Rede von Kulturstaatsministerin Monika Grütters anlässlich der Buchpräsentation Dokumente zur Deutschlandpolitik

"Die Edition der Dokumente zur Deutschlandpolitik ist Ausdruck unseres gemeinsamen Willens zur Aufarbeitung unserer Geschichte.", sagte Monika Grütters in ihrer Rede im Bundesarchiv. Es sei eine der großen gesellschaftlichen Errungenschaften unseres Landes, dass die Erinnerung an die Barbarei der nationalsozialistischen Terrorherrschaft und an die Schrecken der kommunistischen Diktatur ebenso wach gehalten wird wie das Gedenken an die Freiheitstradition Deutschlands.

Mittwoch, 12. November 2014

- Es gilt das gesprochene Wort. -

Anrede,

"Politiker und Journalisten teilen sich das traurige Schicksal, dass sie oft heute schon über Dinge reden, die sie erst morgen ganz verstehen." Diese Variation der Volksweisheit "Hinterher ist man immer schlauer" stammt nicht von mir, sondern von einem Politiker, an dem kein Rückblick in die Jahre 1979 und 1980 vorbei führt, nämlich von Helmut Schmidt. Ob es sich dabei um die Selbstkritik des Bundeskanzlers Schmidt oder um die Altersweisheit des Altkanzlers Schmidt handelt, sei dahingestellt. Fest steht: Wer diesem traurigen Schicksal entgehen will, sollte Historiker werden - oder in die Kulturpolitik gehen. Denn wir Kulturpolitiker dürfen uns insofern über das Schmidtsche Urteil erhaben fühlen, als wir von Amts wegen mit Gedenk- und Erinnerungskultur, mit Geschichte und Aufarbeitung zu tun haben - also gewissermaßen das Privileg haben, erst heute über Dinge reden zu müssen, die wir gestern noch nicht verstanden haben.

Die ebenso spannenden wie spannungsreichen Jahre 1979 und 1980, denen sich der heute vorgestellte Band der Dokumente zur Deutschlandpolitik widmet, bieten schöne Beispiele dafür, wie schwierig es ist, die Folgen politischer Entscheidungen abzuschätzen können - und wie leicht, hinterher zu sagen, man hätte es ja immer schon gewusst. Wir alle erinnern uns ja noch gut an den erbitterten Widerstand gegen den NATO-Doppelbeschluss vom 12. Dezember 1979. Heute können wir darin den ersten Schritt Richtung Glasnost und Perestroika erkennen. Heute sehen wir, dass die explodierenden Kosten des Militärapparates und damit die Rüstungsspirale des Kalten Krieges die UdSSR an den Rand des wirtschaftlichen Ruins getrieben, was Gorbatschow später zu Reformen veranlasst hat. Heute wissen wir, dass letztlich zum politischen Tauwetter beitrug, was zunächst den Kalten Krieg befeuerte. So trifft die im Grunde selbstwidersprüchliche Metapher "den Kalten Krieg befeuern" dann doch wieder genau den Punkt, denn anders hätte sich die für das politische Tauwetter notwendige Hitze wohl nicht - oder jedenfalls nicht in dieser kurzen Zeit - erzeugen lassen.

Um Ursache und Wirkung verstehen und den politischen Weg zur deutschen Wiedervereinigung nachvollziehen zu können, ist die Auseinandersetzung mit zeithistorischen Dokumenten unverzichtbar. Deshalb bin ich dem Bundesarchiv sehr dankbar, dass es sich mit seinen Dokumenten zur Deutschlandpolitik der wichtigen Aufgabe angenommen hat, politische Entscheidungen und die diesen Entscheidungen zugrunde liegenden Perspektiven, Urteile, Einschätzungen und Ziele zu dokumentieren - nicht nur der beiden deutscher Staaten, sondern auch der vier für Deutschland als Ganzes verantwortlichen Mächte. Gerade mit Blick auf die bewegenden Feierlichkeiten zum 25. Jahrestag des Mauerfalls vergangenes Wochenende freut es mich sehr, lieber Herr Dr. Hollmann, heute mit Ihnen gemeinsam den vor kurzem erschienenen sechsten Band der Edition vorzustellen, der die wesentlichen Dokumente der innerdeutschen Beziehungen in den Jahren 1979 und 1980 zugänglich macht und sie in den Zusammenhang des damaligen Geschehens stellt. Was für eine gewaltige Revolution 1989 stattgefunden hat, und was für ein Glück wir hatten, dass diese Revolution ohne Blutvergießen möglich war, wird einem beim Blättern in diesem Band noch einmal bewusst.

Ich kenne das Bundesarchiv und seine Bestände gut genug, um eine leise Ahnung davon zu haben, was für ein gewaltiger Arbeitsaufwand hinter dem sechsten Band wie auch hinter dem gesamten Projekt steckt: wie viel wissenschaftlicher Sachverstand, wie viel akribisches Aktenstudium, wie viel Sorgfalt bei der Auswahl und auch wie viel Liebe zum Detail und wie viel persönliches Engagement aller Beteiligten. Es ist ein hoher Anspruch, einen im besten wie schlimmsten Sinne so besonderen Zeitraum unserer Geschichte anhand von Originalquellen nachvollziehbar zu machen: von Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 über die Beratungen der Alliierten zur Zukunft Deutschlands und die über vier Jahrzehnte währende Teilung Deutschlands bis zur friedlichen Revolution. Umso beeindruckender, was das Bundesarchiv und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit den Dokumenten zur Deutschlandpolitik leisten! Dafür danke ich Ihnen herzlich, lieber Herr Dr. Hollmann, lieber Herr Dr. Büttner, lieber Herr Prof. Jansen, stellvertretend für alle, die an dieser wichtigen Edition mitarbeiten.

Gewichtig ist die Edition nicht nur im wörtlichen Sinne, in Kilos gemessen, sondern auch und vor allem in ihrer Bedeutung für Wissenschaft und Politik. Zum einen als unverzichtbare Grundlage eines demokratischen Umgangs mit Geschichte: Es ist Teil des gesetzlich verankerten Auftrags des Bundesarchivs, ich zitiere, "das Archivgut des Bundes […] auf Dauer zu sichern, nutzbar zu machen und wissenschaftlich zu verwerten." Entsprechend stellt das Bundesarchiv historische Quellen zur Verfügung, die sich in vielerlei Hinsicht befragen und auswerten lassen - zum Beispiel, um politische Entscheidungen nachzuvollziehen und kritisch zu bewerten. Dieser offene Zugang zu Originaldokumenten eröffnet unterschiedliche Deutungsmöglichkeiten und damit jene Vielstimmigkeit im Erinnerungsdiskurs, die konstitutiv für eine Demokratie ist.

Wie wichtig und wie wenig selbstverständlich das Offenlegen historischer Wahrheit und eine ergebnisoffene Auseinandersetzung mit historischen Quellen sind, wissen wir aus eigener schmerzvoller Diktaturerfahrung. Geschichte vergeht ja nicht einfach - die Art und Weise, wie wir sie erzählend vergegenwärtigen, prägt unsere Sicht auf die Gegenwart und damit auch unser Bild von uns selbst und unsere Zukunft. Max Weber hat moderne Nationen deshalb einmal als "Erinnerungsgemeinschaften" bezeichnet. Diktaturen nutzen fertige Geschichtsbilder, um Deutungshoheiten aufrechterhalten und Geschichte für politische Zwecke vereinnahmen zu können. Umgekehrt kann man die Reife einer Demokratie auch daran erkennen, wie weit sie die Entwicklung von Geschichtsbildern dem öffentlichen Diskurs anvertraut.

Voraussetzung dafür ist der offene Zugang zu historischen Quellen und Originaldokumenten. Dafür braucht es - neben Regeln, die schutzwürdige Belange wie Persönlichkeits- und Urheberrechte sichern - vor allem geeignete Zugangswege, konkret: eine strukturierte Erschließung der Tausende von Akten umfassenden Archive. Andernfalls würde schon die enorme Fülle der Informationen deren Nutzung zu einer wahren Sisyphosarbeit machen.

Wissenschaftliche Editionen wie die Dokumente zu Deutschlandpolitik ebnen diese Zugangswege. Sie legen dabei ihre Kriterien offen, begründen also die Auswahl bestimmter Dokumente und inhaltlicher Schwerpunkte. Darüber hinaus betten sie Informationen in ihren Kontext ein, stellen Verknüpfungen her und machen durch Kommentare zu den handelnden Personen und zu den Umständen von Entscheidungen Sachverhalte verständlich, die heute - aus der Distanz - nur noch schwer oder auch gar nicht mehr zu verstehen wären. Editionen sind insofern ein wesentliches Element historischer Grundlagenforschung: Die engagierte, handwerklich zuverlässige, von historischem Fachwissen getragene Editionsarbeit ist Voraussetzung, um Geschichte zu verstehen - ein Gewinn gerade für diejenigen Generationen, die historische Ereignisse selbst nicht miterlebt haben, aber vielleicht auch für Menschen in anderen Ländern, die auf ihrem Weg zu Freiheit und Demokratie noch eine steinige Strecke vor sich haben.

Wichtig sind die Dokumente zur Deutschlandpolitik aber auch für unsere Erinnerungskultur in Deutschland. Der Erinnerungskultur kommt innerhalb der Kulturpolitik eine Sonderrolle zu, und zwar insofern, als die Politik sich hier nicht allein auf die Verantwortung nur für die Rahmenbedingungen zurückziehen darf, sondern den Gegenstand selbst prägt. Nationales Erinnern und Gedenken lassen sich nicht amtlich verordnen, sind aber auch nicht rein bürgerschaftlich zu bewältigen. Sie sind immer auch eine öffentliche Angelegenheit - und das heißt in staatlicher Gesamtverantwortung. Hier berühren wir Fragen des Selbstverständnisses unserer Nation. Wir formulieren den Anspruch, auch moralisch angemessen mit den Abgründen der eigenen Geschichte umzugehen und nicht zuletzt dadurch ein identitätsstiftendes Fundament für die Gegenwart und Zukunft zu legen. Im September haben wir im Deutschen Bundestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges vor 75 Jahren gedacht. Letztes Wochenende waren die Straßen Berlins voller Menschen, die an der "Lichtmauer" den 25. Jahrestag des Mauerfalls gefeiert haben. Licht und Dunkel des letzten Jahrhunderts liegen im Gedenkjahr 2014 dicht beieinander. Es ist eine der großen gesellschaftlichen Errungenschaften unseres Landes, dass wir beidem Raum in unserer Erinnerung geben, dass wir die Erinnerung an die Barbarei der nationalsozialistischen Terrorherrschaft und an die Schrecken der kommunistischen Diktatur ebenso wach halten wie das Gedenken an die Freiheitstradition unseres Landes.

Die Edition der Dokumente zur Deutschlandpolitik ist auch Ausdruck unseres gemeinsamen Willens zur Aufarbeitung unserer Geschichte. Sie machen eine offene, ehrliche und schonungslose Auseinandersetzung möglich - eine Auseinandersetzung mit den totalitären Schrecken des 20. Jahrhunderts, mit Unrecht und Leid, mit Schuld und Verantwortung, aber auch mit den gesellschaftlichen und politischen Kräften, denen wir Freiheit und Demokratie in einem geeinten Deutschland verdanken. Gerade im Lichte der Ereignisse der Jahre 1979 und 1980 wird uns noch einmal bewusst, wie weit der Weg war, den wir gegangen sind, und wie groß die Verantwortung, die sich aus unserer Geschichte ergibt.

Ich wünsche diesem Band wie der gesamten Edition deshalb viele interessierte Leserinnen und Leser, die sich aus der Fülle des sorgfältig zusammen getragenen Materials bedienen und es einarbeiten in ihre Perspektiven auf unsere Vergangenheit - sei es als Wissenschaftler, sei es als Journalisten, sei es als Sachbuchautoren, sei es als Filmschaffende. Diese Vielstimmigkeit in der Auseinandersetzung mit unserer Geschichte ist, davon bin ich überzeugt, der bestmögliche Umgang mit unserer Geschichte.

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