"Wir brauchen Respekt voreinander"

Interview mit Bundesfinanzminister Olaf Scholz "Wir brauchen Respekt voreinander"

Am 3. Oktober feiert Deutschland den 30. Jahrestag seiner Einheit. Anlässlich dieses Jubiläums spricht Bundesfinanzminister Olaf Scholz im Interview über die Währungsunion, Ostdeutsche in Spitzenpositionen - und was die Wiedervereinigung für ihn persönlich bedeutet. 

Bundesfinanzminister Olaf Scholz sitzt erklärend am Tisch

Er sei "eher typisch norddeutsch", erklärt Olaf Scholz - und fühlt sich damit in seinem Wohnort Potsdam ganz wohl. 

Foto: photothek/Thomas Trutschel

Können Sie erkennen, ob ein Ostdeutscher oder ein Westdeutscher vor Ihnen steht?

Olaf Scholz: Nein. Da würde man sich auch ziemlich schnell vertun.

Gibt es keine spürbaren kulturellen Unterschiede mehr zwischen Menschen aus Ost und West?

Scholz: Ich sehe dies weniger als Unterschied, sondern eher als kulturellen Gewinn. Meine Frau Britta Ernst und ich leben seit mehr als zwei Jahren in Potsdam, da erlebe ich das häufiger. Ich wusste zum Beispiel nichts von Gerhard Gundermann, dem Liedermacher und Baggerfahrer aus der Lausitz: Tagsüber arbeitete er im Braunkohletagebau, abends stand er auf der Bühne. Seine Musik höre ich jetzt häufiger, erst recht nachdem ich den Film von Andreas Dresen gesehen habe.

Was bedeutet die Wiedervereinigung für Sie persönlich?

Scholz: Der Fall der Mauer und die Wiedervereinigung waren nicht nur ein großes Glück, sie waren auch große Befreiungsmomente, die unser Land bis heute prägen. 1989 waren wir Zeitzeugen der einzigen wirklich gelungenen demokratischen Revolution in Deutschland. Die Bürgerinnen und Bürger der DDR haben sich ihre Freiheit erkämpft. Demokratie kommt ja nicht einfach über uns, sondern von uns. Das ist damals gelungen mit dem mutigen Einsatz der Männer und Frauen, die für die Freiheit buchstäblich auf die Straße gegangen sind. Dafür sollten wir alle sehr dankbar sein.

Vor 30 Jahren sind die Grundlagen für die Währungsunion gelegt worden. War das damals die richtige Entscheidung?

Scholz: Willy Brandt hat das klug formuliert: "Es wächst zusammen, was zusammengehört." Dieser Satz bringt es kurz und präzise, fast philosophisch auf den Punkt. Und er bringt auch den Willen der überwältigenden Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger damals zum Ausdruck. Sie wollten die Einheit und sie wollten die Wirtschafts- und Währungsunion. Bei der Herstellung der Einheit hat es natürlich auch Probleme gegeben. So sind viele Arbeitsplätze in dieser Zeit verloren gegangen, unzählige Betriebe mussten schließen. Das hätte ich mir anders gewünscht. Ich habe damals als junger Anwalt für Arbeitsrecht Gewerkschaften und Betriebsräte überall im Osten beraten. Da bin ich tollen Leuten begegnet und habe gesehen, wie sie für ihre Betriebe gekämpft haben. Oft wären andere Lösungen besser gewesen als die Abwicklung.

Hat der Westen seine Dominanz damals zu sehr ausgespielt?

Scholz: In manchen Branchen im Westen gab es damals eine Art Goldgräberstimmung. Nicht selten waren die Folgen davon nicht gut. Deshalb bin ich überzeugt, dass unsere Gesellschaft solidarisch sein muss, wenn sie eine gute Zukunft haben will. Gerade die Corona-Pandemie zeigt doch eindrucksvoll den Wert eines solidarischen Gemeinwesens und eines leistungsstarken Sozialstaats. Wir brauchen Respekt voreinander und für die Lebensleistung eines jeden. Die Frage, ob es einem gut geht oder nicht, ist keine Frage, die nur individuell zu beantworten ist. Das Glück oder das Unglück des und der Einzelnen geht uns alle etwas an – als Gesellschaft.

Nur wenige Ostdeutsche haben es bisher in Spitzenpositionen geschafft. Auf Bundesebene sind es nur 1,7 Prozent. Woran liegt das?

Scholz: Die Gründe sind sicherlich sehr unterschiedlich, aber 30 Jahre nach der Wiedervereinigung ist dieser Wert beschämend gering. Deshalb sind diese Zahlen eine deutliche Aufforderung mitzuhelfen, dass sich daran rasch etwas ändert und mehr Ostdeutsche auch in Spitzenpositionen kommen.

In Deutschland nimmt der Rechtsextremismus zu. Viele halten das für ein ostdeutsches Phänomen. Stimmt das?

Scholz: Das hat mit Ost und West aus meiner Sicht rein gar nichts zu tun. Im Übrigen gibt es auch im Westen unseres Landes Rechtsextremismus – der Mord am Regierungspräsidenten Walter Lübcke fand im nordhessischen Kassel statt. Und wenn wir uns bei unseren europäischen Nachbarn einmal umschauen, in Schweden, Dänemark, Finnland, Norwegen, den Niederlanden oder auch Österreich: Auch dort sind rechte, populistische Parteien in den vergangenen Jahren erstarkt. Es ist ein breiteres Phänomen in unseren westlichen Industrieländern, das vielleicht eine gewisse Unzufriedenheit und Angst ausdrückt. Das heißt aber nicht, dass man sich damit abfinden sollte – wenn jemand Vorurteile beschwört, wenn jemand mit faschistischen Thesen oder mit rechtsextremen Positionen auftritt, gilt es klar gegenzuhalten. Unser Ziel muss sein, eine Gesellschaft zu schaffen, bei der alle das Gefühl haben: "Da habe ich einen Platz."

Herr Minister, fühlen Sie sich heute ostdeutsch, westdeutsch oder gesamtdeutsch?

Scholz: Ich bin eher typisch norddeutsch. Deshalb fühle ich mich in Potsdam und Brandenburg ganz wohl. Land und Leute sind dort gar nicht so viel anders als zum Beispiel in Hamburg und Umgebung.

Dieser Inhalt stammt aus der aktuellen Ausgabe von SCHWARZROTGOLD - dem Magazin der Bundesregierung. Das E-Paper der Ausgabe 2/2020 zum Thema "30 Jahre Deutsche Einheit" finden Sier hier.

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