen, dass es kein "Richtig" und kein "Falsch" gibt und vor allem keine festgeschriebene Dauer, wie lange man trauern "darf".

Haben Feiertage wie Allerheiligen und Allerseelen für Sie eine Bedeutung?

Julia Enoch: In Leipzig und Umgebung, wo wir arbeiten, spielen Allerheiligen und Allerseelen keine große Rolle. In Sachsen sind dies auch keine gesetzlichen Feiertage. Darüber hinaus spielt natürlich der Totensonntag Ende November eine große Rolle, wenn es um Tod und Trauer geht.

Gerade in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist es uns aber extrem wichtig, die Trauerarbeit losgelöst von kalendarischen oder religiösen Ereignissen zu sehen. Jedes Kind hat andere Momente, in denen es an den Verstorbenen denkt, sich erinnern und besinnen oder auf den Friedhof gehen möchte.

Daher messen wir diesen "vorgegebenen" Tagen eine eher untergeordnete Bedeutung bei, da Kinder auch an diesen Tagen durch die besagten "Pfützen springen". Aber wir thematisieren diese Feiertage in den Trauergruppen selbstverständlich und sprechen auch darüber, wie andere Religionen oder zum Beispiel die Wikinger mit Sterben und Bestatten umgehen.

Wie haben Sie die Verleihung des Startsocial-Sonderpreises der Kanzlerin erlebt?

Angela Merkel steh zwischen zwei Frauen in blauen Kleidern. Links hält Karin Gärtner einen Scheck über 5.000 Euro in der Hand. Rechts hält Julia Enoch die Startsocial-Urkunde.

Kanzlerin Merkel mit den Preisträgerinnen Katrin Gärtner (links) und Julia Enoch (rechts).

Foto: Bundesregierung/Koall

Julia Enoch: Wir hätten ja mit vielem gerechnet, aber nicht mit der Auszeichnung mit dem "Sonderpreis der Bundeskanzlerin". Wir haben jetzt noch Gänsehaut, wenn wir an den Moment zurückdenken, in dem Frau Dr. Merkel die Laudatio für "ihren Verein" gehalten hat und mit jedem ihrer Sätze klarer wurde: Das können nur wir sein.

Sich dann am Abend zur besten Sendezeit in den Nachrichten oder auf der Homepage der Bundesregierung und der Twitter-Seite der Kanzlerin zu sehen, ist ein tolles Gefühl und bestärkt einen wahnsinnig in der ehrenamtlichen Tätigkeit. 

Für unsere Arbeit war es eine unglaublich wertvolle Auszeichnung, zumal es den Verein "Wolfsträne" damals gerade einmal ein gutes Jahr gab. Es hat unser Selbstbewusstsein gestärkt und uns ganz viel Kraft und Energie gegeben, die bis heute anhält. Da es nur richtig sein kann, ein Thema aktiv voran zu treiben, dem selbst auf höchster Ebene ein so hoher Stellenwert beigemessen wird.

Was hat sich seitdem für den Verein verändert?

Julia Enoch: Der Verein "Wolfsträne" wächst seitdem kontinuierlich, die Nachfragen betroffener Familien steigen wöchentlich - leider, da hinter jeder Anfrage ein furchtbarer Schicksalsschlag steht. Jetzt planen wir aktiv die Schritte, die wir noch vor einem halben Jahr erst in zwei bis drei Jahren in die Umsetzung bringen wollten.

Aktuell ist das konkret die Suche nach einem Sponsor, der uns eigene Räumlichkeiten zur Verfügung stellt oder bereit ist, diese langfristig zu finanzieren. Aktuell stoßen wir bei den uns aktuell zur Mitbenutzung angebotenen Räumlichkeiten an die Kapazitätsgrenzen. Unseren persönlichen Moment der "Bundeskanzlerin-Umarmung" werden wir ganz bestimmt unser Leben lang nicht vergessen.

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