Sprache ist der Schlüssel zur Welt

Bundesprogramm „Sprach-Kitas“ Sprache ist der Schlüssel zur Welt

Eine gute Sprachentwicklung ist entscheidend für die Bildungschancen von Kindern. Deshalb fördert die Bundesregierung verstärkt besondere Sprach-Kitas. Nach der Pandemie soll es 1.000 weitere geben. Ein Beispiel aus Baden-Württemberg zeigt, was eine Sprach-Kita ausmacht und wie wichtig ein intensiver Dialog im Alltag der Kinder ist.      

Foto in einem Gruppenraum einer Kita. Im Vordergrund ein lachender Junge.

Für jede Sprach-Kita finanziert der Bund eine zusätzliche Fachkraft.

Foto: Darius Ramazani

Endlich schallt wieder Kinderlachen durch die Räume der Kita „Brunnenwiesentraße 14“ in Sindelfingen. Von dieser Woche an herrscht endlich Regelbetrieb für die etwa 100 Mädchen und Jungen, die das Haus mit Leben füllen. Auf dem Außengelände der Kita haben drei Vorschulkinder die Köpfe zusammengesteckt. Aufmerksam beobachtet Gabriele Probst-Liebig, wie die 6-Jährigen kommunizieren – und achtet dabei vor allem auf Aussprache und Wortschatz. Die pädagogische Fachkraft ist erleichtert, dass die lange Zeit der Notbetreuung vorbei ist: „Die Corona-Pandemie hat viele Familien an ihre Grenzen gebracht“, sagt sie.

Folgen der Pandemie für Sprachentwicklung

Auch mit Blick auf die Sprachentwicklung der Kinder war es eine schwierige Zeit. Für die Kinder, die zu Hause eine andere Sprache sprechen, bricht nun „eine sehr herausfordernde Zeit“ an, so Probst-Liebig. „Sie müssen sich erst wieder daran gewöhnen, dass bei uns – bei aller Würdigung der Familiensprache – die Umgangssprache Deutsch ist“, betont sie. Umso mehr Arbeit wartet jetzt auf die Sprachexpertin. Denn der Anteil der Kinder aus Zuwandererfamilien ist in der Sindelfinger Kita hoch: Insgesamt 26 Muttersprachen beherrschen die hiesigen Kinder.

Jedes Kind braucht „Futter“

Intensive sprachliche Begleitung ist aber für jedes Kind wichtig – völlig unabhängig davon, ob es einen Migrationshintergrund hat oder nicht. „Auch die Kinder, die sprachlich gut entwickelt sind, brauchen Futter, um weiterzukommen“, betont Probst-Liebig deshalb. Es gehe immer um Interaktion und Verständigung. „Ziel der sprachlichen Begleitung ist mehr Chancengerechtigkeit. Jedes einzelne Kind soll seinen individuellen Bildungsweg erfolgreich gehen können“, sagt Probst-Liebig.   

Bundesprogramm finanziert zusätzliche Fachkraft

Die 59-Jährige Diplom-Pädagogin mit dem Schwerpunkt Sprachbehindertenpädagogik hat lange Erfahrung in der sprachlichen Begleitung von Kindern. So war sie in Frühförderstellen und im logopädischen Bereich tätig, bildete sich zudem als Multiplikatorin für Sprachbildung weiter. Seit 2018 arbeitet sie als zusätzliche Fachkraft in der Kita Brunnenwiesenstraße 14. Ihre Stelle wird aus dem Bundesprogramm Sprach-Kitas finanziert.

Mit dem Bundesprogramm „Sprach-Kitas: Weil Sprache der Schlüssel zur Welt ist“ fördert das Bundesfamilienministerium seit 2016 die sprachliche Bildung in der Kindertagesbetreuung. Das Programm richtet sich vorwiegend an Kitas, die von einem überdurchschnittlich hohen Anteil von Kindern mit sprachlichem Förderbedarf besucht werden. Für jede Sprach-Kita finanziert der Bund eine zusätzliche Fachkraft. Zu den inhaltlichen Schwerpunkten zählen neben der sprachlichen Bildung im Kita-Alltag die inklusive Pädagogik, die Zusammenarbeit mit Familien und der Umgang mit digitalen Medien.

In Deutschland gibt es mehr als 6.000 Einrichtungen, die von der Förderung des Bundes profitieren – etwa jede zehnte Kita ist eine Sprach-Kita. Dadurch können fast eine halbe Million Kinder bei der sprachlichen Begleitung unterstützt werden. Innerhalb des neuen Corona-Aufholprogramms der Bundesregierung sollen zusätzliche 1.000 Sprach-Kitas aufgenommen werden.    

Das gesamte Team begleiten und unterstützen

In ihrem Arbeitsalltag berät, begleitet und unterstützt Gabriele Probst-Liebig das gesamte Sindelfinger Kita-Team insbesondere mit Blick auf die Sprachentwicklung der Kinder. Dabei hilft es ihr, dass sie als zusätzliche Fachkraft nicht im täglichen Kinderdienst eingeteilt ist. So hat sie den Rücken frei für ihre Arbeit innerhalb des Sprach-Kita-Programms.         

Dabei geht Probst-Liebig beispielsweise in die einzelnen Gruppen und beobachtet, wie die sprachliche Begleitung der Kinder umgesetzt wird, ob beispielsweise genug Sprachanlässe für Sprachbildung genutzt werden. „Dabei achte ich auf die Bedürfnisse und Zeichen der Kinder. Gibt es welche, die nicht beteiligt werden, oder die nicht mitkommen?“, erläutert Probst-Liebig ihre Arbeit. Im Anschluss reflektiert sie ihre Beobachtungen dann gemeinsam mit den Fachkräften der Gruppen. An anderen Tagen übernimmt sie eine aktive Rolle und arbeitet exemplarisch mit den Kindern. So gibt sie den anderen Erzieherinnen und Erziehern wichtige Impulse.  

Achtsamer Dialog und intensiver Austausch

„Wichtiger Grundsatz bei meiner Aufgabe ist es, bei den anderen pädagogischen Fachkräften eine aufmerksame Dialoghaltung aufzubauen und zu pflegen“, betont Gabriele Probst-Liebig. Ein achtsamer Dialog und ein intensiver Austausch haben für sie eine besonders hohe Bedeutung. „Die gesamte Sprach-Kita Arbeit ist als Gesprächsteppich zu verstehen. Das gilt bei uns für alle Interaktionen zwischen Fachkräften und Kindern, den Eltern, sowie bei uns im Team untereinander.“

Kontakt zu Familien auch während der Pandemie

Der Dialog verstummte auch nicht während der Corona-bedingten langen Schließzeit der Kita. Probst-Liebig und die Erzieherinnen und Erzieher meldeten sich regelmäßig telefonisch bei den Familien. In diesen Gesprächen wollten sie erfahren, wie es den Eltern und Kindern geht, was sie beschäftigt und welche Unterstützung sie benötigen. Zusätzlich verschickte das Kita-Team wöchentlich an alle Eltern einen Brief, um sie beispielsweise über die aktuell geltenden Corona-Regeln zu informieren.

Das große Engagement werde von Eltern auch wahrgenommen, berichtet Sibylle Rehm-Haug, Leiterin der Kita. Vor allem die Reaktionen auf die Arbeit von Gabriele Probst-Liebig seien sehr positiv – nicht nur von den Eltern. „Sie hat hier eine besondere Stellung als Fachfrau, ihre Außensicht wird von den pädagogischen Fachkräften und von den Kita-Eltern gleichermaßen geschätzt“, sagt Rehm-Haug.

“Ein wertvolles Programm“

Die Leiterin der Kita ist froh darüber, dass die Sprachexpertin Probst-Liebig zu ihrem Team gehört. „Das Sprach-Kita-Programm ist unglaublich wertvoll für unsere Arbeit – und auch keine Selbstverständlichkeit“, betont Sibylle Rehm-Haug. Sie will die Erkenntnisse aus dem Programm nun nachhaltig im Konzept ihrer Kita verankern.

Dabei kann sie auf das Engagement von Gabriele Probst-Liebig setzen, die gerade in der Gruppe der Kleinkinder die Kommunikation von zwei Mädchen beobachtet. „Ziel ist, dass jedes Kind, egal wo es herkommt und wie es aufwächst, sagt: Ich bin mittendrin und nicht nur dabei“, so Probst-Liebig.

Um Kinder und Jugendliche im Zuge der Corona-Pandemie zu fördern, hat das Bundeskabinett Anfang Mai Eckpunkte für ein Aktionsprogramm beschlossen. Es sieht in diesem und im kommenden Jahr Investitionen von zwei Milliarden Euro vor – u.a. für den Abbau von Lernrückständen und die Förderung frühkindlicher Bildung. Innerhalb des Aktionsprogramms sind auch 1.000 zusätzliche Sprach-Kitas vorgesehen.